Übersetzungskommentar zum Buch "El fantasma en el libro: La vida en un mundo de traducciones" von Javier Calvo Perales


Masterarbeit, 2019
95 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Übersetzungsrelevante Ausgangstextanalyse
2.1 Form
2.1.1 Äußere Form
2.1.2 Innere Form
2.2 Inhalt
2.2.1 Thema
2.2.2 Thematische Progression
2.3 Situation
2.3.1 Orts- und Zeitpragmatik
2.3.2 Sender- und Empfängerpragmatik
2.4 Funktion
2.4.1 Kommunikationsanlass
2.4.2 Senderintention

3 Übersetzungsauftrag und -strategien
3.1 Übersetzungsauftrag
3.2 Übersetzungsstrategien

4 Zieltext

5 Übersetzungskommentar
5.1 Verständlichkeit
5.1.1 Hinzufügungen
5.1.2 Umstellungen
5.1.2.1 Umstellungen innerhalb von Satzgrenzen
5.1.2.2 Umstellungen über Satzgrenzen hinaus
5.1.3 Substitutionen
5.2 Verdichtung und Implizität
5.2.1 Kürzungen
5.2.2 Simplifizierungen
5.3 Konventionalität
5.3.1 Perspektivenwechsel
5.3.2 Satzzeichenwechsel
5.3.2.1 Runde Klammern
5.3.2.2 Gedankenstriche
5.3.3 Wortartwechsel
5.3.3.1 Nominalisierungen
5.3.3.2 Verbalperiphrasen und Gerundialsätze
5.3.4 Subjektwechsel
5.3.5 Hinzufügungen
5.3.6 Kürzungen

6 Schluss

7 Anhang

8 Literaturverzeichnis
8.1 Printquellen
8.2 Internetquellen

1 Einleitung

Die Rolle des Übersetzers hat sich im Laufe der Geschichte in hohem Maße verändert. Während man früher noch primär an Literaturübersetzer dachte, welche die bekanntesten Werke ungeachtet ihrer Komplexität übersetzten, gibt es heutzutage zahlreiche verschiedene Arten von Übersetzern. Abgesehen von Literatur- und Fachübersetzern gibt es immer häufiger solche Übersetzer, die keine gewöhnliche Ausbildung absolviert haben und deshalb unter Umständen nicht den höchsten Qualitätsansprüchen genügen. Nichtsdestotrotz wächst ihre Rolle in der Welt der Übersetzungen immer weiter, während es für klassische (literarische) Übersetzer immer schwieriger wird. Was kann man sich heutzutage unter dem „unsichtbaren“ Übersetzer beziehungsweise dem „Geist“ im Buch vorstellen? Dieser und vielen weiteren ähnlichen Fragen geht der spanische Schriftsteller und Literaturübersetzer Javier Calvo Perales in seinem 2016 erschienenen Werk El fantasma en el libro: La vida en un mundo de traducciones nach.

Im Rahmen dieser Masterarbeit, die in Form einer kommentierten Übersetzung aus dem Spanischen ins Deutsche vorliegt, wurde aus dem zuvor genannten Werk ein interessantes Kapitel ausgewählt, welches analysiert und übersetzt wurde. Inhaltlich handelt es unter anderem von der Abkehr vom traditionellen Übersetzerbild, da diese in der heutigen Zeit immer mehr zu beobachten ist. Im späteren Teil des bearbeiteten Kapitels lässt Calvo Perales jedoch auch seine langjährige Erfahrung als Literaturübersetzer einfließen und veranschaulicht auf eindrückliche Weise, warum der klassische Übersetzer literarischer Werke auch weiterhin einzigartig und von hoher Bedeutung ist. Dank der Leidenschaft für den Beruf, die in Calvo Peralesˈ Worten herauslesbar ist, war es eine äußerst spannende Erfahrung, sich so intensiv mit seinem Werk beziehungsweise einem Kapitel daraus auseinanderzusetzen. Die Masterarbeit wurde als Abschluss des Studiengangs Master Translation im Sommersemester 2019 am FTSK Germersheim (Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz erstellt.

Der Textausschnitt wurde ausgewählt, weil er inhaltlich nicht einfach nur vom Literaturübersetzen handelt, sondern die heutige, moderne Situation rund um den Übersetzerberuf beleuchtet. Während man sich in der Übersetzerausbildung meistens eher mit dem klassischen Literaturübersetzen beschäftigt, hört man selten über die neuartigen Phänomene, die mit dem Internet aufkamen. Ich persönlich erachte es nicht als unwichtig, auch über diese Formen des Übersetzens informiert zu sein, zumal es auch gilt, argumentieren zu können, was uns ausgebildete Translatoren von den „modernen Übersetzern“ unterscheidet. Das ausgewählte Kapitel, das den Ausgangstext darstellt, welcher im Anhang zu finden ist, bot mir also die Möglichkeit, mehr über das Übersetzen im 21. Jahrhundert zu erfahren.

Die vorliegende Masterarbeit besteht inhaltlich nicht nur aus der reinen Übersetzung, schließlich ist der Übersetzungsprozess vielschichtig aufgebaut, wie man auch in Calvo Peralesˈ Werk stellenweise erfährt. Die Arbeitsweise im Rahmen dieser Abschlussarbeit unterschied sich daher teils stärker von der Art und Weise, wie die „Übersetzer“ (wenn man sie so nennen will), die in dem ins Deutsche übertragenen Kapitel ausführlicher beleuchtet wurden, ihre Aufgaben zu erledigen pflegen. Es war trotz des interessanten Inhalts keineswegs leicht, das Werk des spanischen Literaturübersetzers adäquat zu übersetzen, da es eben nicht nur auf die heutzutage so bedeutsame Schnelligkeit ankommt, sondern auf Qualität, Feingefühl sowie Respekt vor dem Ausgangstext und dessen Autor.

Der Aufbau dieser Abschlussarbeit setzt sich dementsprechend aus unterschiedlichen Teilen zusammen. Nach dieser Einleitung, die einen ersten Einblick in die Thematik der Masterarbeit geben soll, werde ich mich ausführlich mit der Analyse des Ausgangstextes befassen. Die besagte Analyse besteht aus verschiedenen Unterkapiteln, die zum Teil eine weitere Gliederungsebene aufweisen. Den Anfang macht dabei eine Analyse der Form, wobei diese sich in „äußere Form“ und „innere Form“ unterteilt. Auch die Untersuchung des Inhalts des Ausgangstextes lässt sich in zwei Bereiche unterteilen: das „Thema“ sowie die „thematische Progression“ des Originaltextes. Zur Situation werden zunächst die „Orts- und Zeitpragmatik“ und danach die „Sender- und Empfängerpragmatik“ analysiert. Abgeschlossen wird die übersetzungsrelevante Ausgangstextanalyse mit einem Blick auf die Funktion des Originals, wobei neben dem „Kommunikationsanlass“ die „Senderintention“ bestimmt werden soll.

Nach der Ausgangstextanalyse ist ein kurzes Kapitel dem formulierten Übersetzungsauftrag und den gewählten Übersetzungsstrategien gewidmet, um die Grundlagen für die Übersetzung und den späteren Übersetzungskommentar zu legen. In den beiden Unterkapiteln werden jeweils der Übersetzungsauftrag und die Übersetzungsstrategien eruiert, welche sich größtenteils am „Modell des strategischen Übersetzens“ von Siever orientieren. Kapitel 4 beinhaltet das in keine weiteren Unterkapitel unterteilte Translat, also die erstellte Übersetzung des Ausgangstextes von Javier Calvo Perales.

Den Kern dieser Arbeit bildet der komplementär zum Translat in Kapitel 5 angefertigte Übersetzungskommentar. Im Großen und Ganzen besteht der Kommentar aus den vier nach reiflicher Überlegung gewählten Makrostrategien: Verständlichkeit, Verdichtung, Implizität und Konventionalität, wobei Verdichtung und Implizität aufgrund ihrer Ähnlichkeit in einem Unterkapitel gemeinsam behandelt werden. Zu jeder Makrostrategie finden sich in Kapitel 5 auch Unterkapitel zu den zugehörigen Mikrostrategien, mit denen die Makrostrategien realisiert wurden; diese Mikrostrategien sind zum Teil in weitere Unterkapitel gegliedert.

So unterteilt sich die Makrostrategie der Verständlichkeit in der vorliegenden Abschlussarbeit in die Mikrostrategien der Hinzufügungen, Umstellungen und Substitutionen, wobei bei den Umstellungen in zwei Unterkapiteln zwischen „Umstellungen innerhalb von Satzgrenzen“ sowie „Umstellungen über Satzgrenzen hinaus“ unterschieden wird. Die zusammen analysierten Makrostrategien der Verdichtung und Implizität bestehen lediglich aus den Unterkapiteln zu Kürzungen und Simplifizierungen, was jedoch nicht bedeutet, dass sie weniger wichtig bei der Erstellung des Zieltextes waren. Bezogen auf die Anzahl von Unterkapiteln zu den Mikrostrategien macht die Makrostrategie der Konventionalität einen relativ großen Teil des Übersetzungskommentars aus, da viele Aspekte im Ausgangs- und Zieltext zu beobachten waren und daher viele Beispiele angebracht werden konnten. Die zugehörigen Mikrostrategien sind Perspektivenwechsel, Satzzeichenwechsel (mit Unterteilung in die Themenbereiche „Runde Klammern“ und „Gedankenstriche“), Wortartwechsel (mit Unterteilung in „Nominalisierungen“ und „Verbalperiphrasen und Gerundialsätze“), Subjektwechsel, Hinzufügungen und Kürzungen. Bei vielen der aufgeführten Beispiele hätte auch die Möglichkeit bestanden, sie einer anderen Makro- oder Mikrostrategie zuzuordnen. Selbiges gilt für etwaige nicht angeführte Textstellen, welche ausgelassen wurden, um den Rahmen der Abschlussarbeit nicht zu sprengen.

Den Abschluss der Masterarbeit bilden das Schlusskapitel, in dem die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst werden, sowie Anhang und Literaturverzeichnis. Der Anhang beinhaltet den in dieser Arbeit übersetzten Ausgangstext von Javier Calvo Perales, während das Literaturverzeichnis einige hilfreiche Quellen enthält, die nähere Informationen zu den verschiedensten in dieser Arbeit analysierten Bereichen boten.

Passend zum Thema des übersetzten Kapitels ist es das Ziel dieser Masterarbeit, zu demonstrieren, dass ein Translator, der eine übersetzerische Ausbildung absolviert hat, im Gegensatz zu ungelernten Übersetzern qualitativ hochwertige Übersetzungen erstellen und seine Übersetzungsstrategien und -entscheidungen auch begründen kann. Zudem sollte der erste Teil der Abschlussarbeit zeigen, dass es von Bedeutung ist, den Ausgangstext umfassend zu analysieren, da eine Übersetzung nur so „glücken“ (vgl. Paepcke 1986: 57) kann. Im Rahmen dieser Masterarbeit wird zwar keine weitere konkrete Übersetzung angeschaut, doch allein durch Calvo Peralesˈ Ausführungen lässt sich erahnen, dass beispielsweise die sogenannten „Fanübersetzer“ keine ausgefeilten Übersetzungsstrategien verfolgen oder die ästhetische Wirkung des Ausgangstextes übertragen.

2 Übersetzungsrelevante Ausgangstextanalyse

Bevor mit der Übersetzung an sich begonnen wird, sollte ein Translator, dem hohe Übersetzungsqualität wichtig ist, den Ausgangstext so gut wie möglich analysieren. Diese übersetzungsrelevante Ausgangstextanalyse konzentriert sich auf verschiedene Bereiche, wobei Siever (2012: 400) folgende Frage in den Raum stellt: „Woraus soll ich etwas machen?“. Für diese Masterarbeit wurden die Bereiche Form, Inhalt, Situation und Funktion ausgewählt, welche in weitere Unterkapitel unterteilt sind.

2.1 Form

Die Form des vorliegenden Ausgangstextes wird in zwei aufeinanderfolgenden Schritten analysiert. Zunächst soll dabei der optische Aufbau, also die äußere Form, angesprochen werden, wonach anschließend der lexikalisch-grammatische Aufbau, also die innere Form, analysiert wird.

2.1.1 Äußere Form

Der im Anhang nachlesbare Ausgangstext besteht aus 5.737 Wörtern und erstreckt sich im Word-Format nach den Vorgaben für Seminar- und Abschlussarbeiten für das Fach Spanisch am FTSK Germersheim (Müller u. a. 2014: 1-22) über etwa 12 ½ Seiten, während es im originalen ebook-Format etwa 18 ½ Seiten sind. Das Kapitel, das den Ausgangstext darstellt, ist in keine weiteren Unterkapitel aufgeteilt. Im Text finden sich insgesamt vier vom Fließtext abgesetzte Zitate. Zudem enthält der Fließtext vier nicht abgesetzte Zitate, die länger als eine Zeile sind. Da es keine Unterkapitel im Ausgangstext gibt, finden sich dort außer der Kapitelüberschrift, welche aus Großbuchstaben besteht und fett geschrieben ist, keine weiteren Überschriften. Die Kapitelüberschrift ist auch gleichzeitig die einzige Stelle im Ausgangstext, bei der man Fettdruck findet.

Insgesamt 28-mal benutzt der Autor im Ausgangstext die im Spanischen üblichen Guillemets (« ») als typographisches Mittel, unter anderem bei den vier nicht abgesetzten längeren Zitaten. Andere Anführungszeichen verwendet der Autor nicht, weshalb die Guille­-mets sämtliche Funktionen von Anführungszeichen alleine erfüllen. Diese Anführungszeichen dienen dazu, Wörter besonders hervorzuheben, zum Beispiel, wenn es sich um Fachwörter oder Vergleichbares handelt («adaptación a pantalla»). In anderen Fällen sind es keine fachwortähnlichen Ausdrücke, sondern lediglich Wörter mit einer besonderen, für den Satz wichtigen Bedeutung (zum Beispiel «pulirlo»). Dann gibt es noch Anführungszeichen, die Verwirrung vermeiden sollen und deshalb Wörter vom Rest des Satzes abgrenzen («tú» o «usted»). Die vorletzte noch nicht genannte Funktion der Guillemets stellt die Betonung von verschiedenen nebeneinander gestellten Konzepten dar («privada» vs. «fans impacientes»). Zuletzt bleibt lediglich noch zu erwähnen, dass die Anführungszeichen auch für Eigennamen genutzt werden («Escuela Hogwarts de Traducción»). Teilweise ist die Zuordnung zu verschiedenen Funktionen der Guillemets-Anführungszeichen nicht völlig unproblematisch, da man beispielsweise nicht sicher weiß, ob ein Ausdruck einen Zitatausschnitt darstellt («ya pasó su momento»). Im Zieltext wurden die Guillemets nicht übernommen, da sie eher in romanischen Sprachen genutzt werden. Hätte man sie im Zieltext übernommen, hätten sie gemäß deutscher Konvention nach innen zeigen müssen. Stattdessen wurden die im Deutschen üblicheren doppelten Anführungszeichen verwendet, was auch als Teil der Makrostrategie der Konventionalität betrachtet werden könnte, die beim Verfassen des Zieltextes verfolgt wurde.

In den (abgesetzten und nicht abgesetzten) Zitaten wird dreimal auf eckige Klammern mit Auslassungspunkten zurückgegriffen; zudem findet sich eine eckige Klammer, die zwei zusätzliche Wörter in das entsprechende Zitat einfügt. Zuletzt wird die eckige Klammer noch dreimal in Zitaten verwendet, um dort sprachliche Fehler zu markieren (in Form von [sic]). Auffällig ist außerdem die hohe Anzahl an runden Klammern, von denen sich im Text ganze 21 finden, was also typisch für den Schreibstil des Autors ist. Der Schreibstil ist zudem vom häufigen Gebrauch weiterer Satzzeichen geprägt. Neben der hohen Anzahl von runden Klammern finden sich im Ausgangstext so zudem einige Gedankenstriche («Muchos de los traductores literarios que he conocido en mi vida profesional —prácticamente todos— también son escritores»). Wie man im Translat erkennen kann, wurden beide Satzzeichen dort nicht auf identische Weise wie im Ausgangstext verwendet (siehe Unterkapitel 5.3.2). Die Verwendung von Kommata war für die Übertragung ins Deutsche deutlich unproblematischer als der Gebrauch von Gedankenstrichen und runden Klammern.

Von den vier abgesetzten Zitaten stammen zwei von Einzelpersonen, ein anderes hingegen von einem Unternehmen (Facebook) beziehungsweise dessen Internetseite. Beim übrigen abgesetzten Zitat spricht ein Individuum (ein Fanübersetzer) im Namen seiner Gruppe von Fanübersetzern. Die vier nicht abgesetzten Zitate aus dem Fließtext, die länger als eine Zeile sind, stammen allesamt von einer Einzelperson.

Insgesamt 37 (nicht verschiedene) Ausdrücke im Ausgangstext sind kursiv geschrieben, da sie beispielsweise aus dem Englischen stammen (crowdsourcing) oder Buchtitel darstellen (Canción de hielo y fuego), während man teilweise auch lediglich einfache spanische Wörter findet, die im Sinne der Betonung so hervorgehoben werden (como tal). Ähnlich wie andere Teile der äußeren Form des Ausgangstextes wurde der Kursivdruck ebenfalls im Zieltext an deutsche Konventionen angepasst. Beim Kursivdruck kam es so etwa vor, dass Ausdrücke, die im Deutschen geläufig sind, wie etwa Anglizismen, im Zieltext nicht mehr kursiv übernommen wurden (zum Beispiel « best sellers de fantasía» à „Fantasy-Bestseller“).

2.1.2 Innere Form

Javier Calvo Perales ist Schriftsteller und Literaturübersetzer, was man auch an seinem Schreibstil merkt. Sprachlich ist für den Translator des Ausgangstextes die „Form“ wichtig, da diese laut Katharina Reiß bei künstlerischen und literarischen Texten von Bedeutung ist. Bei formbetonten Texten, dem zweiten Reißˈschen Texttyp, geht es ihrer Ansicht nach darum, „ wie der Autor etwas sagt“ (Reiß 1971: 38). Dadurch unterscheiden sich literarische Texte, wie der Ausgangstext, von beispielsweise informativen Texten, bei denen es mehr um den „Inhalt“ geht, also darum, was der Autor sagt (Reiß 1971: 38). Die Übersetzung des Kapitels von Calvo Perales war somit „ ausgangssprachlich bestimmt“ (Reiß 1971: 42), weshalb die Ausgangstextanalyse besonders wichtig war. Es war also zu erwarten, dass der spanische Schriftsteller in vielen Fällen sprachlich experimentiert und den Translator so vor Probleme stellt (Reiß 1971: 43). Die ungewöhnliche sprachliche Gestaltung macht den Text womöglich für einen gewissen Teil des Leserpublikums interessanter, da er sich von anderen abhebt, jedoch könnten andere Teile des möglichen Zielpublikums von der teils anspruchsvollen Ausdrucksweise sowie dem Inhalt abgeschreckt werden. Der Ausgangstext ist folglich keineswegs immer allgemeinsprachlich formuliert und nicht für jeden problemlos verständlich. Anzumerken ist jedoch, dass Calvo Perales auch beispielsweise Umgangssprache einfließen lässt, was die Verständlichkeit erhöht. So kann man etwa die zweimalige Verwendung der Interjektion claro, die ähnlich wie ein Diskursmarker der gesprochenen Sprache funktioniert, als leicht umgangssprachlich ansehen (vgl. Butt/Benjamin 2013: 468).

Auf der Stilebene findet man im vorliegenden Ausgangstext insgesamt literarische Sprache, was teilweise sogar für die Zitate gilt, da Calvo Perales mehrere Schriftsteller zitiert, die somit in ihrer Ausdrucksweise von der Sprachnorm abweichen. Dies geschieht zum Beispiel durch den Gebrauch von Stilmitteln wie der Metapher («pasarse muchísimas horas solos con cada libro [...] es un tesoro»).

Auffällig und ebenfalls typisch für literarischen Schreibstil sind zudem die vielen rhetorischen Fragen, die der Originaltext enthält (« ¿Qué ventajas tenemos? »). Diese kommen fünfmal im Text vor, wobei eine Teil eines Zitats eines anderen Schriftstellers ist. Von den restlichen vier rhetorischen Fragen leiten drei einen neuen Absatz ein, was also ein gern genutztes Stilmittel von Calvo Perales in dieser Hinsicht ist. Auf diese Weise schafft er es, den Leser schon im ersten Satz auf das neue Thema einzustellen. Interessanterweise folgt sogar die rhetorische Frage, die nicht direkt am Anfang eines Absatzes steht, auf eine andere, weshalb man im Grunde genommen alle vom Autor verwendeten rhetorischen Fragen zu den Absatzeinleitungen zählen kann.

Da der Ausgangstext inhaltlich vom Übersetzerberuf beziehungsweise der Übersetzertätigkeit handelt, findet man durchgehend Wörter aus diesem Themenbereich, allen voran natürlich die Substantive traductor/traducción, oft auch in Kombination mit dem Adjektiv literario/-a. Hierbei musste man sich als Translator die Frage stellen, ob man sich für eine durchgehend gleiche Übersetzung entscheidet oder eher variiert. Genauer wird auf die diesbezüglichen Übersetzungslösungen im späteren Übersetzungskommentar eingegangen.

Calvo Perales verbindet seine verschiedenen Aussagen oftmals mit Rückbezügen, um vorige Beschreibungen wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dabei bezieht er sich nicht nur auf vorige Kapitel («la que ha figurado en los capítulos anteriores de este libro»), sondern auch auf das Kapitel, das den Ausgangstext bildet («He mencionado al principio de este capítulo que»). Problematisch kann dies in ersterem Fall sein, da die vorigen Kapitel nicht übersetzt wurden. So kam es vor («la que yo he llamado en este libro la escritura invisible o fantasmal»), dass auch Begriffe zu übersetzen waren, die von Calvo Perales selbst erdacht wurden. Im gerade erwähnten Fall ist auch zu bedenken, dass sich ein Ausdruck («escritura [...] fantasmal») auf den Titel des Werks bezieht, aus dem der Ausgangstext stammt. Da auch dieser Titel allerdings noch nicht übersetzt wurde, konnte man sich beim Erstellen des Translats an keiner bestehenden Übersetzung orientieren.

Die allgemeine Satzlänge im Ausgangstext ist unterschiedlich. Während es viele sehr kurze Sätze gibt, erstrecken sich andere über mehrere Zeilen, was unter Umständen der literarischen Sprache geschuldet ist. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass die Lesbarkeit nicht zu sehr durch hypotaktische Satzgefüge erschwert wird. Im Vergleich zu anderen Schriftstellern halten sich die nicht enden wollenden „Schachtelsätze“ bei Calvo Perales deutlich im Rahmen. Die typische SVO-Stellung des Spanischen ist in den meisten Sätzen des Ausgangstextes gegeben. Überdurchschnittlich lang sind die Sätze im übersetzten Kapitel oft nicht nur durch Einschübe wie Appositionen oder Nebensätze, sondern auch durch Aufzählungen, auf die der Autor gern zurückgreift. Parataktisch fällt schnell ins Auge, dass Calvo Perales gleich in einigen Fällen mithilfe der nebenordnenden (koordinierenden) Konjunktion y, oft auf ein Komma folgend, weitere Hauptsätze anfügt und so Satzreihen schafft. Das Semikolon wird vom Autor mehrmals, aber vergleichsweise selten gebraucht. Insgesamt nutzt Calvo Perales es dreimal; zudem findet es sich in einem Zitat, was darauf hindeuten könnte, dass Schriftsteller gern auf das Semikolon für einen parataktischeren Stil zurückgreifen.

