Erzeugt die Staatsverschuldung unsoziale Verteilungswirkungen?

Der Zusammenhang zwischen der Staatsverschuldung und der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich


Hausarbeit, 2016
12 Seiten, Note: 2,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einführung: Die steigende Staatsverschuldung

B. Hauptteil: Öffentliche Verschuldung
1.Staatsverschuldung und ihre Verteilungswirkungen
1.1 Untergliederung in Defizitarten
1.2 Die Gläubigerstruktur deutscher Schuldverschreibungen
1.3 Private Haushalte & der Einfluss der Kapitalmärkte
2.Staatsverschuldung aus volkswirtschaftlicher Perspektive
3.1 Ricardo-Äquivalenz & Wagnersches Gesetz
3.2 Konstrukt der Saldenmechanik
3.3 Schuldenbremse und verdeckte Staatsverschuldung
3. Bilanz vergangener Jahrzehnte bis hin zur Gegenwart
3.1 Entwicklung von Staatsschulden und Privatvermögen
3.3 Rückschlüsse aus früheren Staatskrisen

C. Fazit

D. Quellenangaben

Einleitung: Die steigende Staatsverschuldung

Die seit Jahren wachsenden Staatsschulden werden in gesellschaftlichen Debatten oft als eines der großen Probleme unserer Zeit betrachtet, davon ausgehend, dass heutige defizitäre Haushaltspolitik zukünftige Generationen belastet. Wer die Gläubiger sind und wie die Schulden zustande kamen, wird dabei außer Acht gelassen. Regelmäßig wird die Staatsverschuldung mit der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich in Verbindung gebracht. Die Argumentation beruht dabei auf dem Grundgedanken des Transferansatzes. Demnach fördere Staatsverschuldung die Einkommens- und Vermögenskonzentration. Eine breite Masse zahlt durch ihre Steuern die Zinsen. Die Zahlungsempfänger seien jedoch hauptsächlich vermögende Inländer. Einzelne politische Gruppen argumentieren, dass so die Staatsverschuldung eine proportionale bis regressive Verteilungswirkung habe und die oberen Einkommen überproportional profitieren. Diese These ist ökonomisch umstritten und gilt es zu überprüfen (Kurz 1983: 6f.).

Das erste Kapitel befasst sich mit dem Ursprung der Staatsschulden. Es muss zwischen einzelnen Defizitarten differenziert werden, die auf ihre Ursache und Wirkung hin untersucht werden sollen. Um bezogen auf Deutschland und Europa der Fragestellung gerecht zu werden, ist es zudem ebenso wichtig, die Herkunft der Geldgeber miteinzubeziehen und den Einfluss des freien Kapitalverkehrs nicht zu unterschätzen.

Im zweiten Kapitel geht es um die Frage der generationsübergreifenden Auswirkungen. Dabei ist das Konstrukt der Saldenmechanik geprägt durch Wolfgang Stützle (1958) ein wichtiger Beitrag. Bei genauerem Betrachten ergibt sich ein Zusammenhang zwischen Herkunft der Geldgeber, Verschuldungsgrad und Bonität. Tatsächlich haben sich die Staatsschulden in den vergangenen 20 Jahren nahezu verdoppelt, von 1,1 Mrd. auf 2,2 Mrd. Euro (Eurostat 2017)1. Gleichzeitig konnten insbesondere die oberen 10% der deutschen Haushalte einen deutlichen Anstieg ihres Vermögens verzeichnen (Jahresgutachten 16/17 400ff.).

Das dritte Kapitel soll das darauffolgende Fazit untermauern und ist primär darauf ausgerichtet, Theorien aus Zeiten weit vor dem Euro zu überprüfen sowie anhand von Praxisbeispielen, statistischen Erhebungen und Berichten seriöser Quellen Rückschlüsse auf die Verteilungswirkungen der Staatsverschuldung zu ziehen. Das Thema „Öffentliche Verschuldung“ wird von (Scherf W. 2011 S.397- 448) ausführlich behandelt.

1. Staatsverschuldung und unsoziale Verteilungswirkungen

1.1 Untergliederung in Defizitarten

Die Basis zum Verständnis problematischer Staatsverschuldung liefert das Untergliedern in drei Defizitarten: konjunkturelle, antizyklische und strukturelle Defizite2.

- Konjunkturell bedingte Defizite entstehen im Rahmen einer antizyklischen Fiskalpolitik. Sie gelten als notwendig und teils unumgänglich. Als Beispiel wäre hier das in der Wirtschaftskrise 2009 verabschiedete Konjunkturpaket 2 mit einem Volumen von über 50 Milliarden Euro zu nennen. Eine Reduzierung der Staatsausgaben hätte ebenso wie Steuererhöhungen einen Multiplikator-Effekt zur Folge gehabt und die Rezession verstärkt3. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass konjunkturbedingte Defizite und Überschüsse sich die Waage halten sollten und für den Wohlstand der gesamten Volkswirtschaft notwendig sind.
- Antizyklische Defizite zählen ebenfalls zu konjunkturbedingten Defiziten im weiteren Sinne und werden auch tendenziell mit einer positiven Wirkung verbunden. Sie resultieren aus vorausgegangenen konjunkturellen Defiziten. Wird ein Konjunkturpaket mit Krediten finanziert, führen dessen Finanzierungsraten häufig auch in nachfolgenden Perioden zu Haushaltsdefiziten. Diese werden dann als antizyklische Defizite bezeichnet. Ein Beispiel sind die in einer Rezession beschlossenen Investitionsprojekte, die bis zur Fertigstellung wesentlich teurer werden als veranschlagt.
- Strukturelle Defizite entstehen hingegen, wenn in der Haushaltsplanung neue Schulden vorgesehen sind, obwohl bereits Vollbeschäftigung herrscht und sie aus konjunktureller Sicht nicht erforderlich wären. Sie gelten oft als vermeidbar und werden von einigen Ökonomen als fiskalpolitische Sünden betrachtet (Oberhauser 1985 S.340f). Die 2009 vereinbarte Schuldenbremse zielt primär auf die Vermeidung jener Defizite ab, wobei Vertreter der Konjunkturtheorie nach Keynes argumentieren, dass Staatsverschuldung zur Sicherung von Vollbeschäftigung auch langfristig notwendig ist.

1.2 Die Gläubigerstruktur deutscher Schuldverschreibungen

Deutschlands Staatsverschuldung liegt aktuell bei etwas über 2 Billionen Euro. Bei einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 3,2 Billionen entspricht dies etwa 70 % des BIPs. Den Staatsschulden steht ein Geldvermögen der Deutschen von ca. 5,7 Billionen Euro gegenüber. Die Netto-Auslandspositionen der Deutschen beliefen sich Ende 2015 auf 1,476 Billionen Euro (Pressenotiz Deutsche Bundesbank 30.9.2016).

Die eigentliche Frage, bei wem sich der Bund verschuldet hat, lässt sich nur grob beantworten. Die ausgegebenen Schuldverschreibungen werden als Bundeswertpapiere bezeichnet. Die Forderungspapiere unterscheiden sich u.a. in Ausstattung und Kondition. Sie haben verschiedene Gläubiger als Zielgruppe. Der Unterschied liegt z.B. in Laufzeit, Tilgung, Zinssatz und Nennbetrag. Davon unabhängig wird u.a. zwischen Bundesanleihen, Bundesschatzbriefen und Bundesobligationen differenziert. Der Staat hat zum einen die Möglichkeit, im Inland Geld aufzunehmen wie beispielsweise über Bundesanleihen oder Bundesschatzbriefe (bis 2013) oder durch andere Konstellationen im Ausland. Führende Ökonomen der Weltbank und des IWFs stimmen darin überein, dass im Allgemeinen die Geldaufnahme im Inland aus stabilitätspolitscher Sicht bevorzugt werden sollte. Insbesondere im Euromarkt gab es allerdings immer wieder Situationen, in denen es günstiger war, sich im Ausland zu verschulden. Dies hatte in den letzten Jahren zur Folge, dass Regierungen auf diese Schiene ausgewichen sind und der Anteil ausländischer Gläubiger angestiegen ist4. Ein Beispiel ist die Finanzierung mit Schatzbriefen. Der Grundgedanke besteht darin, dass sich der Staat speziell bei der eigenen Bevölkerung verschuldet und jede natürliche Person mit Sitz im Inland dem Staat Geld leihen kann, welches dann z.B. für die Altersvorsorge oder zum Vererben an die nächste Generation gedacht war. Bei einer internen Verschuldung wäre die Gesellschaft Gläubiger und Schuldner zugleich (Scherf 2011 S.400). Diese Art der Finanzierung wurde 2013 aus Kostengründen eingestellt5. Der Transferansatz wird insofern entkräftet, als zum einen der deutsche Staat für neue Anleihen kaum Zinsen mehr aufbringen muss und zum anderen Bundeswertpapiere kaum noch von natürlichen Personen erworben werden6.

1.3 Private Haushalte & der Einfluss der Kapitalmärkte

Deutsche Privathaushalte spielen in dem letzten Jahresgutachten des Sachverständigenrates als Gläubiger von Bundeswertpapieren nur noch eine untergeordnete Rolle7. Ein Großteil der Schuldtitel befindet sich im Besitz von Staaten, Zentralbanken und ausländischen Investmentfonds. Institutionelle Anleger und private Haushalte mit Sitz in Deutschland halten nach aktuellen Zahlen weniger als 40% aller Bundeswertpapiere. Die weltweit zirkulierenden Geldströme haben allerdings nach Aussage von Boris Knapp, Sprecher der Finanzagentur der BRD, ein Volumen erreicht, das es zusammen mit dem Bankengeheimnis unmöglich macht, Klarheit über die Eigentümerstruktur zu erhalten. Zu den größten Gläubigern gehören Gesellschaften mit Sitz in Luxemburg, den Niederlanden, Großbritannien und der Schweiz (Bundesbank 2016). Allgemein bekannt ist, dass dort ansässige Gesellschaften auch große Summen aus Deutschland verwalten.

In einem Bericht der Deutschen Versicherer8 wird deutlich, dass neben Zinseszinseffekt und Sitz der Kapitalgeber auch die Rolle der EZB und die Höhe des angesammelten Vermögens von Bedeutung ist. Dies wird insbesondere durch die Nullzinspolitik deutlich. Anleihen der BRD gelten als besonders sicher, sodass für ausgegebene Anleihen kaum Zinsen fällig werden9. Gewinne lassen sich damit keine erzielen. Dennoch sehen sich insbesondere institutionelle Anleger wie Rentenfonds, Pensionskassen und Banken gezwungen, dort ihr Kapital sicher anzulegen. Doch gerade diese verwalten auch das Geld der Bevölkerungsgruppen ohne großes Vermögen.

Während Kleinanleger mit wenig Kapital kaum andere Möglichkeiten haben ihr Geld sicher zu investieren, ist das Geldvermögen von Superreichen wesentlich flexibler. Der Vermögenszuwachs ergab sich eines Reports10 von Black Rock zufolge insbesondere durch Venture-Capital Investitionen und Investitionen im Ausland. Banken raten Kunden die primär in ihre Altersvorsorge investieren wollen und kein Kapital riskieren können allerdings davon ab.11 Hinzu kommt, dass die Aufwendung zur Informationsbeschaffung zzgl. Transaktionskosten in keinem Verhältnis zur erwarteten Rendite steht.

[...]


1 (Zahlen von Weltbank, Bundesfinanzministerium & Bundesbank können abweichen)

2 Der Begriff antizyklisches Defizit findet primär in Publikationen von Prof. Dr. Scherf Verwendung

3 Vgl. Sachverständigenrat Jahresgutachten 2009/2010 S.75ff

4 Kreditaufnahmebericht des BMF 2015 S.17. Zahlen anderer Quellen können abweichen.

5 Bestehende Konten führt die Finanzagentur GmbH der BRD bis zum Auslaufen weiter.

6 Weiteres in Kapitel 1.3

7 Die Vermittlung von Bundeswertpapieren an Privatkunden ist für Banken nicht rentabel.

8 Analyse zur Liquidationssituation auf Anleihenmärkten (GDV 10-2016)

9 Vgl. Bundesanleihe 2016 ISIN: DE0001102408 weitere auf deutsche-finanzagentur.de

10 Werbebroschüre für Aladdin (eigenes Datenanalyse System), Alternative zu Reuters oder Bloomberg.

11 Richtlinien für Privatkundenberater der Sparkassen

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Erzeugt die Staatsverschuldung unsoziale Verteilungswirkungen?
Untertitel
Der Zusammenhang zwischen der Staatsverschuldung und der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,6
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V495946
ISBN (eBook)
9783346011664
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erzeugt, staatsverschuldung, verteilungswirkungen, zusammenhang, kluft, reich
Arbeit zitieren
Frithjof Cavael (Autor), 2016, Erzeugt die Staatsverschuldung unsoziale Verteilungswirkungen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/495946

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Erzeugt die Staatsverschuldung unsoziale Verteilungswirkungen?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden