Wittgensteins Sprachspiele in den "Philosophischen Untersuchungen". Ein Modell einer funktionierenden Sprache?


Hausarbeit, 2019
12 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wittgensteins Sprachspiele
2.1 Der Sprachspielbegriff
2.2 Sprachspiele als Lebensform
2.3 Familienähnlichkeit der Sprachspiele
2.4 Regeln der Sprachspiele und das Regelfolgen

3. Die Wiederlegung von Augustinus' Sprachbegriff

4. Schlussbetrachtung: Sprachspiele - Ein Modell des Funktionierens einer Sprache?

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wittgensteins Lebenswerk lässt sich in zwei Hauptwerke unterteilen. Auf der einen Seite steht der Tractatus Logico-Philosophicus, welchen man als sein Frühwerk bezeichnet, auf der anderen sein Spätwerk: die Philosophischen Untersuchungen. Mit diesen beiden Werken hat Wittgenstein die Philosophiegeschichte gleich zweimal revolutioniert. Während der Tractatus Logico-Philosophicus die Grundlage für den logischen Positivismus bildet, beeindrucken die Philosophischen Untersuchungen Sprachforscher bis heute und es entstehen laufend neue Interpretationsansätze. Beide Werke behandeln unter anderem die Frage nach dem Wesen der Sprache. Man kann jedoch sein Spätwerk nicht als eine Fortsetzung seines Frühwerkes ansehen, denn die Philosophischen Untersuchungen bilden hinsichtlich der Sprachbetrachtung in großen Teilen eine Revision seiner früheren Theorien. Die Philosophischen Untersuchungen gleichen im Gegensatz zu dem strukturierten Tractato Logico-Philosophico eher einer unzusammenhängenden Ansammlung seiner Gedankengänge als einer abgeschlossenen Arbeit. Es lassen sich jedoch aus dieser Sammlung von lose miteinander verknüpften Bemerkungen, Aphorismen und Analogien, die Wittgenstein, wie er selbst behauptete, nicht mehr zu „einem [...] Ganzen zusammenzuschweißen"1 konnte, seine Ansichten zu verschiedenen philosophischen Themen herauslesen. Für besonders großes Aufsehen sorgten seine Gedanken zur sprachanalytischen Philosophie, deren Zentrum der Begriff der Sprachspiele bildet. Dieser Begriff wird von Wittgenstein nie explizit definiert, sondern immer wieder durch verschieden Beispiele veranschaulicht.

Daher soll im Folgenden sein Konzept der Sprachspiele näher beleuchtet werden. Dabei wird auch auf die Bedeutung der eng mit dem Sprachspiel verwobenen Begriffe Lebensform, Familienähnlichkeit und Regeln eingegangen. Ziel dieser Arbeit ist es dann anhand dieser genaueren Betrachtung zu prüfen, ob Wittgenstein ein zutreffendes Modell des Funktionierens einer Sprache aufgestellt hat und inwieweit er mittels seiner Theorie der Sprachspiele, die bis dahin herrschenden Vorstellungen der Sprachtheorie entkräftet hat.

2. Wittgensteins Sprachspiele

„Nur im Fluß[sic] des Lebens haben die Worte ihre Bedeutung."2

Dieses Zitat Wittgensteins bringt die wesentlichen Thesen seiner Sprachspieltheorie auf den Punkt. Man versteht unter Sprachspiel jede Form der sprachlichen Äußerung innerhalb eines praktischen Kontextes, dazu gehören also alle Verständigungsformen von primitiven Lauten bis hin zu komplexen sprachlichen Systemen. Wittgenstein zielt darauf ab, die Verbindung zwischen Sprache und Wirklichkeit zu ergründen. Das Sprachspiel als Begriff ermöglicht es Wittgenstein unter anderem Distanz zu seinen früheren Konzeptionen zu gewinnen, in welchen er ein Exaktheitsideal und klare Definitionen forderte, mit denen man unsere ungenaue Alltagssprache der Präzision unterwerfen könne. Er musste jedoch feststellen, dass dies bei den vielen wagen Begriffen und mehrdeutigen Aussagen, die unsere alltägliche Sprache mit sich bringt, nicht möglich ist. Die Sprache ist viel zu ungenau, um den Regeln der Logik folgen zu können. Darum bilden die Sprachspiele und deren Pluralität die grundlegenden Elemente der späten Philosophie Wittgensteins.

2.1 Der Sprachspielbegriff

Dem Begriff des Sprachspiels liegt die Vorstellung zugrunde, dass der Sprechende mit Wörtern und Sätzen operiert wie ein Schachspieler mit Figuren. Oder wie Wittgenstein es beschreibt: „Die Frage ,Was ist eigentlich ein Wort' ist analog der [Frage] ,Was ist eine Schachfigur'."3 Sprachspiele sind nach Wittgenstein zum einen "primitive Formen der Sprache"4 5 zum anderen „der ganze Vorgang des Gebrauchs der Worte [...] mittels welcher Kinder ihre Muttersprache lernen" . An anderer Stelle bezeichnet Wittgenstein „auch das

Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist"6 als Sprachspiel. An Wittgensteins umständlicher Definition seiner Sprachspiele merkt man schon wie komplex die Formen sind, aus denen sich die Sprache zusammensetzt. Um das Wesen der Sprache zu verstehen, reicht es eben nicht diese nur unter einem Gesichtspunkt zu betrachten, sondern eine Betrachtung aller Aspekte der Sprache ist dazu notwendig. Daher gibt Wittgenstein uns verschiedene Bedeutungen des Sprachspielbegriffs. Eine zentrale Rolle spielt unter anderem die menschliche Praxis, in der ein Sprachspiel beheimatet ist. Die Folge davon ist, dass es „unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir Zeichen, Worte, Sätze nennen"7 gibt. Des Weiteren ist diese Vielfalt der Verwendung nichts Festes, „sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andere veralten und werden vergessen"8. Mittels der Sprachspiele zeigt Wittgenstein diese vielfältigen Verwendungsformen der Sprache auf. Er führt in den Philosophischen Untersuchungen immer wieder Beispiele für den Gebrauch sprachlicher Mittel auf: den Einkauf von fünf roten Äpfeln in §1, die Sprachhandlungen von zwei Arbeitern auf der Baustelle in §2 und §8, das Sprachspiel der Kombination farbiger Quadrate in §48 oder das Niederschreiben einer Reihe von Zeichen in §143. Diese Beispiele zeigen, dass Sprachspiele aus einer Kombination aus Sprache, Handeln und Äußerungsumständen besteht. „Die Bedeutung eines Namens erklärt man [beispielsweise] manchmal dadurch, dass man auf seinen Träger zeigt."9 Jede Sprachverwendung setzt also gewisse Sprachspiele voraus, denn die Sprachspiele stellen die Verknüpfung zwischen Sprache und Wirklichkeit her.

2.2 Sprachspiele als Lebensform

Wittgenstein betont des Weiteren auch, „dass das Sprechen der Sprache Teil [...] einer Tätigkeit, oder einer Lebensform ist"10 „und verschiedene Sprachen kommen durch Unterschiede zwischen den eingebetteten Lebensformen zustande"11. Es besteht also ein fester Zusammenhang zwischen menschlichem Handeln und der Sprache. Jede Sprachgesellschaft hat eigene Konventionen und praktiziert Handlungsmuster, die sich in ihrer Verwendung von Sprache wiederspiegeln. Die Sprache lässt sich unmöglich als etwas betrachten, was isoliert von den Tätigkeiten und Lebensformen der Gesprächspartner existiert, vielmehr ist sie mit allen Lebensbereichen derer untrennbar verbunden. Daraus folgt, dass die Bedeutungen der Worte durch ihre Verwendung bestimmt werden und nicht umgekehrt. Dies ist ein weiterer Grund für Wittgensteins Paradigmenwechsel in Bezug auf sein sprachliches Exaktheitsideal, denn im Gegensatz zu einer festen Definition ist die Verwendung der Worte nicht fix, sondern kann sich mit der Zeit ändern, was heißt, dass sich auch deren Bedeutung ändern kann. Auch beim Erlernen der Sprache spielt die Lebensform eine zentrale Rolle, man lernt die Bedeutungen der Worte nicht indem einem jemand sagt was sie bedeuten, sondern indem man sie in ihrem Gebrauch und die mit ihnen verknüpfte Lebensform erlebt. Neben den Sprachspielen als Lebensform, die die Beziehung von der Sprache zu menschlichen Tätigkeiten darstellt, geht Wittgenstein auch auf die Beziehung von sprachlichen Begriffen untereinander ein. Er nennt dies die Familienähnlichkeiten der Sprachspiele.

2.3 Familienähnlichkeit der Sprachspiele

Viele Philosophen waren der Meinung, es müsse zwischen allen Dingen, auf welche sich ein und derselbe Begriff anwenden lässt, etwas Gemeinsames geben. „Gegen diese Theorie macht Wittgenstein geltend, es sei durchaus nicht so, dass alle unter einen Begriff fallende Entitäten eine Gemeinsamkeit aufweisen müssen; vielmehr können sie in verschiedener Hinsicht miteinander verwandt sein."12 Er zeigt in §66 der Philosophischen Untersuchungen, dass es viele Begriffe gibt, die Dinge beschreiben, unter denen sich keine Gemeinsamkeit finden lässt. Er führt als Beispiel den Begriff „Spiel" auf. Wir würden Ballspiele, Brettspiele oder Glücksspiele als Spiele bezeichnen, obwohl diese nicht die eine gemeinsame Eigenschaft haben. Er schreibt hierzu: „Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als durch das Wort Familienähnlichkeiten."13 Verschiedene Sprachspiele haben demnach also auch nicht ein einziges Merkmal gemeinsam, sondern sie bilden eine

[...]


1 Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band l.Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984, PU Vorwort

2 Wittgenstein, Ludwig: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie. Werkausgabe Band 7. Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984, LS § 913

3 Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band l.Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984, PU § 108

4 Ebd. PU § 5

5 Ebd. PU § 7

6 Ebd.

7 Ebd. PU § 23

8 Ebd.

9 Ebd.PU § 43

10 Ebd. PU § 23

11 von Savigny, Eike: Sprachspiele und Lebensformen: Woher kommen die Bedeutungen? In: Savigny, Eike von (Hrsg.): Philosophische Untersuchungen, Akademie Verlag, Berlin, 2011, S.27

12 Wennerberg, Hjalmar: Der Begriff der Familienähnlichkeit in Wittgensteins Sprachspielen. In: Savigny, Eike von (Hrsg.), Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, Akademie Verlag, Berlin, 2011, S.33

13 Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band 1. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984, PU § 23

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Details

Titel
Wittgensteins Sprachspiele in den "Philosophischen Untersuchungen". Ein Modell einer funktionierenden Sprache?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V497639
ISBN (eBook)
9783346012463
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wittgenstein, Sprachspiele, Sprachphilosophie, Sprache, Tractatus Logico-Philosophicus, Philosophischen Untersuchungen
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Wittgensteins Sprachspiele in den "Philosophischen Untersuchungen". Ein Modell einer funktionierenden Sprache?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497639

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