Thema dieser Arbeit sind die Geschichte und Anwendung der Rezeptions- und Wirkungsästhetik mit Bezug auf den Literaturwissenschaftler und Romanisten Hans-Robert Jauß (1921-1997) und den Literaturwissenschaftler und Anglisten Wolfgang Iser (1926-2007).
Rezeption bezeichnet im Allgemeinen die Aufnahme und Übernahme von fremden Ideen, Normen und Wertvorstellungen bzw. Verhaltensweisen. Die Rezeptionsgeschichte untersucht die Aufnahme, die ein literarischer Text im Laufe der Zeit bei seinem Publikum gefunden hat. Sie ist historisch beziehungsweise literaturgeschichtlich orientiert. Rezeptionsästhetik untersucht die Bedingungen dieser Aufnahme.
Die Wirkungsästhetik entwirft eine Theorie des Leseprozesses, wobei dem Leser eine besondere Rolle in der Sinnkonstitution zukommt. Wirkungsästhetik ist weniger an den historischen Rezeptionsbedingungen interessiert. Der Ausgangspunkt ist die Kritik an der positivistisch ausgerichteten, marxistischen Literaturwissenschaft und die Kritik an der ausschließlichen Untersuchung von Textstrukturen, die außertextuelle Komponenten des Verstehens vernachlässigt.
Die Methoden von Rezeptions- und Wirkungsästhetik begreifen das literarische Faktum im geschlossenen Kreis einer Produktions- und Darstellungsästhetik. Sie verkürzen die Literatur damit um eine Dimension, die unerlässlich zu ihrem ästhetischen Charakter und gesellschaftlichen Funktion gehört: die Dimension ihrer Rezeption und Wirkung.
Das Interesse wird nicht auf den Autor und das Werk, sondern auf den Leser gelenkt. Denn erst durch seine Vermittlung tritt das Werk in den sich wandelnden Erfahrungshorizont einer Kontinuität, in der sich die ständige Umsetzung von einfacher Aufnahme in kritisches Verstehen, von passiver in aktive Rezeption, von anerkannten ästhetischen Normen in neue, sie übersteigende Produktion vollzieht.
Das Interesse an Leser und Leseakt verändert und ergänzt die traditionelle Felder der Literaturwissenschaft. Den Anstoß gab die Konstanzer Antrittsvorlesung des Romanisten Hans-Robert Jauß "Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft" im Jahre 1967.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hans-Robert Jauß (1921-1997) und seine Rezeptionsästhetik
Wolfgang Iser (1926-2007) und seine Wirkungsästhetik
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die theoretischen Grundlagen der Rezeptions- und Wirkungsästhetik zu erläutern und dabei den Fokus von traditionellen, autor- oder werkzentrierten Ansätzen hin zur zentralen Rolle des Lesers sowie des Leseprozesses zu verschieben.
- Historische Einordnung der Rezeptions- und Wirkungsästhetik
- Der Erwartungshorizont nach Hans-Robert Jauß
- Die Rolle des impliziten Lesers in der Theorie von Wolfgang Iser
- Das Konzept der Leerstelle als Element der Appellstruktur
- Vergleichende Analyse der Leseprozess-Theorien
Auszug aus dem Buch
Wolfgang Iser (1926-2007) und seine Wirkungsästhetik
Isers Theorie wurde aus den Ergebnissen der Sprechakttheorie und der literarischen Phänomenologie von Roman Ingarden geschafft. Iser interessiert sich nicht an den historischen Rezeptionsbedingungen, sondern entwirft eine Theorie des Leseprozesses. Nach ihm ist die Wirkung eines literarischen Textes nicht konstant, es gibt immer neue Realisierungen von der Bedeutung. Beim Iser bekommt der Leser eine bedeutsame Rolle, aber wer ist der Leser? Wie kann man den Leser bestimmen? Einerseits gibt es die empirisch-historische Leserschaft eines Werkes, andererseits der im Text entworfene Leser. Der Leser ist der Adressat, für den das Werk primär bestimmt ist.
Ein empirischer Leser ist in der Wirklichkeit erfahrbar wie zum Beispiel der Leser des XX. Jahrhunderts. Der implizite Leser ist dagegen keine konkrete Person, die das Werk liest, sondern eine „dialogische Struktur“, die im Text eingeschrieben ist. Eine Gesamtheit von Möglichkeiten wird von dem impliziten Leser realisiert, wie zum Beispiel in einem Text vorkommenden Anspielungen auf einen anderen Text. Der implizite Leser ist ein Idealtypus, denn er realisiert alle Angebote des Textes und nicht nur die, die einem realen Leser psychisch und mental nahekommen. Die Zirkelhaftigkeit des Textes kommt auch bei Iser vor.
An jedem Punkt seiner Lektüre bildet der Leser, aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen mit dem Text, neue Hypothesen und Erwartungen an den Fortgang, die in der weiteren Lektüre bestätigt, modifiziert oder zurückgewiesen werden. Also der Text wird durch das Lesen immer aktualisiert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Das Kapitel führt in die Grundbegriffe der Rezeption ein und grenzt die Rezeptions- und Wirkungsästhetik von traditionellen, primär auf Autor oder Textstruktur fixierten Literaturwissenschaften ab.
Hans-Robert Jauß (1921-1997) und seine Rezeptionsästhetik: Dieser Abschnitt erläutert Jauß' Fokus auf den Erwartungshorizont und die literaturgeschichtliche Dimension, wobei der Leser als geschichtsbildende Energie begriffen wird.
Wolfgang Iser (1926-2007) und seine Wirkungsästhetik: Das Kapitel behandelt Isers phänomenologisch begründete Theorie, die den Fokus auf den Leseprozess, den impliziten Leser und das Konzept der Leerstelle legt.
Schlüsselwörter
Rezeptionsästhetik, Wirkungsästhetik, Leseprozess, Erwartungshorizont, Hans-Robert Jauß, Wolfgang Iser, Sinnkonstitution, impliziter Leser, Leerstelle, Appellstruktur, Literaturwissenschaft, Hermeneutik, Phänomenologie, Textrezeption, Literaturgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die theoretischen Ansätze der Rezeptions- und Wirkungsästhetik als Gegenentwurf zur traditionellen, autorzentrierten Literaturwissenschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Rolle des Lesers bei der Sinnkonstitution, der historische Wandel der Literaturrezeption und die Interaktion zwischen Textstruktur und Leser.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Konzepte von Hans-Robert Jauß und Wolfgang Iser gegenüberzustellen und ihre Bedeutung für das Verständnis von Literatur als dynamischen Prozess zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt Literaturtheorie, Hermeneutik und phänomenologische Ansätze, um die Wirkungsmechanismen von Texten zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Jauß' Rezeptionsästhetik und Isers Wirkungsästhetik, wobei jeweils die spezifischen Konzepte zur Analyse des Lesevorgangs erläutert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Erwartungshorizont, impliziter Leser, Leerstelle und Sinnkonstitution.
Wie unterscheidet sich Jauß' Begriff des Erwartungshorizonts von anderen Ansätzen?
Jauß konzipiert den Erwartungshorizont als objektivierbares Bezugssystem, das die Aufnahme eines Werkes durch zeitgenössische und spätere Leser in einen historischen Kontext einbettet.
Welche Bedeutung haben „Leerstellen“ in der Theorie von Wolfgang Iser?
Leerstellen sind fehlende Verbindungen oder Unbestimmtheiten im Text, die dem Leser einen Interpretationsspielraum eröffnen und ihn zur aktiven Sinnstiftung herausfordern.
- Citar trabajo
- Vivienn Nagy (Autor), 2019, Methoden der Rezeptions- und Wirkungsästhetik bei Hans-Robert Jauß und Wolfgang Iser, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497619