Alphabetisierung im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts. Eine Analyse der Devianzen in Briefen Gefangener der Strafkolonie Guyana


Bachelorarbeit, 2019
71 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schriftlichkeit in der Kolonie Guyana
2.1 Entstehung der bagnes
2.2 Briefverkehr in den bagnes

3. Thematik und Forschungsziel des Corpus Historique du Substandard Frangais

4. Profil der peu-lettres
4.1 Stand und Bildung der peu-lettres
4.2 Departements d'origine der peu-lettres

5. Geschichte der Orthographie und Interpunktion des Französischen
5.1 Entwicklung der französischen Orthographie
5.2 Entwicklung der französischen Interpunktion und Akzentsetzung

6. Schwierigkeiten der französischen Orthographie und Interpunktion
6.1 Umsetzung des code phonique in den code graphique
6.2 Mündlichkeit und Interpunktion

7. Systematische Abweichungen in den Briefen der peu-lettres
7.1 Decoupage
7.1.1 Surdecoupage
7.1.2 Agglutination
7.1.3 Liaison und apostrophe
7.2 Accents und diacritiques
7.2.1 Accent grave
7.2.2 Accent aigu
7.2.3 Accent circonflexe
7.2.4 Cedille
7.3 Point und virgule
7.4 Fazit

8. Schlussbetrachtung

9. Bibliographie

1. Einleitung

Die Geschichte der französischen Sprache ist geprägt von der Pflege der sprachlichen Norm, aber auch immer wieder laut werden Forderungen nach einer Orthographiereform. Kaum eine Sprache weist eine solch deutliche Diskrepanz zwischen ihrer lautlichen Realisierung und der schriftlichen Form auf wie das Französische. Während heute eine Beherrschung der orthographischen Regeln für die Mehrheit der Franzosen selbstverständlich ist, stellt die Untersuchung des Alphabetisierungsgrades des französischen Volkes in vergangenen Jahrhunderten einen Forschungsbereich dar, der noch einige Lücken offenlässt. Dokumentierte Schriftstücke erlauben jedoch einen Eindruck davon, wie gut die französische Bevölkerung in Zeiten, in denen Schulbildung noch nicht verpflichtend und für alle zugänglich war, ihre Muttersprache beherrschten und insbesondere wie nahe an der korrekten Norm sie sie niederschreiben konnten. Gegenstand der vorliegenden Arbeit, die sich der französischen Alphabetisierung widmet, sind Privatbriefe der französischen Unterschicht des späten 19. Jahrhunderts, deren schriftliche Korrespondenzen als Gefangene in den bagnes der Strafkolonie Guyana zahlreich dokumentiert und archiviert sind. Ein Blick auf die orthographischen Kenntnisse dieser ungeübten Schreiber, der peu-lettres, erlaubt eine Einschätzung des Alphabetisierungsgrades zu dieser Zeit. Somit möchte die vorliegende Arbeit einen Beitrag zur Schließung der Forschungslücken im Bereich der Alphabetisierungsforschung mit Fokus auf die Mehrheit der französischen Bevölkerung, die Unterschicht, leisten. Zunächst wird auf die Entstehung der bagnes und das System der französischen Strafkolonien in Guyana sowie auf die Rolle der Schriftlichkeit für die Gefangenen eingegangen. Es folgt eine kurze Vorstellung des Profils der peu-lettres in Bezug auf Stand, Bildung und geographischer Herkunft. Anschließend wird die Ursache der Diskrepanz zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit der französischen Sprache durch die Darlegung der Geschichte der französischen Orthographie sowie Akzentsetzung und Interpunktion untersucht. Auf Grundlage dieser historischen Betrachtung erfolgt eine Analyse der besonderen Schwierigkeiten, die die Verwendung einer korrekten Orthographie, Akzentsetzung und Interpunktion vor dem Hintergrund der Besonderheiten bei der Umsetzung der gesprochenen Sprache in die Schriftsprache für die ungeübten Schreiber darstellen. Die anschließende Analyse eines Korpus von 25 devianten Briefen der peu-lettres aus dem späten 19. Jahrhundert in Hinblick auf spezifische Interpunktionszeichen und die französischen accents zeigt auf, in welchem Maße die Regeln der französischen Akzentsetzung und Interpunktion von den ungeübten Schreibern beherrscht werden und zu welchen Abweichungen von der Norm die fehlenden orthographischen Kenntnisse der Briefverfasser führen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, zu welchen Devianzen eine mangelnde Beherrschung des schriftlichen Französisch in Bezug auf Akzentsetzung und Interpunktion führt, um anhand der analysierten Normabweichungen Rückschlüsse auf den Alphabetisierungsgrad der Unterschicht im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts zu ziehen.

2. Schriftlichkeit in der Kolonie Guyana

2.1 Entstehung der bagnes

Die Deportation in die bagnes der Kolonie Guyana ist eines der dunkleren Kapitel der französischen Geschichte. Der Begriff „bagnes" geht zurück auf einen „lieu d'enfermement" der christlichen Sklaven in den muslimischen Mittelmeerländern im 17. Jahrhundert, aber auch die der „mahometans" in katholischen Ländern (Pierre 2017: 9/10). Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bezeichnen die bagnes in Frankreich noch Stätten der Zwangsarbeit, die sich meistens in Hafenstädten wie Toulon, Marseille, Rochefort und Brest befinden. Im 19. Jahrhundert stehen die bagnes schließlich für „des implantations de labeur force en Guyane et Nouvelle-Caledonie et autres lieux de l'Empire colonial frangais, toujours en lien avec le ministere de la Marine" (Pierre 2017: 10). Die Straflager sind Zeichen eines Jahrhunderts, in dem Frankreich von einer hohen Kriminalitätsrate geprägt ist: „[D]ans les grandes villes de provinces mais aussi dans les secteurs ruraux qui, en raison de leur isolement, sont de veritables zones criminogenes ignorees" (Dufour 2006: 20). Die Verurteilten aus ganz Frankreich brechen von den bagnes portuaires in Paris, der Bretagne und Bordeaux in die Strafkolonien Saint- Laurent-du-Maroni und Nouvelle-Caledonie auf (Pierre 2017: 17). Eine Rückkehr ist nicht vorgesehen; in einem Dekret von 1852 heißt es: „Tout individu condamne a moins de huit annees de travaux forces sera tenu, a l'expiration de sa peine, de resider dans la colonie pendant un temps egal a la duree de sa condamnation. Si la peine est du huit annees, il sera tenu d'y resider pendant toute sa vie" (Pierre 2017: 98). Erst 1938 endet der Transport von Verurteilten in die bagnes von Guyana (Pierre 2017: 12). So grausam das System der bagnes auch war, so wertvoll ist die detaillierte schriftliche Dokumentation dieser Episode jedoch nicht nur aus rein historischer, sondern vor allem auch aus sprachhistorischer Sicht.

2.2 Briefverkehr in den bagnes

Die Deportation in die Strafkolonien Guyanas führte dazu, dass die meist aus der Unterschicht stammenden und somit weniger gebildeten Verurteilten aufgrund des gewünschten Kontakts zu ihren Vorgesetzten innerhalb der Kolonie oder ihren Angehörigen in Frankreich deutlich häufiger mit der Notwendigkeit zu Schreiben konfrontiert waren als in ihrem bisherigen Leben. In den Strafkolonien sammelten sich Menschen aus allen Regionen Frankreichs, unterschiedlichen Geschlechts und mit verschiedenen Berufen, die in schriftliche Korrespondenz mit ihren Angehörigen oder Vorgesetzten traten. Somit bietet die Vielzahl an Briefen, die in Dossiers in den Strafkolonien aufbewahrt wurden und heute in den Archives nationales d'outre mer in Aix-en-Provence zugänglich sind, einen aufschlussreichen Einblick in die Schreibkompetenzen dieser ungeübten Schreiber - der peu-lettres - aus dem Frankreich des späten 19. Jahrhunderts, auf denen in der vorliegenden Arbeit der Fokus liegen soll. Für jeden der Gefangenen in den Strafkolonien Guyanas wurde ein Dossier angelegt, das alle vorhandenen Informationen über dessen Identität, soziale Herkunft, Beruf und familiäre Situation angibt sowie eine Beschreibung des Aussehens, die Matrikelnummer und eine Auflistung der Delikte und bisherigen Verurteilungen beinhaltet (vgl. Jacquelin 2002: 81). Viele der dort aufbewahrten Briefe lassen sich als lettres particulieres und somit nicht private Korrespondenzen klassifizieren und stammen von den Aufsehern oder hochrangigen Autoritäten der Strafkolonie mit einer höheren Bildung: „Le gros de chaque dossier est constitue par les demandes de punition [...] formulees par les gardiens" (Jacquelin 2002: 83). Die lettres privees hingegen, die Briefe, die von den Gefangenen selbst oder ihnen Nahestehenden verfasst worden sind, richten sich an deren Familien und Angehörigen, besonders häufig jedoch an die verantwortlichen Autoritäten : „La plupart des lettres sont adressees par le condamne ou sa famille a l'administration ou a des instances superieures [...]" (Dion 2007: 17). Die Motivation dieser Briefe sind hauptsächlich Ersuche, Bitten, Beschwerden oder Beteuerungen der Unschuld:

Qu'elles soient de la main du bagnard ou ecrites par un tiers qui joue le role d'ecrivain public, ces lettres reclament des remises de peine, des graces, l'indulgence a la suite d'une sanction ou d'une condamnation. Le condamne proteste de son innocence, se plaint de ses conditions de detention et de travail, de la nourriture, demande des nouvelles de sa famille ou sollicite l'autorisation de faire venir aupres de lui. (Dion 2007: 17/19)

Die umfangreiche Dokumentation an Schriftstücken ermöglicht nicht nur eine Einsicht in die Lebensverhältnisse in den bagnes, sondern mit Blick auf die Briefe und ihre Verfasser und Adressaten auch eine Einschätzung der orthographischen Kenntnisse der zur damaligen Zeit meist ungeübten Schreiber der Unterschicht. Die Gefangenen der Strafkolonien Guyanas stellen dabei keine isoliert zu betrachtende Gruppe dar, sondern repräsentieren durch ihren Bildungs- und sozialen Stand weitgehend den Großteil der französischen Bevölkerung, was besonders im Vergleich zu den schriftlichen Kompetenzen der gebildeteren Autoritäten in den lettres particulieres deutlich wird. Die Fehler in den schriftlichen Korrespondenzen der peu-lettres in Bezug auf die Orthographie, Akzentsetzung und Interpunktion aufgrund nie erlernter Kenntnisse oder fehlender Übung erlauben somit Rückschlüsse auf den allgemeinen Stand der Alphabetisierung der französischen Bevölkerung im untersuchten Zeitraum.1

3. Thematik und Forschungsziel des Corpus Historique du Substandard Frangais

Interessanterweise waren der Alphabetisierungsgrad und die schriftsprachlichen Kenntnisse ungeübter Schreiber in verschiedenen geschichtlichen Perioden bislang selten Gegenstand der sprachwissenschaftlichen Forschung: „Les manuscrits on souvent ete etudies par les historiens mais, plus soucieux de ,contenu' que d'histoire de la langue, ces derniers n'hesitent pas a modifier les enonces qu'ils ont sous les yeux. [...] Rares sont les historiens de la periode contemporaine interesses par les problemes de langue" (Branca-Rosoff 1994: 29). Das Corpus Historique du Substandard Frangais will mit seinem Forschungsziel diesem mangelnden Interesse entgegentreten:

Das Corpus Historique du Substandard Frangais will als Beitrag zur Grundlagenforschung die Lücke schließen helfen, die in der Historiographie des Französischen hinsichtlich der

Sprache der Bevölkerungsmehrheit, d.h. in erster Linie der soziokulturellen Unterschichten, klafft. Diese haben sich im 19. Jh. der Gemeinsprache angenähert, sie aber in verschiedenen fran^ais regionaux realisiert. Teils wird auch in den sog. Regionalsprachen geschrieben. Wie diese deviante Schriftlichkeit aussieht, ist erst seit den Untersuchungen zu Soldatenbriefen aus dem Ersten Weltkrieg besser bekannt. Für die Zeit davor resigniert die Sprachgeschichte wegen vermeintlichen Quellenmangels. (http://gepris.dfg.de/gepris/projekt/183276809)

Die bei Archivreisen gesammelten devianten Dokumente werden in drei Perioden eingeteilt, wobei für die vorliegende Arbeit der Zeitraum vom Jahr 1816 bis zum Jahr 1913 von Interesse ist. Der Fokus liegt auf den Briefen der Gefangenen und ungeübten Schreiber in den bagnes von Guyana; die untersuchten Briefe stammen hauptsächlich aus den 1880er und 1890er Jahren. Die Untersuchung der die Orthographie, Akzentsetzung und Interpunktion betreffenden Devianzen und ihrer Ursachen in den von den peu-lettres verfassten Briefen aus den Archives nationales d'outre mer soll zur Erschließung dieses Korpus und der Vervollständigung der Alphabetisierungs- und Sprachgeschichte Frankreichs mit Blick auf die Unterschicht und somit die breite Bevölkerung beitragen.

Bei der Lektüre ist die inkorrekte oder unvollständige Verwendung der französischen Interpunktion, Akzentsetzung und Orthographie in einer Vielzahl der Briefe augenfällig. Eine phonetische Ausrichtung bei der Schreibung wird dabei schnell deutlich: „Pour la plupart, les ecritures sont mal formees, rudimentaires, et l'orthographe en est phonetique [...]" (Jacquelin 2002: 34). Die Problematik der Orientierung der ungeübten Schreiber aus den bagnes am gesprochenen Französisch vor dem Hintergrund der Diskrepanz zwischen den als korrekt geltenden Regelungen der französischen Orthographie, Akzentsetzung und Interpunktion auf der einen und der mündlichen Realisierung der französischen Sprache auf der anderen Seite soll nachfolgend untersucht werden. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, in Form welcher Devianzen sich diese Diskrepanz zwischen der mündlichen und schriftlichen Umsetzung des Französischen in der Schreibung der peu-lettres Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach der Etablierung der orthographischen Regeln niederschlägt und welche Rückschlüsse daraus für einen Eindruck vom Stand der Alphabetisierung der französischen Unterschicht im 19. Jahrhundert gezogen werden können.

4. Profil der peu-lettres

4.1 Stand und Bildung der peu-lettres

Die verschiedenen Regionalsprachen spielen im Bereich der Mündlichkeit noch lange eine größere Rolle als das Französische, das sich vor allem im Schriftlichen als Norm herauskristallisiert (vgl. Kremnitz 2013: 266). Erst im 18. Jahrhundert setzt sich das Französische als sprachliche Norm immer mehr durch: „Ce n'est que vers la deuxieme moitie du XVIIIe siecle [...] que la connaissance du frangais progresse reellement" (Kremnitz 2013: 267). Noch im frühen 19. Jahrhundert kann der Großteil der Bevölkerung Frankreichs nicht lesen (vgl. Causse 1998: 68). Erst im Jahr 1880 wird in Frankreich die Schulpflicht eingeführt (vgl. Causse 1998: 73). Die Verfasser der im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Briefe waren also noch nicht Teil eines verpflichtenden Schulunterrichts, was eine anderweitige orthographische und grammatische Ausbildung jedoch nicht ausschließt. Die sichere Beherrschung der französischen Sprache in mündlicher und insbesondere schriftlicher Form weist noch deutliche Unterschiede im Vergleich zwischen den sozialen Schichten auf: „Ce schema general est soumis a de fortes variations : certaines couches sociales passent avant d'autres au frangais; la question de l'alphabetisation, notamment, joue un tres grand role pour l'acquisition de la langue de l'Etat [...]" (Kremnitz 2013: 269). Bei den Gefangenen in den bagnes und ihren Angehörigen handelt es sich um ungeübte Schreiber mit einer grundlegenden Bildung im Bereich der schriftlichen Verwendung des Französischen mit unterschiedlicher Herkunft und Profession sowie unterschiedlichen Geschlechts. Alle haben als ungeübte Schreiber die Regeln der französischen Orthographie, Akzentsetzung und Interpunktion nicht internalisiert und werden im Zuge ihrer Deportation nach Guyana somit mit der für sie neuen und ungewohnten Aufgabe konfrontiert, sich schriftlich in Form von Briefen auszudrücken: „Pour attribuer a l'oral les ecarts releves dans les textes, il faudrait supposer que, meme alphabetises, les peu- lettres n'auraient fait que transcrire leur parole parce qu'ils n'avaient pas encore acces aux formes d'ecriture fixees dans la culture dominante" (Branca Rosoff 1994: 23). Die Gewinnung von auf exakten Statistiken basierenden Erkenntnissen über die Alphabetisierung der französischen Bevölkerung im 19. Jahrhundert ist kaum möglich. Zunächst ist die Fähigkeit, lesen zu können, von einer vollständigen Alphabetisierung,

die Schreibkompetenzen miteinbezieht, zu unterscheiden (vgl. Furet 1974: 716). Zudem basieren die Statistiken der damaligen Zeit, die uns zur Verfügung stehen, nicht auf einer tatsächlichen empirischen Untersuchung des Alphabetisierungsgrades der unteren Bevölkerungsschichten (vgl. Furet 1974: 716). Somit fehlen zuverlässige Fakten über den Stand der Alphabetisierung der französischen Unterschicht im 19. Jahrhundert.2 Um dennoch die in den devianten Briefen innerhalb des ausgewählten Korpus deutlich werdenden schriftsprachlichen Kompetenzen einer bestimmten Bevölkerungsschicht zuordnen und sich somit ein besseres Bild von den ungeübten Schreibern und ihrem Alphabetisierungsstand machen zu können, stellt eine Untersuchung der Abweichungen von der orthographischen Norm eine zuverlässigere Grundlage dar.

4.2 Departements d'origine der peu-lettres

Die Dossiers in den Archives nationales d'outre mer gehören zu Gefangenen aus den verschiedensten Departements, wodurch die Einschätzung des Alphabetisierungsgrades der französischen Bevölkerung im späten 19. Jahrhundert nicht auf wenige einzelne Departements beschränkt bleibt. Die Verfasser der in dieser Arbeit untersuchten Briefe stammen aus den Departements Seine, Vosges, Vienne, Seine-Maritime, Bas-Rhin, Creuse, Aisne, Rhone, Finistere, Maine-et-Loire, Lorraine, Loire-Atlantique, Ille-et-Vilaine, Saone-et-Loire, Haute Saone und Oise. Somit erstrecken sich die Departements d'origine der peu-lettres auf unterschiedliche Gegenden des Landes, vornehmlich stammen die ungeübten Schreiber jedoch aus dem Norden und Westen Frankreichs. Die besondere Schwierigkeit der Umsetzung des Französischen vom Mündlichen ins Schriftliche für diese ungeübten Schreiber liegt in der deutlichen Diskrepanz zwischen der Aussprache und den Normen der Schriftsprache, aber auch in den größtenteils fehlenden Entsprechungen von Interpunktionszeichen in der gesprochenen Sprache, die in den zahlreichen Abweichungen von der als korrekt geltenden Norm resultieren.

5. Geschichte der Orthographie und Interpunktion des Französischen

5.1 Entwicklung der französischen Orthographie

Zum Verständnis dieser Diskrepanz zwischen den Regeln zur Verwendung der Orthographie, Akzentsetzung und Interpunktion des Französischen auf der einen und der phonetischen Realisierung auf der anderen Seite, die zu den Devianzen bei der Niederschreibung der französischen Sprache in den Briefen der peu-lettres führt, ist ein vertiefter Blick auf die Geschichte der Verschriftlichung des Französischen notwendig. Grundlage für die Entwicklung des schriftlichen Französisch ist das lateinische Schriftsystem. Zum Zeitpunkt der ersten Niederschreibungen ist die französische Sprache noch deutlich von ihren regionalen Variationen geprägt und besitzt entsprechend viele verschiedene Schreibweisen ohne feste Aussprache- oder in Vorlagen festgehaltene Rechtschreibregeln (vgl. Meisenburg 1996: 68). Gegenüber dem Vulgärlatein, in welchem das Französische seine Wurzeln hat, entstehen im Altfranzösischen zusätzliche Vokalphoneme ohne eigene Entsprechung im Schriftlichen, was schon früh zu einer Asymmetrie zwischen Phonemen und Graphemen des Französischen führt. Das gleiche gilt auch für eine Vielzahl mehrdeutiger Konsonanten (vgl. Meisenburg 1996: 71ff.). Für die mittelalterlichen Schreiber ist, anders als die Vermittlung des Inhalts, eine einheitliche Wiedergabe der Lautung genauso wenig von Bedeutung wie die Interessen des Lesers (vgl. Meisenburg 1996: 79), weshalb das schriftliche Altfranzösisch von uneinheitlichen Schreibweisen und einer nicht korrespondierenden Phonie und Graphie geprägt ist. Durch das lateinische Vorbild werden jedoch eine morphosemantische Analyse und Abweichungen von Graphem­Morphem-Korrespondenzen in die Schreibweise mit einbezogen, was eine vollkommene Orientierung an der Lautung nicht realisierbar macht (vgl. Meisenburg 1996: 83). Dennoch ist die Orthographie des Altfranzösischen noch stark an der Phonologie orientiert; etymologische und morphologische Aspekte stehen im Hintergrund (vgl. Meisenburg 1996: 75). Die Tatsache, dass zum Zwecke der Inhaltsvermittlung „in erster Linie auf die Lautseite der Sprache zurückgegriffen wurde, die Graphie also lautorientiert ausfiel, war aufgrund der ebenso ausgerichteten lateinischen Vorlage naheliegend [...]" (Meisenburg 1996: 81). Im Übergang vom Alt- zum Mittelfranzösischen verfestigt sich die Graphie allmählich, wodurch sie sich noch mehr von der sich geänderten lautlichen Realisierung entfernt. Aus der vormals stärker phonologisch orientierten Orthographie wird eine Orthographie, die immer stärker die Morphologie und Semantik mit einbezieht, was in dieser Periode aufgrund der dadurch erfolgenden Homonymdifferenzierung noch zum Vorteil der Leser gereicht (vgl. Meisenburg 1996: 94ff.).

Der technologische Fortschritt in Bezug auf die nun häufiger stattfindende schriftliche Kommunikation, die auch über die einzelnen Regionen Frankreichs mit seinen Regionalsprachen hinwegreicht, macht eine Normierung des schriftlichen Französisch notwendig. Grundlage hierfür sind die scriptae, in den regional verwendeten Schreibweisen verfasste Urkunden (vgl. Ludwig 1996: 1492). Durch die Erfindung des Buchdrucks im Jahr 1436 und die damit verbundene Kodifizierung der Sprache (vgl. Causse 1998: 41) wächst zugleich auch die Bedeutung der korrekten Verwendung von Akzenten und Interpunktionszeichen. Im Sinne der Normierung setzt sich das in der Region Tie de France und insbesondere am Hof des Königs gesprochene Franzische als Standardform durch.

In der Renaissance entwickelt sich ein verstärktes Sprachbewusstsein, was die Frage aufwirft, wie sich die schriftliche und mündliche Verwendung des Französischen in Zukunft gestalten soll. Was sollte als Basis für die Schriftsprache dienen: Die Aussprache oder die Etymologie? Schon damals besteht Uneinigkeit darüber, ob der der breiten Bevölkerung vertrauten gesprochenen Sprache oder der Ableitung des französischen Wortschatzes aus dem Lateinischen und damit der Etymologie mehr Bedeutung beigemessen werden sollte. Der Grammatiker Louis Meigret verfasst im Jahr 1550 das Trette de la grammere frangoeze und befürwortet dabei eine möglichst nahe Orientierung an der Aussprache. Der Theoretiker Jacques Peletier du Mans verteidigt Meigret mit seinem Dialogue de l'ortografe e prononciation frangoese (vgl. Causse 1998: 45). Auch er befürwortet eine solche orthographe phonetique und betont die Unmittelbarkeit der mündlichen Sprachverwendung : „L'ecriture doit obeir a la parole et la parole a l'esprit" (vgl. Causse 1998: 48). Der Verleger Robert Estienne hingegen bleibt mit seinem Dictionnairefrangois-latin den lateinischen Wurzeln des Französischen treu und favorisiert eine orthographe etymologique (vgl. Causse 1998: 46). Die Entwicklung der französischen Orthographie im 16. Jahrhundert stellt die Weichen für die spätere etymologische Orientierung des schriftlichen Französisch. Die Tendenz zur orthographe etymologique wird schließlich zu einem Nachteil für die weniger gebildeten Bevölkerungsschichten, die keine etymologischen Kenntnisse besitzen und zu einer Orientierung an der ihnen bekannten Aussprache tendieren: „Il en decoule une opposition entre langue parlee et langue ecrite. Triomphante, la langue ecrite sera celle de l'etymologie, de l'histoire du mot, mais aussi celle des erudits^Elle delaisse ainsi les moins lettres..." (Causse 1998: 47).

Im 17. Jahrhundert entsteht mit der im Jahr 1635 gegründeten Academie frangaise und ihren Vorsitzenden Autoritäten wie Vaugelas eine zunehmende Diskrepanz zwischen den Forderungen einer korrekten schriftlichen Verwendung des Französischen und der bis dahin vorwiegend „oralitätsnahen literarischen Schreibtradition" (Ludwig 1996: 1494). Diese von Theoretikern aufoktroyierte Diskrepanz wird auch auf natürliche Weise im Übergang vom Alt- zum Neufranzösischen verstärkt, da „den tiefgreifenden lautlichen Veränderungen, die die französische Sprache [...] vom Alt- über das Mittel- bis zum Neufranzösischen erfahren hat, und die auch in Morphologie und Syntax eingegriffen haben, nie mit einer generellen Neuregelung der Korrespondenzen zwischen Lauten und Schriftzeichen begegnet worden ist" (Meisenburg 2008: 180). Zugunsten einer besseren Lesbarkeit wird die Morphologie mit einbezogen, da die Berücksichtigung der morphosemantischen Ebene in der Graphie „faite pour l'oeil" die Zuordnung der jeweiligen Lautformen vereinfacht (vgl. Meisenburg 1996: 76). In der Diglossie-Situation des Lateinischen und Französischen in Frankreich (vgl. Catach 2001: 73) behielt das Lateinische immer einen Einfluss auf die Entwicklung der französischen Orthographie: „Il y a quelque chose dramatique a voir comment, a la fois, le frangais revendique fortement a l'epoque ses droits de langue independante, et prend en meme temps un aspect graphique plus que jamais soumis a la langue mere" (Catach 2001: 97). Dies war vor allem auch durch die Verwendung lateinischer Terminologie in der Wissenschaft und Jurisprudenz begründet, durch die die Übernahme der lateinischen Schreibung nahelag (vgl. Meisenburg 1996: 121f.).

Der Einfluss des Lateinischen, lautliche Veränderungen in der Sprache sowie die Regelungen und Vorgaben der Academie frangaise führten somit zu einer deutlich etymologischen Orientierung der französischen Orthographie, die zu einer zunehmend tiefen Orthographie wurde: „Zur Kennzeichnung der Ebenenbezüge spricht man bei Sprachen mit Alphabetschrift außer von Mischsystemen auch von der Tiefe eines Systems. Weitgehend phonographisch determinierte Systeme heißen flach, solche mit starker Orientierung auf höhere Ebenen tief" (Eisenberg 1996: 1375). Zugleich führt die Einbeziehung der Morphosemantik aus Rücksicht auf die Interessen des Lesers zu zusätzlichen Regeln, die sich nicht rein aus der Logik der Phonologie des Französischen ergeben. Dies erleichtert der breiten Bevölkerung aus der Unterschicht zum einen das Lesen, zum anderen führen diese Regeln jedoch zu weiteren Schwierigkeiten für weniger gebildete Schreiber bei der schriftlichen Verwendung ihrer Muttersprache. Für eine richtige Anwendung der tiefen französischen Orthographie reichen auditive und orale Kompetenzen nun nicht mehr aus; die korrekten Schreibweisen können nur durch für die Schriftsprache spezifische Kenntnisse erkannt und bei der eigenen schriftlichen Produktion korrekt gewählt werden. Dieses Problem, das auf die Geschichte der französischen Schriftsprache zurückgeht, betrifft jedoch nicht nur die Orthographie an sich, sondern auch die Akzentsetzung und die Interpunktion, deren Anwendungsregeln ebenfalls keinen vollkommenen Bezug zur Phonologie des Französischen haben und auf die im Folgenden eingegangen werden soll.

5.2 Entwicklung der französischen Interpunktion und Akzentsetzung

Eine weitere Schwierigkeit bei der schriftlichen Verwendung der französischen Sprache neben der Orthographie liegt somit in der Verwendung des diakritischen Systems, der französischen Akzente, und den nicht-alphabetischen Sonderzeichen, der Interpunktion. Ursprünglich wurden diese sprachspezifischen Sonderzeichen eingeführt, um das Auftreten von Homographemen zu verhindern (vgl. Causse 1998: 14/15). So konnte den weniger gebildeten Massen das Lesen erleichtert und die Orthographie stärker an die Aussprache des Französischen angepasst werden.

Wie die verschiedenen möglichen Schreibweisen im Altfranzösischen, so werden auch die accents des Französischen zunächst beliebig verwendet: „Durant tout le premier millenaire, ces accents seront souvent abandonnes ou marques selon la fantaisie des scribes et des copistes. Apres la nuit noire de l'oubli, ils resurgiront avec le developpement de l'imprimerie. La renaissance de ces lointains petits signes marquera notre langue..." (Causse 1998: 147).

Bereits im 16. Jahrhundert werden das diakritische Zeichen cedille sowie vier Akzente verwendet, die bis heute Bestandteil der französischen Schreibung sind: accent aigu, accent grave, accent circonflexe und trema. Ihr Gebrauch manifestiert sich jedoch erst nach vielen Jahrzehnten, in denen sie bereits von einzelnen Druckern in ihren Texten gebraucht werden. Von den Theoretikern des bon usage wird zunächst nur der accent aigu auf dem e anerkannt. Der Buchdrucker Geoffroy Tory unterscheidet in seinem im Jahr 1521 erschienen Le Grand et Vrai Art de rhetorique zwischen einem e masculin, das dem e entspricht, und einem e feminin, das dem e muet entspricht. Er verwendet bei der Edition seiner Texte den accent aigu sowohl über dem e masculin als auch für die participes passes, um den weniger gebildeten Rezipienten das Lesen zu erleichtern (vgl. Causse 1998: 148f.). Auch die cedille verwendet Tory bereits (vgl. Causse 1998: 153). Um 1550 wird der „acgsant aigu" durch Peletier du Mans offiziell eingeführt (vgl. Causse 1998: 148f.). Im Jahr 1690 schreibt Richelet: „L'accent aigu se met d'ordinaire sur l'e masculin final" (Branca-Rosoff 1994: 46). Somit entwickeln sich nun die ersten Regeln der französischen Akzentsetzung, die den nicht stattfindenden Gebrauch des accent aigu als Fehler markieren: „[...] au cour du XVIIe siecle, l'accent aigu est reellement adopte. Ne pas l'employer devient une faute" (Causse 1998: 151f.).

Im darauffolgenden Jahrhundert folgt die Rechtschreibreform der sogenannten precieuses, um speziell den Frauen, die einen erschwerten Zugang zu Bildung haben, das Lesen und Schreiben zu erleichtern (vgl. Causse 1998: 150f.). Gemäß dieser Reform, die jedoch außerhalb der Salons der precieuses keine Anerkennung findet, wird von der etymologischen Schreibweise einiger Wörter abgewichen und jeder nicht gesprochene Buchstabe, vor allem das s, durch einen accent circonflexe ersetzt, dessen Anwendung bei vielen Wörtern den Regeln der heutigen französischen Orthographie entspricht. Pierre Corneille, ebenfalls Mitglied der Academie frangaise, verwendet den accent grave bereits auf dieselbe Weise, wie es in der heutigen Orthographie des Französischen üblich ist (vgl. Causse 1998: 151). Dennoch wird der accent grave vor dem 18. Jahrhundert kaum genutzt; auch der Gebrauch des accent circonflexe wird erst im Jahr 1740 offiziell erlaubt (vgl. Causse 1998: 14). Im selben Jahr bestätigt die Academie frangaise die Tendenz zum e im Wortinneren : „desormais les dictionnaires accentuent pratiquement comme nous le faisons" (Branca-Rosoff 1994: 47).

Die Akzente des Französischen sollten bei ihrer frühen Verwendung die Aussprache reflektieren und das Lesen erleichtern. Sie hatten und haben somit eine dem Wortsinn folgende diakritische und eine die Aussprache erleichternde phonologische Funktion:

Mieux voir quelles sont les origines de notre lexique. Mieux saisir la charne des modifications, des constantes et des cas particuliers qui parsement notre langue et sont la cause de nombreuses difficultes pour ceux qui apprennent a ecrire le frangais. [...] Ces accents permettent de mieux s'entendre, de mieux se comprendre. Presents pour la musique, ils sont aussi la pour le sens, le souvenir etymologique, la memoire des sons et des mots. (Causse 1998: 172f.)

Nachdem die verschiedenen accents offiziell anerkannt und fest in die Orthographie des Französischen integriert worden sind, wurde ihre Bedeutung als Hilfestellung für ungeübte Leser und Schreiber im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte undurchsichtig. Für die ungeübten Schreiber des späten 19. Jahrhunderts, die in den bagnes von Guyana ihre Briefe verfassten, bedeutete die korrekte Verwendung der accents genauso wie die Berücksichtigung der Morphosemantik in der französischen Orthographie eine zusätzliche Menge an scheinbar abstrakten Regeln, die ihnen vielmehr als Hindernisse denn als hilfreiche Anpassungen der Schreibweise an die Aussprache erschienen sein müssen.

Selbiges gilt für die Regeln für die Verwendung der Interpunktionszeichen, die Nina Catach folgendermaßen definiert:

Ensemble des signes visuels d'organisation et de presentation accompagnant le texte ecrit, interieurs au texte et communs au manuscrit et a l'imprime; la ponctuation comprend plusieurs classes de signes graphiques discrets et formant systeme, completant ou suppleant l'information alphabetique. (Catach 1980: 21)

Wie auch die Akzentsetzung soll die Interpunktion die Wahrnehmung der geschriebenen Sprache erleichtern: „La ponctuation, art subtil de rythmer la phrase, s'adresse a l'oreille et a oeil. Elle intervient sur le souffle dans la phrase parlee; elle rythme le tempo et le sens de la phrase ecrite" (Causse 1998: 15).

Der point und der blanc als Zeichen zur Markierung der Wortgrenzen werden schon in der Antike verwendet und später übernommen. Weitere Interpunktionszeichen, wie periodus und comma, heute point-virgule und virgule im Französischen, entstehen im 9. Jahrhundert. Im Mittelalter, in dem Texte meist laut vorgelesen werden, dienen die Interpunktionszeichen vor allem der Markierung der Pausen. In der Renaissance kommen weitere Interpunktionszeichen hinzu, jedoch fehlen noch feste Regeln für deren Verwendung (vgl. Causse 1998: 182ff.). Mit der Erfindung des Buchdrucks wird eine Forderung nach einer einheitlichen Regelung für die Verwendung der Interpunktionszeichen laut. Eine der ersten Abhandlungen eines Franzosen über die Interpunktion wird vom Drucker Etienne Dolet verfasst, in der auch point und virgule mit der gleichen Erscheinungsform und Funktion wie im heutigen Französisch genannt werden. Im 18. Jahrhundert betont der Linguist Nicolas Beauzee die Funktion der Interpunktionszeichen sowohl im Bereich der Mündlichkeit als auch der Schriftlichkeit (vgl. Causse 1998: 185ff.). Im Laufe des 19. Jahrhunderts „la ponctuation s'oriente vers le sens donne a l'ecrit, au detriment de la maniere de dire ou de la lecture a haut voix" (Causse 1998: 188). Zeitgenössische Grammatiken dieses Jahrhunderts definieren die Interpunktion auf unterschiedliche Weise, wobei der Schwerpunkt vor allem auf die beim Lesen einzulegenden Pausen gelegt wird.3 Zugleich wird die Interpunktion nun auch auf die Grammatik und Syntax anstatt auf die Aussprache ausgerichtet (vgl. Catach 1980: 51).

Zu den Interpunktionszeichen des heutigen Französisch gehören nach Catach „une dizaine d'elements graphiques surajoutes au texte: virgule, point-virgule, points (final, d'exclamation, d'interrogation, de suspension), et ce que nous appellons signes d'enonciation (deux-points, guillements, tirets, parentheses, crochets)" (Catach 1980: 17). Diese Zeichen lassen sich wiederum unterteilen in solche, die die Wortgrenzen markieren (der blanc, die apostrophe und der trait d'union) und solche, die die Satzteile trennen, darunter point, virgule und point-virgule (vgl. Tournier 1980: 37). Catach legt als Funktionen der Interpunktionszeichen zum einen eine „organisation syntaxique" fest, wozu die Verbindung und Trennung der Bestandteile des Diskurses gehört, zum anderen die Funktion als „supplement semantique" auf morphematischer, lexikalischer und semantischer Ebene (vgl. Catach 1980: 17).

Die devianten Briefe der ungeübten Schreiber aus den bagnes bieten durch ihre Natur wenig Anlass zur Verwendung von Doppelpunkten, Klammern, Anführungszeichen, Fragezeichen und Ausrufezeichen. Auf syntaktischer Ebene sind im Rahmen dieser Arbeit daher vor allem die Interpunktionszeichen point, virgule und point-virgule von Interesse.

Während der point ganze Sätze trennt, somit die Satzgrenzen markiert und von einer „longue pause de respiration" (Colignon 1981: 37) im Sprech- und Lesefluss begleitet wird, markiert die Verwendung der virgule „une pause de faible duree" (Colignon 1981: 10) beim Sprechen und Lesen. Die virgule trennt Wörter, Wortgruppen und Satzteile und unterliegt in ihrer Verwendung festen und umfassenden Regeln, die die virgule zu einem der schwierigsten Zeichen innerhalb der Interpunktion machen.4

Der point-virgule markiert „une pause de moyenne duree" (Colignon 1981: 35) und trennt in ihrer Bedeutung voneinander unabhängige oder bereits durch Kommata getrennte Satzteile. Er stellt somit eine Abstufung zwischen point und virgule dar. Die Interpunktionszeichen stehen an einer Schnittstelle zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit: „[O]n voit deja comment s'articulent de fagon etroite ces deux fonctions de la ponctuation, syntaxico-semantique d'un cote, respiratoire de l'autre - bref comment des le tout debut, la ponctuation est a la croisee de l'ecrit et de l'oral" (Serga 2012: 42).

Auch die Interpunktionszeichen blanc und apostrophe, die die Wortgrenzen markieren, sollen hier im Fokus stehen. Der blanc ist ein Auslassungszeichen und fungiert als Markierung der Wortgrenzen, wofür er schon früh zur Vereinfachung der visuellen Wahrnehmung in der Schriftsprache verwendet wurde. Als eines der ersten Interpunktionszeichen (vgl. Serga 2012: 42) ist der blanc nicht nur im Französischen so weit konventionalisiert und in der Schreibung verankert, dass seine Verwendung im Gegensatz zu einer vollständigen Agglutination aller Wörter innerhalb eines Textes auch für kaum alphabetisierte Schreiber selbstverständlich ist.

Eine Sonderstellung innerhalb der Interpunktionszeichen nimmt die apostrophe ein, da sie zugleich als diakritisches Zeichen gilt. Die apostrophe kommt bei der Elision von Endvokalen vor Wörtern, die ebenfalls mit einem Vokal oder stummem h beginnen, zum Einsatz. Bereits im Jahr 1549 trennt Geoffroy Tory in seinem Werk Champfleury Proklitika und Basislexeme im Falle einer Elision durch eine apostrophe, wo zuvor noch eine Zusammenschreibung üblich war. Die dadurch erfolgende Markierung der Wortgrenzen erleichtert durch die Berücksichtigung der morphosemantischen Ebene und damit des Wortsinns das Lesen, auch wenn diese Wortgrenzen im Gesprochenen nicht realisiert werden (vgl. Meisenburg 1996: 133f.).

Auch im Bereich der Interpunktion zeigt sich somit erneut die Diskrepanz der französischen Sprache zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, die für die ungeübten Schreiber aufgrund einer Orientierung an der Aussprache zu Devianzen in den von ihnen verfassten Briefen führen kann.

6. Schwierigkeiten der französischen Orthographie und Interpunktion

6.1 Umsetzung des code phonique in den code graphique

Die gesprochene und die geschriebene Sprache besitzen unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten, die eine Umsetzung von der einen in die andere Form zu einer Herausforderung für ungeübte Schreiber mit geringen orthographischen Kenntnissen machen können: „[...] oralite et ecriture constituent deux univers completement distincts" (Branca-Rosoff 1994: 25).

Die schriftlich verwendete Sprache, der code graphique, kann die suprasegmentalen Elemente der gesprochenen Sprache, des code phonique, wie Akzentuierung, Melodieverlauf und Pausensetzung kaum oder gar nicht repräsentieren. Andererseits hat er unabhängig vom code phonique andere Möglichkeiten zur Gestaltung der geschriebenen Sprache. Dazu gehören Paragraphierung, Majuskeln, Schriftarten, Interpunktion oder die Worttrennung (vgl. Söll 1985: 18).

Die unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten im code graphique und code phonique sind es, aus denen die bereits erwähnten Schwierigkeiten für die peu-lettres bei der schriftlichen Umsetzung seiner französischen Muttersprache resultieren. Die Kompetenzen eines Sprechers im Bereich des code phonique und code graphique können keineswegs gleichgesetzt werden:

Der Analphabet ist nicht in der Lage, seine Sprachkompetenz graphisch zu realisieren, zwei Analphabeten können ihren Sprachkode nicht in einen graphischen Sprachdiskurs umsetzen, eine Sprachgemeinschaft ohne Schrift hat keine ihrem Sprachsystem zugeordnete graphische Sprachnorm. Man unterscheidet also besser zwischen einer „phonischen" Sprachkompetenz, die jeder Sprecher hat, und einer sekundären „graphischen" Kompetenz, die er haben kann. (Söll 1985: 19)

Diese asymmetrische Kompetenz zeigt sich auch in den Devianzen in den Briefen der ungeübten Schreiber aus den bagnes. Diese Devianzen entstehen vor allem durch die Orientierung an der Aussprache des Französischen und den Eigenschaften der gesprochenen Sprache bei der Umsetzung des code phonique in den code graphique, was jedoch keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Kenntnisse der Briefverfasser im Bereich des code phonique erlaubt.

[...]


1 Die Gewinnung statistischer Erkenntnisse in Bezug auf den Stand der Alphabetisierung im 19. Jahrhundert ist im Rahmen dieser Arbeit weder möglich noch von Interesse. Vielmehr stehen auf sprachwissenschaftlicher und spezifisch auf orthographischer Ebene häufig auftretende Abweichungen von der Norm der französischen Sprache in einer Auswahl devianter Briefe im Fokus, wodurch wiederum Rückschlüsse auf die Schwierigkeiten, die ungeübte Schreiber im untersuchten Zeitraum im Allgemeinen mit der französischen Orthographie hatten, gezogen werden können.

2 Die Einschätzung Maggiolos über die Alphabetisierung in Frankreich etwa beruht auf unterschriebenen Heiratsurkunden als Hinweis auf den Alphabetisierungsgrad (vgl. Furet 1974: 716).

3 Vergleiche die Funktion der Interpunktion bei Lavire et Fleury in La Deuxieme Annee de grammaire (1887): „La ponctuation est employee pour eclaircir le sens des phrases et pour indiquer les pauses que l'on doit faire en lisant" (Catach 1980: 51) und bei Noel et Chapsal in Grammaire (1894): „La ponctuation et l'art de separer par des signes particuliers, qu'on appelle signes de ponctuation, les phrases et les differents membres d'une phrase. Elle indique aussi les pausees que l'on doit faire en lisant" (Catach 1980: 51/52).

4 Das korrekte Setzen der virgule hängt allein schon von der jeweiligen Verwendung von Konjunktionen wie et, donc, ou oder mais und der Aussageintention im jeweiligen Satz ab (vgl. Colignon 1981: 12ff.).

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Alphabetisierung im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts. Eine Analyse der Devianzen in Briefen Gefangener der Strafkolonie Guyana
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
71
Katalognummer
V496915
ISBN (eBook)
9783346012715
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alphabetisierung, strafkolonie, gefangener, briefen, devianzen, analyse, eine, jahrhunderts, frankreich, guyana
Arbeit zitieren
Sophie Barwich (Autor), 2019, Alphabetisierung im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts. Eine Analyse der Devianzen in Briefen Gefangener der Strafkolonie Guyana, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496915

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