Die ersten, maßgeblich von den USA initiierten und gestalteten Schritte hin zu einer westeuropäischen Integration (OEEC), Ruhrbehörde und die daraus entstehende Montanunion hatten nur vordergründig bzw. nur in einem ersten Anlauf primär wirtschaftspolitischen Charakter. Der sich früh abzeichnende Kalte Krieg ließ jedes ökonomisch-politische Moment gleichzeitig zu einem verteidigungspolitischen werden. Besonders deutlich wird dies letztlich in der Überschneidung bzw. dem nachträglichen Junktim zwischen EGKS und EVG („le plan Schuman élargi“) und den amerikanisch-französischen Differenzen hinsichtlich der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Integration Westdeutschlands in Europa. Schon sehr früh (1946) interpretierte die Truman-Administration den sowjetischen Expansionismus nicht mehr nur als ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis, sondern mehr und mehr wurde die Politik Stalins (spätestens nach Prag 1948) auf totalitäre und ideologische Motive zurückgeführt. Dennoch soll in dieser Arbeit die militärische Dimension nicht der alleinige Ausgangspunkt sein; die NATO-Thematik mit ihrer Frage nach der Natur der europäisch-atlantischen Beziehungen wird ebenso nur gestreift wie die sehr umfangreiche EVG-Problematik, bei der das NATO-Thema implizit ist (Stichwort: WEU/EVG sollte gleichberechtigte NATO-Mitgliedschaft Westdeutschlands verhindern.). Im Mittelpunkt sollen eher die amerikanischen Anschubkräfte für die europäische Integration stehen und die Schwierigkeiten gerade hinsichtlich auf die deutsche Frage und die deutsch-französische Proble-matik, die auch zum einem Problem für die USA wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorgeschichte: Die USA und die Idee der europäischen Integration in der Geschichte
2.1 Von Monroe zu Wilson, München, Pearl Harbour
2.2 Die USA und die Anfänge der europäischen Integration
2.3 Die Ruhrbehörde, OEEC, Brüsseler Pakt – erste europäische Einigungstendenzen
3. Die USA auf Partnersuche
4. Die USA und die Handlungsebenen in Europa: Stärkung und Integration Westeuropas, die deutsche Frage und die westdeutsche Souveränität
4.1 Die Sonderrolle Deutschlands wird ausschlaggebend für den Weg der Integration: Zielvorstellungen des US-Politik
4.2 Konflikte und Rückschläge
5. Amerikanisch-französische Divergenzen in der Wahrnehmung Deutschlands und hinsichtlich der europäischen Integration
6. Der Schuman-Plan als amerik.-französischer Kompromiss
7. Die USA und die EVG
8. Schlusswort
9. Zeittafel zu einigen wichtigen Ereignissen auf dem Weg hin zur europäischen Integration
10. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht den maßgeblichen Einfluss der Vereinigten Staaten auf den Prozess der europäischen Integration nach dem Zweiten Weltkrieg. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich dabei auf die US-amerikanischen Anschubkräfte zur Integration unter Berücksichtigung der komplexen deutschen Frage sowie der deutsch-französischen Problematik.
- Die Rolle der USA als Initiator europäischer Integrationsprozesse (OEEC, Montanunion).
- Die Entwicklung einer amerikanischen Europapolitik im Kontext des Kalten Krieges und der Eindämmungsstrategie.
- Die widersprüchlichen Interessen der USA, Frankreichs und Westdeutschlands.
- Die Bedeutung von Schuman-Plan und EVG als Instrumente der Westbindung.
- Die Rolle Westdeutschlands als Faktor zwischen Souveränitätsstreben und Sicherheitsinteressen der Nachbarn.
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Sonderrolle Deutschlands wird ausschlaggebend für den Weg der Integration: Zielvorstellungen der US-Politik
Der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft aber setzte auch die Wiederherstellung einer deutschen Staatlichkeit voraus; denn nur so glaubte man die Deutschen zur Mitarbeit am Wiederaufbau Europas motivieren zu können. Bei dem Ausbleiben einer gesamtdeutschen Lösung konnte dies natürlich nur in den westlichen Besatzungszonen geschehen. Dieser Notwendigkeit sahen die amerikanischen Entscheidungsträger mit gemischten Gefühlen entgegen, setzte sich Amerika damit doch gleich zwei Gefahren aus - konnten sich die europäischen Nachbarn des deutschen Volkes so bald nach der Kapitulation des „Großdeutschen Reiches“ doch nicht im geringsten für die Wiederherstellung irgendeiner deutschen Staatlichkeit begeistern und am allerwenigsten Frankreich: Wenn die USA die Bildung eines westdeutschen Teilstaates betrieben, gerieten sie in einen Gegensatz zu den legitimen Sicherheitsinteressen der westeuropäischen Staaten. Zum anderen verwickelten sich die USA als Gründer eines westdeutschen Teilstaates in einen Widerspruch zu dem offiziell unterstützten Wunsch der Deutschen nach nationalstaatlicher Einheit. Sie liefen damit Gefahr, sich den deutschen Nationalismus zum Feinde zu machen und so in eine ähnliche Lage zu geraten wie die westlichen Siegermächte nach dem Ersten Weltkrieg. Und wer garantierte, von allem anderen abgesehen, letztlich für die Treue einer westdeutschen Republik zu der westlichen Staatengemeinschaft, die sich gerade herausbildete? Die wirtschaftlich als unerlässlich angesehene Bildung eines westdeutschen Staates konnte also im schlimmsten Falle zu einem Sprengsatz für die noch schwach entwickelte atlantische Staatengemeinschaft und die Idee der „europäisch-nationalen Lösung“ werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt den maßgeblichen US-Einfluss auf die europäische Integration und thematisiert das Spannungsfeld zwischen ökonomischer Wiederaufbauhilfe und sicherheitspolitischen Notwendigkeiten im Kalten Krieg.
2. Vorgeschichte: Die USA und die Idee der europäischen Integration in der Geschichte: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Wandel der amerikanischen Außenpolitik vom Isolationismus hin zur globalen Verantwortung und den frühen Reaktionen auf europäische Einigungsbestrebungen.
3. Die USA auf Partnersuche: Hier wird der Prozess beschrieben, wie die USA nach dem Scheitern der Hoffnung auf eine britische Führung Frankreich als zentralen Partner für den europäischen Integrationskurs gewannen.
4. Die USA und die Handlungsebenen in Europa: Stärkung und Integration Westeuropas, die deutsche Frage und die westdeutsche Souveränität: Das Kapitel analysiert das amerikanische Ziel der „doppelten Eindämmung“, das darauf abzielte, sowohl die Sowjetunion zu blockieren als auch ein erstarkendes Westdeutschland in ein supranationales Gefüge einzubinden.
5. Amerikanisch-französische Divergenzen in der Wahrnehmung Deutschlands und hinsichtlich der europäischen Integration: Diese Untersuchung legt die Differenzen zwischen Paris und Washington offen, insbesondere hinsichtlich der deutschen Sicherheitsgefahr und der künftigen Rolle Frankreichs.
6. Der Schuman-Plan als amerikanisch-französischer Kompromiss: Das Kapitel stellt den Schuman-Plan als entscheidendes Instrument dar, um Westdeutschland wirtschaftlich und politisch unwiderruflich an den Westen zu binden.
7. Die USA und die EVG: Der Fokus liegt hier auf dem gescheiterten Projekt der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und der US-amerikanischen Rolle bei der militärischen Integration Westdeutschlands.
8. Schlusswort: Das Schlusswort bilanziert, dass die USA trotz des Scheiterns der EVG ihre wesentlichen Ziele – die wirtschaftliche und politische Westbindung sowie die Einbindung Deutschlands – durch die späteren Pariser Verträge und den NATO-Beitritt erreichten.
Schlüsselwörter
Europäische Integration, USA, Kalter Krieg, Westdeutschland, Außenpolitik, Schuman-Plan, EVG, NATO, Containment, Deutschlandfrage, Frankreich, Marshallplan, Westbindung, Supranationalität, Souveränität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die maßgebliche Rolle der USA bei der Initiierung und Gestaltung des europäischen Integrationsprozesses nach 1945 sowie die strategischen Überlegungen, die zur Westbindung Westdeutschlands führten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die amerikanische Europapolitik im Kontext der sowjetischen Expansion, das Management der deutschen Frage, die deutsch-französischen Divergenzen und die Suche nach supranationalen Sicherheitsstrukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab, zu erklären, wie die USA durch ihre "doppelte Eindämmungspolitik" einerseits die Sowjetunion blockierten und andererseits Deutschland in ein geeintes, an den Westen gebundenes Europa integrierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine zeithistorische Analyse, die primär auf der Auswertung politischer Dokumente, zeitgenössischer Analysen und der einschlägigen Fachliteratur zur amerikanischen Außenpolitik basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Vorgeschichte, die amerikanische Suche nach europäischen Partnern, die Konzeption des Schuman-Plans, die Rolle der Ruhrbehörde sowie die komplexe Entwicklung und das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie europäische Integration, Westbindung, Eindämmungspolitik (Containment), Schuman-Plan und deutsch-französische Aussöhnung geprägt.
Warum war das Scheitern des Pleven-Plans bzw. der EVG aus US-Sicht kritisch?
Das Scheitern gefährdete die schnelle militärische Einbindung Westdeutschlands in ein westeuropäisches Sicherheitssystem, was die USA zwang, über die WEU-NATO-Lösung alternative Wege für den deutschen Wehrbeitrag zu suchen.
Wie bewertet der Autor den Erfolg der amerikanischen Europapolitik?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die USA ihre wichtigsten Ziele erreicht haben, da die europäische Integration ein Bollwerk gegen den Kommunismus bildete und Deutschland fest im Westen verankert wurde.
- Quote paper
- Bernhard Nitschke (Author), 2005, Die USA und der Beginn der europäischen Integration, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49630