Ist der Existentialismus ein Humanismus?


Essay, 2010
9 Seiten

Leseprobe

Einleitung

In diesem Essay setze ich mich der Frage von Jean-Paul Sartre auseinander, ob der Existentialismus ein Humanismus ist. Zu diesem Zweck möchte ich vorab eine Einführung in die allgemeine Auffassung zum Humanismus und zum Existentialismus geben.

Der Begriff Humanismus leitet sich vom den lateinischen Begriff Humanitas - Menschlichkeit ab. Die hier gemeinte Menschlichkeit handelt wohlwollend anderen Menschen gegenüber und achtet ihre menschliche Würde. Dies impliziert auch eine ethische Haltung zugunsten seiner Mitmenschen, welche die alltäglichen Entscheidungen leiten soll. Der Humanismus ist eine Form der Lebensgestaltung, welche als Ideal einen freien unabhängigen Menschen anstrebt. Eine Idealgesellschaft, in der die Gleichheit aller anerkannt wird. Der Ursprung des Humanismus findet sich in der Renaissance beeinflusst von dem Kerngedanken, dass weitere Entwicklung und Bildung nur gewährleistet werden kann, wenn der Mensch sich frei und individuell entfalten kann. Humanismus ist eine Geisteshaltung, die auf Toleranz, Solidarität, Gleichheit und Humanität beruht und das Ziel verfolgt, normative Autoritäten zu meiden, wie die der religiösen Dogmen. Durch die humanistische Ethik wird logischer Empirismus geachtet und gilt als Notwendigkeit und Voraussetzung für wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Somit wird dem Menschen die Fähigkeit zugesprochen zu einer besseren Existenzform zu finden, welche sowohl die individuelle als auch die gesellschaftliche Entwicklung positiv beeinflusst.1 Ähnlich wie der Humanismus entsteht der Existenzialismus auch aus einer Art von Protestbewegung, welche sich allerdings erst zum zweiten Weltkrieg entwickelte. Dieser ist kein Protest gegen den Werteverfall im ethischen Sinne, so wie man ihn größtenteils im Humanismus deuten kann, der Existenzialismus stellt ethische Wertvorstellungen in Frage.

Im Gegensatz sieht zum Humanismus besitzt der Existentialismus kein Idealbild des Menschen, vielmehr stellt er ihn als orientierungslos dar, thematisiert die Kontingenz des Lebens, verneint Konzepte der göttlichen Bestimmung oder der Gesetzlichkeit des menschlichen Fortschritts. Somit ist der Existenzialismus kein Vorschlag der idealen Lebensführung, auch wenn ihm das gerne vorgeworfen wird. Die Grunderfahrung des Menschen ist nach existentialistischer Auffassung die Angst. Martin Heidegger begründet die Angst mit der unfreiwilligen Tatsache in der Welt existieren zu müssen. Weiterhin werden die Grunderfahrungen wie Ekel (bei Jean-Paul Sartre) und das Absurde (bei Albert Camus) thematisiert. Der Existentialist sieht den Menschen als alleine und verlassen an, wenn es um die Entscheidungen geht, welche er in seinem Leben treffen muss, niemand kann dem Menschen sagen ob diese richtig oder falsch sein werden, noch ob diese überhaupt einen Sinn haben.2

Demnach stehen sich diese beiden Positionen gegenüber, widersprechen sich sogar in den meisten Punkten. Die größte Gemeinsamkeit besteht lediglich darin den Gesetzlichkeiten der Religionen als Leitmotiv zur Lebensführung zu missachten. Warum glaubt Jean-Paul Sartre also, dass diese Strömungen miteinander in Relation stehen können?

Ist der Existentialismus ein Humanismus?

Nach Jean-Paul Sartre beinhaltet der Existenzialismus die Vorstellung, dass die Existenz des Wesens der Essenz vorausgeht, da der Mensch sonst determiniert wäre. Er schließt sich somit der These Heideggers an, dass „der Mensch erst existiert, auf sich trifft, in die Welt eintritt und sich erst dann definiert. Der Mensch, wie ihn der Existenzialist versteht, ist nicht definierbar, weil er zunächst nichts ist.“.3 Der Mensch bestimmt demnach frei und nicht durch Gott determiniert, wer er sein will und wozu er sich macht. Dies zieht eine Verantwortung für jede Entscheidung und jede Handlung nach sich. Die Verantwortung des Menschen beschränkt sich nach Jean-Paul Sartre jedoch nicht auf den individuellen Lebensentwurf, sondern auf die gesamte Menschheit. Er beschreibt diese Entscheidung als eine Art des Subjektivismus, „jeder von uns wählt sich, doch damit wollen wir auch sagen, sich wählend wählt er alle Menschen. (...) Es gibt für uns keine Handlung , die, den Menschen schaffend, der wir sein wollen, nicht zugleich ein Bild des Menschen hervorbringt, wie er unserer Ansicht nach sein soll, “4 da Jean-Paul Sartre glaubt, dass wir für uns selbst immer nur das Gute wählen und damit wählen wir automatisch für alle Menschen das Gute. Dies ist ein Irrtum, da wir als freies nicht determiniertes Wesen keine Richtlinien haben würden, welche uns das Böse vom Guten unterscheiden lassen könnten. So können wir uns genau so frei für das Böse entscheiden und für das Leid aller Menschen, da wir es vorab nicht wissen konnten. Die Tatsache warum Gewalt in einigen Kulturen Bestandteil des Sozialisationsprozesses ist kann nicht der Wille zum Guten sein. Dieser kann nur der irrtümliche Glaube sein, dass Gewalt gut ist. Somit muss eine bestimmte Wertung der Handlungen noch vor unserer Existenz vorliegen, wir werden schließlich in eine schon existierende Welt hineingeboren. Der Existenzialismus so wie er hier beschrieben wird, kann sich nur auf die Entscheidung beziehen, ob wir uns dem Bösen oder dem Guten anschließen möchten, nachdem wir uns ein Urteil gebildet haben. Dieses Urteil könnte sich beispielsweise der Wertvorstellung des Humanismus anschließen, so würde uns nur die Hoffnung bleiben, dass sich viele Menschen diesem Urteil anschließen, einen direkten Einfluss haben wir darauf aber nicht. Dies schreibt er im späteren Textverlauf selbst: „Aber ich kann mich nicht auf Menschen verlassen, die ich nicht kenne, und mich dabei auf die menschliche Güte oder das Interesse des Menschen für das Wohl der Gesellschaft stützen, da der Mensch frei ist und es keinerlei menschliche Natur gibt auf die ich bauen könnte.“5 Andererseits argumentiert Jean-Paul Sartre aber genau für diese Verantwortung: „So ist unsere Verantwortung viel größer als wir vermuten können, denn sie betrifft die ganze Menschheit.“6 Können wir also unsere Mitmenschen universell beeinflussen oder nicht? Er appelliert an die Menschen, dass sie sich jederzeit die Frage stellen müssen: was wäre wenn alle so handeln würden? Ich stimme Jean-Paul Sartre zu, dass unser Handeln einen Einfluss auf unsere direkte Umgebung haben kann, und wir uns dieser Verantwortung bewusst sein sollen, somit würden wir aber an einen universellen Konsens der Wertungsmaßstäbe glauben, dieser wäre wiederum vorgegeben und läge nicht in unserer individuellen Verantwortung, wir passen uns auch in diesem Fall wieder einem vorgefertigten Maßstab an. Es ist nachvollziehbar sich aufgrund dieser Annahme zu fragen, wie wir uns über viele Maßstäbe im „guten“ Verhalten einig sein können. Dieser Konsens lässt sich nur durch das transzendentale Gefühl der Gerechtigkeit wie Adam Smith es in der Theorie der ethischen Gefühle beschreibt7 oder durch ein gesellschaftliches System erklären, in welchem diese Gesetzmäßigkeiten festgehalten werden. Das entspricht allerdings nicht einer Vorstellung in welcher der Mensch gänzlich frei entscheiden kann.

[...]


1 vgl.: Ernesto Grassi; Einführung in die Humanistische Philosophie; Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt; 1991

2 vgl.: Roland Galle; Der Existentialismus; Wilhelm Fink, UTB 2009

3 Jean-Paul Sartre; Ist der Existenzialismus ein Humanismus?-; Ullstein Sachbuch; 1989 S.120

4 Jean-Paul Sartre; Ist der Existenzialismus ein Humanismus?-; Ullstein Sachbuch; 1989 S.121

5 Jean-Paul Sartre; Ist der Existenzialismus ein Humanismus?-; Ullstein Sachbuch; 1989 S.129

6 Jean-Paul Sartre; Ist der Existenzialismus ein Humanismus?-; Ullstein Sachbuch; 1989 S.122

7 vgl.: Adam Smith; Theorie der ethischen Gefühle-;Meiner, F; Auflage: 1 (1. Mai 2010)

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Ist der Existentialismus ein Humanismus?
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V496773
ISBN (eBook)
9783346011985
Sprache
Deutsch
Schlagworte
existentialismus, humanismus
Arbeit zitieren
Karoline Stramkowski (Autor), 2010, Ist der Existentialismus ein Humanismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496773

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ist der Existentialismus ein Humanismus?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden