Das Buch Ruth und das Estherbuch, welche beide zu den fünf Megilloth zählen, sind die beiden einzigen Bücher der Bibel, welche einen Frauennamen tragen. In diesen Geschichten wird auf unterschiedliche Art und Weise von Frauen berichtet, die sich durch ihre Kompromisslosigkeit auszeichnen und auch in einer scheinbar hoffnungslosen Lage nicht aufgeben.
Ich habe mich für das Thema entschieden, da ich es als interessant ansah, herauszufinden, was der Grund für die Aufnahme dieser beiden Bücher in den Kanon war und welche Aussagen für Juden und für Christen sich hinter den beiden Büchern verbergen. Zum einen ist es sehr ungewöhnlich gewesen, Bücher, die einen Frauennamen tragen, in den Kanon des Alten Testaments aufzunehmen; die Frau war zur Zeit des Alten Israels stets dem Mann untergeordnet und verfügte nur über wenig Rechte. Zum anderen spielt bei Ruth eine Nicht-Israelitin die Hauptrolle und außerdem ist Gott in beiden Büchern nicht direkt aktiv und wird bei Esther sogar kein einziges Mal erwähnt.
Aus von mir geführten Gesprächen mit anderen und aufgrund der nur geringen Menge an Literatur lässt sich schließen, dass das Estherbuch nur sehr wenig bekannt ist, im Gegensatz zum Ruthbuch, das nicht nur durch den so oft zitierten Vers Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. [...] (V 16) vielen geläufig ist.
Durch Ruths anfängliche Nicht-Zugehörigkeit zum Volk Gottes und das teilweise als unmoralisch abgestempelte Verhalten Esthers, wird es eine interessante Aufgabe sein, den Vorbildcharakter dieser beiden Frauen herauszustellen.
Ich werde mich in dieser Ausarbeitung zunächst mit dem Ruthbuch und dann mit dem Buch Esther auseinandersetzen, bevor ich im Fazit die Frauen vergleiche und deren Vorbildcharakter für Juden und Christen herausstellen werde. Zu Beginn werde ich kurz in das jeweilige Buch einführen und Hintergrundinformationen darstellen. Da ich die Bibel jedoch als die wichtigste Informationsquelle ansehe, wird mein Schwerpunkt auf der Kommentierung des jeweiligen Buche liegen. Dabei werde ich weniger auf stilistische Merkmale, als auf den Inhalt eingehen. Aufgrund meiner eben erläuterten Interessen soll mein Hauptaugenmerk dabei auf theologischen und feministischen Aspekten liegen. Weniger werde ich dabei den Aspekt der Einheitlichkeit und Parallelen des jeweiligen Buches zu anderen Geschichten des Alten Testaments berücksichtigen.
Inhaltsverzeichnis
I EINLEITUNG
II DAS BUCH RUTH
A Einleitung in das Buch Ruth
1. Eckdaten zum Buch
2. Stellung im Kanon
3. Rechtlicher und sozialer Hintergrund
3.1 Leviratsehe (Jibum)
3.2 Der Löser (Goel)
3.3 Das Armenrecht
3.4 Die rechtliche und soziale Lage von Witwen
3.5 Fremde und Mischehen
4. Das Volk Israel und die Moabiter
B Kommentierung
1. Kapitel 1 Ruth und Noomi kehren nach Bethlehem zurück (1, 1 - 22)
1.1 Exposition (1, 1 - 5)
1.2 Auf dem Weg von Moab nach Bethlehem (1, 6 - 19a)
1.3 Ankunft in Bethlehem (1, 19b - 22)
2. Kapitel 2 Ruths Dienst (2, 1 - 23)
2.1 Das eröffnende Gespräch zwischen Ruth und Noomi (2, 1 - 3)
2.2 Ruth begegnet Boas (2, 4 - 17)
2.3 Das deutende Gespräch zwischen Ruth und Noomi (2, 18 - 23)
3. Kapitel 3 Die nächtliche Begegnung zwischen Ruth und Boas (3, 1 - 18)
3.1 Noomi hat einen Plan (3, 1 - 6)
3.2 Ruth geht nachts zu Boas auf die Tenne (3, 7 - 15)
3.3 Deutendes Gespräch zwischen Noomi und Ruth (3, 16 - 18)
4. Kapitel 4 Die „Lösung“ (4, 1 - 22)
4.1 Die Verhandlung im Tor (4, 1 - 12)
4.2 Die Heirat und die Geburt von Obed (4, 13 - 17)
4.3 Der Stammbaum von Perez bis David (4, 18 - 22)
C Mögliche Intentionen des Buches
1. Theologische Perspektive
2. Feministische Perspektive
III DAS BUCH ESTHER
A Einleitung in das Buch Esther
1. Eckdaten zum Buch
2. Stellung im Kanon
3. Das Purimfest
4. Das Volk Israel und die Perser
B Kommentierung
1. Vorgeschichte (1, 1 - 2, 23)
1.1 Das Festgelage und die Verstoßung der Königin Vashti (1, 1 - 22)
1.2 Die Erhebung Esthers zur Königin (2, 1 - 20)
1.3 Mordechai rettet dem König das Leben (2, 21 - 23)
2. Hauptteil (3, 1 - 9, 19)
2.1 Der Beginn des Konflikts zwischen Haman und Mordechai (3, 1 - 15)
2.2 Esther erfährt von dem Anschlag Hamans (4, 1 - 17)
2.3 Das erste Gastmahl Esthers (5, 1 - 8)
2.4 Die zweite Auseinandersetzung zwischen Haman und Mordechai (5, 9 - 14)
2.5 Mordechais Belohnung (6, 1 - 13)
2.6 Das zweite Gastmahl Esthers (6, 14 - 8, 2)
2.7 Das Geschick der Juden wendet sich (8, 3 - 17)
2.8 Triumph der Juden (9, 1 - 19)
3. Ergebnis (9, 20 - 10, 3)
3.1 Die Einsetzung des Purimfestes (9, 20 - 32)
3.2 Schlussbetrachtung (10, 1 - 3)
C Mögliche Intentionen des Buches
1. Theologische Perspektive und Relevanz
2. Frauenperspektive
IV FAZIT
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die biblischen Bücher Ruth und Esther mit dem Ziel, den Vorbildcharakter dieser beiden Frauenfiguren für Juden und Christen herauszuarbeiten. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie diese Frauen in patriarchalisch geprägten Gesellschaften durch Eigeninitiative, Solidarität und Gottvertrauen aus existenzbedrohenden Lagen heraustreten konnten und welche theologischen sowie feministischen Aussagen sich daraus ableiten lassen.
- Analyse der biblischen Texte nach der Lutherübersetzung von 1984.
- Untersuchung des rechtlichen und sozialen Hintergrunds (Leviratsehe, Löser-Institution, Armenrecht).
- Kontrastierung der Frauenperspektive mit den patriarchalen Strukturen der damaligen Zeit.
- Erörterung der theologischen Relevanz in Büchern, in denen Gottes Handeln oft nur indirekt oder gar nicht explizit erwähnt wird.
- Vergleich der Vorbildfunktion von Ruth und Esther für ein Leben im Glauben und im Nächstenliebe-Verhältnis.
Auszug aus dem Buch
1. Theologische Perspektive
Das Ruthbuch ist nicht selten in Bezug auf die theologische Relevanz abgewertet worden, weil Jahwe nicht wie bei den Erzeltern-Erzählungen als Sprechender und Handelnder, sondern meist als indirekt Handelnder dargestellt wird und das gesamte Buch nicht „mit großen, schlagkräftigen Worten Theologie betreibt“. Die Theologie des Ruthbuches ist eine des Alltags, die Gott nahe den Menschen stellt und erzählt, wie diese damit umgehen. Da Gott einzig im ersten und im Schlusskapitel handelt, indem er seinem Volk nach langer Hungersnot wieder Brot und Ruth Schwangerschaft gibt, stellt das Ruthbuch die Frage, wie wir Menschen die Güte Gottes selbst an anderen Menschen verwirklichen können. Das heißt nicht, dass der Mensch alle Fäden in der Hand hält, sondern dass Gott im Hintergrund den Menschen lenkt und immer präsent ist. Gott handelt im Ruthbuch zwar nicht direkt in Einzelaktionen, aber durch Einzelpersonen. Der Mensch muss sich diesem Handeln Gottes jedoch öffnen, so wie es auch Ruth in vorbildlicher Weise getan hat.
Zusammenfassung der Kapitel
Eckdaten zum Buch: Dieses Kapitel erörtert Gattungsfragen sowie Verfasser- und Datierungshypothesen beider Bücher.
Stellung im Kanon: Die Einordnung von Ruth und Esther in den hebräischen Kanon und die Septuaginta sowie deren liturgische Bedeutung werden hier dargestellt.
Rechtlicher und sozialer Hintergrund: Hier werden die für das Verständnis der Erzählungen essenziellen Rechtsinstitute wie die Leviratsehe, das Löserecht und das Armenrecht anhand der Tora erläutert.
Das Volk Israel und die Moabiter: Dieser Abschnitt beleuchtet das ambivalente historische und politische Verhältnis zwischen den Israeliten und den Moabitern.
Kommentierung: In diesen Kapiteln werden die biblischen Texte Vers für Vers beziehungsweise abschnittsweise analysiert und theologisch sowie sozialgeschichtlich interpretiert.
Mögliche Intentionen des Buches: Hier erfolgt eine zusammenfassende Deutung der Texte unter besonderer Berücksichtigung der theologischen und feministischen Perspektiven.
Schlüsselwörter
Ruth, Esther, Leviratsehe, Löser, Armenrecht, Solidarität, Frauenperspektive, Patriarchat, Gottvertrauen, Theologie des Alltags, Purimfest, Judentum, Christentum, biblische Exegese, Vorbildfunktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die biblischen Bücher Ruth und Esther, um deren zentrale Frauenfiguren auf ihre Vorbildfunktion für Juden und Christen zu prüfen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen der rechtliche Kontext (z.B. Leviratsehe), die Rolle der Frau in der antiken Gesellschaft und die theologische Deutung des indirekten göttlichen Wirkens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszufinden, warum diese beiden Bücher, die Frauennamen tragen, in den Kanon aufgenommen wurden und wie sie trotz schwieriger Umstände Wege zur Selbstbestimmung aufzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textnahen Kommentierung auf Grundlage der Lutherübersetzung (1984) und einer fachwissenschaftlichen Literaturrecherche.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil kommentiert die Handlungsverläufe der Bücher Ruth und Esther chronologisch und thematisiert die jeweiligen gesellschaftlichen und theologischen Herausforderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf Begriffe wie Solidarität, Fremdheit, Löser-Institution, Frauenperspektive, Gottvertrauen und den Vorbildcharakter.
Warum spielt die Leviratsehe eine so wichtige Rolle im Ruthbuch?
Die Leviratsehe dient als zentraler rechtlicher Rahmen, um das Überleben von Witwen und den Erhalt des Familienbesitzes sowie den Fortbestand des Namens der Verstorbenen zu sichern.
Was unterscheidet den Umgang mit Gott im Estherbuch von anderen biblischen Büchern?
Im Estherbuch wird der Name Gottes nicht ein einziges Mal explizit erwähnt, was den Fokus auf das menschliche Handeln und die verborgene göttliche Führung lenkt.
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- Johanna Klugkist (Author), 2005, Die Bücher Ruth und Esther der Bibel. Interpretation und Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49454