Methoden der Rezeptions- und Wirkungsästhetik bei Hans-Robert Jauß und Wolfgang Iser


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
9 Seiten, Note: 5

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Hans-Robert Jauß (1921-1997) und seine Rezeptionsästhetik

Wolfgang Iser (1926-2007) und seine Wirkungsästhetik

Literaturverzeichnis

Einleitung

Rezeption bezeichnet im Allgemeinen die Aufnahme und Übernahme von fremden Ideen, Normen und Wertvorstellungen bzw. Verhaltensweisen. Die Rezeptionsgeschichte untersucht die Aufnahme, die ein literarischer Text im Laufe der Zeit bei seinem Publikum gefunden hat. Sie ist historisch beziehungsweise. literaturgeschichtlich orientiert. Rezeptionsästhetik untersucht die Bedingungen dieser Aufnahme. Die Wirkungsästhetik entwirft eine Theorie des Leseprozesses, wobei dem Leser eine besondere Rolle in der Sinnkonstitution zukommt. Wirkungsästhetik ist weniger an den historischen Rezeptionsbedingungen interessiert. Der Ausgangspunkt ist die Kritik an der positivistisch ausgerichteten, marxistischen Literaturwissenschaft und die Kritik an der ausschließlichen Untersuchung von Textstrukturen, die außertextuelle Komponenten des Verstehens vernachlässigt.

Die Methoden von Rezeptions- und Wirkungsästhetik begreifen das literarische Faktum im geschlossenen Kreis einer Produktions- und Darstellungsästhetik. Sie verkürzen die Literatur damit um eine Dimension, die unerlässlich zu ihrem ästhetischen Charakter und gesellschaftlichen Funktion gehört: die Dimension ihrer Rezeption und Wirkung. Das Interesse wird nicht auf den Autor und das Werk, sondern auf den Leser gelenkt. Denn erst durch seine Vermittlung tritt das Werk in den sich wandelnden Erfahrungshorizont einer Kontinuität, in der sich die ständige Umsetzung von einfacher Aufnahme in kritisches Verstehen, von passiver in aktive Rezeption, von anerkannten ästhetischen Normen in neue, sie übersteigende Produktion vollzieht.[1] Das Interesse an Leser und Leseakt verändert und ergänzt die traditionelle Felder der Literaturwissenschaft. Den Anstoß gab die Konstanzer Antrittsvorlesung des Romanisten Hans Robert Jauß: Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft im Jahre 1967.[2]

Hans-Robert Jauß (1921-1997) und seine Rezeptionsästhetik

Jauß greift den hermeneutischen Ansatz Gadamers auf, konzentriert sich aber nicht auf das Werk, sondern auf die Kommunikationssituation zwischen Text und Leser. Der Horizontbegriff wird auch übernommen. Gadamer unterscheidet der Horizont der Figuren, der Horizont des Textes, des Autors und des Lesers. Horizont ist die Summe der Erwartungen und des Vorverständnisses, die sich aus der historischen und kulturellen Einbettung ergibt. Im Verstehen verschmelzen die Horizonte miteinander. Gadamer sah die Interpretation nicht nur als reproduktive, sondern auch produktive Handlung, die sich im dialektischen Prozess der Horizontverschmelzung ereignet.[3] Die Zirkelhaftigkeit des Verstehens ist auch wichtig und der hermeneutische Zirkel bedeutet: Was verstanden werden soll, muss schon vorher irgendwie verstanden worden sein. Dieses Vorverständnis wird im Laufe des Verstehens ständig korrigiert.

Wer einen Text verstehen will, […] wirft sich einen Sinn des Ganzen voraus, sobald sich ein erster Sinn im Text zeigt. […] Im Ausarbeiten eines solchen Vorentwurfs, der freilich beständig von dem her revidiert wird, was sich bei weiterem Eindringen in den Sinn ergibt, besteht das Verstehen dessen, was dasteht.[4]

Das Verhältnis von Literatur und Leser hat sowohl ästhetische als auch historische Implikationen. Nach der ästhetischen Implikation einschließt schon die primäre Aufnahme eines Werkes durch den Leser eine Erprobung des ästhetischen Wertes im Vergleich mit schon gelesenen Werken. Die historische Implikation bedeutet, dass sich das Verständnis der ersten Leser von Generation zu Generation in einer Kette von Rezeptionen fortsetzen und erweitern kann. Infolgedessen entscheidet sie nicht nur über die geschichtliche Bedeutung eines Werkes, sondern macht auch seinen ästhetischen Rang sichtbar.[5] Ein literarisches Werk, auch wenn es neu erscheint, präsentiert sich nicht als absolute Neuheit, sondern prädisponiert sein Publikum durch Ankündigungen, offene und versteckte Signale, vertraute Merkmale oder implizite Hinweise für eine ganz bestimmte Weise der Rezeption. Der Leser erinnert sich an etwas schon Gelesenes, er gerät in eine bestimmte emotionale Einstellung und stellt Erwartungen nach bestimmten Spielregeln der Gattung oder Textart gegenüber dem Text.[6]

Die rezeptionsästhetische Theorie beschäftigt sich nicht nur mit Sinn und Form des literarischen Werks in der geschichtlichen Entfaltung seines Verständnisses, sondern erfordert sie auch, das einzelne Werk in seine literarische Reihe einzurücken, um seine geschichtliche Stelle und Bedeutung im Erfahrungszusammenhang der Literatur zu erkennen.[7] In Bezug auf seinem Methoden steht Jauß zwischen einer bewahrenden Philologie und den radikalen Neuansätzen empirischer Literaturwissenschaft. Der Ausgangspunkt bleibt das einzelne Werk, in dem die literarischen Strukturen einer Epoche konkretisiert wurden. Nach dem rezeptionsgeschichtlichen Werkbegriff ist „ das literarische Werk kein Monument, dass monologisch sein zeitloses Wesen offenbart. Es ist vielmehr wie eine Partitur auf die immer erneuerte Resonanz der Lektüre angelegt, die den Text aus der Materie der Wörter erlöst und ihn zu aktuellem Dasein bringt.“[8] In erster Linie interessiert sich Jauß nicht für die Struktur des Textes, sondern den literaturgeschichtlichen Prozess: „ Geschichte der Literatur ist ein Prozeß ästhetischer Rezeption und Produktion, der sich in der Aktualisierung literarischer Texte durch den aufnehmenden Leser, den reflektierenden Kritiker und den selbst wieder produzierenden Schrifsteller vollzieht.[9] Der Leser ist in diesem Zusammenhang eine geschichtsbildende Energie. Nach Jauß’ Theorie hat die Literaturgeschichte drei Dimensionen: eine synchrone als Querschnitt zu einem bestimmten Zeitpunkt, eine diachrone als Längsschnitt über die Jahre hinweg und einen Bezug auf die allgemeine Geschichte.[10]

Im Mittelpunkt der Rezeptionsästhetik steht der Erwartungshorizont. Als heuristisches Konstrukt gehört er längst fest in den Begriffskanon der Literaturwissenschaft, auch wenn er wegen seiner mangelnden Präzision häufig kritisiert worden ist. Mit dem Begriff des Erwartungshorizonts sollen „ Aufnahme und Wirkung eines Werks in einem objektivierbaren Bezugssystem der Erwartungen gefaßt werden.“[11] Die Objektivierbarkeit ist hier wichtig: Nach Jauß sollte ein „transsubjektiver Horizont“ ermittelt werden, der vom konkreten Verständnis des einzelnen Lesers abstrahiert, die individuelle Handlung des Verstehens als methodologische Grundlage inzwischen behält. Im Idealfall kann man der Erwartungshorizont aus dem Werk selbst rekonstruieren, inwiefern man die impliziten Hinweise für eine ganz bestimmte Weise der Rezeption gelesen kann. Das gilt besonders für solche Texte, die selbstreflexive Konstruktion und poetologischen Passagen beinhalten, z. B. Cervantes’ Don Quijote.[12]

[...]


[1] Vgl. Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Hrsg. von Dorothee Kimmich, Rolf G. Renner und Bernd Stiegler. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2008, S. 43-45.

[2] Vgl. Baasner, Rainer und Zens, Maria: Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2001, S.179.

[3] Vgl. Arnold-Detering: Grundzuge der Literaturwissenschaft. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999, S. 129.

[4] Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: Mohr Siebeck, 2010, S. 251.

[5] Vgl. Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. 2008, S. 46.

[6] Vgl. Ebd. 2008, S. 48.

[7] Vgl. Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. 2008, S. 53.

[8] Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. 2001, S. 180.

[9] Ebd. S. 180.

[10] Vgl. Ebd. S. 179-180.

[11] Ebd. S. 181.

[12] Vgl. Ebd. S. 181-182.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Methoden der Rezeptions- und Wirkungsästhetik bei Hans-Robert Jauß und Wolfgang Iser
Hochschule
Károli Gáspár Református Egyetem
Note
5
Autor
Jahr
2019
Seiten
9
Katalognummer
V497619
ISBN (eBook)
9783346012685
Sprache
Deutsch
Schlagworte
methoden, rezeptions-, wirkungsästhetik, hans-robert, jauß, wolfgang, iser
Arbeit zitieren
Vivienn Nagy (Autor), 2019, Methoden der Rezeptions- und Wirkungsästhetik bei Hans-Robert Jauß und Wolfgang Iser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497619

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Methoden der Rezeptions- und Wirkungsästhetik bei Hans-Robert Jauß und Wolfgang Iser


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden