Das Lazarett in der Frauenstrafanstalt. Bericht über die Arbeit mit der Siemens’schen Metallsuchersonde in einem deutschen Lazarett


Wissenschaftliche Studie, 1943
29 Seiten

Leseprobe

Ergänzung 2007 und 2019

Dank dem Internet ist es mir gelungen, sogar einige Literaturstellen über die Siemens`schen Metallsuchersonde, auch männlich: „Der Siemens Metallsucher“- zu finden. Ich zitiere sie am Ende der Ergänzung. Ich wurde nach meiner Operation vom Chef, obwohl ich noch nicht einmal das erste Rigorosum hatte, an diesem Gerät ausgebildet und war bis zum Ende sein entsprechender Assistent.

Es ist richtig, was im Text steht: unser „Chef Arzt“, wie er sich immer nennen ließ, (Dr. Anton Seidl, später Primarius in Mödling), hat tatsächlich die Anregung zu dieser Arbeit gegeben. Vollendet habe ich sie unter dem Druck der Gestapo (Vernehmung) und der Tatsache, dass der Chef nach seiner Verhaftung (die mich einschloss), im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Wien-Favoriten, Hartmuthgasse 10, (für etwas mehr als sechs Wochen) einsaß. Ich wurde nach der Verhaftung gegen 7 Uhr früh (mit dem Chef, dessen Kalender ich noch verschwinden lassen konnte) nach eingehendem Verhör am gleichen Tag wieder freigelassen und nicht mehr belästigt. Die Arbeit wurde beim Militärkommando XIX, mit Hilfe eines Generalarztes, wenn ich mich recht erinnere Dr. Zemann, der sich für uns einsetzte, eingereicht.

Ein junger, aus der Hitlerjugendjugend kommender Assistenzarzt hatte angezeigt, dass die Patienten bei uns viel länger als notwendig blieben, und auch andere „staatsfeindliche Aktionen“ stattfanden (von seinem Standpunkt durchaus richtig). Vor allem bezeugte er, dass mein Wurmfortsatz bei der Entnahme ganz gesund war. Wir leugneten natürlich alles, der Chef und ich sagten voneinander unabhängig aus, dass gerade dieser Assistenzarzt so unerfahren sei, dass er das gar nicht beurteilen könne. Der dem Widerstand angehörende Oberarzt (Dr. Obendorfer) bestätigte unsere Aussage. Die Arbeit sollte vor allem beweisen - und hat es auch - wie viel bei uns operiert wurde.

Die Stimmung im Lazarett, die Dr. Seidl schaffen konnte, geht auch ein wenig aus meiner Formulierung hervor: Ich schreibe immer „wir“: „ Da der Patient sehr starke Schmerzen hatte, wollten wir die Schiene nicht abnehmen. Als jedoch die beiden Aufnahmen außer der abnormen Stellung des Tuberculum majus keinen Erfolg zeigten, waren wir hierzu gezwungen.“ Das wir taucht immer wieder auf.

Der das schrieb, hatte gerade einmal ein paar Semester Medizin, keine Rede vom ersten Rigorosum, aber ich fühlte mich eben als Teil des Ganzen. Auch damals hätten die meisten geschrieben. „Der Herr Chefarzt hat sich entschlossen“, (was ja de facto auch der Fall war), aber der „Chefarzt“, der während der Operation absolute Stille verlangte, ließ immer wieder Ideen und Vorschläge an sich heran, kurz er hörte uns zu.

Dr. Seidl war ein leidenschaftlicher Hochenegg Schüler (Berühmter Chirurg Julius von Hochenegg, * 2.August 1859 in Wien; † 11. Mai 1940 ebenda), der jede Muskelfaser schonte (Gegenbewegung: „große Chirurgen – große Schnitte). Er schrieb 1944 eine Arbeit: „Steckschüsse (Fremdkörper) und ihre Behandlung (in Zimmer, A.: Wehrmedizin, Kriegserfahrungen 1939-1945 Band I, Wien 1944, S. 200 – 237)

Der Chef wurde nach etwa 6 Wochen wieder entlassen, mehr oder weniger rehabilitiert, ich wurde zur Sanitätsabteilung zurückversetzt mit der Auflage, in eine andere Waffengattung versetzt zu werden und nicht mehr als Sanitäter arbeiten zu dürfen. Ich kam zur Kraftfahrabteilung nach Enns. Allerdings hatte ein Wohlwollender dazugeschrieben „Hilfsarzt zbV. Walküre“. In Enns wurde ich gleich zum Regimentskommandeur befohlen, der mich von der legitimistischen Szene her kannte, herzlich begrüßte und – kurz gesagt – nach einiger Zeit wieder zur Sanität zurückversetzte.

Ich fand in meinem Archiv noch einen einschlägigen Brief an meine Mutter vom 29. 6. 1943, in dem ich ihr von der Freilassung unseres Chefs berichte, siehe Anhang.

Das Lazarett XIXC war in der k.k. Weiberstrafanstalt Wiener Neudorf, südlich von Wien, untergebracht, einer im Kloster betriebene Frauenstrafanstalt, die von Schwestern betreut wurde. Schwestern und (weibliche) Häftlinge wurden von der Wehrmacht als Hilfskrankenschwestern und Helferinnen eingeteilt. Dabei saß z.B. eine Nachkommin der berühmten Bertha von Suttner (Die Waffen nieder!) ein, weil sie nicht mit den anderen Mädchen beim BDM (Bund Deutscher Mädchen) exerzieren wollte.

Das Kloster wurde übrigens am 1. August 1853 durch Kaiser Franz Joseph I. mit Allerhöchster Entschließung im Rahmen der Kongregation der „Schwestern vom Guten Hirten“ in Österreich zugelassen (ehemaliges fürsterzbischöfliches Sommerschloss). Die Kongregation war dafür ausgewählt worden, die „Weiberstrafanstalt“ zu betreiben. (Nach Wikipedia)

Literatur:

Kitzerow Guenther: Kleine Chirurgie, Walter de Gruyter, 1956, S. 32:

„Ebenfalls wertvolle Dienste leistet der Siemens Metallsucher“

Behrendt, Karl Philipp: Die Kriegschirurgie von 1939-1945 aus der Sicht der Beratenden Chirurgen des deutschen Heeres im Zweiten Weltkrieg. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Medizinischen Doktorgrades der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau. 2003, Seite 58:

Die Splitterlagebestimmung erhielt er (Bürkle de la Camp) mittels Röntgen zweier aufeinander senkrecht stehender Ebenen und einer Durchleuchtung, die er noch einmal unmittelbar vor dem operativen Eingriff durch-führte. Von Vorteil erschienen ihm auch stereoskopische Betrachtung, akustischer Metallsucher der Firma Siemens und Anwendung des Boloskops. 163

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Anregung zu dieser Arbeit gab unser verehrter Chef, Herr O.St.A. Dr. Seidl. Aus den Krankenpapieren wurden die entsprechenden Daten genommen, die Reproduktionen wurden von einem Patienten, dem Gefreiten Mügariegler angefertigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

XXXX. XXXX. Gefr.

Geb. am: xxxxxxxxxx Landarbeiter

Verw.am: 12. 8. 42

Der Übernahmebefund ergab:

8.3.43

In der Axillarlinie 2 Querfinger oberhalb des unt. Thoraxrandes eine eingezogene Fistel re., leicht sezernierend. Die Umgebung ist druckschmerzhaft. Patient klagt über Schmerzen bei Bewegung und über ausstrahlende Schmerzen vom letzten Thorakalsegment bis zum dritten Lumbalsegment, mit Ausstrahlung auf die entsprechende Zone am Abdomen. Die linke Seite ist schmerzfrei. Das Abdomen rechts druckempfindlich, ebenfalls der rechte Ureter. Die rechte Thorax Hälfte ist wesentlich eingefallen. Patient äußert bei Berührung des rechten Oberschenkels Schmerz Empfindung bis auf die Mitte der Patella. Die laterale Muskelpartie ist gespannt. Der Kremaster Reflex rechts ist fast aufgehoben, während der linke erhöht ist. (Alles lumbale III, Eventuell II bis IV.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eines Sedimentuntersuchung am selben Tag ergab: Hyaline, granulierte, teils mit Blutfarbstoff imprägnierte Zylinder, Zylindroide, Epethelia Epithelien, Erythrozyten.

Die immer stärker werdenden Beschwerden ergaben zusammen mit der gesamten Betrachtung des Röntgenbildes Abbildung I und II die klare Indikation zur Operation. Anatomisch war nur der Weg von der Seite her gangbar.

Operation in Äthernarkose:

Fec.: O.St.A. Dr. Seidl

Ass.: O.A. Dr. Obendorfer

Ass.: med. Wallnöfer

29.3.43 Nach Haut- und Faszienschnitt wird parallel zum erector trunci eingegangen. In der Tiefe findet sich ein stärkeres Narbengewebe. Entlang des frakturierten processus transversus wird unter Ablösung des Periosts in die Tiefe präpariert. Ein Fremdkörperabszess wird gefunden und nach teilweiser Resektion des processus transversus, das Geschoss nach Lockerung mittels scharfem Löffel entfernt. Drainage, Streifen, schichtweiser Wundverschluss.

Der Patient hatte nach der Operation nur geringe Temperaturerhöhungen, die Beschwerden am Oberschenkel gingen bald zurück. Als Komplikation stellte sich 20. 4. eine, recht schmerzhafte Retention ein, die aber durch Rivanolspülung vollständig zu beherrschen war.

Am 26.4. Konnte der Drain entfernt werden, am 30. 4. der Streifen. Der Patient stand am 14. 5. auf und geht seit der Zeit herum. Die Verlegung in ein Nervenlazarett wird abgewartet, wegen einer bestehenden Radialis Lähmung.

XXXXXX, Ob. Gefr.

Geb. am: cc.cc.12

Verw. am 19. 3. 43

Der Übernahme Befund ergab:

16.4.43 Über der spina iliaca ventralis eine drei Querfinger lange, 1/2 cm breite Narbe, zum kleinen Teil verschorft, gut abgeheilt. In der Medianlinie einen Querfinger breit, über dem Nabel beginnend, handbreit lang, eine gut verheilte Inzisionswunde, die nach rechts einen 4 Querfinger langen zusätzlichen Einschnitt aufweist. In der Höhe der elften Rippe, zwei Finger von der Axillarlinie, eine fünf Mark Stück große Inzisionswunde. Am rechten Unterarm in proximalen Drittel an der Vorderseite eine kleine, gut verheilte Einschussnarbe, von der ausgehend die Mobilität der Hand etwas gestört ist. An der dorsalen Seite des Unterschenkels, etwa in der Mitte unter der Haut tastbar, ein kleinerer Splitter.

Der Patient hat von dem in Bild drei und vier (nicht vorhanden) bezeichneten Splitter ausgehend, starke ausstrahlende Schmerzen, und in der Tiefe ist eine Fluktuation nachweisbar. Somit waren die Gefahr eines retroperitonealen Abszesses und damit die Indikation zur Operation gegeben.

Operation in Äthernarkose:

Fec.: O.St.A. Dr. Seidl

Ass.: O.A. Dr. Obendorfer

Ass.: med. Wallnöfer

27.6.43. Nach Haut-und Faszienschnitt parallel zum erector trunci wird, unter Schonung der austretenden Nerven, bis an die Querfortsätze des Lumbale III und IV, größtenteils stumpf, in die Tiefe präpariert. Die Elektrosuchersonde versagt vollkommen (der einzige Fall, wahrscheinlich wegen Stromstörung) und es ist mit ihr der Splitter nicht zu lokalisieren. Das Retroperitoneum ist phlegmatös verändert, derb und schmierig belegt. In der Nähe des Zwischenraumes von Lumbale III und IV ist medianwärts ein Abszess zu tasten, aus dem sich nach der Eröffnung reichlich nach Coli stinkender Eiter ergießt. In dem Abszess wird der Fremdkörper gefunden. Ein fingerdicker Drain wird eingeführt. Steifen. Die Wunde wird vollständig offengelassen.

Mit Rivanolspülung, Prontosil und kardialer Stützung, wird der Patient soweit gebracht, dass die Beschwerden zurückgehen. Aus dem Drain ergießt sich noch immer reichlich Eiter. Der Patient sieht jedoch, soweit man das bis heute beurteilen kann, seiner vollständigen Genesung entgegen, während dem es ohne Operation wohl zu einer Peritonitis, und damit voraussichtlich zum Exitus gekommen wäre.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier wäre eine Aufnahme nach Ruckensteiner nicht möglich gewesen, da die Masse des Kreuzbeines den Fremdkörper in der Höhe überdecken würde, wie auch der Versuch bewies.

Seite 4 existiert nicht mehr

Lüer von seitlichem Ansatz bis zum processus spinosus abgetragen. Hierauf vorsichtige seitliche Verschiebung der Anteile der cauda equina nach rechts. Neuerliches Einführen der Elektrosuchersonde. Genaueste Lokalisation des knapp unter der Vorderwand des canalis sacralis liegenden Fremdkörpers. Ausmeißelung mit feinem Hohlmeißel, wobei sich beim Einführen in die Fremdkörperhöhle, aus dem Fremdkörperabszesses, dickrahmiger stinkender Eiter entleert. Erweiterung der Abszess Höhle durch abkneifen mit Lüerscher Zange. Nach Entleerung des Eiters ist das parallel zum Sacralkanal liegende Geschoss zu sehen. Entfernung des Geschosses, Drainage der Fremdkörper Höhle mit Streifen und Drain. Schichtweiser Wundverschluss.

Dieser Fall ist ins Auge stechend durch die Tatsache, dass der Patient, der vor der Operation sich kaum bewegen konnte, am 14. 6., sechs Wochen nach der Operation zwei Monate Z.gv.H. entlassen werden konnte.

Xxxxxx xxxxx. O. Gefr

Geb. am.: xxxxxxx Hilfsarbeiter

Verw. am 8. 11 42

Der Übernahme Befund ergab:

30.3.43 im Bereich des rechten Kniegelenkes lateral und etwas medial, zwei circa 10 und 12 cm lange Narben nach Inzision. Kniegelenk versteift. Bewegung im Sprunggelenk o. B. Röntgenbild.

07.4.43 Da das Röntgenbild neben der Lokalisation des Splitters eine, in der Reproduktion kaum sichtbare Reizarthritis ergab, wurde mit der Operation noch zugewartet. Erst am 5.5. konnte operiert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Operation in Evipannarkose (Dr. Karwath)

Fec.: O.St.A. Dr. Seidl

Ass.: O.A. Dr. Obendorfer

Ass.: med. Wallnöfer

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Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Das Lazarett in der Frauenstrafanstalt. Bericht über die Arbeit mit der Siemens’schen Metallsuchersonde in einem deutschen Lazarett
Autor
Jahr
1943
Seiten
29
Katalognummer
V496793
ISBN (eBook)
9783346000248
ISBN (Buch)
9783346000255
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lazarett, frauenstrafanstalt, bericht, arbeit, siemens’schen, metallsuchersonde
Arbeit zitieren
Heinrich Wallnöfer (Autor), 1943, Das Lazarett in der Frauenstrafanstalt. Bericht über die Arbeit mit der Siemens’schen Metallsuchersonde in einem deutschen Lazarett, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496793

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