Ich möchte in der vorliegenden Arbeit den zahlreichen Vorurteilen, was das Lachen sei, entgegentreten. Demgegenüber möchte ich eine ganz eigene Bestimmung des Lachens vorlegen, in der ich verschiedene Positionen zum Thema "Lachen" interpretiere, einer Prüfung unterziehe, die mir geeignet erscheinenden Teile herausnehme, um sie dann - mit eigenen Ideen und Überlegungen angereichert - zu einer hoffentlich geschlossenen und überzeugenden Theorie des Lachens zusammenzuführen. Mit dieser Untersuchung über das Lachen möchte ich zu einer Klärung beitragen, was der Mensch seinem Wesen nach ist.
Das Lachen offenbart eine Schwäche des Menschen, denn er kann dem Doppeldeutigen, dem Absurden und dem Paradoxen spontan nur selten adäquat begegnen und überantwortet sich daher in diesen Fällen der Reaktion seines Körpers. Der Mensch ist derart auf Ordnung und Vernunft fixiert, so dass ihm Unvernünftiges erst mal die Sprache verschlägt. Zugleich wird das spöttische Lachen vom Spottopfer oft als verletzend empfunden, weil das Lachen eine Kritik oder Mahnung an seinem Verhalten darstellt. Das Lachen, obwohl es spontan ausbricht und der Lachende eigentlich nichts dafür kann, erfüllt eine gesellschaftliche Funktion, die darin besteht, Menschen, die - ohne den aktuellen Veränderungen der Situation Rechnung zu tragen - automatisch handeln, auf die Gefährlichkeit ihres Tuns hinzuweisen.
Der Zusammenhang zwischen Normverletzung und unzulänglichem Lachen ist entstanden, weil der Verspottete aus der eigenen Erfahrung weiß, dass eine Person immer dann lacht, wenn eine andere Person absichtlich oder unabsichtlich nicht ordnungsgemäß handelt oder sich unvernünftig äußert. Er weiß, dass er eine Ordnung verletzt haben muß, wenn jemand anders ihn auslacht. Den Lachenden wiederum interessiert der angemahnte Fehler der ausgelachten Person aber nicht wirklich; er mahnt nicht mit voller Absicht an, sondern er erfüllt eine Funktion, ohne zu durchschauen, was er tut. Gesellschaftlich wurde ein Zusammenhang zwischen Lachen und Normverletzung konditioniert. Es ist durchaus der Gesellschaft zuträglich, wenn es Mechanismen gibt, mit denen Menschen das Verhalten ihrer Mitmenschen spiegeln können. Möglicherweise hat das Lachen über den anderen auf ihn eine pädagogische Wirkung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Das Motiv der vorliegenden Untersuchung
2. Plessner: Lachen als Ausdruck eines Mangels
2. 1. Die Theorie des Lachens in ihrem Zusammenhang
2. 2. Die Ausdrucksform des Lachens
2. 3. Die Anlässe des Lachens
2. 4. Der Zusammenhang zwischen Anlässen des Lachens und der Ausdrucksform des Lachens
2. 5. Mensch und Tier im Vergleich in bezug auf das Lachen
2. 6. Auswertung der Plessnerschen Theorie des Lachens
2. 6. 1. Wertvolle Erkenntnisse
2. 6. 2. Unschlüssigkeiten und Lücken in Plessners Theorie des Lachens
2. 6. 2. 1. Ist die Psyche des Tieres für den Menschen zugänglich?
2. 6. 2. 2. Sprachliche Doppeldeutigkeiten
2. 6. 2. 3. Fehlende Rückschlüsse von der Form des Lachens auf seine Funktion
2. 6. 2. 4. Prinzipielle oder relative Grenzen menschlichen Verhaltens
2. 6. 2. 5. Von Plessner selbst eingestandene Grenzen seiner Untersuchung
3. Worauf verweist Kränkung durch spöttisches Lachen?
3. 1. Verletzung durch Spott
3. 2. Reaktive und objektive Haltung gegenüber der Verletzung
4. Bergson: Lachen als eine „soziale Geste“ bei „Versteifung des Charakters“
4. 1. Die wesentlichen Thesen von Bergson zum Thema „Lachen“
4. 2. Auswertung der Bergsonschen Theorie des Lachens
4. 3. Die Grenzen der Theorie des Lachens von Bergson
4. 3. 1. Die Kritik von Plessner und Heinrich an Bergson
4. 3. 2. André Glucksmann: Gibt es Gelächter, so gibt es auch Dummheit
4. 3. 2. 1. Ist Minderwertigkeit komisch?
4. 3. 2. 2. Zur Relevanz von Gluckmanns Kritik an Bergson
5. Lachen in vorbereiteten Situationen
5. 1. Die Beliebigkeit des Spottziels
5. 2. Identifikation des/der Lachenden mit dem/der Ausgelachten
5. 3. Katharsis im Theater
5. 4. Benjamin: Ausbruch von Massenpsychosen in kollektives Gelächter beim Filmpublikum
6. Lachen als Therapeutikum
6. 1. Die Wahrheit in der Binsenweisheit „Lachen ist gesund“
6. 2. Lachen als Körperertüchtigung
6. 3. Lachen in der empirischen Forschung der Psychologie
7. Humor als die Fähigkeit zur eingeschränkten Steuerung des Lachens
8. Lachen in der Gemeinschaft
8. 1. „Lach-Tabus“
8. 2. Lachen über grauenvolle Dinge
8. 3. Lachen und Heiterkeit
8. 4. Galgenhumor: Das letzte Auftrumpfen des Todgeweihten
8. 5. Das subversive Lachen oder das Ventil, das zu früh geöffnet wird
8. 6. Gibt es einen gesellschaftlichen Trend zur Ausbreitung des Lachens?
8. 7. Ausblick: Glück durch Lachen als Gesellschaftsutopie?
9. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Lachens aus einer philosophischen Perspektive mit dem Ziel, eine fundierte Funktionsbestimmung des Lachens zu entwickeln. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, was das Lachen über das Wesen des Menschen aussagt und welche Rolle es in der menschlichen Existenz sowie in der Gesellschaft einnimmt.
- Die anthropologische Bedeutung des Lachens und die exzentrische Position des Menschen (Plessner).
- Lachen als soziale Geste und Form der Normkorrektur (Bergson).
- Die therapeutische Funktion des Lachens und seine Verbindung zur Katharsis.
- Ethische Grenzen des Lachens, insbesondere in Bezug auf Spott und grauenvolle Situationen.
- Die Abgrenzung von Lachen, Humor und Heiterkeit.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung: Das Motiv der vorliegenden Untersuchung
Lachen wird oftmals als eine Lebensbewältigungsstrategie dargestellt, also als ein Mittel, mit Hilfe dessen man die Höhen und Tiefen des Lebensweges besser bewältigen kann. „Strategie“ ist hier im Sinne von „absichtlich gefasster Plan“ und nicht im Sinne von „Strategie der Natur“ zu verstehen. So fasst beispielsweise der Linguist Matthias Perner, der sich intensiv mit der Struktur von Witzen auseinandergesetzt hat, seine bisherige Lebenserfahrung hinsichtlich von Witzen und Lachen sowie seine wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema folgendermaßen zusammen:
In [der Vergangenheit] ist mir (...) aufgefallen, dass eine gewisse humoristische Grundhaltung der Lebensbewältigung recht förderlich sein kann. (...) Letztendlich scheint mir, dass [das] Lachen doch immer noch die beste Möglichkeit ist, dem Leben die Zähne zu zeigen. (Website von Matthias Perner)
Diese Formulierung Perners drückt aus, was viele Menschen wohl auch so empfinden. Mit dem Lachen kann man der Unbill des Lebens trotzen, so lautet die vorherrschende Meinung. Das Lachen allerdings als Lebensbewältigungsstrategie aufzufassen, heißt, einen wesentlichen Aspekt des Lachens zu übersehen. Lachen ist planlos, denn das Lachen bricht spontan aus, ist also eruptiv und erst nach dem Ausbruch überhaupt - geringfügig - steuerbar. Eine Lebensbewältigungsstrategie ist aber ein Handlungsplan.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Motiv der vorliegenden Untersuchung: Einleitung in die Thematik, Kritik am Verständnis von Lachen als bloßer Lebensbewältigungsstrategie und Darlegung der philosophischen Relevanz des Themas.
2. Plessner: Lachen als Ausdruck eines Mangels: Analyse der Lachtheorie Plessners, die den Menschen als Mängelwesen in einer exzentrischen Position betrachtet, deren Gleichgewicht durch Lachen kurzzeitig wiederhergestellt wird.
3. Worauf verweist Kränkung durch spöttisches Lachen?: Untersuchung der verletzenden Wirkung von spöttischem Lachen und der Frage, warum dieses trotz seiner automatischen Natur als Kränkung empfunden wird.
4. Bergson: Lachen als eine „soziale Geste“ bei „Versteifung des Charakters“: Darstellung von Bergsons Theorie, die das Lachen als gesellschaftliches Korrektiv gegenüber mechanischem Verhalten begreift.
5. Lachen in vorbereiteten Situationen: Untersuchung von Lachen in kontrollierten Kontexten wie Theater oder Film und die Rolle von Identifikation und Katharsis.
6. Lachen als Therapeutikum: Analyse des therapeutischen Aspekts des Lachens, sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene unter Einbeziehung psychologischer Forschung.
7. Humor als die Fähigkeit zur eingeschränkten Steuerung des Lachens: Diskussion der Möglichkeit, Humor als Kompetenz zur bewussten Einflussnahme auf das spontane Lachen zu verstehen.
8. Lachen in der Gemeinschaft: Untersuchung ethischer Grenzbereiche, wie den Umgang mit Tabus, schwarzem Humor und der gesellschaftlichen Funktion des Lachens.
9. Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung der doppelten Funktion des Lachens als Normkorrektiv und Mittel zur psychischen Selbstheilung.
Schlüsselwörter
Lachen, Philosophie, Anthropologie, Plessner, Bergson, Humor, Katharsis, Spott, Lebensbewältigung, Soziale Geste, Therapeutikum, Exzentrische Position, Normkorrektur, Psychologie, Ethik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht die anthropologische und soziale Bedeutung des Lachens aus philosophischer Sicht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die physiologische Natur des Lachens, seine soziale Funktion als Normkorrektiv, seine Wirkung als therapeutisches Mittel zur Spannungsabfuhr sowie die ethischen Implikationen bei spöttischem oder schwarzem Humor.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist eine präzisere Funktionsbestimmung des Lachens vor dem Hintergrund der Frage, was den Menschen seinem Wesen nach ausmacht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Arbeit, die zentrale Lachtheorien (insbesondere von Plessner und Bergson) rekonstruiert, kritisch prüft und um psychologische sowie medientheoretische Aspekte ergänzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Theorien zum Lachen als Ausdruck eines Mangels (Plessner), als soziale Geste (Bergson), seine Rolle in vorbereiteten Situationen, die Bedeutung von Lachen als Therapeutikum und die ethischen Grenzen des Lachens in der Gemeinschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Lachen, anthropologische Bedeutung, Plessner, Bergson, soziale Funktion, Katharsis, Therapeutikum, Humor und Spott.
Warum lehnt Plessner die Gleichsetzung von Lachen mit einer Geste ab?
Plessner argumentiert, dass Lachen im Gegensatz zur Geste zwanghaft, rein expressiv-reaktiv und nicht intentional ist, womit es sich der bewussten Kontrolle entzieht.
Wie unterscheidet sich die Bewertung von Lachen bei Umberto Eco und William von Baskerville?
Während Jorge von Burgos (im Roman 'Der Name der Rose') das Lachen als gefährliches Zeichen der Dummheit und des Zweifels verteufelt, sieht William von Baskerville darin eine menschliche Eigenschaft, die nicht zwangsläufig das christliche Gefüge gefährdet.
Inwiefern ist das Lachen über „grauenvolle Dinge“ laut Autor ambivalent?
Lachen über Schreckliches wird einerseits ethisch kritisiert, andererseits zeigt die Untersuchung, dass es oft einen unbewussten Bewältigungsmechanismus zur psychischen Stabilisierung in ausweglosen Situationen darstellt.
- Citation du texte
- Markus Hieber (Auteur), 2002, Zur anthropologischen Bedeutung des Lachens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496033