Ziel dieser Arbeit soll es sein, diese Sprachvarietät in ihrer Gesamtheit zu beschreiben und somit eine unvoreingenommene und neutrale Sicht auf diese zu erlangen. Dazu soll im Folgenden zunächst ihre Entstehung und damit die sozialen Hintergründe der Sprecher erläutert werden. Im Anschluss sollen die Hauptfunktionen der Varietät für ihre Sprecher sowie ihre wichtigsten Merkmale herausgestellt werden. Die ständige lexikalische Erweiterung des français des cités erfordert des Weiteren eine nähere Betrachtung der unterschiedlichen Verfahren der Wortbildung in dieser Varietät. Zum Abschluss sollen die zuvor erläuterten Aspekte anhand eines Gedichtes aufgezeigt werden, das stark vom français des cités geprägt ist, bevor in einem kurzen Fazit die Hauptaussagen dieser Hausarbeit zusammengefasst werden.
« Ils ne parlent pas français » ; « ils n’expriment que de la violence, leur violence » ; « il n’y a que des mots grossiers dans ces parlers » ; « un malaise social est reflété par cette manière de s’exprimer » ; « on ne sait plus parler français dans les banlieues »
Diese weit verbreiteten Stereotype zum français des cités zitiert Jean-Pierre Goudaillier im Anfangsteil seines Werkes Comment tu tchatches!: Dictionnaire du français contemporain des cités (2001: 6), ein fundamentales Werk bezüglich der Erforschung der unterschiedlichen gegenwärtigen Varietäten des Französischen in französischen Städten. Das français des cités stellt heute eine lebendige, explosive, facettenreiche und sich ständig ändernde Sprachrealität insbesondere in den sozial schwachen Vororten französischer Großstädte dar.
2004 lebten etwa 4.9 Millionen ausländische Immigranten in Kontinentalfrankreich (8.1 %), eine Zahl, die sich im europäischen Vergleich nicht sonderlich hervorhebt, in Anbetracht der geographischen Konzentration jedoch stark ins Auge sticht: Die 3 Regionen Île-de-France, Rhône-Alpes und Provence-Alpes-Côte d’Azur vereinen gemeinsam fast 60 % aller Immigranten, wobei diese v.a. die prekären Vororte bewohnen. Als Ausdruck einer Revolte gegen das bestehende soziale System und gegen den sozialen Ausschluss dient das français des cités insbesondere diesen sozial benachteiligten Jugendlichen als Mittel um ihre Emotionen auszudrücken und sich als solidarische Gemeinschaft zu konstituieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entstehung des français des cités
2.1 Definition des français des cités
2.2 Soziale Hintergründe der Sprecher der Varietät
3. Die Bedeutung des français des cités für die Sprecher
4. Sprachliche Merkmale des français des cités
5. Formen der Wortbildung im français des cités
5.2 Semantische Verfahren
5.3 Formale Verfahren
6. Gedichtanalyse „Double culture“
6.1 Sprachliche Besonderheiten des Gedichts
6.2 Interpretationsansatz
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, die Sprachvarietät "français des cités" in ihrer Gesamtheit zu beschreiben, um eine unvoreingenommene und neutrale Sicht auf dieses Phänomen zu erlangen. Dabei wird untersucht, wie die Sprache als Ausdruck von Revolte und sozialer Identität in den benachteiligten Vororten (banlieues) dient.
- Soziale Ursprünge und Hintergründe der Sprechergruppe
- Hauptfunktionen der Varietät für ihre Nutzer
- Charakteristische sprachliche Merkmale wie lexikalische Fülle und Verschlüsselung
- Methoden der Wortbildung (semantische und formale Verfahren)
- Analyse der "doppelten Kultur" anhand eines literarischen Beispiels
Auszug aus dem Buch
2.1 Definition des français des cités
Das français des cités ist eine diastratische Varietät des Französischen, die etwa seit den 1980er Jahren v.a. in den sozial schwachen Randbereichen von französischen Großstädten und den sog. banlieues existiert (vgl. Goudaillier 2001: 1). Sie wird vorwiegend von Jugendlichen gesprochen, jedoch gibt es insbesondere in den sozialen Brennpunkten auch erwachsene Sprecher dieser Varietät. Damit gilt das français des cités als Ausdrucksform einer begrenzten Sprechergruppe, d.h ein argot.
Die Jugendlichen der banlieues, die unter ihren schlechten ökonomischen Lebensbedingungen leiden, protestieren durch diese Form der Sprache gegen die soziale Ungleichheit und die Intoleranz und Diskriminierung, die ihnen durch den sozialen Ausschluss aus der Gesellschaft entgegengebracht werden. Semantisch beeinflusst wird das français des cités durch das français populaire, den argot traditionnel und viele unterschiedliche Sprachen von Immigranten wie afrikanische, arabische und asiatische Sprachen als auch Zigeunermundarten und den angloamerikanischen slang (vgl. Goudaillier 2001: 1). Da sich viele französische Ballungsräume durch einen großen Immigrantenanteil auszeichnen, dient das français des cités den Bewohnern verschiedener ethnischer Gruppen als vermittelnde „interlangue“ [Hervorhebung v. Verf.] (Goudaillier 2001: 5).
Trotz eines in allen Städten existierenden gemeinsamen Basiswortschatzes, dem „lexique de «base»“ [Hervorhebung v. Verf.] (Goudaillier 2001: 34), ist das français des cités auch geographisch keine homogene Varietät, sondern unterscheidet sich von einem Anwendungsraum zum nächsten und hat somit in jedem Stadtviertel seine individuellen und charakteristischen Ausprägungen. Damit birgt es auch diatopische Aspekte in sich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage vor, die darauf abzielt, die Sprachvarietät in ihrer Entstehung, Funktion und den sprachlichen Besonderheiten zu beschreiben.
2. Die Entstehung des français des cités: Es wird definiert, dass es sich um eine diastratische Varietät in sozialen Brennpunkten handelt, die als Ausdruck von Protest gegen soziale Ausgrenzung dient.
3. Die Bedeutung des français des cités für die Sprecher: Hier werden die Identifikationsfunktion, die cryptische Verhüllung von Inhalten und die spielerische Komponente (fonction ludique) erläutert.
4. Sprachliche Merkmale des français des cités: Das Kapitel behandelt die lexikalische Fülle, den Anteil an gewaltvollem Vokabular sowie den Charakter der Verschlüsselung.
5. Formen der Wortbildung im français des cités: Hier werden die semantischen Verfahren wie Entlehnungen sowie formale Verfahren wie Verlanisierung und Wortverkürzung systematisch dargestellt.
6. Gedichtanalyse „Double culture“: Anhand eines Gedichtes wird der Identitätskonflikt junger Menschen zwischen zwei Kulturen und die sprachliche Umsetzung in dieser Varietät aufgezeigt.
7. Schlussbetrachtung: Zusammenfassend wird das français des cités als Folge gescheiterter Integrationspolitik gewertet, die als Sprachrohr einer ausgegrenzten Jugend dient.
Schlüsselwörter
français des cités, banlieues, Varietäten, soziale Ausgrenzung, Identitätsfindung, Verlan, Wortbildung, Argot, Migration, Integration, Sprachvarietät, Soziolinguistik, Wortschatz, Identitätskonflikt, Jugendsprache
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Sprachvarietät "français des cités", die in den sozial benachteiligten Vororten (banlieues) Frankreichs gesprochen wird, und untersucht deren soziolinguistische Hintergründe.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Entstehung der Sprache, ihre Funktionen für die Sprecher, die sprachlichen Merkmale sowie die verschiedenen Methoden der Wortbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist eine deskriptive und neutrale Darstellung der Sprachvarietät, um Verständnis für die Situation der Jugendlichen in den banlieues zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deskriptive linguistische Analyse durchgeführt, die durch die Auswertung soziologischer Literatur und eine beispielhafte Gedichtanalyse gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung der Varietät, ihre Identitätsfunktion, die linguistischen Merkmale (wie Verlan) und zeigt diese Aspekte anhand einer literarischen Analyse auf.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere "français des cités", "banlieues", "Verlan", "Identitätsfindung" und "soziale Ausgrenzung".
Warum wird im Text so viel Wert auf die "Verlanisierung" gelegt?
Die Verlanisierung ist ein wesentliches formales Merkmal des français des cités, das sowohl die spielerische Funktion als auch den Wunsch nach Verschlüsselung und Abgrenzung verdeutlicht.
Inwiefern beeinflusst der soziale Hintergrund die Sprachentstehung?
Die Sprache dient als Mittel zur solidarischen Konstituierung einer Gemeinschaft in einem Umfeld, das von ökonomischer Benachteiligung und sozialem Ausschluss geprägt ist.
Was zeigt die Analyse des Gedichts "Double culture"?
Die Gedichtanalyse verdeutlicht den Identitätskonflikt eines in Frankreich lebenden Algeriers, der sich zwischen zwei kulturellen Identitäten zerrissen fühlt und dies in der spezifischen Sprache der banlieues zum Ausdruck bringt.
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- Master Ed. Larissa Schräder (Author), 2013, Entstehung, Bedeutung und sprachliche Merkmale des "français des cités", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/494800