Sri Lanka nach dem Bürgerkrieg. Konfliktfelder und Konfliktkonstellationen


Bachelorarbeit, 2019
64 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Stand der Literatur

3 Theoretische Grundlagen einer geographischen Konfliktforschung
3.1 Handlungstheorie als zentrales Konzept einer geographischen Konfliktforschung
3.1.1 Das Handeln der Akteure im Konflikt als individuelle Nutzenoptimierungsstrategie
3.1.2 Das Handeln der Akteure innerhalb der Grenzen, Zwänge und Möglichkeiten der sozialen Institutionen und Regeln
3.1.3 Die Rolle und Bedeutung „räumlicher“ Ressourcen für das Handeln der Akteure im Raumnutzungskonflikt
3.2 Die Identitätsdimension von Raum
3.3 Kritik an der handlungsorientierten geographischen Konfliktforschung

4 Eine Konfliktbiographie: Der Bürgerkrieg in Sri Lanka
4.1 Allgemeine Grundlagen des Konflikts
4.2 Die politische Entwicklung vor und nach der Unabhängigkeit
4.3 Das Bemühen um Frieden: Gespräche und Verhandlungen
4.4 Nach gescheiterten Verhandlungen: Die letzte Phase des Krieges und sein gewalttätiges Ende
4.5 Fazit

5 Gegenwärtige Konfliktkonstellationen Sri Lankas
5.1 Konflikt zwischen Muslimen und Buddhisten
5.1.1 Das Netz der Akteure: Die Moors
5.1.2 Das Netz der Akteure: Die Buddhist National Groups
5.1.3 Rauminterpretation: Die dreifache Subjektivierung durch die Buddhist National Groups
5.1.4 Rauminterpretation: Die dreifache Subjektivierung durch die Moors
5.1.5 Fazit
5.2 Konflikte infolge der Militarisierung des Staates
5.2.1 Wachsende Bedeutung des Militärs in Sri Lanka
5.2.2 Das Militär im politischen Raum
5.2.3 Rauminterpretation: Die dreifache Subjektivierung durch die Regierung
5.2.4 Rauminterpretation: Die dreifache Subjektivierung durch die lokale Bevölkerung des Nordens und Ostens
5.2.5 Fazit
5.3 Konflikt um Küstenland
5.3.1 Das Netz der Akteure: Die IDPs
5.3.2 Rauminterpretation: Die dreifache Subjektivierung durch die Regierung
5.3.3 Rauminterpretation: Die dreifache Subjektivierung durch die IDPs
5.3.4 Fazit

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Darstellung 1: Allokative und autoritative Ressourcen

Darstellung 2: Karte Sri Lankas

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Zehn Jahre ist es bereits her, dass der Bürgerkrieg in Sri Lanka durch den Sieg der Regierung über die Terrororganisation LTTE beendet wurde. Der Krieg währte fast 30 Jahre und zeichnete das Land so tief, dass seine Auswirkungen voraussichtlich auch in den kommenden Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten, zu spüren sein werden.

Das Ausmaß des Bürgerkrieges in Sri Lanka zeigt sich außerdem in dem Umstand, dass auch in den letzten Jahren Werke über den Konflikt veröffentlicht wurden. Was die Literaturlage betrifft, scheint der Fokus also eher auf die Aufarbeitung des Krieges zu liegen als auf die sogenannte Post-War-Era des Landes: die Phase der Transition zwischen Krieg und Frieden, die Zeit, in der eine durch Krieg gerüttelte Gesellschaft einen Weg in ein normalisiertes und friedliches Alltagsleben finden muss.

Die vorliegende Arbeit versucht daher, einen Beitrag zur Post-War-Era Sri Lankas zu liefern. So fokussiert sich die Arbeit auf den Zeitraum nach dem Ende der kriegerischen Auseinandersetzung und setzt sich mit der Frage auseinander: Was sind die neuen Konfliktfelder und Konfliktkonstellationen, die sich seit Beginn der Post-War-Era herauskristallisiert haben?

Um diese Frage zu beantworten, soll zunächst die theoretische Konzeption dieser Arbeit, die geographische Konfliktforschung, vorgestellt werden, mit deren Hilfe die heutigen Konflikte der Insel unter Raumbezügen analysiert werden können. Daran schließt sich ein Überblick über den Bürgerkrieg an, in dessen Rahmen seine Wurzeln und sein Verlauf beleuchtet werden. Die gewonnenen Erkenntnisse führen zu einem besseren Verständnis der aktuellen Konflikte, die im letzten Teil der Arbeit behandelt werden. Schließlich wird die Arbeit mit einem Fazit abgerundet.

2 Stand der Literatur

Da der theoretische Rahmen der vorliegenden Arbeit die geographische Konfliktforschung ist, soll hier zunächst auf ihre Literaturlage eingegangen werden. In Bezug auf die handlungsorientierte Konfliktforschung im Rahmen der Politischen Geographie hat sich vor allem PAUL REUBER profiliert, der nicht wenige Aufsätze und Bücher zu diesem Feld geschrieben und herausgegeben hat. Besonders zu erwähnen ist seine Monographie „Raumbezogene politische Konflikte. Geographische Konfliktforschung am Beispiel von Gemeindegebietsreformen“. Sie erhält die theoretischen Grundlagen zur handlungsorientierten Konfliktforschung im Detail und wird von weiteren Autoren wie GÜNTER WOLKERSDORFER, HEIKO SCHMID und JAN ESTERHUES in ihren eigenen Arbeiten herangezogen und zitiert.

Jedes Werk, das sich mit der geographischen Konfliktforschung auseinandersetzt, zitiert aus „Die Konstitution der Gesellschaft“ vom ANTHONY GIDDENS. Seine Arbeit gilt nicht nur als wichtiges Werk für die Sozialwissenschaften, sondern auch als Grundlage für die theoretischen Bausteine der geographischen Konfliktforschung. Aus diesem Grund wird „Die Konstitution der Gesellschaft“ von ANTHONY GIDDENS auch in der vorliegenden Arbeit berücksichtigt.

Was die Verbindung zwischen Raum und Identität betrifft, so scheinen viele Werke, die diese Thematik behandeln, einen „feministischen Touch“ zu haben. BERND BELINA liefert in dieser Hinsicht allerdings geographische Beiträge, die sich mit Raum und seinen Facetten – darunter auch Identität - auseinandersetzen. So wurde in dieser Arbeit seine Monographie „Raum. Zu den Grundlagen eines historisch-geographischen Materialismus“ in Betracht gezogen, um ein Verständnis über Raum und Identität, vor allem in Hinblick auf Konflikten zu etablieren.

Die Literaturlage zum Bürgerkrieg in Sri Lanka, die dieser Arbeit zu Grunde lag, war in Hinblick auf Quantität gut. Allerdings können viele Werke als veraltet oder überholt gesehen werden, was vor allem daran liegt, dass viel über den Krieg geschrieben worden ist, während der Krieg noch statt fand. Die Anzahl an Werken, die nach Ende des Bürgerkrieges geschrieben worden sind und deswegen ein Gesamtüberblick über den Konfliktverlauf liefern können, ist dementsprechend niedriger. So sind vor allem drei Aufsätze aus dem „Routledge Handbook of South Asian Politics. India, Pakistan, Bangladesh, Sri Lanka, and Nepal“, das im Jahre 2010 von PAUL R. BRASS veröffentlicht wurde, zu erwähnen.

Der erste Beitrag, „Sri Lanka’s independence. Shadows over a colonial graft“ von NIRA WICKRAMASINGHE behandelt, wie der Titel schon sagt, die Zeit um die Unabhängigkeit Sri Lankas. Hierbei wird auf die entscheidenden Donoughmore-Jahre eingegangen, die die allerersten Spannungen zwischen Singhalesen und Tamilen erzeugten und den Weg zum Bürgerkrieg ebneten. Die weitere politische Entwicklung des Landes nach der Unabhängigkeit wird von NEIL DEVOTTA in seinem Beitrag „Politcs and governance in post-independence Sri Lanka“ aufgezeigt. Schließlich wird in „Ethnic conflict and the civil war in Sri Lanka“ von JAYADEVA UYANGODA der Bürgerkrieg anhand seiner Verhandlungen und Friedensgesprächen dargestellt.

Als noch jünger lässt sich der Beitrag von ARJUN GUNERATNE im Sammelband „Pathways to Power. The Domestic Politics of South Asia” einstufen, in dem er neben der politischen Historie auch die Bevölkerungsstruktur des Landes behandelt. Des Weiteren erwies sich BENEDIKT KORFs Beitrag „Zur Politischen Ökologie der Gewalt“ als wertvoll, da hier unter anderem der Raumaspekt des Bürgerkrieges behandelt wird. Ganze Monographien werden von MANUEL LEUPOLD und IBRAHIM CAN SEZGIN beigesteuert. Der wohl aktuellste Beitrag, der zur Verfügung stand, stammt aus der Feder von ALETHIA H. COOK & MARIE OLSEN LOUNSBERY und gliedert den Bürgerkrieg in vier Phasen auf, wodurch die Konfliktdynamik ersichtlich wird. Schließlich ist die Nichtregierungsorganisation INTERNATIONAL CRISIS GROUP (ICG) zu erwähnen, die sich mit internationalen Konflikten auseinandersetzt und aktuelle Beiträge zu Sri Lanka liefert, die den Krieg rückblickend betrachten und den Friedensprozess beurteilen.

Was die aktuellen Konflikte der Post-War-Era Sri Lankas betrifft, fällt die Menge an Literaturquellen wesentlich geringer aus. Anders als zu den Themen „Geographische Konfliktforschung“ und „Bürgerkrieg Sri Lanka“, bei denen auf eine große Zahl an Monographien und Sammelwerkbeiträge zurückgegriffen werden konnte, zeichneten sich die Konfliktbeispiele durch einen erheblichen Mangel an diesen Medien aus. So musste die Literaturlage durch Quellen aus dem Internet ergänzt werden.

So geschehen im Kapitel „Konflikt zwischen Muslimen und Buddhisten“. Lediglich eine Monographie lag diesem Kapitel zu Grunde und zwar „The Muslims of Sri Lanka under the British rule“ von KAMIL ASAD. Sie erschien im Jahre 1993 und ist im Vergleich zu anderen Büchern, die sich mit der Geschichte der Moors in Sri Lanka befassen, die jüngste, die gefunden werden konnte. Daneben sind die Sammelwerkbeiträge von DENNIS B. MCGILVRAY zu erwähnen, die Informationen zur geographischen Verbreitung der Moors und ihrem Leben mit dem buddhistischen Nationalismus enthalten. Weitere Quellen wurden online bezogen; entweder über Nachrichtendienste wie CNN und BBC oder Zeitschriftenaufsätze, die online publiziert wurden. Erwähnenswert sind hier vor allem die Autoren AHAMED SARJOON RAZICK, AHMAD SUNAWARI LONG und KAMARUDIN SALLEH, die an mehreren Beiträgen beteiligt sind, die sich mit der aktuellen Lage der Moors und ihren Konflikt mit den Buddhist National Groups beschäftigen.

Zur Militarisierung Sri Lankas ist vor allem der Sammelwerkbeitrag „Sinhala Ethno- nationalisms and Militarization in Sri Lanka“ von MAHINDA DEEGALLE zu erwähnen, der die Militarisierung des Landes detailliert beschreibt. Ein weiterer wichtiger Beitrag zu diesem Thema ist das Dokument „The long shadow of war. The struggle for justice in postwar Sri Lanka” von ANURADHA MITTAL, welches online auf der Website der Denkfabrik Oakland Institute publiziert wurde. Der Globale Militarisierungsindex, der jährlich vom Bonn International Center for Conversion veröffentlicht wird, sollte in diesem Kontext auch beachtet werden. Des Weiteren war auch RACHEL SEOIGHEs Zeitschriftenaufsatz „Nationalistic Authorship and Resistance in Northeastern Sri Lanka“ hilfreich, der die voranschreitende Singhalesierung der nördlichen und östlichen Gebiete zur Thematik hat, sowie der Beitrag von JENNIFER HYNDMAN & AMARNATH AMARASINGAM zum sri-lankischen Kriegstourismus. Alle diese Beiträge zusammengenommen, zeichnen ein eindrückliches Bild vom aktuellen Zustand des Landes mitsamt der allgegenwärtigen Militarisierung und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung.

Der Konflikt um Küstenland hängt mit der Vertreibung von Menschen zusammen. Daher waren die Online-Publikationen vom INTERNAL DISPLACEMENT MONITORING CENTRE (IDMC) zu Sri Lanka unentbehrlich. Hinsichtlich der Vertreibung waren auch der Zeitschriftenaufsatz “Why we need the concept of land-grab-induced displacement” von FRANCES THOMSON und der Sammelwerkbeitrag „Tourismus und Landgrab nach dem Tsunami im Indischen Ozean“ von ERIK COHEN äußerst hilfreich. Eine weitere Online-Publikation vom Oakland Institute - „Justice denied. A reality check on resettlement, demilitarization, and reconciliation in Sri Lanka” - erwies sich als besonders dienlich, da hier die Akteure und ihre Handlungsstrategien im Kontext der Vertreibung dargestellt wurden. Schließlich sollte der Zeitschriftenbeitrag „Coastal Land Uses for Tourism in Sri Lanka. Conflicts and Planning Efforts“ von HERATH MADANA BANDARA & IRAJ RATNAYAKE erwähnt werden, der unter anderem die wirtschaftliche Bedeutung der Küstengebiete für das Land beleuchtet.

3 Theoretische Grundlagen einer geographischen Konfliktforschung

Die geographische Konfliktforschung gilt als die handlungsorientierte Perspektive der Politischen Geographie. Neben weiteren politisch-geographischen Forschungsperspektiven wie die kritische Geographie, die kritische Geopolitik und der postkulturalistischen Politischen Geographie ist sie die vierte Säule, die sich im Rahmen der Politischen Geographie etabliert hat.

Im Zentrum der geographischen Konfliktforschung steht der Konflikt, der in der Literatur wie folgt definiert wird: Konflikt kann als eine strategische Interaktion und Beziehung zwischen Akteuren aufgefasst werden (vgl. in ESTERHUES 2005: 2), wobei “zwei oder mehrere Individuen oder Gruppen mit gegensätzlichen Interessen an bestimmten Problemlösungen voneinander unterschieden werden können“ (GIESEN 1993: 92). Damit ein Konflikt entstehen kann, braucht es also die Gegensätzlichkeit der Ziele verschiedener A kteure in Bezug auf denselben Raumausschnitt, die diese unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Handlungsstrategien erreichen möchten (vgl. ESTERHUES 2005: 2). Beinahe dieselben Kernelemente nutzt auch PAUL REUBER, der die geographische Konfliktforschung folgendermaßen beschreibt: Die geographische Konfliktforschung konzentriert sich auf „die Handlungen von Akteuren im Kontext von Auseinandersetzungen um Macht und Raum“ (2002: 6).

REUBER siedelt den Ursprung der räumlichen Konfliktforschung in der Renaissance der Politischen Geographie an, die mit dem Ende des Kalten Krieges kam (vgl. 2002: 5). Die Renaissance der Politischen Geographie löste den Geodeterminismus als konzeptionellen Kern der Politischen Geographie ab. Dieser von FRIEDRICH RATZEL eingeführte Ansatz beschrieb, dass der Staat abhängig vom Boden ist (vgl. OSSENBRÜGGE 1997: 12). Gesellschaftliche bzw. soziale Zusammenhänge wurden damit alleine auf räumliche Gegebenheiten zurückgeführt. Durch die Neuorientierung der Politischen Geographie folgten allerdings neue Konzepte, die den Raum anders als zuvor beschrieben. HEIKO SCHMID weist hierbei auf eine konstruktivistische Wende hin: Es seien oftmals die konstruierten-kognitiven Welten, die Geographien in den Köpfen der Menschen, die verstärkt zum Gegenstand der politisch- geographischen Forschung geraten (vgl. 2002: 6). REUBER sieht eine handlungsorientierte geographische Konfliktforschung ebenfalls auf dem Fundament eines konstruktivistischen Weltbildes stehen, denn „die Basis des Handelns, die von einem Akteur wahrgenommene

‚Realität‘, ist immer eine subjektive Realität, eine subjektive Konstruktion. Das tritt im Konfliktfall besonders deutlich zutage, denn hier bilden ja akteursspezifisch unterschiedliche Sichtweisen und (raumbezogene) Verwertungsinteressen explizit den Ausgangspunkt der Auseinandersetzungen“ (1999: 6).

3.1 Handlungstheorie als zentrales Konzept einer geographischen Konfliktforschung

Um die Handlungen der Akteure nachvollziehen zu können, greift die geographische Konfliktforschung auf Theorien zurück. In der Literatur werden häufig die Strukturationstheorie von ANTHONY GIDDENS, BENNO WERLENS methodologischer Dualismus, die Rational Choice Theorie oder die Public Choice Theorie herangezogen. Da eine umfassende Theoriebetrachtung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, soll in diesem Abschnitt nur auf die Grundzüge der genannten Theorien eingegangen werden.

GIDDENS liefert mit seiner Strukturationstheorie eine Lösung zum sogenannten Mikro-Makro- Problem der Soziologie. Das Mikro-Makro-Problem beschreibt die Gegensätzlichkeit zweier Erklärungsansätze, dem Individualismus und dem Holismus. Unter dem Holismus werden sämtliche Ansätze zusammengefasst, die von einer zentralen kollektiven Ebene ausgehen. Das Individuum ist in seiner Entscheidungs- und Handlungsfreiheit eingeschränkt und gleichsam den Regularien der Gesellschaft unterworfen (vgl. SCHMID 2002: 9). Die Ziele der Individuen werden durch die Gesellschaft bestimmt; soziale Strukturen wirken gleichzeitig begrenzend auf das Verhalten der Individuen (vgl. SCHMID 2002: 10). Individualistische Theorien setzen das Individuum als Grundbaustein der Gesellschaft. Damit sind nur Individuen Träger von Handlungen, die weitgehend frei vom sozialen Kontext entscheiden und handeln können, während das Kollektiv nur über ihre Individuen handeln kann (vgl. SCHMID 2002: 9). Des Weiteren können nur Individuen eigene Ziele und Interessen mittels eigenem (selbstständigen) Handeln verfolgen. Die soziale Gliederung steht dabei als Ergebnis menschlichen Handelns (vgl. SCHMID 2002: 10).

Ein zentraler Aspekt der Strukturationstheorie ist die Interaktion von kollektiver und individueller Ebene. Das Handeln wirkt hier als Verknüpfungspunkt zwischen Individualismus und Holismus. Soziale Strukturen wirken auf das Handeln sowohl begrenzend als auch ermöglichend (vgl. SCHMID 2002: 10). Durch diese Annahme werden die Charakteristika beider Erklärungsansätze, Individualismus und Holismus, abgedeckt. Die Handlungsfolgen erzeugen neuerliche Rahmenbedingungen, also neue Strukturen. Strukturen wirken demnach auf das Handeln und das Handeln wirkt im Rückschluss wieder auf Strukturen. Dies wird als Dualität von Struktur zusammengefasst; die Struktur wirkt sowohl als Handlungsbedingung als auch als Handlungsfolge (SCHMID 2002: 10).

Die Strukturationstheorie von GIDDENS wurde von BENNO WERLEN aufgegriffen und für die Geographie transformiert. WERLEN geht ebenfalls von einer Dualität der Strukturen aus. Sein Konzept des methodologischen Dualismus sagt aus, dass nur Individuen handeln können, nicht aber Strukturen, Institutionen oder Kollektive. Allerdings sind nicht nur Individuen real, sondern auch soziale Institutionen und Kollektive. Des Weiteren können soziale Aspekte nicht im Rückgriff auf Individuen erklärt werden, sondern auf Eigenschaften von Handlungen. Es können keine kausalen Gesetzmäßigkeiten aufgedeckt werden, denn die soziale Welt wird als eine vorinterpretierte Welt mit sozialen Regelmäßigkeiten aufgefasst, die von den Regelmäßigkeiten des Handelns abhängen (vgl. SCHMID 2002: 14).

Aus Sicht von PAUL REUBER können die Handlungen eines Akteurs, vor allem im Kontext politischer Konflikte, keineswegs allein das Produkt seiner eigenen, freien Entscheidung sein.

Aus diesem Grund schlägt er für die geographische Konfliktforschung den methodologischen Dualismus von BENNO WERLEN vor, der die einzelne Handlung eines Akteurs in den Mittelpunkt stellt und sie als Produkt individueller Präferenzen, gesellschaftlicher Spielregeln und räumlicher Rahmenbedingungen begreift (vgl. REUBER 2001: 80f.). Dementsprechend muss der Fokus auf drei wichtige Elemente liegen: der einzelne Akteur, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Zwänge und Möglichkeiten) und die Rolle räumlicher Strukturen (vgl. REUBER 1999: 8). Daraus formuliert REUBER drei wichtige Leitfragen, die helfen sollen, die Ziele und Handlungen der Akteure in raumbezogenen Konflikten zu rekonstruieren und sie in Abhängigkeit von den sozialen, politischen und räumlichen Rahmenbedingungen zu verstehen (vgl. 2002: 7):

1. Nach welchen Zielen und mit welchen Strategien handelt der einzelne Akteur bei raumbezogenen Nutzungs- oder Verteilungskonflikten?
2. Wie beeinflussen das Zusammenwirken der Akteure und die Regeln bzw. Strukturen der soziopolitischen Institutionen, in die sie eingebunden sind, den raumbezogenen Konflikt?
3. In welcher Weise lassen sich räumliche Bezüge konzeptionell angemessen in eine geographische Konfliktforschung integrieren? (REUBER 1999: 8)

Um diese Fragen zu beantworten braucht es speziellere Teilkonzepte, die sich erneut in drei Teilaspekte gliedern: (1) das Handeln der Akteure im Konflikt als individuelle Nutzenoptimierungsstrategie, (2) das Handeln der Akteure innerhalb der Grenzen, Zwänge und Möglichkeiten der sozialen Institutionen und Regeln, (3) die Rolle und Bedeutung „räumlicher“ Ressourcen für das Handeln der Akteure im Raumnutzungskonflikt (vgl. REUBER 1999: 12).

3.1.1 Das Handeln der Akteure im Konflikt als individuelle Nutzenoptimierungsstrategie

Hier spielen die Rational Choice Theorien eine wesentliche Rolle. Die überkommene Annahme eines homo oeconomicus der neoklassischen Mikroökonomik wird insoweit modifiziert, dass eine Verschiebung in der Gewichtung von der Nutzen maximierung hin zur Nutzen optimierung stattfindet (vgl. ESTERHUES 2005: 3). Rationale Wahl bedeutet nicht mehr eine reine Verstandes- bzw. Vernunftentscheidung des Handelnden; sie bedeutet zunächst nur, dass das Individuum so handelt, dass es seinen Zielen dient (vgl. REUBER 1999: 14). Damit sind auch intuitiv und emotional begründete Handlungen miteinbezogen.

Die wichtigste Modifikation ist allerdings der Schwenk zum konstruktivistischen Leitbild. Damit spielt die individuell unterschiedliche Erfassung der Handlungssituation und besonders deren nach subjektiven Kriterien erfolgende Interpretation eine wesentliche Rolle (vgl. ESTERHUES 2005: 3). Da das Individuum nicht die gesamte Wirklichkeit erfassen kann, spricht man auch von einer subjektiven, eingeschränkten Rationalität des handelnden Akteurs. Dadurch wird berücksichtigt, dass die von den einzelnen Akteuren als Basis ihres Handelns wahrgenommene Ausgangssituation nur eine unvollständige Beschreibung ihrer tatsächlichen Handlungssituation ist (vgl. ESTERHUES 2005: 3). Konzeptionen, die von einer eingeschränkten Rationalität ausgehen, werden unter dem Stichwort bounded rationality zusammengefasst (vgl. SCHMID 2002: 24).

Eine Weiterentwicklung der Rational Choice Ansätze ist der Public Choice Ansatz der Neuen Politischen Ökonomie. Er unterliegt der Annahme, dass ein soziales Miteinander ohne Spielregeln früher oder später zu gewalttätigen Konflikten führt. Aus diesem Grund thematisiert er, wie eine Gesellschaft es schafft, den individuellen Nutzen der einzelnen Akteure und die Anforderungen an ein vergleichsweise stabiles, gewaltfreies soziales Miteinander in Einklang zu bringen. Im Rahmen dieses Ansatzes wird also die Rolle gesellschaftlicher Institutionen und Spielregeln eingebunden (vgl. REUBER 1999: 20f.) und es wird klar, dass das Handeln im raumbezogenen Konflikt ein sozial-institutionelles Regelsystem voraussetzt (vgl. ESTERHUES 2005: 4).

3.1.2 Das Handeln der Akteure innerhalb der Grenzen, Zwänge und Möglichkeiten der sozialen Institutionen und Regeln

Institutionen und Regeln, also die Gesellschaft insgesamt, beeinflussen das Handeln der Akteure im Konflikt. Laut GIDDENS sind Institutionen definitionsgemäß die dauerhaften Merkmale gesellschaftlichen Lebens. Struktur ist rekursiv, d.h. durch vielfache, ständige Wiederholungen, in Institutionen eingelagert; die wichtigsten Aspekte der Struktur sind Regeln und Ressourcen (vgl. 1997: 76). ESTERHUES fasst es wie folgt zusammen: Gesellschaft besteht aus einem Geflecht von Strukturen, die sich aus verschiedenen Regeln und Ressourcen ergeben (vgl. 2005: 4).

Auf Grundlage GIDDENS definiert REUBER Regeln wie folgt: Regeln „stellen allgemein akzeptierte Verfahren des Zusammenlebens der Akteure dar, die sich im gesellschaftlichen Miteinander herausgebildet haben“ (1999: 22 f.). Dabei unterscheidet GIDDENS zwischen Regeln mit normativem Charakter, z.B. Gesetze und informelle Verfahrensregeln menschlichen Miteinanders, von sogenannten Signifikationscodes, die aus Zeichen und Symbolen, beispielsweise der Sprache oder der Architektur, generiert werden (vgl. GIDDENS 1997: 74 f.; ESTERHUES 2005: 4).

Ressourcen dagegen sind „Strukturmomente, auf die sich die bewusst handelnden Subjekte in der Produktion ihres Handelns beziehen und die sich auch reproduzieren. […] [Sie] sind Medien, durch die Macht als ein Routineelement der Realisierung von Verhalten in der gesellschaftlichen Reproduktion ausgeübt wird“ (GIDDENS 1997: 67). Es wird zwischen allokativen und autoritativen Ressourcen unterschieden. GIDDENS klassifiziert die beiden Typen von Ressourcen folgendermaßen:

Dar.1: Allokative und autoritative Ressourcen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: G I DDENS 1997: 316.

Beide Typen von Ressourcen sind in ihrer Funktion als Grundlage von Herrschaftsstrukturen gleichwertig zu betrachten; ein Typ von Ressource überwiegt nicht den anderen. Auch sind Ressourcen nicht starr (vgl. GIDDENS 1997: 316), sondern dynamisch. Beispielsweise können im Laufe der Zeit weitere Rohmaterialien gefunden werden, die Technologie sich weiterentwickeln, Organisationen größer und einflussreicher oder eine Region mittels Verkehrsanbindungen besser vernetzt werden. All diese Beispiele wirken als dynamische Ressourcen, die Herrschaftsstrukturen bilden, Macht gewährleisten und räumliche Strukturen definieren.

GIDDENS sieht in allokativen und autoritativen Ressourcen das Fundament, auf denen Herrschaftsstrukturen aufgebaut werden können (vgl. 1997: 315). Herrschaftsstrukturen wiederum sind die Voraussetzung für das Vorhandensein von Macht (vgl. GIDDENS 1997: 314). Ressourcen bilden also Macht. Da der Zugang zu Ressourcen bzw. die Kontrolle über Regeln je nach Akteur unterschiedlich sein kann, können sich hier unterschiedliche Machtpotentiale und damit auch eine unterschiedliche raumbezogene Prägekraft entwickeln (vgl. REUBER 1999:24).

3.1.3 Die Rolle und Bedeutung „räumlicher“ Ressourcen für das Handeln der Akteure im Raumnutzungskonflikt

Innerhalb der geographischen Konfliktforschung darf die Rolle des Raumes natürlich nicht fehlen. Soll das raumbezogene Wahlhandeln des einzelnen Akteurs im Rahmen einer Rational Choice und Public Choice Theorie angemessen eingebunden werden, so schreibt REUBER, gelingt dies nur mit dem konstruktivistischem Konzept einer subjektiven, unvollständigen Wahrnehmung und eine individuell-spezifische Bewertung der physisch-materiellen Strukturen aus Sicht jeden einzelnen Akteurs (vgl. 1999: 29). Damit wird auf die Selektivität der räumlichen Wahrnehmung hingewiesen. Dies bedeutet, dass Menschen, aufgrund ihrer eingeschränkten Wahrnehmung, die sie umgebende Wirklichkeit niemals objektiv wahrnehmen können, sondern allenfalls nur subjektiv. In anderen Worten: die Welt stellt sich für jeden einzelnen Menschen anders dar. Bei Untersuchungen sollte die Aufmerksamkeit daher nicht mehr auf den objektiven Raum gerichtet werden, sondern auf den von den Akteuren subjektiv empfundenen Raum (vgl. REUBER 1999: 30).

REUBER geht sogar über die einfache Subjektivierung hinaus und spricht von einer dreifachen Subjektivierung der räumlichen Strukturen. Basierend auf dieser Annahme hat er ein Konzept entworfen, in dem die Instrumentalisierung räumlicher Strukturen anhand drei unterschiedlicher Raumbilder veranschaulicht und näher erklärt werden. Die Raumbilder lassen sich wie folgt kategorisieren: (1) subjektive Raumbilder, (2) subjektive räumliche Zielvorstellungen, (3) strategische Raumbilder.

(1) Subjektive Raumbilder

Die subjektive Verzerrung des Raumes entsteht schon bei der Wahrnehmung der räumlichen Ausgangssituation. Die Wahrnehmung an und für sich alleine ist damit bereits eine Konstruktion, die in vielfältiger Weise durch individuelle Wahrnehmungen, Bewertungen und Symbolisierungen geprägt ist. Des Weiteren werden auch kollektive Normen sowie die Repräsentation räumlich lokalisierter Strukturen wirksam (vgl. REUBER 2001: 86). So wird das wahrgenommene Bild mit weiteren Bedeutungsinhalten aufgeladen und auf diese Weise konstruiert jedes Individuum in seinem Bewusstsein ein letztlich einzigartiges Abbild des Raumes (vgl. REUBER 1999: 33).

(2) Subjektive räumliche Zielvorstellungen

Mit konfliktspezifischen subjektiven räumlichen Zielvorstellungen sind die lokalisierbaren, d.h. ortsbezogenen Ziele des Akteurs gemeint, die er im Raumnutzungskonflikt verwirklichen möchte. Auf Grundlagen seiner Interessen entwirft er eine Maximalkonzeption, also eine Vorstellung davon, welche Struktur am Ende seinen Interessen am meisten dienen bzw. seinen anderweitigen Zielen am wenigsten schaden würde. Auf dieses Ziel richtet sich später die Handlungsstrategie des Akteurs (vgl. REUBER 1999: 33).

(3) Strategische Raumbilder

Die strategischen Raumbilder sind die dritte subjektive Konstruktion bzw. Verzerrung räumlicher Strukturen. Die Raumkonstruktion erfolgt in dieser Kategorie ganz bewusst. Bei räumlichen Konflikten mit gegensätzlichen Interessen müssen Akteure immer wieder nach außen darstellen, dass ihre eigenen Absichten aufgrund der vorhandenen räumlichen Strukturen ‚die besten‘ sind, diejenigen ihrer Gegner jedoch nicht. Zu diesem Zweck müssen Strukturen und Verflechtungen so interpretiert werden, dass sie zu den eigenen Zielvorstellungen passen (vgl. REUBER 2001: 86). Räumliche Strukturen werden also auf eine Weise verzerrt und konstruiert, dass sie zu der Argumentationslinie der Akteure passen. Raum wird demnach zu ihren Gunsten verbal kaschiert. Dadurch stellen sie sicher, dass sie ihre Position in der öffentlichen Diskussion am besten durchsetzen können.

Diese drei Raumbilder sollten im Handlungsverlauf weder als statistische Konstrukte noch als trennscharf nebeneinander existierende Konzepte gesehen werden. Vielmehr sind die subjektiven Raumkonstrukte dynamisch und überlappen sich im Wechselverhältnis (vgl. REUBER 1999: 35).

3.2 Die Identitätsdimension von Raum

Da die vorliegende Arbeit einen ethnischen Bürgerkrieg behandelt, der als Konflikt gesehen werden kann, dem eine Verkopplung von Raum und Identität zugrunde liegt, soll hier das Konzept der räumlichen Identität genauer erklärt werden.

ANKE STRÜVER definiert den Begriff der räumlichen Identität wie folgt: „Unter räumlicher Identität wird zum einen die individuell oder kollektiv wahrgenommene Identität eines Raumausschnittes verstanden […] Zum anderen geht es um die Subjektidentitäten von Individuen oder Gruppen an einem bestimmten Ort oder in einer Region, d.h. um raumbezogene Identifikation oder einfach das Bewusstsein über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Raum“ (STRÜVER 2001: 210).

In den 1980er sprach die Forschung noch von einem Regionalbewusstsein (vgl. STRÜVER 2001:210). Später wurde das Konzept der räumlichen Identität mit der Idee weiter entwickelt, dass Identität nicht etwas Wesenhaftes, sondern eine Konstruktion ist, die bestimmten Interessen dient sowie gesellschaftlichen Ein- und Ausschluss (re-)produziert (vgl. STRÜVER 2001:211). BERND BELINA spricht dabei von einem Prozess der Identitätskonstruktion und impliziert damit, dass die Ausbildung einer Identität nie abgeschlossen ist. Identitäten werden aktiv in sozialen Kontexten geformt. Bei der Entwicklung einer uneinheitlichen und unabgeschlossenen Identität können räumliche Bezüge relevant werden (vgl. BELINA 2013: 144). Dies bedeutet, dass neben sozialen Kategorien wie z.B. Klasse, Geschlecht, Rasse etc., auch räumliche Differenzierungen wie etwa „Nord-Süd“, „Ost-West“, „Stadt-Land“ etc. zur Identifikation herangezogen werden können.

Auf diesem Wege wird auch deutlich, dass Identifikationsprozesse über Abgrenzungen funktionieren (vgl. STRÜVER 2001: 211). Gefühle der Zugehörigkeit zu physisch-materiellen Orten begründen häufig ebenfalls eine auf Exklusion des „Anderen“ basierende Identifikation. Schließlich wird die Zugehörigkeit zu einem Raum nie hinterfragt. Dies wird vor allem bei der Identifikation mit der Heimat wirkmächtig: Jeder Mensch gehört irgendwohin, jeder Mensch hat eine Heimat. Solche Beziehungen zum Raum können Element individueller Identität sein und instrumentalisiert werden (vgl. BELINA 2013: 145). Im Rahmen von Politik kann diese Instrumentalisierung allerdings besonders gefährlich werden. Im Differenzierungsprozess, also in der Abgrenzung des „Wir“ zum „Anderen“, liegt das Potential, Feindbilder zu schaffen, die in Konflikten, vor allem in kriegerischen Auseinandersetzungen, eine besondere Reichweite haben können. Aus diesem Grund sollten Identifikationsprozesse der Akteure im Rahmen von Konfliktanalysen genauso betrachtet werden wie ihre Ziele und Strategien.

3.3 Kritik an der handlungsorientierten geographischen Konfliktforschung

WOLKERSDORFER kritisiert, dass die handlungsorientierte Perspektive der Politischen Geographie sich nur auf die Sicht der einzelnen Akteure beriefe. Dabei seien besonders ethnische Konflikte ein Beispiel für die individuelle Abhängigkeit von kollektiven Konstruktionen. Die Akteure selbst seien häufig genug von den neuen Begebenheiten überrascht und versuchten, sich bestmöglich an die Veränderung anzupassen. Dieses Anpassen ließe sich sowohl von der Seite des Individuums als auch von der Seite der Situation aus betrachten (vgl. WOLKERSDORFER 2001: 185).

REUBERs Kritik bezieht sich auf die fehlende Objektivität in Hinblick auf die Untersuchung von Akteuren. Da die Handlungssituation bei jedem einzelnen Akteur subjektiv sei, existiere keine objektive Konfliktwirklichkeit. Es gäbe stattdessen eine Vielfalt miteinander konkurrierender Sichtweisen (vgl. REUBER 2001: 89).

Außerdem können Sichtweisen nicht auf das Genauste determiniert werden. Dafür müsste man in die Köpfe der Akteure blicken können. Somit blieben dem Forscher Motive, Ziele und Strategien des Akteurs empirisch unzugänglich; und auch wenn Akteure ihre Absichten offenlegten, müssten die Ergebnissen mit Vorsicht behandelt werden, denn hinter dieser Offenlegung könnte eine Strategie der Akteure stecken, um eine gewünschte Wirkung bei ihren Adressaten zu erzielen (vgl. REUBER 2001: 89).

REUBER beruft sich dabei auf GIDDENS, der den Begriff der doppelten Hermeneutik geprägt hat. Der Forscher selbst bilde keine unabhängige Größe. Sein Ergebnis könne nur eine kontextabhängige, konstruierte Wirklichkeit sein, da seine wissenschaftliche Auseinandersetzung aus Verstehen und Dekonstruktion bestünde (vgl. REUBER 2001: 89; GIDDENS 1997: 338).

Allerdings liegt der Vorteil der geographischen Konfliktforschung darin, einen Konflikt verstehen zu wollen. Die verwendeten Theorien und Modelle dienen dabei nicht nur der Dekonstruktion eines Konfliktes, sondern erfüllen für Außenstehende auch die Funktion, die Ergebnisse des Forschers am Ende nachvollziehen zu können.

Die Nachvollziehbarkeit kann der Öffentlichkeit zu Gute kommen, wenn z.B. öffentliche Diskussionen geführt werden, raumbezogene Konflikte in Medien sowohl schriftlich als auch mündlich reproduziert werden oder Politische Bildung betrieben wird.

Dies wird zudem durch den Umstand gestärkt, dass handlungsorientierte Ansätze den Vorteil bieten, dass sie raumbezogene politische Konflikte in einer Betrachtungsform und Begrifflichkeit abbilden, wie sie auch von Politik und Medien tagtäglich reproduziert wird. Diese Kompatibilität zwischen Forschung und alltäglicher Narrative führt zu einem schnellen Transfer der Ergebnisse in Richtung Politikberatung und Politische Bildung (vgl. REUBER 2002:7f.).

Demzufolge braucht es keine Brücke der Übersetzung. Die geographische Konfliktforschung kann in der Praxis von einer breiteren Masse zeitnah genutzt werden. Selbst die Befürchtung, dass ein raumbezogener Konflikt nur aus einem Blickwinkel betrachtet werde, verliert an Bedeutung angesichts der Tatsache, dass der handlungsorientierte Ansatz keine objektive Konfliktwirklichkeit liefert. Stattdessen erzählt jeder Forscher ‚seine‘ Geschichte darüber, wie und warum politisch handelnde Akteure die Räume der Alltagswelt gestalten (vgl. REUBER2001: 90). Es entsteht eine Vielfalt von Sichtweisen, die der Außenstehende nutzen kann, um den Konflikt und seine Hintergründe aus vielen Seiten näher kennen zu lernen. Mehr Transparenz und praxisrelevantes Wissen für Bürger wäre gewährleistet, sodass wirkungsvollere Formen der Partizipation zum Zuge kommen könnten (vgl. REUBER 2001: 90). Hieraus ergibt sich, dass die geographische Konfliktforschung sowohl Nachteile als auch Vorteile in sich birgt. Nichtsdestotrotz sollte die handlungsorientierte Strömung der Politischen Geographie weiterhin in wissenschaftlichen Arbeiten behandelt werden, da sie zum allgemeinen Verständnis von Konflikten beiträgt, indem sie eine breitere Masse erreicht als den üblichen Forschungskreis.

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Details

Titel
Sri Lanka nach dem Bürgerkrieg. Konfliktfelder und Konfliktkonstellationen
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Geographisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
64
Katalognummer
V497334
ISBN (eBook)
9783668998117
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sri Lanka, Geographische Konfliktforschung, Politische Geographie, Bürgerkrieg, LTTE, Militarisierung, Buddhist National Groups, IDPs, Vertreibung, Konflikt, Friedensprozess, Nationalismus, Tamil Eelam, Jaffna, Raum und Identität, Handlungstheorien, Land Grab, Tsunami 2004, Ethnischer Konflikt, Separatismus
Arbeit zitieren
Ganagaginy Sivanolisingam (Autor), 2019, Sri Lanka nach dem Bürgerkrieg. Konfliktfelder und Konfliktkonstellationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497334

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