Zur Frage des Matriarchats


Hausarbeit, 2005

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Begriffserläuterung

2. Die Anfänge der Matriarchatsforschung
2.1 Johann Jakob Bachofen
2.2 Henry Lewis Morgan
2.3 Bronislaw Malinowskis

3. Das Matriarchat heute: Mythos oder fester Bestandteil jeder Gesellschaft
3.1 Uwe Wesel
3.2 Heide Göttner-Abendroth
3.3 Vergleich der beiden Autoren anhand deren Äußerungen zum Stamm der Irokesen

4. Schlussbemerkung

Die gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Mann und Frau in Familie und Gesellschaft als gängigste Form geschlechtlicher Rollenverteilung wird heutzutage in weiten Teilen der Welt als selbstverständlich aufgefasst. Auch das Vorkommen patriarchalischer Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit einer Vormachtstellung des Mannes ist bekannt. Ob es jedoch auch eine andere geschlechtliche Rollenverteilung gab, wie diese aussah und inwiefern sie mit dem Patriarchat vergleichbar war, ist das Thema meiner folgenden Arbeit.

Hierfür befasse ich mich nach einer knappen einleitenden Begriffsklärung zunächst in aller Kürze mit den frühen evolutionistischen und funktionalistischen Erkenntnissen der Matriarchatsforschung, die auch heute noch die Grundlage jeglicher Beschäftigung mit diesem Thema bilden. Anschließend widme ich mich mit den beiden gegenwärtigen konträren Autoren Uwe Wesel und Heide

Göttner-Abendroth der aktuellen Entwicklung dieser wissenschaftlichen Fragestellung, um abschließend deren gegensätzliche Haltung noch einmal an deren jeweiliger Bewertung des Mutterrechts bei den Irokesen zu verdeutlichen.

1.0 Der Begriff Matriarchat

Der Begriff Matriarchat setzt sich aus den beiden Wörtern mater und archê zusammen. Während sich das lateinische mater jedoch eindeutig mit Mutter übersetzen lässt, kann der griechische Begriff archê sowohl Herrschaft als auch Anfang heißen. Folglich kann das Matriarchat sowohl als Mutterherrschaft als auch als „mütterlicher Anfang“ definiert werden, was zu vollkommen verschiedenen Interpretationen dieses Begriffs führt.

2.0 Die Anfänge der Matriarchatsforschung

2.1 Johann Jakob Bachofen

Johann Jakob Bachofen (1815 – 1887), Professor römischen Rechts, entdeckte die Thematik des Matriarchats über seine Beschäftigung mit antiken Mythen. In der Epoche des Realismus, die von der wissenschaftlichen Suche nach unveränderlichen Regeln geprägt war, wurden vereinzelte, geschichtliche Zeugnisse vor allem Herodots und Diodors über frühe mutterrechtliche Gesellschaften ebenso wie mythische Inhalte als unergründliche Phantasieprodukte abgetan, was Bachofen bezüglich des Matriarchats in seinem 1861 erschienenen Werk „Das Mutterrecht“ zu widerlegen versuchte.

Denn dass sich geschichtliche Tatsachen aus der mythischen Bildsprache herauslesen lassen, wurde spätestens in den darauf folgenden Jahren mit der Entdeckung Trojas durch Heinrich Schliemann belegt. So fand Bachofen bei seinen Forschungen Indizien für ein ursprüngliches Mutterrecht in der menschlichen Gesellschaft. Diese anfängliche Gynaikokratie, wie er sie nannte, ließ sich auch ausgezeichnet mit seinem evolutionistischen Weltbild vereinbaren, dass sämtliche Gesellschaften auf dem gleichen Weg vom Einfachen zum Komplexen streben: die anfängliche, primitive, einfach zu bestimmende Abstammungslinie der Mutter wurde demnach erst später durch die komplizierte Bestimmung des Vaters, die ja nur in einer streng monogamen Partnerschaft festzustellen war, ergänzt beziehungsweise ersetzt. „Das Mutterrecht gehört einer frühern Kulturperiode als das Paternitätssystem, seine volle und ungeschmälerte Blüte geht mit der siegreichen Ausbildung des letztern dem Verfall entgegen.“1 Folglich entwarf Bachofen auch für die Entfaltung der Gynaikokratie ein Entwicklungsmodell, das sich in drei Stufen vollzieht: Die erste Stufe bezeichnete er als Hetärismus, geprägt durch sexuelle Nötigung der physisch unterlegenen Frauen, wogegen sich diese zur Wehr setzten. Es folgte die zweite Stufe, das Amazonentum, welche durch Dominanz der Frauen in allen Bereichen geprägt war. Im Anschluss daran kam es zu einem Ausgleich der jeweiligen Stellungen in der Gesellschaft durch eine klare Trennung der Arbeitsbereiche, was zur höchsten Stufe, der ehelichen Gynaikokratie, führte, bei welcher die Frau jedoch immer noch eine politische und familiäre Vorrangstellung innehatte. Erst ab dieser Stufe wurde das Mutterrecht allmählich vom Vaterrecht verdrängt, was Bachofen als Lossagung von der Natur versteht. Denn „in der Hervorhebung der Paternität liegt die Losmachung des Geistes von den Erscheinungen der Natur, in ihrer siegreichen Durchführung eine Erhebung des menschlichen Daseins über die Gesetze des stofflichen Lebens.“2

2.2 Henry Lewis Morgan

Als zweiter wichtiger Matriarchatsforscher ist der amerikanische Ethnologe Henry Lewis Morgan (1818 – 1881) zu nennen: Ebenso wie Bachofen folgte Morgan einem darwinistisch-evolutionistischen Ansatz. Allerdings gelangte Morgan auf einem vollkommen anderen Weg zu jenem Forschungsbereich, denn sein Interesse galt der matrilinearen Verwandtschaftsvorstellung der Irokesen, „wo die Abstammung in der Mutterfolge stattfindet, wie dies in der älteren Periode allgemein war“3. Da zur damaligen Zeit allein die Existenz patrilinearer Deszendenz als agnatisches Verwandtschaftssystem nachgewiesen worden war, handelte es sich hierbei um ein absolutes Novum. Morgan führte als Bezeichnung einer solchen Verwandtschaftslinie den Überbegriff gens ein, die mit mehreren anderen gentes, durch Heiratsregeln verbunden, zu einer Gentilgesellschaft zusammengefasst werden können. „Die Blutsverwandten wurden hauptsächlich durch das Band ihres mütterlichen Ursprungs zusammengehalten. In der älteren gens galt nur die Abstammung in der Mutterfolge.“4 Innerhalb dieser gentes entsprach die Organisation innerhalb der Sippe auch gleichzeitig der politischen Machtverteilung, was zu einem Fernbleiben jeglicher festgeschriebener, politischer Herrschaft führte.

Die Gentilorganisation erschließt uns eine der ältesten und im weitesten

Umfang zur Geltung gelangte Institutionen der Menschheit. Sie lieferte die

nahezu universelle Verfassungsgrundform der alten asiatischen,

afrikanischen, amerikanischen und australischen Gesellschaft.5

Die Stellung der Personen in den ursprünglichen Gesellschaften richtete sich folglich weniger nach Geschlecht als nach den persönlichen Beziehungen innerhalb der Verwandtschaft.

Ebenso wie Bachofen hat auch Morgan ein übergeordnetes, dreistufiges Modell entwickelt, nach welchem sich Gesellschaften vom Matriarchat hin zum uns bekannten Patriarchat entwickeln. „Statt dessen ist die Idee der Familie einer allmählichen Entwicklung durch mehrere aufeinander folgende Stadien unterworfen gewesen, von denen die monogamische das letzte in der Reihenfolge bildet.“6 Demnach wurde die erste Stufe, die Wildheit, mit noch recht primitiven Beziehungsregeln, Schritt für Schritt durch jene bei den Irokesen zu findende, von Heiratsregeln durchsetzte Gentilgesellschaft ersetzt. Diese Regelungen dienten allein dem Zweck der Inzuchtvermeidung. Wie die Wildheit, so war auch diese zweite Stufe, die Barbarei, matriarchal und verwandtschaftlich geprägt. Der Sprung zur höchsten Stufe kam durch die Ablösung des kollektiven Urkommunismus durch die Idee des Privateigentums und der damit einhergehenden Monogamie zu Stande. Das Matriarchat wurde also auf Grund eines Wandels der Werte in den Hintergrund gedrängt.

Die erste [Verfassungsform] (...) wird auf Personen und auf rein persönliche Beziehungen begründet (...) Die zweite gründet sich auf Landgebiete und Privateigentum. (...) Sie [die verschiedenen Stadien dieses Fortschritts] sind noch vorhanden auf der Grundlage des Geschlechts, dann auf Grundlage der Verwandtschaft und endlich auf Grundlage des Landgebiets.7

[...]


1 Bachofen, Johann Jakob: Das Mutterrecht; 1975: S. 3

2 Bachofen, Johann Jakob: Das Mutterrecht; 1975: S. 48

3 Morgan, Henry Lewis: Die Urgesellschaft; 1987: S.53

4 Morgan, Henry Lewis: Die Urgesellschaft; 1987: S.57

5 Morgan, Henry Lewis: Die Urgesellschaft; 1987: S.52 f

6 Morgan, Henry Lewis: Die Urgesellschaft; 1987: S.323

7 Morgan, Henry Lewis: Die Urgesellschaft; 1987: S.6 f

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zur Frage des Matriarchats
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Völkerkunde/ Ethnologie)
Veranstaltung
Grundkurs Verwandtschaftsethnologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V49490
ISBN (eBook)
9783638459365
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frage, Matriarchats, Grundkurs, Verwandtschaftsethnologie
Arbeit zitieren
Michael Wallner (Autor), 2005, Zur Frage des Matriarchats, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49490

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zur Frage des Matriarchats



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden