Bildungssystem und Bildungspolitik in der Sowjetunion und der Russischen Föderation


Hausarbeit, 2011

51 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Schulen und Hochschulen in Russland
1. Grundlegendes
2. Die vier Bereiche des Bildungssystems

2 Zusammenarbeit der Russischen Föderation in Bildung und Forschung mit Deutschland
1. Grundlegendes
2. Universitäre Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Sports

3 Wesentliche Indikatoren für die Bildung in Russland

4 Zuständigkeiten und Finanzierung im Bereich der Bildung in Russland
1. Grundlegendes zu den Zuständigkeiten
2. Grundlegendes zur Finanzierung

5 Gegenwart und weitere mögliche Entwicklungen

6 Zusammenfassung, Bemerkungen

7 ANHANG

8 LITERATUR

FORSCHUNGSBEREICHE BZW. SCHWERPUNKTE DER ARBEIT

- Die allgemeine Schulausbildung zur Zeit der Sowjetunion, während der Perestroika und in der Russischen Föderation

- Historischer Längsschnitt der Bildungspolitik in Dekaden

- Die Entwicklung der wesentlichen Rechtsnormen im Schul- und Hochschulbereich und deren Auswirkungen

- Das Thema Politik und Bildung: Nationale Projekte im Bildungsbereich und deren zentrale Ziele

- Ansätze der Demokratieerziehung im Bildungsbereich mit dem Schwerpunkt Hochschulen bzw. Universitäten

- Der Beitritt Russlands zum Bologna – Prozess und die Umsetzung dieser Ziele

- Die Auswirkungen des Systems der Marktwirtschaft auf den Bildungsbereich

- Die Fokussierung und Analyse wesentlicher Indikatoren für die Bildung in Russland

- Die Zusammenarbeit der russischen Föderation in Bildung und Forschung mit Deutschland

- Der „Status Quo“ und mögliche Entwicklungen im Bildungsbereich

1 Schulen und Hochschulen in Russland:

1. Grundlegendes

Schulen und Hochschulen waren und sin in der gesamten Bildungslandschaft Russlands für die Bildung und die Weiterbildung von erheblicher Relevanz. So wie bereits zur Zeit der Sowjetunion gliedert sich auch das Bildungssystem der Russischen Föderation in vier Bereiche bzw. in vier Abschnitte. Die Zuständigkeiten im Bildungsbereich und die Lehrinhalte unterlagen in beiden staatlichen Systemen aber oftmaligen Änderungen. In den vergangenen Jahren hat sich Russlands Hochschul- und Forschungsbereich auf den Weg nach Europa begeben (Gorzka Gabriele/ Lanzendorfer Ute, Russlands Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf dem Weg nach Europa, Eine aktuelle Bestandsaufnahme, Universität Kassel, Kassel 2006, S 7ff).

Beim Rückblick in das Schulwesen der Sowjetunion zeigt sich, dass besonders vertikale Strukturen vorhanden waren, d.h. das Verhältnis zwischen dem „Gesamtstaat“ und den Republiken, so wie dies für das föderative Strukturprinzip der Sowjetunion wesentlich war, galt auch für das damalige Schulsystem. Das föderative Strukturprinzip kam auch in der Rechtsordnung bzw. in der Kompetenzverteilung für den Bereich Bildung zwischen diesen beiden Ebenen klar zum Ausdruck (Kuebart Friedrich, Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsbildung und Hochschulwesen in Russland und Ostmitteleuropa, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2002, S 9).

Nach dem Ende der Sowjetunion, dessen Bildungssystem durch ein uneingeschränktes staatliches „Bildungsmonopol“ gekennzeichnet war, kam es im Prozess der System-transformation dann vor allem zur Demokratisierung, Regionalisierung und zur Privatisierung im Bildungsbereich Russlands. Zunächst erfolgte eine eher zaghafte Etablierung eines nichtstaatlichen Bildungssektors, der auch Konkurrent um die knappen Ressourcen öffentlicher Finanzierung wurde. Die Entwicklung führte dann vom staatlichen Bildungsmonopol zum „Bildungsmarkt“ in der Russischen Föderation von dem alle vier Bereiche des Bildungssystems erfasst wurden (Kuebart Friedrich, Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsausbildung und ochschulwesen in Rußland und Ostmitteleuropa, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2002, S 45 f).

