Englische Widerstände ab dem 17.Jahrhundert


Essay, 2019
14 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

E.P. Thompson

Unruhige Zeiten : 17. bis 20. Jahrhundert.

Direkte Aktionen des 21.Jahrhunderts

Direkte Aktionen als wirksames Mittel zur Veränderung auch in Deutschland?

Literaturverzeichnis

Einführung

Der Begriff Revolution vollzieht im Laufe der Geschichte einen Bedeutungswandel. Zunächst zurückzuführen auf den spätlateinischen Begriff revolutio, beschreibt er auf astronomischer Ebene den Umlauf der Sterne. In Kopernikus‘ Abhandlung De revolutionibus orbium coelestium werden diese Umdrehungen der Himmelskörper mit einer einzigartigen Neuentdeckung gleichgesetzt und die verwendete revolutio leitet eine wissenschaftliche Wende ein. Sozusagen eine Metapher für den heutigen Wortgebrauch.[1] Diese Quintessenz, nämlich der Umbruch, den eine Revolution mit sich bringt, ist im englischen, französischen und italienischen Sprachgebrauch schon vor dem 17. Jahrhundert verankert, als es dann auch den deutschen Sprachraum erreicht. Diese Art von Veränderung der gewohnten Verhältnisse auf sozialer Ebene bekommt aufgrund der französischen Revolution den Beigeschmack des Blutvergießens - wodurch auch die erste Begriffserklärung des Nachschlagewerks Duden (auf radikale Veränderung der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichteter, gewaltsamer Umsturz[versuch])[2] zu erklären ist. Auf wissenschaftlicher Ebene formte sich der Begriff mit der Englischen Revolution noch einmal neu und nimmt wie zu Anfang Bezug auf industrielle Erfindungen. Diese Vielzahl an Bedeutungen macht klar, dass es sich um ein weites Feld handelt, in denen Revolutionen stattfinden und sich je nach Einsatzgebiet Ihre Bedeutungen wandeln. Im Folgenden soll Revolution unter dem Gesichtspunkt grundlegende[r] Neuerung (und) tief greifende[r] Wandlung[3] in Großbritannien vom 18. Jahrhundert bis in die Moderne untersucht werden.

E.P. Thompson

Um ein tieferes Verständnis für englische Sozialgeschichte als Basis für Aufstände und Revolutionen seitens des Volkes zu erlangen, wird als Grundlage der Seminararbeit das Werk Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse[4] von Edward Palmer Thompson herangezogen.

Aus seinen Forschungen zu dieser Entstehung im 18.Jahrhundert resultieren weitere Möglichkeiten Aufstände unter sozialgeschichtlichen Aspekten bis heute zu untersuchen: history from below und moral economy.

Zunächst jedoch zu den Anfängen der Arbeiterklasse in Großbritannien. Zentraler Begriff, auf dem die Historiographie von Thompson aufbaut, ist die Erfahrung. Denn eine Klasse formiert sich, wenn Menschen aufgrund gemeinsamer Erfahrungen […] die Identität ihrer Interessen empfinden und artikulieren, und zwar sowohl untereinander als auch gegenüber anderer, deren Interessen von ihren eigenen […] verschieden sind.[5] Größtenteils werden diese Erfahrungen dadurch geprägt in welche Art Umwelt man hinein geboren wird, so Thompson – dadurch, dass es also entgegengesetzte Erfahrungen, verbunden mit einer Bildung verschiedener Gesellschaftsschichten, gibt, bleibt es oft nicht nur bei der Artikulation, sondern direkte Aktionen sollen Bedürfnisse stillen und subjektive Rechtsansprüche verwirklichen. Beispiele hierfür finden sich in England im späten 18. Jahrhundert, als die industrielle Revolution kontroverse Lebensstandards hervorbringt. Aus R.N. Salaman’s Forschungen zur Kartoffel geht beispielsweise hervor wie Grundeigentümer, Farmer, Fabrikanten, Pfarrer und die Regierung versuchten, die Arbeiter von Weizen- auf Kartoffelkost zu setzen.[6] Getreideprodukte werden nach Preiserhöhungen und ungleichen Verteilungen in der Bevölkerung während der napoleonischen Kontinentalsperre zu Statussymbolen und Engländer sehen sich durch Kartoffelprodukte auf den Lebensstandard der Iren herabgedrückt.[7] 1815, mit der Einführung der Korngesetze, kommt es dann dazu, was Thompson als Grundelement der Klassenbildung sieht: Artikulation der Interessen – und mit solcher Intensität, dass die Parlamentsgebäude vor den Volksmassen geschützt werden müssen.

Soziale Proteste der Hungeraufständischen[8] bilden laut Thompson die Grundlage der moralischen Ökonomie. Diese sei durch weitverbreitete Rechtsvorstellungen der Volksmenge bestimmt [..] , die in den Aktionen zum Ausdruck kämen.[9] Unruhige Zeiten : 17. bis 20. Jahrhundert

Neben den Hungeraufständischen tritt 1811 eine weitaus gewaltsamere Bewegung auf – der Luddismus. Die Anschläge der Ludditen richten sich gegen Maschinen, die im Zuge der industriellen Revolution aufkommen. Die Aufständischen fürchten den Verlust ihrer Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt und damit einhergehend soziale Verelendung. Einzelne Ziele sind die Zerstörung von Maschinenwebstühle (Lancashire), von Scherrahmen (Yorkshire) und Widerstand gegen den Zusammenbruch von alten Bräuchen in der Strumpfwirkerindustrie der Midlands.[10] Diese partiellen und von einer Minderheit der Arbeiterklasse durchgeführten Widerstände werden nach den fast 23 Jahre andauernden Koalitionskriegen von einer radikalisierten Meinungsäußerung der Menge abgelöst. Ausgangspunkt hierfür sind Heimkehrer – Matrosen und Soldaten – die in ihrer Heimat nichts als Arbeitslosigkeit, Steuermißbräuche [und] Korruption[11] vorfinden. Der größte Teil der radikalen Rhetorik und des radikalen Journalismus befaßt[] sich mit der schrittweisen Entlarvung der Mißstände eines durch Wahlkreisschacher und Staatsverschuldung charakterisierten Systems.[12] Es kommt zu einem Klassenbewusstein in England nach marxistischem Vorbild, in welchem sich das Proletariat gegen die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch die Bourgoisie auflehnt. Allerdings gibt es auch, und das vor allem im 20. Jahrhundert, eine anderer Seite englischer Auflehnung – Auflehnung mit ethnischen Beweggründen. Denn waren die Aufstände des 19. Jahrhunderts – etwa der Liberalen oder der frauenbewegten Suffragetten – oftmals politisch motiviert, so brachte das 20. Jahrhundert den neuen Typus der race riots hervor.[13] Grundlage hierfür bildet sich aus einem Einwanderungsstrom gen England, der, neben der De-Kolonialisierung des englischen Königreichs, Mitte des 20.Jahrhunderts auch durch die Teilung Indiens [und] erste Unruhen in Afrika[14] gefördert wurde. Aus diesen Zuwanderungsströmen entstehen neue Unruhen, die sich nun horizontal und gegen Mitglieder derselben Schicht richten. Mit einem Unterschied – Gewalt, Feuer und Explosionen schlagen derselben Schicht, aber anderen Hautfarben entgegen. Vor allem in den unteren Bevölkerungsschichten Englands keimt der Riot-Gedanke. Denn hier ist Wohnraum knapp, hier leben Weiße und Schwarze dicht an dicht.

Direkte Aktionen des 21.Jahrhunderts

Grundlage für das Empfangen ideologischen Gedankenguts sind unter anderem eine unsichere soziale Lage, prekäre Arbeitsverhältnisse, Abstiegsängste, ungerecht erscheinende Einkommens- und Vermögensverteilung, ... dazu politische Entscheidungen, die den Einstellungen vieler Bürger entgegenl(au)fen.[15] Aus der Unzufriedenheit über genau solche Zustände wird ein Feindbild gesucht und erschaffen, an welchem sich das mindere Selbstwertgefühl entladen kann. Gerade Jugendliche sind in ihrer Wahrnehmung und ihrer Meinungsbildung stark äußeren Einflüssen unterworfen und so sollte man meinen, dass der erste Schritt in ein tolerantes Zusammenleben das stärken sozialer Kompetenz bei Teenagern wäre. England entscheidet sich jedoch im Oktober 2010 dafür die Sozialhilfe um 7 Milliarden Pfund zu kürzen. Im Zuge dieser Sparmaßnahmen wird in der Grafschaft Oxfordshire die Jugendarbeit zum Beispiel komplett eingestellt und auf gesamt England bezogen, verlieren rund die Hälfte der Jugendarbeiter ihren Job.[16] Diese Entwicklung wäre schon schlimm genug, wenn der konservativ-liberalen Regierung Englands nichts anders übrig bliebe, um die Staatsverschuldung gering zu halten – wäre da nicht der eigentliche Beweggrund – Lobbyismus und Parteilichkeit. Eine kleine Gruppe von Aktivisten erfährt durch einen Zeitungsartikel im selben Jahr von solch einer Einflussnahme organisierter Interessengruppen.[17] Denn 2010 werden dem Mobilfunkkonzern Vodafone Steuern in Höhe von 6 Milliarden Euro erlassen, durch welche alle Kürzungen im Bereich der Jugendarbeit hinfällig gewesen wären. Revolutionäre Antwort auf solch ein Ungleichgewicht? Direkte Aktion in Form von Besetzungen der nächstgelegenen Läden des Mobilfunkgiganten in der Haupteinkaufsstraße der Londoner Innenstadt.

[...]


[1] Vgl. : Antje Leser, Revolution, 29.11.2011, https://www.helles-koepfchen.de/artikel/3130.html, Aufruf vom 18.03.2019.

[2] Dudenredaktion, Wissenschaftlicher Rat : Duden - Die deutsche Rechtschreibung : auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregel, Bd 24. völlig neu bearb. u. erw., Mannheim: Dudenverlag, 2006.

[3] Ebd.

[4] Edward P. Thompson, Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Bd.1 der deutschen Übersetzung Suhrkamp Verlag, 1987, Einführung.

[5] Ebd.

[6] Ebd., Band 1, S.341

[7] Ebd., Band 1, S.342

[8] John Bohstedt, Moralische Ökonomie und historischer Kontext, in : Manfred Gailus, Heinrich Volkmann, Der Kampf um das tägliche Brot, Nahrungsmangel, Versorgungspolitik und Protest 1770–1990, Westdeutscher Verlag, S.28.

[9] Ebd.

[10] Edward P. Thompson, Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Bd.2 der deutschen Übersetzung Suhrkamp Verlag, 1987, S.567.

[11] Ebd., S.694

[12] Ebd.

[13] Bodo Mrozek, In Britannien brennt die Geschichte lichterloh, 09.08.2011, https://www.welt.de/kultur/history/article13535013/In-Britannien-brennt-die-Geschichte-lichterloh.html, Aufruf 19.03.2019.

[14] Thomas Kielinger, Britanniens böses Erwachen bei der Einwanderung, 05.2.2013, https://www.welt.de/kultur/article113397615/Britanniens-boeses-Erwachen-bei-der-Einwanderung.html, Aufruf 19.03.2019.

[15] David Bohm, Was macht Menschen empfänglich für Ideologien ?, 02.12.2016, http://philosophenrunde melle.blogspot.com/2016/12/, Aufruf 19.03.2019.

[16] Vgl.: Pit Wuhrer, Mit dem Schlafsack ins Starbucks, 05.12.2012, https://www.pit wuhrer.de/gb/gb_12_12_05_uk-uncut-gegen-steuervermeider-starbucks.html, Aufruf 20.03.2019.

[17] Enrico Schöbel, Ausführliche Definition: Lobbyismus, https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/lobbyismus-38186

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Details

Titel
Englische Widerstände ab dem 17.Jahrhundert
Hochschule
Universität Konstanz
Note
3,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V497150
ISBN (eBook)
9783346008848
Sprache
Deutsch
Schlagworte
englische, widerstände, jahrhundert
Arbeit zitieren
Franca Dangel (Autor), 2019, Englische Widerstände ab dem 17.Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497150

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