"Pour que vive la France". Merkmale des "autoritären Populismus" nach Stuart Hall in den Beiträgen der Front National Vorsitzenden Marine Le Pen zur Schulbildung


Hausarbeit, 2016
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 HAUPTTEIL
2.1 Marine Le Pen und der Front National
2.2 Untersuchungsmaterial und Untersuchungsfokus
2.2.1 Der Text „Pour que vive la France“ als Untersuchungsmaterial
2.2.2 Die Eingrenzung des Untersuchungsfokus
2.3 Das 'Raster' des „autoritären Populismus“ – Die Krise als Vorbedingung
2.3.1 Die populistischen Elemente nach Stuart Hall in „Pour que vive la France“
2.3.2 Die autoritären Elemente nach Stuart Hall in „Pour que vive la France“
2.3.3 Die Zusammenführung der Merkmale „autoritär und populistisch“

3 ZUSAMMENFASSUNG

LITERATURVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

Der Begriff des Populismus ist aktuell häufig Gegenstand der öffentlichen Berichterstat- tung: „Die Rechtspopulisten haben die Linken rhetorisch überholt“ (Dörr 2016) titelte die Süddeutsche Zeitung im August 2016. Neben verschiedenen 'rechten' Populisten wie Norbert Hofer in Österreich und Geert Wilders in den Niederlanden wird in Frankreich die Front National Vorsitzende Le Pen, die 2017 „den Elysée-Palast erobern wolle“ (Heißler 2016), im Zuge eines Aufschwunges des „Populismus“ genannt. Marine le Pen tritt mit Äußerungen an die Öffentlichkeit, dass sie im Rahmen der Präsidentschaftskandidatur 2017 einen „patriotischen“ Politikwechsel“ (Le Pen 2016) in Frankreich anstrebe und wirft dem „alten System“ zahlreiche Krisen vor (vgl. ebd.). Le Pen stellt sich in ihren öffentli- chen Reden als „Heilsbringerin“ dar, die als Antwort auf die Krise das politische Leben in Frankreich umgestalten will: „Cette crise politique peut être salutaire et elle le sera (..) quand aura (..) abouti cette véritable recomposition de la vie politique française que j’appelle de mes vœux (..)“1 (ebd.). 2012 veröffentlichte Le Pen das Buch „Pour que vive la France“, das sie als „Kompass“ bezeichnet und in dem sie – bevor eigene Lösungen zur Krisenbewältigung präsentiert werden - zunächst ihre Sicht der politischen und ge- sellschaftlichen Lage in Frankreich darlegt, so zum Beispiel die Verantwortlichkeit des herrschenden Systems für die Krise der Schule und den Anstieg des Nichtwisssens in der Bevölkerung, welches kein „(..) malheureux dysfonctionnement de notre société“ sei, sondern vielmehr „(..) une des conditions nécessaires au développement de la société ultralibérale“ (Le Pen 2012: 112 f.). Angesichts der Tatsache, dass das Thema des sin- kenden Bildungsniveaus ein allseits häufig beklagtes ist (vgl. Dubet 2013; Kreit- ling/Vitzthum 2015), entsteht der Eindruck, dass mit den Mitteln des 'Populismus', her- kömmlich verstanden als der „Gier nach Zustimmung von Seiten des Volkes“ (Nohlen 2011: 489) versucht wird 'Politik zu machen'. Dieser erste Eindruck und die Tatsache, dass der Begriff des Populismus ein explizit mehrdeutiger ist (vgl. ebd.), lassen ange- sichts der multidimensionalen Aussagen der Front National Vorsitzenden zum Thema Schulbildung in dem Buch „Pour que vive la France“, das in der vorliegenden Arbeit aus- schnittweise analysiert wird, jedoch noch kein aussagekräftiges Bild über das spezifische Agieren Le Pens zu. Mithin ist nach einem theoretischen Fokus zu fragen, mit dem das Agieren der „groben Blonden“ (Randow 2010) näher beleuchtet werden kann. Ein theo-retisches Konzept, das in dem dieser Arbeit zugrundeliegenden Seminar, welches den Begriff des Populismus in den wissenschaftlich fundierten Zusammenhang der Trans- formation von Herrschaft in unterschiedlichen kapitalistischen Verhältnissen stellte, erör- tert wurde, ist der des „autoritären Populismus“ nach Stuart Hall (vgl. unter anderem Hall 2014 (b): 101-119). Dieser Ansatz, der auf Antonio Gramsci zurückgehend (vgl. Dubiel 1986: 9) die „grundlegende Reorganisation des gesellschaftlich hegemonialen Konsen- ses“ durch den „Thatcherismus“ in der „Krise der britischen Gesellschaft der 1970 er Jahre“ (ebd.) analysiert und dabei die Rolle eines spezifischen Populismus als zentral ansieht, da er „das Populare (..) in die 'Krise des Staates' hineinkonstruiert“ (Hall 2014 (b): 105), um „das strategisch(e) politisch(e) Kräftefeld (zu rekonstruieren)“ (ebd.: 104), erscheint aufgrund der Tatsache, dass man in Frankreich – insgesamt und nicht nur in puncto Bildung, sondern wie unlängst anhand den Protesten gegen die „loi travail“ deut- lich wurde, von einer tiefen Krise spricht (vgl. Barazon 2016; Doll/Cesar 2015) sowie des vorerwähnten Ziels Le Pens einer „recomposition de la vie politique française“ (s.o.)2 als geeigneter Untersuchungsansatz, um sich beispielhaft am Thema „Schulbildung“ dem Thema des Populismus in puncto Marine Le Pen anzunähern.3 Das Thema und der „rote Faden“ der Arbeit stellen sich wie folgt dar: Nach der Darstellung der Bedeutung Marine Le Pens und deren Partei für die französische Gesellschaft werden die Auswahl des Un- tersuchungsmaterials und des Untersuchungsfokus begründet. Sodann wird als Schwer- punkt der Arbeit der „autoritäre Populismus“ nach Stuart Hall in Form einer 'Segmentie- rung' dieses Begriffs dargestellt und anhand dessen die Annahme der Arbeit überprüft, dass die Abhandlungen Le Pens über Rolle der schulischen Bildung in „Pour que vive la France“ Merkmale eines „autoritären Populismus“ nach Stuart Hall abbilden. In der Zu- sammenfassung erfolgen die Darstellung der Analyseergebnisse sowie eine kritische Stellungnahme.

2 HAUPTTEIL

Im Hauptteil der Arbeit wird zunächst die Bedeutung Marine Le Pens und die des „Le Front National“4 für die französische Gesellschaft dargestellt. Des Weiteren wird begrün- det, warum das 2012 erschienene Buch Le Pens „Pour que vive la France“ ein geeigne- ter Untersuchungsgegenstand ist und welcher theoretische Untersuchungsfokus vorlie- gend gewählt wurde. Sodann erfolgt die Verifizierung der Annahme der Arbeit, dass sich in ausgewählten Textauszügen aus „Pour que vive la France“ Merkmale eines „autoritä- ren Populismus“ nach Stuart Hall befinden.

2.1 MARINE LE PEN UND DER FRONT NATIONAL

Der Einleitungssatz der Biographie „Marine Le Pen“: „On l'appelle souvent Marine. Pour ne pas la confondre avec son père toujours désigné par son nom: Le Pen“ (Fou- rest/Venner 2011: 9) fasst die Bedeutung, die Marine Le Pen für ihre Partei, den FN und die französische Gesellschaft aufweist, kurz und bündig zusammen. Marine Le Pen, die seit 2011 Parteivorsitzende des FN ist (vgl. Lemonde.fr 2011), verkörpert das neue Ge- sicht und Image des FN, welcher der aktuellen Vorsitzenden verbesserte Umfrageergeb- nisse, eine bessere Presse und die Tatsache zu verdanken hat, dass Wähler sich anders als zu Zeiten, als noch ihr Vater, der in vieler Hinsicht kritisierte Parteipatriarch Jean- Marie Le Pen, das „Monster“ in der Partei den Ton angab, dazu bekennen, den FN zu wählen (vgl. Fourest/Venner 2011: 10, 61 f.):

„Sous Jean-Marie Le Pen, la diabolisation relevait parfois simplement d'effroi spontané sus- cité par ce personnage, qui disait tout haut des horreurs. Bien des Français se sont retenus de voter Front National uniquement à cause du scandale provoqué par ces petites phrases. Pour ne pas avoir honte, Marine Le Pen s'emploie à lever cette pudeur. Ses électeurs n'ont plus de complexes à dire qu'ils vont voter pour elle. Ce n'est même plus une provocation.“ (ebd.: 418).

Seit dem Jahr 2002 arbeitet Le Pen daran „(..) par tous les moyens de 'dédiaboliser' l'image du FN“ (ebd.: 60). Durch eine geschickte Strategie, durch die sie sich und ihren Werdegang als den einer Märtyrerin, die als Tochter Le Pens stets ausgegrenzt wurde, darzustellen vermochte, hat sie es erreicht sich als „(..) personnage d'enfant persécutée“ (ebd.: 417) darzustellen, die fast selber „den gelben Stern“ trägt (ebd.: 417 f.) oder wie sie selbst in „Pour que vive la France“ in Anspielung auf ihre Autobiografie formuliert:

„Ma vie, je ne m'y étendrai pas ici, je l'ai fait dans mon ouvrage autobiographique À contre flots. 5 Mais en quelques mots, mon expérience, ce fut l'hostilité en ma qualité de fille de Le Pen (..) Cette injustice aurait suffi à motiver mon engagement politique (Le Pen 2012: 8).

Dadurch, dass Marine Le Pen sich in der Öffentlichkeit selbst als Verfolgte geriert und eine zu offene Kommunikation ihrer radikalen Ansichten zu ihrem „(..) programme – nati- onaliste et xénophobe, isolationniste et délirant (..)“ (Fourest/Venner 2011: 417 f.) ver- meidet, hat sie es erreicht, dass auch die öffentlichen Medien nicht in eine offene Kon- frontation mit ihr eintreten und sie bei Begegnungen respektvoll behandeln (vgl. Fourest/Venner 2011: 417 f.). Insgesamt lässt sich sagen, dass Marine Le Pen den in der Vergangenheit isoliert am rechten Rand stehenden und als nicht wählbar geltenden FN für viele Wähler, die den FN in seiner Prägung durch Jean-Marie Le Pen und dessen 'Ausfällen' noch persönlich erlebt hatten, wieder salonfähig gemacht hat (vgl. ebd.: 417). Trotz der Tatsache, dass der FN bis auf zwei Abgeordnetensitze in der französischen Nationalversammlung sowie zwei Plätze im Senat keinen wesentlichen Gestaltungsein- fluss in Frankreich hat (vgl. Spiegel Online 2015; Die Welt 2014), zieht er, wie darzule- gen sein wird, häufig die mediale Aufmerksamkeit auf sich. Besondere Bedeutung hat die Tatsache, dass der FN versucht, bei jungen Wählern aus ländlichen Gegenden oder 'Problemvierteln' Stimmen zu gewinnen. Eine Attraktivität der Partei für Jungwähler gründet sich unter anderem darauf, dass diesen nur das Gesicht Marine Le Pens, nicht aber die wenig rühmliche Vergangenheit der Partei bekannt ist (vgl. ebd.), zumal Marine Le Pen verspricht, die Situation der jungen Wähler zu verbessern und mithin die „Krise“ (s.o.) zu meistern: „La jeunesse) profitera davantage encore des bénéfices du redresse- ment national que je dessine.“ (vgl. Le Pen 2012: 237). Die bereits zitierte Strategie der 'Entdiabolisierung' des FN gipfelte 2015 in dem Parteiausschluss Jean-Marie Le Pens wegen antisemitischer Äußerungen (vgl. Zeit Online 2016). Nach alledem ist festzuhal- ten, dass der lange Zeit 'totgesagte' FN durch Marine Le Pen, die sich als stärkste Kraft innerhalb der Partei etabliert hat, eine neue politische Bedeutung als „(..) le 'troisième homme' (..)“(Lemonde.fr 2012) hinter etablierten Kandidaten wie beispielhaft François Hollande erhalten hat (vgl. ebd.). Somit ist der FN unter der Führung von Marine Le Pen eine ernstzunehmende Kraft am 'rechten Rand' der französischen Parteienlandschaft, genauer der FN unter Marine Le Pen : „(..) fait partie du jeu politique et médiatique“ (Fou- rest/Venner 2011: 218) oder um es mit den Worten Stuart Halls zu umschreiben: „Die Rechte hat sich von Grund auf erneuert und 'reformiert'. Sie stellt eine politisch- ideologische Kraft einer gänzlich neuen Art dar (..). (Sie muss) nun als eine aktive politi-sche Kraft begriffen werden (..)“ (Hall 2014 (b): 104).

2.2 UNTERSUCHUNGSMATERIAL UND UNTERSUCHUNGSFOKUS

Vor der eigentlichen Analyse stellt sich die Frage nach der Auswahl des Untersuchungsmaterials sowie der Eingrenzung des Untersuchungsrahmens.6

2.2.1 DER TEXT „POUR QUE VIVE LA FRANCE“ ALS UNTERSUCHUNGSMATERIAL

Um das Vorliegen von Merkmalen eines „autoritären Populismus“ nach Stuart Hall zu überprüfen, wird eine Analyse der Wortwahl verschiedener Textdokumente aus dem Text „Pour que vive la France“ vorgenommen. Dabei handelt es sich vorrangig um die Kapitel: „La destruction de l'École et l'abandon de la culture classique“ (Le Pen 2012:111-115) sowie „La refonte de l'École, un enjeu premier“ (ebd.: 235-246), in denen Le Pen zunächst ihre Sicht der Situation des Schulwesens darlegt, um sodann Lösungen zu präsentieren. Was aber macht diese Textausschnitte – neben der vorerwähnten Tatsa- che, dass auch Hall das Gebiet der Erziehung als bedeutsam ansieht (s.o.) - bedeutsam für eine Analyse des „autoritären Populismus“? Der Text „Pour que vive la France“ er- schien im Februar 2012 kurz vor dem ersten Wahlgang der französischen Präsident- schaftswahlen im April 2012, bei der Le Pen als Kandidatin des FN antrat und im ersten Wahlgang den dritten Rang hinter François Hollande und Nicolas Sarkozy belegte (vgl. Lemonde.fr 2012). Der Text gewinnt dadurch an Bedeutung für eine Analyse eines „auto- ritären Populismus“, dass er nach eigenem Bekunden als ein programmatischer Text zu verstehen ist, der durch den Dschungel des Präsidentschaftswahlkampfes führen soll und der dazu dient, den Wählern die politische „Vision“ der Parteivorsitzenden des FN nahe zu bringen, die sie als eine politische Veränderung jenseits des bisherigen Ver- ständnisses des öffentlichen Lebens, des Funktionierens der Wirtschaft, der Einsätze im Spiel der Macht und der gesellschaftlichen Entwicklungen ansieht, herbeizuführen:

„Dans la jungle de la campagne présidentielle, et dans ce contexte de terrorisme intellectuel que nous imposent nos élites, ce petit livre a pour ambition d'être une boussole. Une bous- sole qui doit permettre à chaque lecteur de se faire une autre idée de la vie publique, du fonctionnement de notre économie, des réels enjeux de pouvoir, de l'évolution de notre so- ciété. Une boussole qui doit offrir à chacun la possibilité d'y voir clair et de comprendre les grands enjeux qui sont en réalité au coeur de l'élection présidentielle. Une boussole enfin qui doit aussi montrer le cap, la vision que je propose aux Français“ (Le Pen 2012: 10 f.).

Trotz der Tatsache, dass der Text „Pour que vive la France“ 'programmatisch', mithin zielsetzend für die Politik Le Pens ist und von der Wählerschaft gelesen werden soll, um zu überzeugen und zu verändern, lassen sich im Rahmen einer Internetrecherche ledig- lich sehr unbestimmte Fakten zu seiner Verbreitung finden. Nach Angaben von Sekun- därquellen, die sich auf Zahlen des FN beziehen, sind bis Mitte 2013 insgesamt sech- zehntausend bis zwanzigtausend Bücher dieses Buches inklusive der 2006 erschienenen Biographie „À contre flots“ aufgelegt worden (vgl. 20minutes.fr 2013). 'Offi- zielle' Verkaufszahlen lassen sich im Internet nicht ermitteln, jedoch ist der Text bisher lediglich in Erstauflage erschienen. Trotz weniger Erkenntnisse über die tatsächliche Verbreitung des Textes sprechen weitere Aspekte für eine erhebliche Bedeutung des Textes im Rahmen der Erlangung von Aufmerksamkeit für die politischen Ziele Le Pens. Zum einen steht der Text einem breiten Publikum weitestgehend unbeschränkt zur Ver- fügung: Im August 2013 kommunizierte Marine Le Pen die kostenlose Download- Möglichkeit der zwei genannten Bücher über das Internet (vgl. Front National 2013). Ak- tuell ist das Buch für fünfzehn Euro im Internetshop des FN zu bestellen (Front National La Boutique en Ligne ohne Datum). Zum anderen hat der Text für 'Furore' in den franzö- sischen Massenmedien gesorgt. So hatte der Text in seinem Erscheinungsjahr - wie sich aus verschiedenen Internetquellen ergibt - durch ein scheinbares Anknüpfen einiger ent- haltener Parolen an Karl Marx oder sozialistischer Politiker wie Jean Jaurès eine nicht unerhebliche Publicity: „À coups de références tous azimuts (..) mais aussi Jean Jaurès et... Karl Marx, Marine Le Pen cherche clairement à se démarquer de sa famille poli- tique.“ (l'express.fr 2012). Diese scheinbare Abweichung vom bisherigen Diskurs der 'extremen Rechten' rief in den Massenmedien Widerspruch hervor, der sich zum Beispiel im Le Monde Diplomatique wie folgt äußerte: „Mme Le Pen ne craint pas de mobiliser, à l’appui de son propos, des auteurs dont le moins qu’on puisse dire est qu’ils n’ont rien de commun avec l’extrême droite (..)“ (Dupin 2012). Mithin 'verschwand' der Text „Pour que vive la France nicht in der 'Schublade', sondern wurde bereits als Gegenstand eines öf- fentlichen Diskurses um den FN rezipiert, welcher „(..) immer mehr im Zentrum der De- batte steht, während andere oppositionelle Stimmen verstummen (..)“ (Balmer 2015). Schließlich ist der Text so konzipiert, dass 'Jedermann' die Botschaften des Textes ent- schlüsseln kann. Le Pen verwendet eine einfache, zum Teil schon vulgäre Sprache. So äußert sie beispielhaft über diejenigen, die das Absinken des Bildungsniveaus von Schü- lern verkennen „Certains nient toujours cette baisse du niveau: ils sont aveugles ou idi- ots“ (Le Pen 2012: 242). Da der Text 'programmatisch' und leicht verfügbar ist sowie aufgrund seiner 'Kampfansagen' an den politischen Gegner in tatsächlicher Hinsicht eine Bedeutung als 'Meinungsmacher' in der Mediendebatte um die 'richtige' politische Vision für Frankreich ist und da es letztlich in der nachfolgenden Analyse um die „'message' as emitted“ geht (s.o.), stellt „Pour que vive la France“ einen für die Analyse des „autoritären Populismus“ nach Stuart Hall ausreichend relevanten Untersuchungsgegenstand dar.

2.2.2 DIE EINGRENZUNG DES UNTERSUCHUNGSFOKUS

Was aber kennzeichnet den „autoritären Populismus“ nach Stuart Hall, der als unklar kritisiert wird, zum Beispiel, weil er in unzulässiger Weise Fragen der Wählerbeeinflus- sung mit Fragen von tatsächlicher Regierungsmacht vermischt hat (vgl. Jessop/Bonnet 1988: 69)? Wie kann der genannte Begriff, für den Hall angibt, dass „(..) it adresses di- rectly, the questions of the forms of hegemonic politics“ (Hall 1988: 99) und noch deutli- cher „(..) to win for the authoritarian closure the gloss of populist consent“ (ebd.: 100), in einem programmatischen Dokument ausgemacht werden, wenn die Partei bis auf zwei Abgeordnetensitze in der französischen Nationalversammlung sowie zwei Plätze im Se- nat keinen wesentlichen Gestaltungseinfluss in Frankreich hat (vgl. Spiegel Online 2015; Die Welt 2014), mithin Gestaltungshandeln aufgrund von Mehrheiten und Regierungs- macht dieser Partei (vgl. ebd.) gar nicht festgestellt werden kann? Die Annäherung an diese Fragestellung, die die Eingrenzung des denkbaren Untersuchungsrasters in theo- retischer Hinsicht sowie die Präzisierung von Halls Begriff für die vorliegende Analyse betrifft, macht eine Einordnung des Begriffs „autoritärere Populismus“ in dessen Entste- hungszusammenhang und die Gewinnung von Erkenntnissen in Bezug auf Halls Unter- suchungsfokus notwendig. Dazu ist zu konstatieren, dass der Begriff des „autoritären Populismus“ aufgrund seiner Genese „(..) in the heat of conjunctural analysis“ (Hall 1988: 102) nicht isoliert als eine Art „allumfassender Schablone“ für jegliche Sachverhalte fun- giert, sondern in dem „größeren“ Zusammenhang einer Analyse der „strukturelle(n) Krise der britischen Gesellschaft der 1970 er Jahre (Kannankulam 2008: 237; umfassend zu dieser Krise: Hall 2014 (a): 48-86) zu verstehen ist (vgl. Dubiel 1986: 9) und - wie darge- legt werden wird, nur in einer solchen Krise 'Konjunktur' hat. In wissenschaftlicher Hin- sicht ging es Hall nach eigenem Bekunden nicht darum, „to produce a general explanati- on of Thatcherism“ (Hall 1988: 99). Vielmehr war er daran interessiert zu erklären, wie für „the authoritarian closure“, das heißt für den „shift from above“ „(..) the gloss of popu- list consent“ „von unten“, also aus „dem Volk heraus gewonnen werden konnte, um so „(to) forecast the rise of Thatcherism“ (vgl. ebd.: 100). Ebenso, wie in der Zeit Ende der 1970er Jahre, als Hall begann, den „Thatcherismus“ zu untersuchen, dieser aber noch kaum als fest definiertes Phänomen abschließend beurteilt werden konnte, weil „(..) it had not yet (..) acquired any clear form or established its dominance in organizational and institutional terms“ (Jessop/Bonnet 1988: 67), ist zu fragen „(..) how one analyses real, concrete phenomena (..)“ (ebd.), das heißt Phänomene, die 'im Fluss' sind und im Wesentlichen lediglich durch ihr Programm und nicht durch konkretes (autoritäres) Ge- staltungshandeln in einer Regierung beurteilt werden können. Trotz der Tatsache, dass es sich wegen der Aktualität des Geschehens vorliegend nicht um eine „interpretation with hindsight“ handelt (vgl. ebd.: 12), ist die in der 'Eingangsdefinition' des hier verwen- deten Textes Halls des „autoritären Populismus“ anklingende Frage, ob es der Partei tatsächlich gelingt, „(..) an exceptional form of the capitalist state which (..) has retained most (though not all) of the formal representative institutions in place“ (Hall 1983 (1979): 22) oder eine „autoritarian closure“ (s.o.) zu etablieren, nicht ohne weiteres aus der hie- sigen Untersuchung zu abszindieren. Vielmehr kann die Analyse lediglich diejenigen Elemente des „autoritären Populismus“ untersuchen, die in einer 'frühen Phase' wie der vorliegenden, in der es keinen von der radikalen Rechten initiierten Umbau des Staats- und Verwaltungsapparates und keine bloß formale Aufrechterhaltung demokratischer Strukturen, mithin eine tatsächliche Form der „authoritarian closure“ (s.o.) gibt, auftre- ten.7 Aus diesem Grund wird die Untersuchung in Anlehnung an Jessop/Bonnet 1988, die verlangen, dass der Ansatz und die Analyse an das jeweilige „Verwirklichungsstadi- um“ (Jessop/Bonnet 1988: 12 f.) eines Phänomens anzupassen ist (vgl. ebd.) auf die Merkmale - Strategien und den 'Abschluss' oder closure (s.o.) - des 'Phänomens Le Pen' beschränkt, welche in einem programmatischen Text auszumachen sind.

[...]


1 Alle wörtlichen oder sinngemäßen Übersetzungen sind solche der Verfasserin.

2 Siehe oben.

3 Des Weiteren ist das Gebiet der Schulbildung für Stuart Hall ein bedeutsames Diskursfeld, auf welchem ökonomische, also politische Themen mit popularen Ideologien verknüpft werden, um so die Welt der „problematischen sozialen Realität in kla- re und unzweideutige moralische Gegensätze einzuteilen und diese letztlich in eine „autoritäre Richtung“ umzuarbeiten (vgl. Hall 2014 (b): 116 f.).

4 Im Folgenden auch FN genannt.

5 Alle nachfolgenden Kursivierungen sind solche der Autoren.

6 Aus Gründen des Arbeitsumfanges wird auf die Darstellung einer Methodik weitestgehend verzichtet. Dennoch erfolgt die vorliegende Analyse einer bewussten Fallauswahl, die sich - wie einleitend dargelegt - aufgrund von theoretischen Annahmen über das Analyseobjekt „Pour que vive la France“ als Merkmalsträger ergibt (vgl. Blatter/Janning 2007: 32). Wie darzulegen sein wird, analysiert die Arbeit die Wortwahl der Untersuchungstexte und orientiert sich mithin an interpretativen Verfahren der qualitativen Auswertung von Sekundärtexten (vgl. ebd.), was der Praxis qualitativer Forschungsdesigns entspricht, die „ganz auf interpretative Sekundäranalysen vertrauen“ (vgl. ebd.: 34). Da es letztlich – wie darzulegen sein wird - in der vorliegenden Analyse darum geht „the 'message' as emitted zu untersuchen und nicht „the message as received and understood“ (vgl. Je- ssop/Bonnett 1988: 73), stellt der Text - wie nachfolgend gezeigt wird - nach summarischer Prüfung seines Rezeptionsrah- mens eine ausreichende Untersuchungsgrundlage für die „message“ des „autoritären Populismus“ dar.

7 Mit dieser Eingrenzung des Analysefokus folgt die vorliegende Arbeit der Auffassung Jessop/Bonnetts (1988: 12, 20), dass es nicht möglich ist, ein „komplexes Phänomen“ unabhängig von seinem zeitlichen Voranschreiten, seiner Entwicklung, seinen aktuellen Strategien zu analysieren, Auch in Bezug auf die Analyse Halls gilt es daher, denjenigen Theorieteil und Analysefo- kus „auszuwählen“, der für eine „aufstrebende“ politische Kraft „passt“. Diese Vorgehensweise korrespondiert mit der Tatsa- che, dass eine theoretische Analyse eines nicht abgeschlossenen Phänomens nicht allumfassend und abschließend sein kann (vgl. Hall 1988: 99; Jessop/Bonnet 1988: 12 f.).

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
"Pour que vive la France". Merkmale des "autoritären Populismus" nach Stuart Hall in den Beiträgen der Front National Vorsitzenden Marine Le Pen zur Schulbildung
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
30
Katalognummer
V496108
ISBN (eBook)
9783346007322
ISBN (Buch)
9783346007339
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Populismus
Arbeit zitieren
Stefanie Weigel (Autor), 2016, "Pour que vive la France". Merkmale des "autoritären Populismus" nach Stuart Hall in den Beiträgen der Front National Vorsitzenden Marine Le Pen zur Schulbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496108

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