Die vorliegende Arbeit untersucht mittels qualitativer Forschungsmethoden alltägliche Grenzziehungspraktiken von Privatheit in ausgewählten Wohnraumsituationen, u. a. in einem Studentenwohnheim und zwei Wohnsiedlungen (Stadt und Land). Im Fokus steht dabei, wie Privatheit in Wohnräumen nach außen hin zu öffentlichen bzw. halböffentlichen Räumen abgegrenzt wird und inwieweit diese Praktiken beobacht- und beschreibbar sind. Die Arbeit kommt dabei zu folgenden Ergebnis: die Grenzen des Privaten sind einerseits untrennbar mit den Grenzen des Öffentlichen verbunden sind. Beide Phänomene sind reziprok miteinander verknüpft. Andererseits sind die Grenzen von Privatheit - je nach Wohnsituation - durchaus flexibel. Ferner ist Privatheit auch nicht gleich Privatheit. Es gibt unterschiedliche Formen der Herstellung von Privatheit in Wohnräumen, die allesamt authentisch sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Grenzen und Begrenzung im Alltag
2 Privatheit und (Wohn-)Raum in der Soziologie
2.1 Grenzen von Privatheit und (Wohn-)Raum im sozialwissenschaftlichen Diskurs
2.1.1 Reflexionen zu den Begriffen Privatheit und (Wohn-)Raum
2.1.2 Grenzziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit
2.1.3 Entgrenzung von Privatheit und sozialen Räumen
2.2 Wohnräume als Forschungsfeld
2.2.1 Feldzugang
2.2.2 Daten und Methodik
2.2.3 Forschungsfragen und Ausgangsprämissen
3 Die empirische Praxis der Grenzziehung von Privatheit in Wohnräumen
3.1 Reziprozität von Grenzen und Räumen im Alltag
3.2 Privatheit nicht gleich Privatheit
3.3 Differenz von räumlichen Grenzen und Grenzen von Privatheit
4 Grenzen und Begrenzungspraktiken als sinnvolle soziologische Forschungsgegenstände
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die alltäglichen Grenzziehungspraktiken von Privatheit in verschiedenen Wohnsituationen. Ziel ist es, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie Privatheit in Wohnräumen erzeugt wird, welche Mechanismen der Abgrenzung dabei zum Einsatz kommen und inwieweit diese Grenzen flexibel oder starr sind, wobei auch die Wechselwirkung zwischen physischem Wohnraum und sozialem Raum betrachtet wird.
- Analyse von Grenzziehungspraktiken in unterschiedlichen Wohnformen (Studentenwohnheim, Wohnkomplex, Eigenheim)
- Untersuchung der Wechselbezüglichkeit zwischen privatem Wohnraum und angrenzenden sozialen bzw. öffentlichen Räumen
- Exploration der Rolle von baulichen Barrieren (Vorhänge, Hecken, Fenster) bei der Konstruktion von Privatheit
- Diskussion der "Entgrenzung" von Privatheit im Kontext sozialer Praktiken
- Methodischer Ansatz der teilnehmenden Beobachtung und ethnografischen Befremdung des Alltäglichen
Auszug aus dem Buch
3.1 Reziprozität von Grenzen und Räumen im Alltag
Der soziologische Beobachter beginnt mit seinen Beobachtungen wie folgt:
„Die Wohnheimseite des Hauses 6, die auch ein Apartment beinhaltet, befindet sich mit zahlreichen anderen Apartments fast unmittelbar am Gehweg der angrenzenden Straße. Die Apartments des Hauses 6 scheinen identisch aufgebaut zu sein: Die Außenseite hat zum Gehweg hin vier Stockwerke, bestehend aus einem Erdgeschoss und drei Obergeschossen mit je 13 Wohneinheiten. Auch die Front der Apartments zum Gehweg hin ist identisch: jeweils eine Doppel-Verandatür, die nach innen aufgeschwenkt werden kann und ein Metallgeländer als „Absturzsicherung“ davor. Besagte Verandatüren dienen gleichzeitig als Fenster, und werden im Folgenden auch als Fenster bezeichnet. Insgesamt sind also 52 Apartments an dieser Seite der Hauswand. Meines Wissens nach müssten auch alle Wohneinheiten im Haus selbst identisch sein, mit einheitlichem Aufbau, Möblierung usw. Die Wohnsituation ist hier also vergleichsweise standardisiert“ (BP1, Z. 2-13)
Jene Beobachtungen verdeutlichen bereits den „standardisierten“ Aufbau des Wohnheims, der wenig Spielraum lässt, Privatheit abseits der eigenen vier Wände nach außen zu verlegen. So verfügt dieses Haus des Wohnheims z. B. über keine Balkone oder sonstige externe Anlagen, die Studenten zu Wohnzwecken nutzen könnten. Auch wird deutlich, dass der soziologische Beobachter selbst Teil des Forschungsfeldes ist, da er selbst im besagten Studentenwohnheim wohnt. Er lässt damit sowohl implizit wie explizit seine eigenen Erfahrungen und sein Alltagswissen in die Beobachtung mit einfließen (vgl. Hirschauer 2010, S. 210 f.). Das Wohnheim zeigt hier auch eine Auffälligkeit hinsichtlich seiner baulichen Anlagen (Fenstern und Türen):
Zusammenfassung der Kapitel
1 Grenzen und Begrenzung im Alltag: Einführung in die Thematik der Privatheit als allgegenwärtiges soziales Konstrukt und die Relevanz von Grenzziehungspraktiken im modernen Alltag.
2 Privatheit und (Wohn-)Raum in der Soziologie: Theoretische Fundierung durch Rekonstruktion des Forschungsstandes zu den Begriffen Privatheit, Wohnraum und der Bedeutung von Grenzziehung zwischen öffentlichem und privatem Raum.
3 Die empirische Praxis der Grenzziehung von Privatheit in Wohnräumen: Präsentation und Analyse der ethnografischen Beobachtungen in verschiedenen Wohnsituationen unter Fokussierung auf die beobachteten Grenzziehungspraktiken.
4 Grenzen und Begrenzungspraktiken als sinnvolle soziologische Forschungsgegenstände: Fazit der Untersuchung, das die Erkenntnis unterstreicht, dass Privatheit ein dynamisches, relationales Produkt sozialer Praktiken ist und die Ethnografie eine wertvolle Methode zur Untersuchung dieses Feldes darstellt.
Schlüsselwörter
Privatheit, Grenzziehung, Wohnraum, Ethnografie, Sozialer Raum, Alltagspraktiken, Sichtschutz, Beobachtung, Soziologie, Digitalisierung, Öffentlicher Raum, Identität, Interaktion, Schwellenanalyse, Soziale Konstruktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Untersuchung von Grenzziehungspraktiken von Privatheit in verschiedenen Wohnformen und deren Abhängigkeit von angrenzenden sozialen Räumen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Konstruktion von Privatheit, die Rolle baulicher Gegebenheiten als Grenze sowie die Wechselwirkung zwischen privatem und öffentlichem Raum.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Bewohner durch alltägliche Praktiken Grenzen ihrer Privatheit erzeugen und ob diese Grenzen starr oder flexibel sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine qualitative empirische Forschungsmethode angewandt, primär basierend auf der teilnehmenden Beobachtung und der Methodik der "Befremdung des Vertrauten".
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die empirischen Befunde aus der Beobachtung eines Studentenwohnheims, eines Wohnkomplexes und von Eigenheimen analysiert, um Muster der Grenzziehung zu identifizieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Privatheit, Grenzziehung, Wohnraum, Ethnografie, Alltagspraktiken und Soziale Konstruktion.
Welche Rolle spielen Fenster und Türen bei der Grenzziehung?
Sie dienen laut der Arbeit als wichtige Schwellen, wobei ihre Funktion nicht rein physisch ist, sondern sie aktiv als Instrumente zur Herstellung oder Verhinderung von Einblicken und somit von Privatheit genutzt werden.
Wie unterscheidet sich die Privatheit im Studentenwohnheim von der in Eigenheimen?
Im Studentenwohnheim sind die räumlichen Gestaltungsmöglichkeiten geringer, was zu standardisierten Grenzziehungspraktiken führt, während bei Eigenheimen durch größere Zwischenräume und "grüne Barrieren" flexiblere Formen der Grenzziehung möglich sind.
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- Florian Schlereth (Author), 2019, Zur Grenze von Privatheit in Wohnräumen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496890