Kann Popmusik "emanzipatorisch" im Sinne der Kritischen Theorie sein?


Essay, 2012
4 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Kann Popmusik >emanzipatorisch< im Sinne der Kritischen Theorie sein?

Der Begriff Popmusik ist in der heutigen Gesellschaft in aller Munde und man kann wahr- lich behauten, dass dieses musikalische Genre nicht erst seit Jahrzehnten der Neuzeit besteht, sondern bereits seit Jahrhunderten. Doch um die eigentliche Frage nach den Eigenschaften und Wirkungsweisen jener sogenannten Popmusik auf ihre jeweiligen Zielgruppen beantworten zu können, sollte man zunächst den Begriff selbst und dessen ursprüngliche Bedeutung etwas näher unter die Lupe nehmen.

Egal ob im Bezug auf das 12. Jahrhundert, das 17. Jahrhundert oder das neue Jahrtausend, nach Bernhard Halbscheffel und Tibor Kneif zufolge, ist Popmusik schlichtweg populäre Musik, die in den unterschiedlichen temporären Gesellschaftsschichten bei einer breiten Masse großen Anklang fand und immer noch findet. Ob Minnesang, Opern, Schlager oder tanzbare Beats – populär ist heutzutage, was leicht eingängig wirkt, sich schnell verbreitet und sich demnach gut und gewinnbringend vermarkten lässt. Der Popularitätsgrad eines Künstlers lässt sich somit nicht allein an der musikalischen Machart seiner Arbeit festmachen, sondern vielmehr an Verkaufszah- len von Tonträgern und Konzertkarten. Auch Adorno argumentierte bereits damit, dass Popular- musik ganz einfach leichte Tanzmusik wäre, die unabhängig eines bestimmten Bildungsstandes sei oder irgendwelches spezifisches Vorwissen benötige. Auf diesem Wege ließe sich Popmusik also als eine Art unterhaltsame musikalische Breitenbewegung, oft auch als 'Mainstream' betitelt, durch alle Gesellschaftsschichten hinweg definieren.

Um trotzallem darauf hinzuweisen, dass Popmusik nicht immer nur aus seichten Melodien und Texten bestehen muss, wird jener Begriff in der Forschung nochmals spezifisch unterteilt in U-Musik (Unterhaltungsmusik) und E-Musik (Ernste Musik). So war beispielsweise infolge des 1. bzw. 2. Weltkrieges das Bedürfnis der Bevölkerung nach herzerwärmender und vergnügter Musik weitaus größer als das, diverser alternativer Jugendbewegungen, die in den darauffolgen- den Jahrzenten mit ihren deutschsprachigen Texten begannen allmählich auf bestimmte gesell- schaftliche Problematiken hinzudeuten (z.B. Politik, Kapitalismus). Dieserlei Subszenen werden etwa von Bewegungen wie der des 'Krautrocks', der 'Hamburger Schule' oder der 'Neuen deut- schen Welle' verkörpert. Betrachtet man hingegen die einerseits noch relativ harmoniebedürftige und andererseits zunehmends aufgeweckte Nachkriegsgeneration der 50er Jahre, so fällt auf, dass der amerikanische Einfluss des Rock'n'Rolls die Gemüter der damaligen Jugendkultur doch sehr erhitzte. Durch Elvis Presley war es plötzlich auch in Deutschland in Mode zu englischsprachiger Musik zu tanzen – kurze Röcke, ein ausgeprägter Hüftschwung und mitreißende Beats waren die Angriffspunkte jener Ära. Man wollte den Eltern, Freiheit, Ekstase und Ungebundenheit demons- trieren. Zwar kann man laut Behrens nicht von einer strikt emanzipatorischen Bewegung spre- chen, sondern eher von einer inszenierten Rebellion ohne Ziel. Denn der Hauptgrund dieses ver- meintlichen Protestzuges war vielmehr die Auflehnung und Abgrenzung der Heranwachsenden von den alten und, in deren Augen, angestaubten Werten der Erwachsenen, die immernoch von der harten Zeit des Krieges geprägt waren.

Mit Anbruch der Folgedekade, könnte man davon ausgehen, dass der Siegeszug des Rock'n'Roll auch weiterhin seinen Lauf genommen habe. Dem war jedoch ganz und garnicht so – der ebenfalls oft verwendete Begriff der 'wilden 60er' ist somit zudem äußerst fraglich, da der Großteil jenes Jahrzehnts im Grunde das absolute Gegenteil zu der schadlosen Rebellion der 50er Jahre darstellte. Viele externe Umstände hatten sich zum positiven gewendet, sodass bisweilen in der breiten Bevölkerung kein zentraler Grund zu irgendeiner Art von Rebellion oder Auflehnung mehr im Raum stand. Der Marshallplan hatte mittlerweile seine volle Wirkung entfalten können und Deutschland befand sich im wirtschaftlichen Aufschwung. Gutes Einkommen, weniger Ar- beitstage und demzufolge auch mehr Platz für Freizeit. Dabei rangierte der Musikkonsum an den obersten Rängen der beliebtesten Hobbys vieler Leute. Die Nation fand somit erneut zu massen- tauglichen seichten Schlagersongs zurück, in denen Themen wie die wunderbare Schönheit des Heimatlandes (René Carol – 'Kein Land kann schöner sein') beschrieben wurden. Auch das Fern- weh nach fremden Ländern (Peppino di Capri – 'St.-Tropez-Twist') und die profitable Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften aus Italien, Griechenland (Nana Mouskouri - 'Weiße Rosen aus Athen') oder der Türkei fanden ihren Platz in der Musik. Ferner wurden auch die Raumfahrttech-nik (Gus Backus – 'Mann im Mond'), der Klassenunterschied zwischen Arm und Reich (Gert Böttcher – 'Geld wie Heu') und der traditionell konservative Wunsch nach einer intakten Familie (Ralf Bendix – 'Babysitter Boogie') thematisiert. Während in der Literatur mit Böll, Andersch und Grass versucht wurde die Geschichte des Landes Stück für Stück aufzuarbeiten, zog die Musikin-dustrie eine sorglose Trennlinie und arbeitete daran nur die Schönheit und das Positive aus jeder Situation herauszufiltern ohne dabei die grausame Vergangenheit zu berücksichtigen oder sich bewusst um politische Problemfragen zu kümmern.

Dies war sicherlich ebenso ein durchdachter Schachzug ihrerseits bezogen auf die derzeitige florierende Konsumkultur jener Zeit. Wie bereits erwähnt bedeutete eine angenehme wirtschaftliche Gesamtsituation auch gute Monatsverdienste für die Arbeitnehmer des Landes und somit auch eine höhere Bereitschaft mehr Geld für indivi-duelle Freizeitbeschäftigungen, wie das Reisen oder den Musikkonsum auszugeben. Demzufolge wollten die Menschen jener Dakade das positive und sorglose Gefühl ihrer Gesellschaft auch in der Musik wiederfinden und nicht mit politisch komplexen Problemen konfrontiert werden.

Inwieweit ein Rezipient eines Liedes das Stück selbst interpretiert bleibt ihm letztendlich jedoch selbst überlassen. Das heißt, da sich jeder Hörer in einer eigenen individuellen Lebenslage befindet, mag ein bestimmtes Lied bei verschiedenen Menschen auch unterschiedliche Assoziati- onen hervorrufen. Denn bezogen auf persönliche Erlebnisse und Erfahrungen kann ein Musik- stück alle möglichen Gefühle des bisherigen Lebens wiedererwecken und so direkter Ausdruck des eigenen Charakters sein. Musik ist also nichts anderes als ein unmittelbarer Spiegel der indi- viduellen Persönlichkeit, der bestimmte Stile oder Ideen an die umliegende Gesellschaft übermit- teln soll und dadurch ebenfalls eine egozentrisch emanzipatorische Note erhalten kann, d. h. ein Lied, welches für eine Person aus dem Volk, also einen willkürlichen Hörer, eine individuell auf ihn selbst zugeschnittene emanzipatorische Bedeutung entwickelt, jedoch nicht als emanzipa- torisches Werk als solches vom Texter bzw. Komponisten gedacht war. So wurde beispielsweise Drafi Deutschers 'Marmor, Stein und Eisen bricht' in der Studentenbewegung um 1968 zu einer Art Protestversion umgestaltet, in der es dann hieß: 'Marmor, Stein und Eisen bricht / Aber unser Widerstand nicht.' - eine zuvor als Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen gedachte Variante, die später zu Demonstrationszwecken mit politischem Kontext dienen sollte.

Alles in Allem kann man zu dem Schluss kommen, dass Musik in erster Linie zur Unter- haltung und als zwischenmenschliches Bindeglied ganzer Nationen und Kulturen gedacht sei. In- wieweit bestimmte Lieder trotzallem zu politischen Selbsläufern avancieren ist stets eine Frage derjenigen Teilgesellschaft, die ein jeweiliges Genre verkonsumiert. Dabei ist ferner zu beachten, dass handelsüblicher Mainstream Pop im Allgemeinen im Unterhaltungsbereich angesiedelt ist und eher zu eskapistischen Zwecken dient, wobei der Aufstand gegen etablierte Konventionen eher in der von Plattenfirmen unabhängigen musikalischen Subszene wurzelt. Auch sogenannte Nischengenres des Pop, wie vorrangig Rap/Gangsta Rap, Punk, Gothic oder Heavy Metal neigen dazu gesellschaftliche Themen wie beispielsweise Homosexualität, Pädophilie oder Abreibung unverblümt anszusprechen. Somit wird auch klar, warum man in den schlagerlastigen 60er Jahren hauptsächlich vermied textlich auf zu arge Konfrontationen zu stoßen. Erst gegen Ende der Deka- de, als Deutschland von der britischen Beatbewegung beeinflusst wurde, radikalisierte sich die Jugendkultur und wurde zum Wegweiser für die turbulenten 70er Jahre – egal ob Anti- Atomkraft, Anti-Rassismus oder Frauenbewegung. Die langsam heranwachsende jugendliche Subkultur nahm ihren natürlichen Lauf.

Literatur:

Peters, Sebastian: Ein Lied mehr zur Lage der Nation. Politische Inhalte in deutschsprachigen

Popsongs. Berlin 2010 (= Archiv der Jugendkulturen; Wissenschaftliche Reihe, Bd. 6).

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Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Kann Popmusik "emanzipatorisch" im Sinne der Kritischen Theorie sein?
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanitik – Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwisschenschaft 2)
Veranstaltung
Seminar: Die frühen 1960er Jahre
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
4
Katalognummer
V496068
ISBN (eBook)
9783346007285
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Popmusik, emanzipatorisch, Emanzipation, kritische theorie, Popularität, Tanzmusik, Mainstream, Rock'n'Roll, Jugendkultur, Elvis Presley, Freiheit, Ungebundenheit, Rebellion, Ekstase, Heimatland, Studentenbewegung, 60er, Beat, Frauenbewegung
Arbeit zitieren
B.A./B.Sc. Julia Schart (Autor), 2012, Kann Popmusik "emanzipatorisch" im Sinne der Kritischen Theorie sein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496068

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