Die gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Mann und Frau in Familie und Gesellschaft als gängigste Form geschlechtlicher Rollenverteilung wird heutzutage in weiten Teilen der Welt als selbstverständlich aufgefasst. Auch das Vorkommen patriarchalischer Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit einer Vormachtstellung des Mannes ist bekannt. Ob es jedoch auch eine andere geschlechtliche Rollenverteilung gab, wie diese aussah und inwiefern sie mit dem Patriarchat vergleichbar war, ist das Thema meiner folgenden Arbeit. Hierfür befasse ich mich nach einer knappen einleitenden Begriffsklärung zunächst in aller Kürze mit den frühen evolutionistischen und funktionalistischen Erkenntnissen der Matriarchatsforschung, die auch heute noch die Grundlage jeglicher Beschäftigung mit diesem Thema bilden. Anschließend widme ich mich mit den beiden gegenwärtigen konträren Autoren Uwe Wesel und Heide Göttner-Abendroth der aktuellen Entwicklung dieser wissenschaftlichen Fragestellung, um abschließend deren gegensätzliche Haltung noch einmal an deren jeweiliger Bewertung des Mutterrechts bei den Irokesen zu verdeutlichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Begriffserläuterung
2. Die Anfänge der Matriarchatsforschung
2.1 Johann Jakob Bachofen
2.2 Henry Lewis Morgan
2.3 Bronislaw Malinowskis
3. Das Matriarchat heute: Mythos oder fester Bestandteil jeder Gesellschaft
3.1 Uwe Wesel
3.2 Heide Göttner-Abendroth
3.3 Vergleich der beiden Autoren anhand deren Äußerungen zum Stamm der Irokesen
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die wissenschaftliche Debatte um die Existenz und Definition des Matriarchats. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob es historisch tatsächliche Gegenmodelle zu patriarchalen Gesellschaftsstrukturen gab oder ob der Begriff des Matriarchats lediglich ein ideologisches Konstrukt darstellt.
- Evolutionistische Ansätze der klassischen Matriarchatsforschung
- Konträre wissenschaftliche Perspektiven von Uwe Wesel und Heide Göttner-Abendroth
- Analyse der Rolle der Frau in frühen Gesellschaftsformen
- Vergleichende Untersuchung der irokesischen Gesellschaft
- Kritische Reflexion der Begriffsbildung und Forschungsgeschichte
Auszug aus dem Buch
2.1 Johann Jakob Bachofen
Johann Jakob Bachofen (1815 – 1887), Professor römischen Rechts, entdeckte die Thematik des Matriarchats über seine Beschäftigung mit antiken Mythen. In der Epoche des Realismus, die von der wissenschaftlichen Suche nach unveränderlichen Regeln geprägt war, wurden vereinzelte, geschichtliche Zeugnisse vor allem Herodots und Diodors über frühe mutterrechtliche Gesellschaften ebenso wie mythische Inhalte als unergründliche Phantasieprodukte abgetan, was Bachofen bezüglich des Matriarchats in seinem 1861 erschienenen Werk „Das Mutterrecht“ zu widerlegen versuchte.
Denn dass sich geschichtliche Tatsachen aus der mythischen Bildsprache herauslesen lassen, wurde spätestens in den darauf folgenden Jahren mit der Entdeckung Trojas durch Heinrich Schliemann belegt. So fand Bachofen bei seinen Forschungen Indizien für ein ursprüngliches Mutterrecht in der menschlichen Gesellschaft. Diese anfängliche Gynaikokratie, wie er sie nannte, ließ sich auch ausgezeichnet mit seinem evolutionistischen Weltbild vereinbaren, dass sämtliche Gesellschaften auf dem gleichen Weg vom Einfachen zum Komplexen streben: die anfängliche, primitive, einfach zu bestimmende Abstammungslinie der Mutter wurde demnach erst später durch die komplizierte Bestimmung des Vaters, die ja nur in einer streng monogamen Partnerschaft festzustellen war, ergänzt beziehungsweise ersetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begriffserläuterung: Das Kapitel klärt die etymologischen Wurzeln des Begriffs Matriarchat und verdeutlicht die daraus resultierende Definitionsvielfalt.
2. Die Anfänge der Matriarchatsforschung: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die evolutionistischen Ansätze von Bachofen, Morgan und Malinowski.
2.1 Johann Jakob Bachofen: Zusammenfassung der Theorie eines dreistufigen Entwicklungsmodells, das vom Mutterrecht zur Vaterschaft führt.
2.2 Henry Lewis Morgan: Analyse der matrilinearen Verwandtschaftsstrukturen bei den Irokesen und deren Einordnung in eine Gentilgesellschaft.
2.3 Bronislaw Malinowskis: Untersuchung der Trobriander-Gesellschaft und deren spezifischer Ausprägung von Geschlechterrollen.
3. Das Matriarchat heute: Mythos oder fester Bestandteil jeder Gesellschaft: Gegenüberstellung zeitgenössischer Ansätze und deren Interpretation der Forschungsergebnisse.
3.1 Uwe Wesel: Erläuterung der kritischen Position, die das Matriarchat als fehlgeleiteten Mythos hinterfragt.
3.2 Heide Göttner-Abendroth: Darstellung der positiven Perspektive auf frühe Konsensgesellschaften und die historische Bedeutung der Frauen.
3.3 Vergleich der beiden Autoren anhand deren Äußerungen zum Stamm der Irokesen: Analyse der unterschiedlichen Bewertungsmaßstäbe am konkreten Beispiel der Irokesen.
4. Schlussbemerkung: Zusammenfassende Einschätzung der Debatte und der ideologischen Aufladung des Themas in der Moderne.
Schlüsselwörter
Matriarchat, Patriarchat, Mutterrecht, Gynaikokratie, Evolutionismus, Irokesen, Gentilgesellschaft, Matrilinearität, Matrilokalität, Geschlechterrollen, Konsensgesellschaft, soziale Organisation, Johann Jakob Bachofen, Henry Lewis Morgan, Uwe Wesel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die geschichtliche und wissenschaftliche Diskussion zur Existenz matriarchaler Gesellschaften im Vergleich zum Patriarchat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Entwicklung der Matriarchatsforschung, die Definitionsproblematik der Begriffe sowie die konträren Positionen der Autoren Uwe Wesel und Heide Göttner-Abendroth.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die wissenschaftliche Debatte zu beleuchten und aufzuzeigen, wie unterschiedlich die historische Rolle der Frau in frühen Gesellschaftsformen interpretiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse wissenschaftlicher Quellen und Theorien aus der Ethnologie und Rechtsgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung klassischer Theoretiker wie Bachofen und Morgan sowie eine detaillierte Gegenüberstellung der modernen konträren Ansätze von Wesel und Göttner-Abendroth.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Matriarchat, Gynaikokratie, Evolutionismus, matrilineare Verwandtschaft und die Debatte um Herrschaftsstrukturen in frühen Gesellschaften.
Warum spielt das Beispiel der Irokesen eine besondere Rolle?
Das Beispiel der Irokesen dient als empirische Basis, an der die gegensätzlichen Interpretationen der Autoren Wesel und Göttner-Abendroth hinsichtlich der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern konkret veranschaulicht werden.
Wie bewerten die Autoren die Rolle der Frau in der irokesischen Gesellschaft?
Während Wesel die Stellung der Frau als Folge spezifischer Arbeits- und Raumeinteilung in einer Ausnahmesituation sieht, wertet Göttner-Abendroth dies als Ausdruck einer grundsätzlich egalitären und friedlichen Konsensgesellschaft.
- Quote paper
- Michael Wallner (Author), 2005, Zur Frage des Matriarchats, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49490