Zur Grenze von Privatheit in Wohnräumen

Eine empirische Untersuchung alltäglicher Grenzziehungspraktiken von Privatheit in ausgewählten Wohnsituationen


Hausarbeit, 2019

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung:

1 Grenzen und Begrenzung im Alltag

2 Privatheit und (Wohn-)Raum in der Soziologie
2.1 Grenzen von Privatheit und (Wohn-)Raum im sozialwissenschaftlichen Diskurs
2.1.1 Reflexionen zu den Begriffen Privatheit und (Wohn-)Raum
2.1.2 Grenzziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit
2.1.3 Entgrenzung von Privatheit und sozialen Räumen
2.2 Wohnräume als Forschungsfeld
2.2.1 Feldzugang
2.2.2 Daten und Methodik
2.2.3 Forschungsfragen und Ausgangsprämissen

3 Die empirische Praxis der Grenzziehung von Privatheit in Wohnräumen
3.1 Reziprozität von Grenzen und Räumen im Alltag
3.2 Privatheit nicht gleich Privatheit
3.3 Differenz von räumlichen Grenzen und Grenzen von Privatheit

4 Grenzen und Begrenzungspraktiken als sinnvolle soziologische

Forschungsgegenstände

Literaturverzeichnis

1 Grenzen und Begrenzung im Alltag

Grenzen sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Alltagslebens. In der jüngeren Vergangenheit haben Grenzen, Ab- und Begrenzung durch die sog. „Flüchtlingskrise“ um die Jahreswende 2015/2016 erhebliche mediale Aufmerksamkeit generiert. Physische Grenzen definieren abseits davon den modernen Alltag: öffentliche und private Räume und Flächen werden durch Grenzen abgesteckt. Man spricht auch gerne von persönlichen oder privaten Grenzen, von Privatsphäre. Spätestens seit der fortschreitenden und Fahrt aufnehmenden Digitalisierung in modernen Industriegesellschaften werden nicht nur physische, sondern „virtuelle“ Grenzen in Cyberspace, Social Media und generell digitalen Medien immer bedeutender für unseren Alltag. Neuere gesellschaftliche Diskurse sind beispielsweise darüber entstanden, wo im virtuellen Umfeld von Social Network Sites wie Google+[1], Facebook oder Instagram Grenzen überschritten werden. Ein prominentes Beispiel ist gegenwärtig die Frage, wo in virtuellen Räumen Meinungsfreiheit endet und Hassrede beginnt. Ein Alltag ohne Grenzen sowie Praktiken der Grenzziehung ist kaum vorstellbar.

Dass bei dem Diskurs über Grenzen auch Begriffe wie Privatheit und Öffentlichkeit betroffen sind, ist unbestritten. Die Grenzen von Privatheit oder gar die Entgrenzung der Privatheit sind gegenwärtig beliebte sozialwissenschaftliche Untersuchungsgegenstände. Insbesondere in Zusammenhang mit der Digitalisierung sind hier markante Diskurse entbrannt: Muss Privatheit im Netz geschützt werden? Droht der Verlust von Privatheit durch soziale Medien? Wo endet Öffentlichkeit und wo beginnt das Private, und umgekehrt? Kann man in Zeiten von „Big Data“, Data Mining und Social Networking nur noch „offline“ – innerhalb der eigenen vier Wände – privat bleiben?

Die vorliegende Arbeit kann all diese Fragen zwar nicht adäquat beantworten und soll dies auch gar nicht. Sie versucht jedoch einen Beitrag zu Grenzziehungspraktiken von Privatheit in sozialen Räumen zu leisten. Im Vordergrund steht dabei Privatheit und deren Grenze in Wohnräumen, doch lässt sich dieser Zusammenhang ohne Bezugnahme auf andere soziale Räume – öffentliche wie private, physische wie imaginäre – nicht angemessen beobachten und beschreiben. Die vorliegende Untersuchung bedient sich des Vergleichs eines Studentenwohnheims als „Musterwohnraum“ mit weiteren Wohnräumen und Wohnsituationen, um so exemplarische Rückschlüsse auf Grenzen und alltägliche Grenzziehungspraktiken von Privatheit in Wohnräumen zu ermöglichen. Federführend sind dabei folgende Fragestellungen: Wie wird die Grenze von Privatheit in einem Wohnraum erzeugt? Welche Mechanismen wirken hier? Wie werden diese zur Begrenzung von Privatheit in Wohnräumen verwendet? Bestehen Spielräume bei den Grenzen von Privatheit in Wohnräumen, d. h. sind die Grenzen starr oder flexibel? Kann diese Grenze bzw. Begrenzung von außen adäquat beobachtet und beschrieben werden?

Den Anstoß für diese Überlegungen hat Monika Wohlrab-Sahr mit ihrem Plädoyer für eine Soziologie der Grenzziehung, einer „Schwellenanalyse“ gegeben (Wohlrab-Sahr 2011). Wohlrab-Sahr fordert hier explizit eine verstärkte Untersuchung der Grenzen von Privatheit durch eine Soziologie des Privaten, beispielsweise dahingehend, wie diese „ Schwellen “ (Wohlrab-Sahr 2011, S. 37; Herv. im Original) errichtet werden, ob sie sich ggf. verschieben, gar mit Öffentlichem vermischen oder – als Ultima Ratio – gar komplett zu verschwinden drohen. Die vorliegende Arbeit greift diese Gedanken auf und versucht, einen entsprechenden Beitrag mittels einer qualitativen empirischen Untersuchung zu einer Schwellenanalyse im Sinne Wohlrab-Sahrs zu leisten. Die vorliegende Arbeit soll mitunter aber auch als Beitrag zu einer Soziologie des Alltags (vgl. Hirschauer 2010, S. 210 f.) verstanden werden, denn Grenzziehungspraktiken von Privatheit in sozialen Räumen sind genauso alltägliche soziale Praktiken in Gesellschaften.

Im folgenden Kapitel wird zunächst ein Überblick über den Zusammenhang von Privatheit und (Wohn-)Raum gegeben. Dazu wird der neuere Forschungsstand zu den Themen Privatheit in sozialen Räumen exemplarisch rekonstruiert, bevor das Forschungsvorhaben, die angewandte Forschungsmethodik und die Grundannahmen der Untersuchung im Detail erläutert werden. Das dritte Kapitel präsentiert die Befunde der Untersuchung, bevor das letzte Kapitel die Untersuchungsergebnisse in zusammengefasster Form resümiert und diskutiert.

2 Privatheit und (Wohn-)Raum in der Soziologie

Dieses Kapitel stellt den theoretischen sowie methodologischen Unterbau der durchgeführten qualitativen empirischen Untersuchung vor. Dazu erfolgt als Erstes eine Auseinandersetzung mit dem neueren Forschungsstand zu den Begriffen der Privatheit und des (Wohn-) Raums. Im Anschluss daran wird die angewandte Forschungsmethodik zum Forschungsfeld Wohnraum in Verbindung mit Privatheit vorgestellt.

2.1 Grenzen von Privatheit und (Wohn-)Raum im sozialwissenschaftlichen Diskurs

Einleitend erfolgt eine Reflexion über die Begriffe Privatheit und (Wohn-)Raum als Ausgangsbasis für die Untersuchung. Essenziell sind dabei die Beschreibung und der Umgang mit den Grenzen von Privatheit und sozialen Räumen. Diese Reflexion greift sowohl den Forschungsstand auf, gibt aber auch eine Richtung vor, wie jene Begriffe im Folgenden weiter verstanden und aufgefasst werden. Es wird dabei bewusst der Terminus Definition von Privatheit bzw. sozialem Raum vermieden. Zu Ersterem ist eine allgemeingültige und abschließende Definition aufgrund des umfänglichen Charakters dessen, was unter Privatheit, dem Privaten oder Privatsphäre genau zu verstehen ist bzw. verstanden werden kann, schwierig. Andererseits ist eine exakte Definition beider Begriffe für die vorliegende Untersuchung nicht zwingend erforderlich, wie sich im weiteren Verlauf der Arbeit noch zeigen wird. Dennoch wird eine grobe Richtung vorgegeben, wie diese Begriffe im Rahmen der Untersuchung aufgefasst werden. Zwei wesentliche Diskurse in der wissenschaftlichen Gemeinschaft, nämlich die Grenzziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sowie die Entgrenzung zwischen Privatheit und sozialen Räumen werden jeweils in einem eigenen Subkapitel vorgestellt.

2.1.1 Reflexionen zu den Begriffen Privatheit und (Wohn-)Raum

Der Begriff Privatheit oder alternative Begriffe wie das Private oder Privatsphäre haben einen kaum greifbaren Bedeutungsumfang und Facettenreichtum. Sascha Trültzsch-Wijnen weist darauf hin, dass der Begriff Privatheit „ein wenig sperrig“ (Trültzsch-Wijnen 2018, S. 47) ist und gibt gleichzeitig zu bedenken, dass mit dem Begriff Privatsphäre bereits „ein Raum – eben eine Sphäre – konnotiert [wird], was durch die Nutzung des Terminus Privatheit [gerade] vermieden werden soll“ (ebda.). Der Begriff Privatheit sei demnach also grundsätzlich von Privatsphäre abzugrenzen. Der Begriff der Privatsphäre ist bereits implizit mit dem Begriff des Raumes verknüpft. Ferner wird der Begriff Privatheit, so Trültzsch-Wijnen weiter, häufig in Abgrenzung zum Begriff der Öffentlichkeit definiert (Trültzsch-Wijnen 2018, S. 48). Um dies zu untermauern, gibt er einen Überblick über aktuelle Diskurse zum Begriff Privatheit in Philosophie, Psychologie sowie weiteren Sozialwissenschaften (vgl. Trültzsch-Wijnen 2018, S. 50-91). Damit greift er die Denktradition der Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit auf, die vor allem Jürgen Habermas maßgeblich mitgeprägt hat (Habermas 2015)[2]. Jessica Einspänner-Pflock schließt sich dem an: „Privatheit kann nicht ohne Öffentlichkeit gedacht werden“ (Einspänner-Pflock 2017, S. 20). Sie nähert sich dem Begriff Privatheit vor allem etymologisch. Aber auch die Abgrenzungsproblematik der Begriffe Privatheit und Privatsphäre greift Einspänner-Pflock auf. Weiter stellt sie noch fest: „Abgesehen von den etymologischen Ursprüngen kann sich der Klärung des Begriffs Privatheit auch aus dem Verständnis verschiedener [wissenschaftlicher] Disziplinen heraus angenähert werden“ (Einspänner-Pflock 2017, S. 21). Sie gibt in diesem Zusammenhang historische, sozialpsychologische und juristische Implikationen zum Begriff der Privatheit (vgl. Einspänner-Pflock 2017, S. 21-54).

Auch Kornelia Hahn verweist auf Habermas (2015), wenn sie Privatheit und Öffentlichkeit als dynamische, letztendlich reziproke Konzepte beschreibt (Hahn 2019). Unter Bezug auf Georg Simmel beschreibt Hahn hier vor allem intime zwischenmenschliche Beziehungen als privat bzw. Teil der Privatheit (vgl. Hahn 2019, S. 53-59; vgl. dazu auch Stempfhuber 2012). Insofern lassen sich beispielsweise Liebe (vgl. Luhmann 1994, Illouz 2003) oder Sexualität (vgl. Foucault 1976) als privat auffassen.

Thilo Hagendorff beschreibt Privatheit unter dem Aspekt der Kontrolle, „welche eine Person darüber [über Privatheit] ausüben kann, inwiefern andere Zugriff auf oder Zugang zu bestimmten Räumen, Informationen oder Entscheidungen haben. […] Sie schützt räumliche Rückzugsmöglichkeiten; sie sichert Erwartungshorizonte hinsichtlich des Wissens, welches andere über einen Menschen besitzen; und sie gewährleistet Entscheidungs- und Handlungsspielräume“ (Hagendorff 2018, S. 13). Jens Bergmann resümiert: „[M]it dem ‚Privaten‘ [liegt] ein diffuses und mehrdeutiges Konzept […] [vor], dessen Bedeutung sich verschiedenen Diskursen und Problemstellungen anpasst. Das Prädikat ‚privat‘ diffundiert semantisch zwischen räumlichen Bezügen (Haushalt, Wohnung), Handlungs- und Verhaltensdimensionen (Austauschformen, Machtverhältnisse oder intime Handlungen) sowie Wissenstypen (bestimmte Informationen)“ (Bergmann 2011, S. 70).

Die neuere soziologische Forschung beschreibt Privatheit vor allem unter dem Aspekt der zwischenmenschlichen Kommunikation, mitunter auch unter Einbezug neuer Kommunikationsmedien und -strategien, beispielsweise auf Social Network Sites (vgl. dazu Wagner 2019, Barth 2016, Wagner 2014). Zu Privatheit als Eigenschaft von Kommunikation gibt Barbara Hans einen guten Überblick (Hans 2017, S. 69-72).

Beim Begriff der Privatheit muss also zumindest implizit das Nicht-Private mitgedacht und abgegrenzt werden. Es besteht auch ein enger Bezug zwischen Privatheit und (Wohn-)Raum, denn das Private und das Öffentliche spielen sich immer in sozialen Räumen, mitunter in physischen Räumen wie dem Wohnraum, aber auch in imaginären Räumen ab, vor allem im virtuellen Raum des Internets. Hinsichtlich Wohnräumen liefert Carmen Keckeis einen guten Überblick: „Als private Räume gelten im alltäglichen Verständnis hauptsächlich die gebauten Räume der ‚eigenen vier Wände‘“ (Keckeis 2017, S. 20). Sie behandelt aber auch noch weitere Raum- und Sphärentheorien, deren Darstellung hier allerdings viel zu weit gehen würde (vgl. Keckeis 2017). Sie konstatiert ferner einen unauflösbaren Zusammenhang zwischen Privatheit und (Wohn-)Raum. Eine Feststellung seitens Keckeis ist besonders hervorzuheben: „Raum und Privatheit sind […] keine starren und unveränderlichen Konstanten oder Behälter, sondern eine relationale Konstruktionsleistung sozialer AkteurInnen [sic!] und damit ein Produkt sozialer Prozesse und Praktiken“ (Keckeis 2017, S. 52). Sie spielt damit auch auf die soziale Raumdimension von Privatheit im Wohnraum an. Der soziale Raum ‚Wohnraum‘ lässt sich damit nicht vom physischen Wohnraum trennen respektive getrennt betrachten. Oder anders ausgedrückt: jeder Wohnraum ist gleichzeitig auch ein sozialer Raum. Daraus folgt zudem, dass soziale Praktiken die Wahrnehmung von Privatheit im Wohnraum beeinflussen, und umgekehrt (Keckeis 2017, S. 52 f.). Auf die Bedeutung sozialer Räume für die soziale Ordnung einer Gesellschaft hat bereits Georg Simmel hingewiesen (Simmel 2013, S. 477-484).

Privatheit wird im weiteren Verlauf der Arbeit als „das Leben, das dem öffentlichen Blick, Zugang und Zugriff durch räumliche, rechtliche und kommunikative Schließungen entzogen ist, das keiner direkten externen Steuerung unterliegt und einer nicht-öffentlichen, nicht beruflichen Sphäre zugerechnet wird“ (Wohlrab-Sahr 2011, S. 33) verstanden, welches im privaten Wohnraum, innerhalb der „eigenen vier Wände“ stattfindet. Dabei ist eine exakte Unterscheidung zwischen Privatheit und Privatsphäre nicht zwingend erforderlich, weshalb im Folgenden nicht trennscharf zwischen beiden Begriffen unterschieden wird. Wohnraum wird hier ferner als bauliche Anlage (z. B. Studentenwohnheime, Eigenheime, Eigentums- oder Mietwohnungen usw.) aufgefasst, also als soziale Artefakte, die explizit zu Wohnzwecken errichtet und betrieben werden.

2.1.2 Grenzziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit

Ein wichtiger Diskurs in der Soziologie ergibt sich aus den Begriffen Privatheit, Öffentlichkeit und Raum selbst, nämlich der Diskurs über Grenzen, Begrenzungen und Abgrenzung von Privatheit gegenüber Öffentlichkeit. Hierbei sind mitunter auch räumliche Grenzen bedeutsam. Georg Simmel hat dazu, wie bereits erwähnt, einen wesentlichen Beitrag vorgelegt (Simmel 2013). Demnach ist das Soziale in einer Gesellschaft auch immer an Räume gebunden, die begrenzt und gegenüber anderen Räumen und Sphären abgegrenzt werden. Grenzen und deren Übertretung im Rahmen von beispielsweise Kommunikation sind der Kerngegenstand des Sozialen. Dazu konstatiert Simmel: „Der Rahmen, die in sich zurücklaufende Grenze eines [sozialen] Gebildes, hat für die soziale Gruppe sehr ähnliche Bedeutung wie für ein Kunstwerk[:] […] das Kunstwerk gegen die umgebende Welt ab- und es in sich zusammenzuschließen“ (Simmel 2013, S. 482). Obwohl Simmel hier eher von physischen Grenzen spricht, gilt diese Feststellung dennoch gleichfalls für imaginäre Raumgrenzen. Zudem ist er sich bewusst, dass diese Grenzen gleichzeitig auch flexibel sind, „gerade, weil hier Verschiebungen, Erweiterungen, Einziehungen, Verschmelzungen“ (Simmel 2013, S. 483) möglich sind. Grenzen sind damit sowohl für soziale Gebilde wie Gesellschaften, als auch für die darin handelnden Akteure essenziell. Schlussendlich zieht Simmel das Fazit: „Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt“ (Simmel 2013, S. 484). Ergänzend hierzu sei noch angemerkt, dass u. a. auch Habermas (2015) für eine strikte Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit plädiert hat (vgl. Schachtner und Duller 2014, S. 63).

An anderer Stelle geht Simmel mehr auf die Mechanismen physischer Raumbegrenzung und deren Funktion ein, nämlich u. a. auf Fenster und Türen von Wohnräumen (Simmel 1957). Eine Tür ist laut Simmel „ein Gelenk zwischen de[m] Raum des Menschen und alle[m], was außerhalb desselben ist“, denn sie hebt „die Trennung zwischen dem Innen und dem Außen auf“ (Simmel 1957, S. 3 f.). Im Sinne Simmels lässt sich die Tür also als Schwelle zwischen dem privaten Wohnraum und dem öffentlichen Raum beschreiben. Ähnlich beschreibt Simmel das Fenster: „Allein das teleologische Gefühl dem Fenster gegenüber geht fast ausschließlich von innen nach außen: es ist für das Hinaussehen da, nicht für das Hineinsehen. Es stellt die Verbindung zwischen dem Inneren und dem Außeren [sic!] […] vermöge seiner Durchsichtigkeit gleichsam chronisch und kontinuierlich her“ (Simmel 1957, S. 5). Damit unterscheidet sich das Fenster vom sozialen Sinn der Tür, denn der „Sinn dieser Türen [ist] […] ein Hineinführen, nicht aber […] ein Hinausführen“ (ebda.).

Solche und ähnliche Formen der Grenzziehung werden daher primär verhandelt, wenn Privatheit von Öffentlichkeit abgegrenzt werden soll. Wohlrab-Sahr argumentiert ähnlich wie Simmel bei der Beschreibung der Abgrenzung von Privatem und Öffentlichem in Wohnräumen (Wohlrab-Sahr 2011, S. 40-43). Sie fügt dem Diskurs jedoch noch Gardienen bzw. entsprechende Äquivalente hinzu und reflektiert deren Funktion. So dienen jene nicht ausschließlich dem Sichtschutz nach innen, sondern können auch gegenteilige Effekte bewirken: „mit einem Vorhang oder einer Gardine lediglich gerahmte Fenster“ können „zum Blick nach drinnen [sic!] geradezu [einladen]“ (Wohlrab-Sahr 2011, S. 41; Herv. im Original). Ferner weist sie noch darauf hin, dass die Beforschung von Fenstern und Gardinen etc. in der Soziologie nicht ausreicht und noch weiter ausbaufähig wäre.

Sylke Nissen spricht von „Hybridräumen“, wenn sie das Eindringen des Privaten in den öffentlichen Raum beschreibt (Nissen 2008). Sie fokussiert sich aber mehr auf öffentliche und weniger auf private Räume, grenzt aber beides zunächst deutlich voneinander ab, um im Anschluss daran die Wechselwirkungen zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum zu beschreiben. Auch Nissen greift dabei auf die Erkenntnisse von Habermas (2015) zur Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit zurück und adaptiert diese für ihre eigene Untersuchung. Nissen spricht so implizit bereits einen weiteren wesentlichen Aspekt des gegenwärtigen soziologischen Diskurses um Privatheit und Raum an, der im Folgenden aufgearbeitet wird.

2.1.3 Entgrenzung von Privatheit und sozialen Räumen

Ein weiterer wichtiger Aspekt im Diskurs über Privatheit und soziale Räume sind Fragestellungen, die eine Entgrenzung von Privatheit, Öffentlichkeit und entsprechender sozialer Räume diskutieren. Neuere Arbeiten zu diesem Komplex haben vor allem imaginäre soziale Räume (z. B. den Cyberspace oder generell das Internet) zum Gegenstand und vernachlässigen eher den physischen (Wohn-)Raum. Gemeinsam ist diesen Beiträgen jedoch ein Grundkanon in den Fragestellungen: Lässt sich Privatheit heute überhaupt noch von Öffentlichkeit trennen? Verschwimmen entsprechende Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zunehmend? Sind private Räume nicht bereits teilweise öffentlich? Und dergleichen mehr. Auch sind sich die meisten Autoren, die diesen Diskurs aufgreifen, dahingehend einig, dass vor allem durch die fortschreitende Digitalisierung ein Strukturwandel hinsichtlich der Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit stattgefunden hat bzw. stattfindet. Damit einher geht ein weiterer dominanter Aspekt in diesem Diskurs, nämlich der Aspekt der bedrohten Privatheit respektive Bedrohung der Privatheit, vor allem durch Praktiken oder Folgen der Digitalisierung.

Martin Stempfhuber fasst ausgewählte Trends zum Strukturwandel von Privatheit adäquat zusammen (Stempfhuber 2019). Er legt auch dar, dass Praktiken oder Auswirkungen der Digitalisierung hier maßgeblich als „Trendsetter“ zu identifizieren sind (beispielsweise „Big Data“[3] ). Hans weist ferner unter Bezug auf Richard Sennett und Habermas darauf hin, dass bereits die Herstellung und Abgrenzung des Privaten gegenüber dem Öffentlichen einen permanenten Wandel impliziert, beispielsweise wenn sich Grenzen verschieben oder angepasst werden (Hans 2017, S. 95-98).

Hagendorff nimmt die Beschreibung sozialen Wandels zum Anlass, um darauf hinzuweisen, dass Privatheit aufgrund ihres ambivalenten Charakters schon immer als bedroht angesehen werden konnte (Hagendorff 2018, S. 14-24). Mehr noch, dieses Bedrohungspotenzial ergibt sich teilweise aus dem Kontext von Wandlungsprozessen selbst und ist nicht selten sogar bewusst herbeigeführt. Dies erläutert er mitunter am Beispiel der Frauenbewegung der 1970er Jahre („das Private ist politisch“). Sebastian Sevignani kontextualisiert das Bedrohungspotenzial für Privatheit durch digitalisierte Wirtschaftspraktiken (Sevignani 2017). Er sieht den grassierenden informationellen Wirtschaftskapitalismus kritisch, da dessen Praktiken (z. B. die Informationssammlung und -überwachung) dem Bedürfnis nach Privatheit entgegensteht, beispielsweise hinsichtlich der informationellen Selbstbestimmung. Peter Seele und Chr. Lucas Zapf greifen diese Gedanken ebenfalls auf und verknüpfen die Gefahren für die Privatheit ebenso mit dem durch die Digitalisierung des Alltagslebens initiierten Strukturwandel des Privaten, insbesondere mit dem Sammeln, Überwachen und Auswerten persönlicher Daten (Seele und Zapf 2017). Heiner Koch verhandelt generell Überwachungspraktiken in einem Beitrag zur Sicherheitsethik (Koch 2014). Er greift dabei das Dilemma zwischen der Herstellung von Sicherheit und dem Schutz der Privatheit auf. Diese Thematik hat vor allem durch die gestiegene Terrorismusbedrohung der letzten Jahre (insbesondere seit den Terroranschlägen am 11. September 2001) an Wichtigkeit in Politik und Gesellschaft gewonnen.

[...]


[1] Sprich: Google Plus

[2] Habermas wird in Kapitel 2.1.2 noch weiter aufgegriffen.

[3] „Big Data“ ist ein Begriff bzw. eine Strategie aus der Informationstechnologie und Datenverarbeitung. Er beschreibt das Sammeln (sog. „Data-Mining“) und Auswerten von riesigen Datenmengen, die dazu genutzt werden, um beispielsweise Kundenprofile aus der Verknüpfung und Vernetzung dieser Daten zu generieren, die wiederum Rückschlüsse auf Kaufkraft, Zahlungswilligkeit etc. jener Kunden ermöglichen. In Verbindung mit Privatheit ist hier entscheidend, dass diese verwendeten Datenmengen ursprünglich nicht für derartige Zwecke gesammelt worden sind. Erst durch die Weiterverarbeitung und Vernetzung dieser Daten in unterschiedlichsten Zusammenhängen ergibt sich ein potenzielles Bedrohungspotenzial für die Privatheit des Einzelnen, weil so z. B. Kunden „gläsern“ oder „durchsichtig“ gemacht werden können, was ggf. zu missbräuchlicher Verwendung besagter Daten führen kann (vgl. hierzu auch Nassehi 2019).

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Zur Grenze von Privatheit in Wohnräumen
Untertitel
Eine empirische Untersuchung alltäglicher Grenzziehungspraktiken von Privatheit in ausgewählten Wohnsituationen
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Politikwissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Qualitative empirische Sozialforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
31
Katalognummer
V496890
ISBN (eBook)
9783346008602
ISBN (Buch)
9783346008619
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Öffentlichkeit, Privatheit, Grenzziehungspraktiken von Privatheit, Wohnraum, Studentenwohnheim, qualitative empirische Sozialforschung, Soziologie der Grenzziehung, Soziologie des Alltags
Arbeit zitieren
Florian Schlereth (Autor), 2019, Zur Grenze von Privatheit in Wohnräumen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496890

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