2. Die vier Bereiche des Bildungssystems

1) Die allgemeine Schul-ausbildung, 2) Die Berufsausbildung, 3) Die Hochschulausbildung und 4) Die Postgraduierte Ausbildung

2.1. Die allgemeine Schulausbildung

Die Allgemeine Schulausbildung in Russland besteht aus der Grundschule, der Hauptschule und der Oberstufe. Die allgemeine Schulpflicht bzw. der Schuleintritt beginnt im Alter von sieben Jahren. Durch die Schulbehörde kann allerdings nach einem erstellten psychologischen Gutachten ein Schulbeginn bereits mit dem sechsten Lebensjahr empfohlen werden. Davon machen etwa durchschnittlich 35 % der chulpflichtigen Kinder gebrauch. Die grundsätzlich mit sieben Jahren eingeschulten Kinder absolvieren die vierjährige Primärstufe der Grundschule - die auch als Anfangsschule bezeichnet wird - dann innerhalb von drei Jahren, weshalb sie nach Vollendung der dritten Klasse unmittelbar in das fünfte Schuljahr aufsteigen können (http://de.wikipedia.org/ w/index.php? title=Bildungssystem_ in_ Russland&printable=yes, 28.07.2011, Seite 1 von 6).

Obligatorisch folgte bzw. folgt darauf eine sechsjährige Hauptschulstufe welche die Schüler/innen zum Erwerb der „grundlegenden allgemeinen Bildung“ führt. Dieses Ziel ist in der Regel am Ende der neunten Klasse erreicht, was auch meistens mit dem Erreichen des Pflichtschulalters von 15 Jahren übereinstimmt. Die Schüler/innen sind dann mit diesem Abschluss zum Besuch der oberen zweijährigen Sekundarstufe berechtigt. Der erfolgreiche Abschluss dieser Sekundarstufe führt zum „Zeugnis über die vollständige mittlere Bildung“. Im österreichischen Bildungssystem ist dies vergleichsweise die traditionelle Bezeichnung „Reifezeugnis“, in Deutschland ist die Bezeichnung das „Abitur“. Dieses Zeugnis nach

Absolvierung der „Oberstufe“ ist dann die Voraussetzung für die Zulassung zum *Universitätsstudium, dem früheren Hochschulstudium (http://de.wikipedia.org/w/ index. php? title=Bildungssystem_in_Russland&printable=yes, 28.07.2011, Seite 1 und 2 von 6).

*In struktureller Hinsicht war die Umbenennung von Institutionen und Hochschulen in „Universitäten“ und „Akademien“ eine besondere Reform – Aktivität. Die russische Hochschule wurde zu einer Universität mit vier Fakultäten, wovon drei von ihnen Lehrer für den Schulbereich ausbildeten. Es begannen dann aber auch Versuche neue Fakultäten zu gründen (Hartmann Anne, kraftproben, zum russischen hochschulwesen und wissenschaftsbetrieb der neunziger Jahre, projekt verlag, Bochum 2000, S 35 f ).

Statt der Oberschulstufe konnte bzw. kann nach der neunjährigen Pflichtschulbildung auch eine Berufsausbildung absolviert werden. Das ist dann an der mittleren Fachschule bzw. der Berufsschule oder dem „Technikum“ möglich. Diese Schulen standen und stehen im vertikal durchlässigen gesamten beruflichen Bildungssystem auch für den Erwerb der vollständigen mittleren Bildung zur Verfügung. Die mittleren Fachschulen und das Technikum sind ein „dualer Ausbildungsgang“ weil zusätzlich zu den berufsspezifischen Unterrichtsfächern, auf denen der Schwerpunkt liegt, auch allgemeinbildende Gegenstände unterrichtet werden (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bildungssystem_in_Russland&printable=yes, 28.07.2011, Seite 2 von 6).

Aufgrund der damaligen hohen Bedeutung des beruflichen Bildungssystems wurde Im April 1984 eine entscheidende Reform des allgemeinen Schulwesens und der Berufsausbildung in die Wege geleitet, der dann im Juni 1986 der Richtlinienentwurf für die Umgestaltung des Hoch- und Fachschulwesens folgte (Kuebart Friedrich, Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Russland und Ostmitteleuropa, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2002, S 25).

Weitere Reformen im Schulbereich begannen dann im Jahre 1989, also während der Perestroika. Besonders wurde nun erstmals auch der Versuch unternommen, das bis zu diesem Zeitpunkt starre System der Sowjetunion, das nur eine einzige Schulform zuließ, zu demokratisieren und zu humanisieren. Neue Gesetze und Verordnungen im Bildungsbereich folgten dann in kurzen Perioden (Boll – Palievskaya Daria, Der Russland Ratgeber, Leben, Arbeiten, Kultur und Business, S 33).

Diese Notwendigkeit betraf besonders die allgemeinbildende Sekundarschule, die während der Epoche der Sowjetunion als Massenschule ausgerichtet war, weshalb sie die höheren Qualitätsansprüche der 1990er Jahre nicht mehr erfüllen konnte. Die finanziell besser gestellten Gesellschaftsklassen bezahlten deswegen vermehrt für privaten Unterricht bzw. für Nachhilfeunterricht um diese auf den Einstieg in eine Hochschule besser vorzubereiten. Zudem entstand zu dieser Zeit auch eine pädagogische Reformbewegung mit der Zielsetzung das „Schulsystem“ von unten zu reformieren. Besonders sollte damals das gesamte Schulleben, besonders aber der Unterricht innovativer gestaltet werden (http://de.wikipedia.org/ w/index.php?title=Bildungssystem in Russland&printable= yes,28.07.2011, Seite 4 von 6).

Für diese Zielerreichung wurde nach dem Ende der Sowjetunion das *Gesetz vom 10.Juni 1992 „Über die Bildung“ („Ob obrasowanii“), das sogenannte „Bildungsgesetz“ erlassen. Es war ein besonders wesentliches Gesetz, weil es die Rechtsgrundlage für alle Bildungs- aktivitäten in Russland darstellte. Beispielsweise erklärt Artikel 1 dieses Gesetzes die Bildung als vorrangige Aufgabe der Russischen Föderation (http://www.edu.ru/index. php?page_ id=105).

*Der Russische Staat sah bzw. sieht in diesem Gesetz einen Schuleintritt ab sechs bzw. ab sieben Jahren vor, der Schulbesuch dauert dann eben sechs bzw. sieben Jahre. An einigen Schulen besteht die Möglichkeit, durch Überspringen der 4. Klasse, die Dauer der Schulzeit um ein Jahr zu verkürzen (http:www.edu.ru/ index.php?page_id=105).

Acht Jahre später trat dann ebenfalls für das Schulsystem Russlands ein besonders wichtiges Gesetz in Kraft. Mit diesem Gesetz – „Die Nationaldoktrin über die Bildung“ - wurde die Schulbildung in der Russischen Föderation, wie bereits zur Zeit der Sowjetunion, für alle zugänglich und auch kostenlos. Der russische Gesetzgeber garantierte damit „Gleiche Chancen für alle“ und setzte damit einen bedeutenden Schritt im Bildungsbereich (Boll/Palievskaya Daria, Der Russland Ratgeber, Leben, Arbeiten, Kultur und Business, S 33).

Trotz der erfolgten Reformen und der neuen Gesetze zeigte die ebenfalls aus dem Jahre 2000 stammende Pisa – Studie *Russland aber nur im unteren Drittel hinter Griechenland und vor Lettland gereiht. Die sehr große Streuung der Ergebnisse zwischen den einzelnen Schulen war hier besonders auffallend (Boll – Palievskaya Daria, Der Russland Ratgeber, Leben, Arbeiten, Kultur und Business, S 33).

*Russland ist nicht Mitglied der OECD, nahm aber an allen drei Untersuchungen in den Jahren 2000, 2003 und 2006 teil. (Organisation for Economic Co-Operation and Development:PISA:ProgrammeforInternationalStudentAssessment;http://www.pisa.oecd.org/pages/0,2966,en_32252351_32235907_1_1_1_1_1,00.html).

Die sogenannte *„Pisa Studie“ bzw. das „Programme for International Student Assessment“ (PISA) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist darauf ausgerichtet, das Wissen bzw. Kenntnisse von Schüler/innen verschiedener Länder im Alter von 15 Jahren auf den Gebieten der Lesekompetenz, der Mathematik und der Naturwissenschaften zu erheben und zu vergleichen (Organisation for Economic CoOperation and Development: PISA: Programme for International Student Assessment; http://www.pisa.oecd.org/pages/0,2966,en_32252351_32235907_1_1_1_1_1,00.html).

*Je nach nationaler Umsetzung liegen der Datenerhebung für diese Studie zwischen 4.500 bis 10.000 Testergebnisse zu Grunde. 2006 waren es Datenerhebungen aus 62 Teilnehmerstaaten. Für die nationale Koordination in Russland ist die Russische Bildungsakademie das Zentrum zur Bewertung der Bildungs-qualität (http://www.centeroko.ru).

Das Ergebnis der zweiten PISA Studie aus dem Jahre 2003 brachte im Vergleich mit 40 anderen Teilnehmerländern, dass die russischen Schüler/innen unterhalb des Durchschnitts lagen. Verglichen mit Deutschland (19) erreicht Russland in der „Mathematischen Grundausbildung“ den 29 Platz, auf dem Gebiet der „Lesekompetenz“ den 32 Platz (Deutschland Platz 21) und auf dem Gebiet der „naturwissenschaftlichen Grundbildung“ den 24 Platz (Deutschland Platz 18) (Boll – Palievskaya Daria, Der Russland Ratgeber, Leben, Arbeiten, Kultur und Business, S 33).

Zwei Jahre nach dieser PISA Studie hat die russische Regierung im Jahre 2005 mit dem Ziel den Lebensstandard zu erhöhen vier „nationale Projekte“ begonnen. Besonders sollte damit auch der negativen *demografischen Entwicklung entgegengewirkt werden (Russisches Föderales Statistikamt: http://www.gks.ru/free_doc/2005/b05_13/04-01.htm, 06.09.2011, Seite 1 ff).

*Im Zeitraum von 1990 bis 2005 ist die Zahl der Einwohner Russlands um mehr als vier Millionen Menschen gesunken, das sind beinahe 3%. Die Gründe sind vor allem ein drastischer Rückgang der Geburtenrate und eine Abwanderung gut ausgebildeter Akademiker/innen(RussischesFöderalesStatistikamt:http://www.gks.ru/free_doc/2005/b05_13/04-01.htm, 06.09.2011, Seite 1 ff).

Die Inhalte dieser vier nationalen Projekte betrafen die Bildung, die Gesundheit, die Landwirtschaft und das Wohnungswesen. Im Bereich Bildung hieß es in den offiziellen Verlautbarungen, das Land könne nur von gut ausgebildeten Menschen vorangebracht werden und sein Erfolg hänge von der Qualität der Bildung ab. Auf diese Problematik ging auch Wladimir Putin, der damalige Präsident der Russischen Föderation, in seiner Rede vom 5.September 2005 ein. Er meinte damals: „Die Lösung gerade dieser Fragen wirkt auf die demografische Situation im Land, und schafft – was äußerst wichtig ist – gute Start- bedingungen für die Entwicklung des so genannten menschlichen Kapitals“. Besonders hatte nun auch die Demokratiepolitische Bildung einen hohen Stellenwert. Für die Demokratieerziehung war damals vor allem der Punkt „Förderung innovativer Schulen“ im nationalen Projekt Bildung wesentlich. Die Umsetzung in der Praxis gibt sicher auch Rückschlüsse wie sich politische Entscheidungsträger grundsätzlich die Zukunft des Schulwesens bzw. demokratiepolitische Bildung in Russland vorstellen (Russisches Föderales Statistikamt:http:// www.gks.ru/free_doc/2005/b05_13/04-01.htm, 06.09.2011, Seite 1 ff).

Von politischen Entscheidungsträgern wurde dann ein Jahr nach der letzten PISA Studie 2006 im Juli 2007 ein föderales Gesetz in Kraft gesetzt, womit die Schulpflicht in Russland von 9 auf 11 Jahre verlängert wurde. (Boll – Palievskaya Daria, Der Russland Ratgeber, Leben, Arbeiten, Kultur und Business, S 33).

Neben der gesetzlich verankerten Schulpflicht gibt es, so wie in Deutschland und in Österreich, auch im Schulsystem Russlands eine Einteilung in verschiedene Schulstufen. Das sind:

- Die Anfangsstufe (natschal’noe), sie umfasst die 1. bis 4.Klasse,
- Die Grundstufe (osnow’noe), sie umfasst die 5. bis 9. Klasse und
- Die Mittelstufe (srednee), mit der 10. und 11. Klasse.

Die Gliederung in Schultypen ist in Russland aber viel weniger differenziert als in Deutschland und in Österreich. Eine „allgemeinbildende Schule“ von der 1. bis zur 11.Klasse ist für die meisten Schüler/innen der zu absolvierende Schultyp. Gymnasien, die über eine allgemeinbildende Schule hinausführen, haben geisteswissenschaftliche Fächer als Schwerpunkt. Lyzeen haben dagegen ihre Bildungsschwerpunkte auf naturwissen-schaftlichen Fächern. Zudem gibt es noch eine Reihe anderer Schultypen, zu denen auch Abendschulen, Experimentalschulen usw. zählen, mit speziellen Fächerangeboten bzw. sogenannten Schwerpunktfächern und auch mit Religionsunterricht (http://www.edu.ru/ index.php?page_id=116, 24.08.2011).

Religionsunterricht stand mittlerweile beinahe ein Jahrhundert in keinem der russischen Schultypen auf dem Stundenplan bzw. im Fächerangebot. In den vergangenen Jahren erfolgte aber eine Diskussion über eine mögliche Wiedereinführung religiöser Lehrinhalte inCurrculae diverser Schultypen. Im Jahre 2009 traf Staatspräsident Dmitrij Medwedjew diesbezüglich die Entscheidung, ab 2010 die Schüler/innen Russlands, vorerst in 18. Regionen mit insgesamt 18.000 Schüler/innen, im Fach „Grundlagen der religiösen Kultur und der bürgerlichen Ethik“ zu unterrichten. Dieses *Unterrichtsfach soll dann ab dem Jahre 2012 für alle Schultypen in Russland verbindlich sein und 2 Wochenstunden umfassen (Die Presse, Samstag, 08.08.2009). .

*Vorgesehen ist, dass die Schüler/innen und auch deren Eltern zwischen drei möglichen Varianten wählen können. Das sind Geschichte und Kultur der vier großen Religionen im Land. Das sind russische Orthodoxie, Islam, Judentum und Buddhismus oder Geschichte und Kultur aller in Russland traditionellen Religionen. Schüler/innen ohne Konfession wird dann Unterricht im Fach „Grundlagen der bürgerlichen Ethik“ angeboten (Die Presse, Samstag, 08.08.2009).

Den gesamten Schulbereich betreffend stehen den maximal 17 Jahre alten Schüler/innen Russlands je nach Neigungen und Begabungen bzw. nach schulischem Leistungsniveau aber auch nach Interesse drei unterschiedliche Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung. Das sind die berufliche Grundausbildung, die mittlere Berufsausbildung und die höhere Ausbildung (http://www.edu.ru/index.php?page_id=116, 24.08.2011).

2.2. Die Berufsausbildung

Die Schüler/innen in Russland können im Rahmen der beruflichen Grundausbildung zwischen 280 verschiedenen Berufsausbildungen wählen (Stand 2006). Die Absolvierung dieser Ausbildungen erfolgt an den „technischen Berufsschulen“. Während der Epoche der Sowjetunion hatte besonders diese Ausbildungsebene einen hohen Stellenwert. Seit dem Jahre 1991, also nach dem Ende der Sowjetunion, ist der Zulauf bzw. das Interesse stark zurückgegangen, dagegen ist die Nachfrage nach der mittleren Berufsausbildung und der höheren Ausbildung stark gestiegen (http://www.edu.ru/index.php?page_id=116, 24.08.2011).

Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts absolvierten jährlich etwas mehr als zwei Millionen Jugendliche diesen Ausbildungszweig. Diese Absolvent/innen werden hauptsächlich in praktischen technischen oder auch sozialen Berufen an „Colleges“ oder an „Technika“ unterrichtet bzw. ausgebildet (http://www.edu.ru/index.php?page_id=116, 24.08.2011).

Die höhere Ausbildung, die Voraussetzung für bestimmte hochqualifizierte Berufe ist, führt zu einem wissenschaftlichen Abschluss und wird an einer Universität, einer Akademie oder an einem Institut absolviert. Wie bereits erwähnt, ist in Russland das Interesse an dieser höheren Ausbildung in den letzten Jahren stark angestiegen (http://www.gks.ru/free_ doc/ 2006/b06_11/08-09.htm., 24.08.2011).

2.3. Die Hochschulausbildung

2.3.1. Grundlegendes

Das Hochschulsystem der Russischen Föderation und der GUS - Staaten unterscheidet sich bisher sehr wesentlich von den Universitäten bzw. von den Universitätsstudien in westeuropäischen Staaten. Beispielsweise ist das Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre im Hochschulsystem Russlands nicht festgeschrieben. Russische Hochschulen befassen sich überwiegend mit der „Lehre“ und betreiben nur sehr eingeschränkt „angewandte Forschung“. „Grundlagenforschung“ fällt in Russland in den Zuständigkeits-bereich der Akademie der Wissenschaften (http://www.kooperation-international.de/russland/themes/international/fub/laender/for..., 03.08.2011, Seite 4 von 7).

Seit 1985/86, also noch zur Zeit der Sowjetunion, hatte die Perestroika dann eine gesellschaftliche Dynamik entwickelt die auch den Bildungs- und Wissenschaftsbereich erfasste. Das sowjetische System sollte in vielen Bereichen reformiert werden (hartmann Anne, kraftproben, zum russischen hochschulwesen und wissenschaftsbetrieb der neunziger jahre, projekt verlag, Bochum 2000, S XI).

Bereits im Juni 1986 erfolgte im Zuge dieser Reformen eine wesentliche Erneuerung des sowjetischen Bildungswesens mit dem „Richtlinienentwurf“ für die Umgestaltung des Hoch- und Fachschulwesens. Die dazu von Oskar Anweiler erstellte Analyse ergab die damals aufgrund der vorhandenen Probleme hohe Dringlichkeit dieses Schrittes, den die zuständige Gesetzgebung in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre auch vollführte (Anweiler Oskar, Die sowjetische Schul- und Berufsbildungs-reform von 1984, in: Osteuropa, 40 (1984), S 839 ff).

Die folgenden 1990er Jahre waren dann für das Hochschulwesen und den Wissenschaftsbetrieb in Russland eine Epoche von Veränderungen und von „Kraftproben“. Es kam zu einer sukzessiven Revision der geltenden Gesetzgebung bis zur Erlassung des „Bildungsgesetzes“ des Jahres 1992. Zudem gab es auch zahlreiche einzelne Initiativen von Rektoren, Hochschullehrern und Interessenverbänden für positive Veränderungen im Hochschulbereich (Hartmann Anne, kraftproben, zum russischen hochschulwesen und wissenschaftsbetrieb der neunziger jahre, projekt verlag, Bochum 2000, S XI).

Der Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991, besonders die damit verbundene Regionalisierung, trug damals wesentlich zu einer raschen Ausdifferenzierung der russischen Hochschul- und Wissenschaftslandschaft bei. Der bereits zu Beginn der 1990er Jahre eingetretene ökonomische Schock und die folgende schlechte Wirtschaftslage, die ihren Höhepunkt im Finanzcrash des Jahres 1998 hatte, führte dann auch zu weiteren „Transformationsschüben“ bzw. zu weiteren Reformkonzepten im Bildungsbereich (Hartmann Anne, kraftproben, zum russischen hochschulwesen und wissenschaftsbetrieb der neunzigfer jahre, projekt verlag, Bochum 2000, S XI).

In diesen Reformkonzepten wurde Autonomie fast nur aus ökonomischer Sicht betrachtet, demokratische Grundsätze oder Grundlagen der Selbstverwaltung waren nur von geringer Bedeutung. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eingeführte Veränderungen bei der Rektorenwahl führten sogar zu Änderungen der Organisationsstruktur und in die Unabhängigkeit der Hochschule. Rektoren, die bisher vom Akademischen Rat der Hochschule gewählt wurden, werden nun von einer „Attestierungskommission“, die aber von föderalen und regionalen Beamten dominiert wird, als Kandidaten aufgestellt (Meister Stefan, Russlands Hochschulpolitik zwischen Wettbewerb und staatlicher Kontrolle, in: Russlandanalysen 132/07, S 7).

Der damit erfolgte Eingriff in die Leitungsstruktur der Hochschule führte damals zur Ausschaltung der Rektoren als eigene Akteure. Neben der Wahl des Rektors unterscheidet sich besonders auch die Verwaltungsorganisation im Bereich der russischen Hochschulen noch immer wesentlich von den deutschen und den österreichischen Universitäten. Besonders gibt es in Russland auch keine Verwaltungsbeamt/innen, hier werden alle administrativen Aufgaben vom Rektor, von den Prorektoren oder von den Dekanen erledigt (http://www.kooperation-international.de/russland/themes/international/fub/laender/for..., 03.08.2011, Seite 5 von 7).

2.3.2.Historisches

Die Epoche von 1920 bis 1950

In den 1920er Jahren erfolgte die „Dezentralisierung des Bildungswesens“ entsprechend dem damaligen föderalistischen Staatsaufbau der Sowjetunion bzw. der UdSSR. Kleine, fachlich sehr spezialisierte Hochschuleinheiten waren das Ergebnis. Die Sicherung der Unternehmen mit genügend qualifizierten Arbeitskräften wurde durch die Kooperation der Hochschulen mi bestimmten wichtigen Wirtschaftszweigen oder mit Großbetrieben erreicht (Kuebart Friedrich, Von der Perestroika zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Russland und Ostmitteleuropa, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2002, S 94).

Die Kompetenzen für diese Hochschulen sowie für das gesamte Bildungswesen hatten damals die Volksbildungskommissariate der Republiken (Kuebart Friedrich, Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Russland und Ostmitteleuropa, S 9).

Im Zuge einer Neuorganisation des Bildungswesens in den 1930er Jahren wurde dann für die Hochschulen ein eigenes zuständiges Staatsorgan ins Leben gerufen. Die Universitäten fielen nun in die Zuständigkeit des Hochschulressorts, die Kompetenzen für die fachlich spezialisierten Hochschulen kamen zu den Branchenverwaltungen, wodurch eine wesentliche Änderung erfolgte (Kuebart, Friedrich, Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Russland und Ostmitteleuropa, S 10 f).

Im Jahre 1940 wurde dann als weiterer Schritt mit dem System der „Staatlichen Arbeitsreserven“ ein zentral gelenktes Berufsbildungswesen eingeführt. Der Rat der Volkskommissare der UdSSR erhielt nun die Kompetenzen für das Bildungswesen. Im Wesentlichen waren dies die Planung der Ausbildungskontingente, die Organisation und Rekrutierung von Schüler/innen und die Verteilung der Absolvent/innen auf die einzelnen Unternehmen. Um die vorgegebenen Ziele des Wiederaufbaus zu erreichen erfolgte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dann auch eine forcierte Zwangsrekrutierung von Schüler/innen (Kuebart Friedrich, Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Russland, S 10 f).

Die Epoche von 1950 bis 1980

Im Jahre 1953, nach dem Tod von Josef Stalin, wurde dann das Bildungswesen der UdSSR dem Kulturministerium unterstellt. 1953 war die UdSSR die zweitstärkste Industriemacht der Welt, es gab aber Probleme, die damals eine Folge des Systems der Planwirtschaft waren. Nikita Chruschtschow, der Nachfolger Stalins, versuchte dann besonders den Lebensstandard der Bevölkerung zu heben. Mit der sogenannten „Entstalinisierung“ leitete er in der Sowjetunion eine liberale Innenpolitik und auch wichtige Reformen im Bildungsbereich ein (Zwangsleitner Wolfgang/Lubienski Yanko/Huber Gerhard/ Schröckenfuchs Erlefried, einst und heute 2 HLA, 1.Auflage, E.Dorner Verlag, Wien 2007, S 123).

Bereits 1953 wurde die Entscheidung das Bildungswesen dem Kulturministerium zu unterstellen wieder rückgängig gemacht. Das Hochschulwesen wurde nun einem Unionsministerium unterstellt, die Hauptverwaltung der Arbeitsreserven fiel wieder in die Zuständigkeit des Ministerrats der Sowjetunion (Kuebart Friedrich, Von der Perestroika zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Russland und Ostmitteleuropa, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2002, S 9 ff).

1958 kam es dann zu weiteren Reformen. Es wurde nun das „System der Arbeitsreserven“ beendet und berufliche – technische Schulen eingeführt. Die wirtschaftlichen Leitungskompetenzen wurden von den zentralen Ministerien auf die Ministerräte der Unionsrepubliken übertragen. Diese Maßnahme erfolgte damals im Zuge der regionalen Dezentralisierung. Die Kompetenzen des Staatskomitees für beruflich – technische Bildung wurden damit jedenfalls verringert http://de.wikipedia.org/w/index.php?title= Bildungssystem_in_Russland&printable=yes, 28.07.2011, Seite 2 von 6).

Nach dem Sturz von Nikita Chruschtschow im Jahre 1964, der wegen zunehmender wirtschaftlicher Misserfolge und der Verschärfung des Konflikts mit China erfolgte, wurde der Wirtschaftsapparat in der Sowjetunion reorganisiert, was auch Änderungen im Bildungswesen zur Folge hatte (Lexikon der Weltgeschichte, Kapp –Verlag OHG, Bensheim 1977, S 108).Bereits ein Jahr nach dem Sturz von Chruschtschow, also 1965, wurden die regionalen Volkswirtschaftsräte aufgelöst und das Staatskomitee für beruflich – technische Bildung, dessen Kompetenzen verringert wurden, wurde nun wieder dem UdSSR Ministerrat unterstellt. (Kuebart Friedrich, Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Russland und Ostmitteleuropa, S 13 ff).

Versuche in den 1970er Jahren die Kompetenzen in der Hochschulausbildung und der Berufsausbildung beim Staatskomitee der Sowjetunion zu konzentrieren, um eine einheitliche staatliche Berufspolitik einzuführen, scheiterten. Der Grund dafür war die Unterstützung bedeutender Wirtschaftsfunktionäre und Wirtschaftswissenschafter, die sich damals für eine dezentrale betriebliche Ausbildung stark machten (Kuebart Friedrich,Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Russland und Ostmitteleuropa, S 13 ff).

Für die 1960er Jahre und die 1970er Jahre kann grundsätzlich festgehalten werden, dass eine rasche Entwicklung bzw. eine Expansion des Hochschulwesens erfolgte und dadurch der Bedarf an Hochschulabsolvent/innen in der Sowjetunion im Wesentlichen schon gegen Ende der 1970er Jahre gesättigt war (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title= bildungssyastem_ inRussland&printable=yes, 28.07.2011, Seite 3 von 6).

Diese Expansion des Hochschulwesens führte zwar zu einer genügend hohen Zahl an Absolvent/innen, die Qualität und die fachliche Kompetenz der Ausbildung bzw. dieser Student/innen war aber sehr unterschiedlich. In den 1970er Jahren kam es auch zur Gründung vieler neuer Hochschulen, wofü lokales Prestigedenken und die Aufwertung bereits bestehender Institutionen dafür zumindest mitursächlich waren. Die finanziellen Ressourcen für eine qualitative Ausbildung an diesen Hochschulen waren meistens aber nicht vorhanden, zudem mangelte es auc erheblich an Professor/innen. Diese damalige Situation war nicht nur für die Hochschulen negativ, sondern grundsätzlich auch für den Bereich der wissenschaftlichen Forschung. Die Verbesserung bzw. die Modernisierung der Ausbildung war nun Kernpunkt eines Reformplans, der mit Beginn der „Perestroika“ dann auch umgesetzt wurde (Kuebart Friedrich, Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Rußland und Ostmitteleuropa,, S 25 ff).

Die 1980er Jahre

Im Jahre 1984 kam es zu weiteren erheblichen Veränderungen im Bildungswesen der UdSSR. Damals wurde, wie bereits erwähnt, ein neuer Reformplan für die allgemeinbildenden Schulen und für die Berufsschulen erstellt. Zwei Jahre später wurde dann ein Richtlinienentwurf für die Umgestaltung des Hochschulwesens und auch des Fachschulwesens ausgefertigt (http://de. wikipedia.org/w/index.php?title= Bildungssystem_ in_ Russland& printableyes,28.07.2011, Seite 3 von 6).

Im folgenden Jahr, also 1985, wurden dann in der Sowjetunion mit Michael Gorbatschow, der damals Generalsekretär der Kommunistischen Partei der UdSSR (KPdSU) wurde, fundamentale Änderungen mit „Perestroika“ und „Glasnost“ eingeführt (Filzmaier Peter, Politik und Politische Bildung, 1.Auflage, E.Dorner Verlag, Wien 2007, S 134).

Die damals mit Glasnost und *Perestroika begonnenen Veränderungen in Russland verstärkten aber den allgemeinen Verfallsprozess. Man wollte nun einen politischen Pluralismus und das System der Marktwirtschaft. Boris Jelzin bevorzugte damals einen radikalen Systemwechsel, Michail Gorbatschow wollte einen kontrollierten, evolutionären Systemwandel erreichen, was zu heftigen Konflikten zwischen den beiden führte (Margareta Mommsen, Boris Jelzin – kommunistischer Funktionär und demokratischer Revolutionär, in: Russlandanalysen 132/07, S 2).

*Perestroika bedeutet in der russischen Sprache Umbau. Es ist ein von Michail Gorbatschow Mitte der 1980er Jahre geprägter politischer Leitbegriff, damals für die Umstrukturierung von Politik und Gesellschaft in de Sowjetunion. Gorbatschow ging es insbesondere um eine größere Effizienz der Wirtschaft und um die Einführung marktwirtschaftlicher Elemente im Bereich der sowjetischen Wirtschaft (Schubert Klaus/Klein Martina, Das Politiklexikon, 4., aktualisierte Auflage, Dietz Verlag, Bonn 2006, S 1 ff).

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Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Bildungssystem und Bildungspolitik in der Sowjetunion und der Russischen Föderation
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
51
Katalognummer
V497786
ISBN (eBook)
9783346024749
ISBN (Buch)
9783346024756
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildungssystem, bildungspolitik, sowjetunion, russischen, föderation
Arbeit zitieren
Dr. Franz Zeilner (Autor), 2011, Bildungssystem und Bildungspolitik in der Sowjetunion und der Russischen Föderation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497786

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