Beschäftigt man sich mit dem Begriff der außerschulischen (Jugend-)Bildung fällt schnell auf, dass er zwar als Grundlage eines eigenständigen Arbeitsfeldes dient, aber im fachlichen Diskurs theoretisch unbestimmt bleibt und deshalb vielerorts orientierungslos agiert. Die Theorielücke desavouiere dabei die Chancen, die eine bildungsorientierte Perspektive der Jugendarbeit eröffnen könne. Das Fehlen eines nach außen vertretenen bildungsorientierten Selbstverständnis respektive Bildungsauftrages mache eine Abgrenzung schwierig und führe zu einer zuschreibungsbedingten Allzuständigkeit. In Folge dessen passe sich die außerschulische Jugendbildung – wie auch Jugendarbeit – zunehmend ökonomischer Tendenzen an und verschleiere implizite Normativitätsannahmen. Dabei wurden bereits einige – durchaus anschlussfähige – Versuche unternommen, ein Bildungsverständnis zu formulieren, die jedoch keine umfassende Theorie etablieren konnten. Zeitgleich erhält der Capabilities Approach, der das gute menschliche Leben in den Mittelpunkt stellt, auf internationaler Ebene eine hohe Aufmerksamkeit. Dieser Ansatz, welcher den primären Fokus darauf legt, was ein Mensch real zu tun und zu sein in der Lage ist, positioniert sich sowohl auf Seiten zeitgemäßer gerechtigkeitstheoretischer- als auch liberalistischer Ansätze. Da er zunehmend auch mit der Sozialen Arbeit und den Erziehungswissenschaften in Verbindung gebracht wird und er der Bildung eine hohe Bedeutung zuweist, könnte eine Verbindung zur außerschulischen Bildungsarbeit naheliegen.
Es ergibt sich demnach die Frage, welche Anregungen die außerschulische Jugendbildung vom Capabilities Approach erhalten kann und welche Beiträge er zu der Entwicklung einer theoretischen Positionierung leisten kann? Einzelne Erweiterungspotentiale sollen dabei thesenhaft entwickelt und als Forschungsperspektive eröffnet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Außerschulische Jugendbildung
2.1 Bildungsorientierung und Bildungsauftrag der außerschulischen Bildung
2.1.1 Adaptiver Bildungsauftrag: Kompensation für die Schule
2.1.2 Gesetzlicher Bildungsauftrag
2.1.3 Eigenständiger Bildungsauftrag: Kompensation der Schule
2.1.3.1 Subjektorientere Jugendbildung
2.2 Bildungsarrangements
3 Das gute Leben
3.1 Subjektivistische Theorie des guten Lebens
3.2 Objektivistische Theorie des guten Lebens
3.2.1 Der Capabilities Approach
3.2.1.1 Gerechtigkeit und die menschliche Natur
3.2.1.2 Eine starke, vage und liberale Theorie des Guten
3.2.1.3 Befähigung zum guten Leben
3.2.1.4 Bildung im Capabilities Approach
4 Der Capabilities Approach in der außerschulischen Bildung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial des Capabilities Approach nach Martha Nussbaum für die theoretische Fundierung und praktische Neuausrichtung der außerschulischen Jugendbildung, um dieser aus ihrer theoretischen Unbestimmtheit zu helfen und eine normativ begründete Bildungsorientierung zu ermöglichen.
- Theoretische Bestimmung und Kritik der aktuellen außerschulischen Jugendbildung
- Analyse subjektivistischer versus objektivistischer Theorien des guten Lebens
- Einführung und Anwendung des Capabilities Approach als normativer Orientierungsrahmen
- Diskussion von Bildung, Paternalismus und Partizipation im Kontext der Jugendbildung
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Der Capabilities Approach
Der Capabilities Approach ist ein gerechtigkeitstheoretischer Ansatz, der – um die Frage nach der Verteilung (objektiver) Güter zu beantworten – eine Theorie des guten Lebens entwickelt, welche die Autonomie des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Im internationalen Fachdiskurs verschiedener Disziplinen findet er große Anerkennung: Zunächst in den Politik- und Wirtschaftswissenschaften unter gerechtigkeitspolitischem Vorzeichen, mittlerweile jedoch auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Steinfath betitelt den CA als „[...] einen der am häufigsten diskutierten Bezugspunkte der gegenwärtigen Debatte zur Thematik des guten Lebens“ und Otto & Ziegler diskutieren ihn als „neue Orientierung in der Erziehungswissenschaft“. In seinem Ursprung geht er auf Amartya Sen und Martha C. Nussbaum zurück, wobei mittlerweile nicht mehr von dem CA gesprochen werden kann, da er in viele Richtungen mit verschiedenen Akzentuierungen ausgearbeitet wurde.
Doch auch in ihren Grundzügen besitzen die Ansätze von Nussbaum und Sen unterschiedliche Schwerpunkte, womit sie für unterschiedliche Anwendungsgebiete nutzbar werden. Konsensual siedeln sich beide Ansätze im sozial- und entwicklungspolitischen Kontext der Fragen der Gerechtigkeit an und legen den dominanten normativen Standpunkten im Diskurs der Verteilungsgerechtigkeit eine Alternative vor, welche die Perspektive darauf richtet, zu welchen Fähigkeiten (oder Seinsweisen) ein Mensch konkret in der Lage sein sollte, um ein gutes Leben führen zu können. Doch während Nussbaum stärker die ethische und bildungstheoretische Seite (was ist ein gutes Leben und wie kann es verwirklicht werden?) untersucht, konzentriert sich Sen mehr auf den komparativen Nutzen des Ansatzes und dessen politische Implikationen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die theoretische Unbestimmtheit der außerschulischen Jugendbildung und stellt den Capabilities Approach als potenziellen normativen Orientierungsrahmen vor.
2 Außerschulische Jugendbildung: Dieses Kapitel analysiert den Bildungsbegriff und die Problematik eines fehlenden expliziten Bildungsauftrags, wobei verschiedene Ansätze wie die subjektorientierte Jugendbildung kritisch diskutiert werden.
3 Das gute Leben: Hier wird der philosophische Diskurs zwischen subjektivistischen und objektivistischen Theorien des guten Lebens geführt, mit einem Fokus auf Martha Nussbaums Capabilities Approach.
4 Der Capabilities Approach in der außerschulischen Bildung: Das abschließende Kapitel führt die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und leitet daraus konkrete Anregungen für die Praxis der außerschulischen Bildung sowie für das Verständnis der pädagogischen Verantwortung ab.
Schlüsselwörter
Außerschulische Jugendbildung, Capabilities Approach, Martha Nussbaum, Bildungsorientierung, Gerechtigkeit, Gutes Leben, Befähigungsgerechtigkeit, Pädagogik, Subjektorientierung, Partizipation, Bildungsauftrag, Soziale Arbeit, Verwirklichungschancen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Fundierung der außerschulischen Jugendbildung, die oft als orientierungslos wahrgenommen wird, indem sie diese mit dem Capabilities Approach in Verbindung bringt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Bildung in der Jugendarbeit, Theorien des guten Lebens (subjektivistisch vs. objektivistisch) und der Capabilities Approach als normatives Konzept.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Capabilities Approach der außerschulischen Jugendbildung zu einem fundierten, eigenständigen Bildungsauftrag verhelfen kann, der über bloße Kompensation hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden theoretischen und philosophischen Analyse von Fachliteratur, um einen normativen Rahmen für pädagogisches Handeln zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der außerschulischen Jugendbildung, die philosophische Untersuchung des "guten Lebens" und die spezifische Anwendung von Nussbaums Capability-Theorie auf das pädagogische Feld.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Capabilities (Verwirklichungschancen), Subjektorientierung, Bildungsauftrag, Gerechtigkeit, Paternalismus und das "gute menschliche Leben".
Warum ist der Capabilities Approach für die Soziale Arbeit relevant?
Er bietet einen ethisch-normativen Orientierungsrahmen, der es Professionellen ermöglicht, ihre pädagogische Tätigkeit kritisch zu begründen und sich gegen eine rein ökonomische Verwertungslogik abzugrenzen.
Wie geht die Autorin mit dem Paternalismusproblem um?
Das Paternalismusproblem wird in der Arbeit offen thematisiert, insbesondere in Bezug auf Kinder und Jugendliche, und als ein notwendiges Spannungsfeld im Rahmen der Befähigung zur Mündigkeit diskutiert.
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- Bachelor of Arts Christoph Blum (Author), 2019, Außerschulische Bildung und das gute Leben. Zum Nutzen des Capabilities Approach für das Arbeitsfeld der außerschulischen Jugendbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495150