Die vorliegende Arbeit soll einen klassismuskritischen Blick auf die Institution Schule geben, indem sie die Benachteiligung von Schülern und Schülerinnen mit einem sozio-ökonomisch niedrigen Status behandelt.
Darüber hinaus wird explizit auf die Unterschiede zwischen Schülern und Schülerinnen eingegangen, um eine intersektionale Form von institutioneller Bildungsbenachteiligung zu thematisieren. Unter Anbetracht beider möglichen Faktoren von Bildungsbenachteiligung stellt sich folgende Fragestellung: Wie beeinflusst die sozio-ökonomische Herkunft den Bildungserfolg von SchülerInnen und bestehen dabei explizite Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts besteht in Deutschland die Schulpflicht und noch immer lässt sich nicht bestreiten, dass nach wie vor Bildungsungleichheiten, aufgrund der sozio-ökonomischen Herkunft der Schüler und Schülerinnen, bestehen. Verschiedene empirische Studien bestätigen die Abhängigkeit der Bildungschancen der Kinder von der sozialen Herkunft ihrer Eltern. Die gesellschaftliche Stellung bestimmt somit noch immer wir leben. Beispielhaft ist hier zu nennen, dass Kinder aus ArbeiterInnenklassen häufig in Arbeiterklassen verbleiben, das gleiche gilt für Kinder aus höheren Klassen.
Die hohe Relevanz von Bildung in einer immer leistungsorientierten Gesellschaft ist einleuchtend. Bildungsprozesse beeinflussen das Berufsleben, sowie die Bewältigung gesellschaftlicher Anforderungen und entscheiden somit über das Scheitern oder den Erfolg individueller Ambitionen. Darüber hinaus bestimmt Bildung über die soziale, politische und kulturelle Teilhabe. Die Institution Schule stellt dabei die größte Einflussnahme im lern- und sozialisationsbiographischen Prozess eines Menschen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begrifflichkeiten
2.1 Klassismus
2.2 sozioökonomischer Status
2.3 Bildungsbenachteiligung
2.4 Chancengleichheit
3. Bildungsexpansion
4. Selektivität des Schulsystems
5. Ergebnisse der PISA-Studie
5.1 Unterschiede zwischen den Geschlechtern
6. Schichtspezifische Chancenunterschiede
7. Geschlechtsspezifische Chancenunterschiede
8. Theorien der Bildungsungleichheit im Schulwesen
8.1 Makrosoziologische Theorien
8.1.1 Modernisierungstheorie
8.1.2 Konflikttheorie
8.2 Mikrosoziologische Theorien der Chancenungleichheit
8.2.1 Ressourcentheorie
8.2.2 Humankapitalansatz
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die institutionelle Bildungsbenachteiligung an deutschen Schulen aus einer klassismuskritischen Perspektive, wobei insbesondere das Zusammenspiel von sozioökonomischem Status und Geschlechterunterschieden analysiert wird, um der Frage nachzugehen, wie soziale Herkunft den Bildungserfolg beeinflusst.
- Klassismus als Mechanismus der sozialen Auslese im Schulwesen
- Selektivität und institutionelle Diskriminierung im mehrgliedrigen Schulsystem
- Intersektionale Analyse: Sozioökonomischer Status und Geschlecht
- Relevanz der PISA-Studien für die Bildungsarmuts-Debatte
- Soziologische Erklärungsmodelle für Bildungsungleichheit
Auszug aus dem Buch
7. GESCHLECHTSSPEZIFISCHE CHANCENUNTERSCHIEDE
Neben dem gelehrten Curriculum eignen sich SchülerInnen ein, gesellschaftlich determiniertes, geschlechtsspezifisches Handeln an, indem sie geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse durchlaufen (vgl. Geier; Löw, 2014, S.75). Sie erlernen Verhaltensmuster nach denen sie handeln, geschlechtsspezifische Positionen werden eingenommen. Dieser Prozess erlebt einen Höhepunkt in der Pubertät, da in dieser Zeit die SchülerInnen dem besonders starken Druck ausgesetzt sind, ein geschlechtsgerechtes Verhalten aufzuweisen (vgl. ebd., S. 76 ff.). Das eigene Geschlecht zu repräsentieren dient als Form von Identitätsbildung. Dafür greifen die SchülerInnen sowohl bewusst, als auch unbewusst auf Stereotype zurück, geschlechtseigene gesellschaftlich vorgeschriebene Handlungsmuster und Verhaltensweisen werden übernommen (vgl. ebd., S. 77). Über die Jahre lernen Mädchen, dass braves und hilfsbereites Verhalten gesellschaftlich angesehen ist, sich selbst verbal oder körperlich zu verteidigen hingegen nicht (vgl. ebd.). Das führt unter anderem dazu, dass sich Mädchen schneller in der Diskussion über ihre Benotung einverstanden erklären als Jungen (vgl. ebd.).
Mädchen wird ein Bedarf an besonderem Schutz zugesprochen, weshalb sie sich auch selbst als schutzbedürftig wahrnehmen und sie so zum Objekt von Gewalt prädestiniert (vgl. ebd.). Den Mädchen wird suggeriert, sie seien ihren Mitschülern untergeordnet, was sich alles andere als förderlich auf den schulischen Erfolg auswirken kann. Für die Jungs hingegen heißt es, aggressiv und gewaltbereit zu agieren, da dieses Verhalten in unserer Gesellschaft als besonders männlich angesehen wird, den Jungs dabei aber einen großen Schaden hinzufügt (vgl. ebd.). Für sie besteht somit der dauerhafte Zwang, stark zu sein und keine Schwäche zu zeigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung thematisiert die bestehende Bildungsungleichheit in Deutschland und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit unter Einbeziehung des sozioökonomischen Status und des Geschlechts.
2. Begrifflichkeiten: Hier werden die zentralen Termini wie Klassismus, sozioökonomischer Status, Bildungsbenachteiligung und Chancengleichheit definiert und theoretisch eingeordnet.
3. Bildungsexpansion: Das Kapitel beleuchtet den historischen Trend zur Höherqualifizierung in Deutschland und setzt diesen in den Kontext der weiterhin bestehenden ungleichen Verteilung von Bildungschancen.
4. Selektivität des Schulsystems: Es werden die Missstände und die sozial selektive Struktur des deutschen mehrgliedrigen Schulsystems kritisch hinterfragt.
5. Ergebnisse der PISA-Studie: Hier werden die Erkenntnisse verschiedener PISA-Studien vorgestellt, die den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildungsarmut und Kompetenzerwerb belegen.
5.1 Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Dieser Abschnitt ergänzt die PISA-Ergebnisse um geschlechtsspezifische Differenzen in den Bildungserfolgen und der Kompetenzentwicklung.
6. Schichtspezifische Chancenunterschiede: Das Kapitel analysiert, wie soziale Herkunft und familiäre Unterstützung die schulischen Startvoraussetzungen und den Erfolg determinieren.
7. Geschlechtsspezifische Chancenunterschiede: Hier steht die Sozialisation in geschlechtsspezifische Rollenbilder und deren negativer Einfluss auf schulische Leistungen und Kompetenzen im Mittelpunkt.
8. Theorien der Bildungsungleichheit im Schulwesen: Dieser Teil bietet einen Überblick über soziologische Erklärungsansätze für Bildungsungleichheit.
8.1 Makrosoziologische Theorien: Die Modernisierungstheorie und die Konflikttheorie werden gegenübergestellt, um gesellschaftliche Strukturen der Ungleichheit zu deuten.
8.1.1 Modernisierungstheorie: Die Annahme, dass technischer und gesellschaftlicher Fortschritt automatisch Bildungsungleichheit abbaut, wird hier diskutiert.
8.1.2 Konflikttheorie: Dieser Ansatz deutet das Bildungssystem als Schauplatz eines Kampfes zwischen Gruppen um knappe Ressourcen und Privilegien.
8.2 Mikrosoziologische Theorien der Chancenungleichheit: Der Fokus verlagert sich hier auf die Ebene der individuellen Ressourcen und familiären Entscheidungen.
8.2.1 Ressourcentheorie: Es wird analysiert, wie spezifische psychologische und kulturelle Ressourcen in den Familien Bildungserfolge beeinflussen.
8.2.2 Humankapitalansatz: Bildung wird hier als Nutzen-Kosten-Kalkül von Familien interpretiert, was bei Eltern aus unteren Schichten oft zu Fehleinschätzungen führt.
9. Fazit: Die Arbeit schließt mit einem Resümee und konkreten Forderungen an die Bildungspolitik, um soziale Ungerechtigkeiten im Schulwesen zu überwinden.
Schlüsselwörter
Bildungsbenachteiligung, Klassismus, sozioökonomischer Status, PISA-Studie, Chancengleichheit, Bildungsungleichheit, Selektivität, Schichtung, Intersektionalität, Geschlechterunterschiede, Bildungsarmut, Sozialisation, Bildungsexpansion, Ressourcentheorie, Humankapitalansatz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse von Bildungsbenachteiligungen an deutschen Schulen und untersucht, wie Klassismus und soziale Herkunft den Bildungserfolg von Schülern maßgeblich beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Selektivität des mehrgliedrigen Schulsystems, die Bedeutung des sozioökonomischen Status, die Ergebnisse der PISA-Studien sowie geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Bildungsbeteiligung und Leistung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie institutionelle Strukturen und gesellschaftliche Faktoren wie Klassismus die Bildungschancen ungleich verteilen und dabei explizite Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu beleuchten.
Welche wissenschaftlichen Theorien werden verwendet?
Die Arbeit nutzt sowohl makrosoziologische Ansätze wie die Modernisierungs- und Konflikttheorie als auch mikrosoziologische Modelle, darunter die Ressourcentheorie und den Humankapitalansatz.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung der Bildungsexpansion, die systembedingte Selektion an Schulen und die empirischen Belege für den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Geschlecht und schulischem Scheitern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wesentlichen Begriffe umfassen Bildungsbenachteiligung, Klassismus, sozioökonomischen Status, Selektivität, Intersektionalität und Bildungsarmut.
Warum spielt die Pubertät eine Rolle bei der geschlechtsspezifischen Benachteiligung?
Der Autor argumentiert, dass in der Pubertät der Druck zur Anpassung an geschlechtskonforme Verhaltensmuster und stereotype Rollenbilder zunimmt, was Identitätsbildungsprozesse und schulische Leistungsbereitschaft negativ beeinflussen kann.
Inwiefern beeinflusst das Lehrerverhalten die Benachteiligung von Mädchen?
Die Arbeit stellt fest, dass Lehrer Mädchen bei guten Leistungen oft auf deren Fleiß reduzieren, während bei Jungen eher Potenzial vermutet wird, was als institutionelle Diskriminierung gewertet wird.
Was wird im Hinblick auf das deutsche Halbtagsschulsystem kritisiert?
Kritisiert wird, dass das deutsche Schulsystem stark auf die Mitarbeit und Unterstützung durch die Eltern setzt, was Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten benachteiligt, da diese oft nicht die gleichen familiären Ressourcen zur Verfügung haben.
- Arbeit zitieren
- Ricarda Wetjen (Autor:in), 2017, Bildungsbenachteiligung an deutschen Schulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496651