Es überrascht wenig, dass in einem Text der literarischen Sprache zahlreiche Gerundien und Verbalperiphrasen Verwendung finden. Besonders Letztere waren im Text von Calvo Perales teils kompliziert zu übersetzen und stellten mit den Gerundien ein Übersetzungsproblem dar, zumal beide eher typisch für das Spanische sind. Die Verbalperiphrasen im Ausgangstext ähneln sich jedoch in einigen Fällen auch in ihrer Funktion, so drücken sie beispielsweise oft den Verlauf einer Handlung aus («por muchos libros que se sigan traduciendo»). Genauer wird auf Gerundialsätze und Verbalperiphrasen im entsprechenden Unterkapitel 5.3.3.2 im Übersetzungskommentar eingegangen.

2.2 Inhalt

Das Unterkapitel 2.2 teilt sich in zwei weitere Unterkapitel auf. Im ersten der beiden wird das Thema des Ausgangstextes, welches bereits in den vorigen (Unter-)Kapiteln grob angesprochen wurde, noch einmal beschrieben. Im Unterkapitel 2.2.2 wird daran anschließend die thematische Progression untersucht. Insgesamt geht es bei Form und Inhalt des Ausgangstextes um die sogenannten textinternen Faktoren.

2.2.1 Thema

Um das Thema eines Textes zu bestimmen, lohnt sich oft ein Blick auf die Überschrift. Dies wissen nicht nur Verfasser von Zeitungsartikeln, die besonders großen Wert auf einen interessanten Titel legen müssen; auch ein Buchautor oder Schriftsteller, sogar ein Translator, muss einen Titel wählen, der das Interesse des Zielpublikums weckt. Wenn man die Vorderseite des von Javier Calvo Perales verfassten Werks betrachtet, liest man die Worte El fantasma en el libro: La vida en un mundo de traducciones. Sofern man die spanische Sprache beherrscht, fragt man sich zunächst (möglicherweise verwirrt), wer oder was dieser „Geist“ im Buch ist. Liest man den kompletten Titel noch einmal, wird jedoch zumindest jedem Translator klar, was gemeint ist, schließlich hat jeder von uns gelernt, dass man „unsichtbar“ bei der Arbeit sein soll. Unsichtbar deswegen, weil kein Translat vom unwissenden Leser als solches identifiziert werden sollte.

Das Substantiv libro zeigt dem Leser zudem schon vor dem Aufschlagen des Buches, dass es wohl in erster Linie um die Literaturübersetzung gehen wird. Der Untertitel nach dem Doppelpunkt ist gut gewählt, da es thematisch im Ausgangstext jedoch eben nicht nur um das Leben eines Übersetzers literarischer Werke, wie Calvo Perales, geht, sondern auch um sonstige Formen des Übersetzens, wie die Übersetzung von Nachrichten oder Kinofilmen. Schaut man sich den Titel des spanischen Kapitels an, HARRY POTTER, TRADUCTOR, ist man auch zunächst ratlos, was dies bedeuten könnte; das Interesse des Lesers dürfte jedoch definitiv geweckt sein. Der Titel bezieht sich auf ein Teilthema des Kapitels, die Fanübersetzung, worauf im Unterkapitel 2.2.2 zur thematischen Progression genauer eingegangen wird.

Insgesamt kann man das Thema des Ausgangstextes grob darauf eingrenzen, dass Calvo Perales moderne, neuartige Formen des Übersetzens vorstellt, die unter Umständen nicht jedem geläufig sind, womöglich auch manchen professionellen Translatoren nicht. Einen gewichtigen Teil des Kapitels widmet der Autor jedoch auch seinen beiden Berufen und wie sie miteinander zusammenhängen. Genauso leidenschaftlich, wie manche seiner Schriftsteller- und Literaturübersetzerkollegen seiner Ansicht nach bei ihrer Tätigkeit sind, beschreibt er die Bedeutung des Literaturübersetzers in der heutigen Zeit, in der das Internet den Übersetzerberuf in hohem Maße verändert hat.

2.2.2 Thematische Progression

Javier Calvo Perales teilt das abschließende Kapitel seines Werks nicht in weitere genauer festgelegte Abschnitte auf. Deshalb müssen die verschiedenen Themenbereiche für dieses Unterkapitel aus dem Fließtext herausgelesen werden.

Einleitend beginnt Calvo Perales direkt mit der Aussage, dass sich die Rolle der Literaturübersetzung im 21. Jahrhundert verändert habe. Mittlerweile übersetze man noch immer viele Bücher, jedoch sei die Anzahl dieser eher gering verglichen mit den Übersetzungen für Medien, Kino, Fernsehserien oder Videospiele. Zudem sei die traditionelle Literaturübersetzung nicht mit den heutigen Übersetzungsprozessen vergleichbar, vor allem an Schnelligkeit mangele es den Literaturübersetzern in der Welt des 21. Jahrhunderts. Folglich gibt es laut dem Autor mittlerweile eine Abkehr vom traditionellen Übersetzerbild. Heutige Übersetzer arbeiten eher anonym, im Team, ohne Bezahlung, mithilfe von Technologie und sehr schnell, dies alles natürlich insbesondere dank des Internets.

Nachdem der Autor dies erklärt hat, widmet er sich konkreten Beispielen für heutige Formen des Übersetzens. Er beginnt mit der Übersetzung von Kinofilmen, bei der, im Gegensatz zur Literaturübersetzung, nicht Stil und Register des Originals übertragen werden müssen, sondern der Fokus auf anderen Aufgaben liege. Ein Übersetzerteam müsse hierbei gleichzeitig untertiteln und synchronisieren und dabei mehrere räumliche und zeitliche Einschränkungen beachten. Insgesamt kommen bei der Übersetzung von Kinofilmen die bereits zuvor in Bezug auf heutige Formen des Übersetzens angesprochenen Aspekte wie Teamarbeit und Schnelligkeit zum Tragen.

Im folgenden Abschnitt führt Calvo Perales eine Form des Übersetzens an, die den Wegfall des traditionellen Übersetzerbildes seiner Ansicht nach noch deutlich klarer macht. Er erläutert, dass der weltweite Nachrichtenverkehr nur dank der Übersetzung von Nachrichten unmittelbar und reibungslos funktioniere. Die Übersetzer seien in diesem Fall die Journalisten der verschiedenen großen Nachrichtenmedien. Diese Journalisten haben bei der Übersetzung eine anspruchsvolle Aufgabe, da auch sie Einschränkungen beachten müssen, die dafür sorgen, dass statt Translaten eher komplett neue Texte geschrieben werden.

Nach diesem Abschnitt zur Übersetzung von Nachrichten schlussfolgert Calvo Perales, dass das Übersetzerbild zumindest im eigentlichen Sinne verschwinde, da sich beispielsweise Nachrichtenübersetzer nicht als Übersetzer sehen. Neben dem Übersetzerbild verschwinden zudem die Vorstellungen von Autor und Ausgangstext, die für klassische Übersetzungen von Bedeutung seien. Dies lässt sich laut Calvo Perales auch anderweitig beobachten, nicht nur bei den Nachrichtenmedien.

Nachdem er Beispiele für heutige Formen des Übersetzens angeführt hat, geht der Autor des Ausgangstextes auf verschiedene relevante Entwicklungen der Vergangenheit rund um den Übersetzerberuf ein, wobei das Internet besonders hervorzuheben sei. Aus dem Internet habe sich dann die maschinelle Übersetzung ergeben, die bis heute immer weiter entwickelt und verbessert werde. Dies ändert nichts daran, dass Calvo Perales bei sämtlichen Programmen nicht zu leugnende Schwächen im Vergleich zu menschlichen Translatoren sieht, insbesondere dann, wenn Texte komplexer seien. Nichtsdestotrotz verfolge die Wirtschaft intensiv den Plan, menschliche Translatoren obsolet zu machen.

Um dies zu schaffen, werde das sogenannte Crowdsourcing eingesetzt, eine weitere neue Form des Übersetzens, die Calvo Perales vorstellt. Hierbei werde ebenfalls auf das Internet zurückgegriffen, da Benutzer, und somit keine gelernten Translatoren, ohne Bezahlung übersetzerische Tätigkeiten für Unternehmen oder auch Organisationen erledigen. Eine besondere Form des Crowdsourcings stelle die anschließend vom Autor erwähnte Fanübersetzung dar, bei der literarische Werke von Fans unaufgefordert aus eigenem Interesse übersetzt werden. Laut dem spanischen Schriftsteller hat die Fanübersetzung ihre Ursprünge in der Untertitelung von japanischen Animes, wobei irgendwann dank des Internets auch amerikanische Serien in Teamarbeit untertitelt wurden. Das Phänomen wurde schließlich auf die Literatur übertragen, wo manche Genres besonders häufig von Fans übersetzt werden, wie Calvo Perales anmerkt.

In einem weiteren Abschnitt unterteilt der Autor des Ausgangstextes die Fanübersetzung in zwei verschiedene Arten. Während die Fans bei der „privaten“ Übersetzung ansonsten keine andere Möglichkeit haben, ein Werk in ihrer Sprache zu lesen, ist die zweite Art der Fanübersetzung nach Calvo Peralesˈ Interpretation von Ungeduld geprägt, da Fans nicht monatelang auf eine offizielle Übersetzung von gelernten Literaturübersetzern warten können oder wollen.

Anschließend schreibt Calvo Perales über die rechtliche Situation von Fanübersetzungen, welche eher undurchsichtig sei, obwohl Fans behaupten, gegen kein Urheberrecht zu verstoßen. Als Beispiele für umfangreiche und bekannte Fanübersetzungen führt der spanische Schriftsteller die Fälle bei den beliebten Fantasy-Werken Harry Potter und Das Lied von Eis und Feuer an. Während Calvo Perales auf verschiedene Fanübersetzungen und ihre Auswirkungen eingeht, lässt sich unter anderem erkennen, dass Verlage in der Vergangenheit verschieden mit Fanübersetzungen umgingen.

Nachdem Calvo Perales einem Verleger dabei zustimmt, dass Fanübersetzungen aufgrund mangelnder Qualität nicht ernst zu nehmen seien, grenzt er den klassischen Literaturübersetzer, den er auch in sich sehe, von den verschiedenen zuvor im Kapitel besprochenen neuen Formen des Übersetzens ab, bei denen sich die Übersetzer vollständig dem „hyperdemokratischen Ethos des Internets“ verschreiben. Im darauffolgenden Abschnitt erkennt man schließlich, was der Titel des Kapitels aus Calvo Peralesˈ Werk zu bedeuten hat. Der Autor spricht dabei eine zuvor erwähnte Gruppe chinesischer Schüler an und erklärt, unter welchem Namen sie bekannt waren (Escuela Hogwarts de Traducción). Sie seien ein gutes Beispiel für das Konzept Empowerment (empoderamiento), da sie dank des Internets nun die Macht der Übersetzung, also Zauberkräfte, haben. Folglich gleichen diese Schüler laut Calvo Perales einem Harry Potter der Literaturübersetzung. Dennoch können Fanübersetzer nur Inhalte erzeugen, weder Kunst noch Literatur, wie der Spanier erklärt.

Gegen Ende des Ausgangstextes stellt Calvo Perales die rhetorische Frage, welche Vorteile der klassische Literaturübersetzer denn noch bieten könne. Dafür geht er auf den Zusammenhang zwischen Literaturübersetzern und Schriftstellern ein, also den beiden Berufen, die auch er ausübt. Er stellt fest, dass fast alle Übersetzer literarischer Werke gleichzeitig Schriftsteller seien. Calvo Perales scheint dem positiv gegenüberzustehen und führt weitere Vertreter dieser Ansicht an, wie Octavio Paz. Zudem ist er der Meinung, dass sich der Beruf des Literaturübersetzers und der des Schriftstellers sehr ähneln und man in etwa die gleichen Voraussetzungen benötige. Umgekehrt sei es auch möglich, wie er erklärt, dass sich Literaturübersetzer zu einem späteren Zeitpunkt noch zu Schriftstellern entwickeln. Insgesamt sei die Literaturübersetzung für angehende Schriftsteller nützlicher und günstiger im Vergleich zu Schreibschulen oder Ähnlichem.

Abschließend stellt Calvo Perales klar, dass man als Literaturübersetzer nicht automatisch zum Romanschriftsteller oder Dichter werde. Dennoch sei jeder Literaturübersetzer auch Schriftsteller, da Übersetzen eine eigene Form des literarischen Schaffens darstelle (la escritura invisible o fantasmal). Wie Calvo Perales anschließend argumentiert, sei die professionelle Literaturübersetzung oft, im Gegensatz zur Fanübersetzung, von der Leidenschaft für diese Tätigkeit geprägt. Dennoch haben seiner Ansicht nach nur sehr wenige Menschen wirklich Spaß am Übersetzen literarischer Werke, was unter anderem mit der Schwierigkeit der Tätigkeit zu tun habe. Oft sei das Übersetzen jedoch wie eine Droge, weshalb man enorme Unzufriedenheit verspüre, sobald man es aufgebe, wie auch der zitierte César Aira meint.

In den letzten Abschnitten des Ausgangstextes hebt Calvo Perales durch ein Beispiel hervor, dass auch Fanübersetzer qualitativ hochwertige Translate erstellen können. Vor kurzem habe er die anspruchsvolle und umfangreiche Illuminatus! -Trilogie von Robert Anton Wilson in der Übersetzung eines „Fans“ gelesen. Bei Letzterem handele es sich um den begnadeten argentinischen Literaturübersetzer Guillermo Mazzuchelli („Mazzu“), der sich aus purer Leidenschaft und ohne Verlagsunterstützung um die Übersetzung der Trilogie kümmerte und dabei viel Zeit investierte, um dem Werk gerecht zu werden. Dieses Beispiel zeigt laut Calvo Perales, dass auch verlagslose Übersetzungen glücken können und Übersetzer wie „Mazzu“ alle Eigenschaften eines fähigen und leidenschaftlichen Literaturübersetzers in sich vereinen.

2.3 Situation

Das Kapitel 2.3 teilt sich in die beiden Unterkapitel 2.3.1 sowie 2.3.2 auf. Im ersten der beiden wird es thematisch um die Orts- und Zeitpragmatik gehen, während sich das zweite Unterkapitel mit dem Textproduzenten beziehungsweise Sender sowie der Empfängerpragmatik auseinandersetzen wird. Im Gegensatz zu den Unterkapiteln 2.1 und 2.2 handelt das Unterkapitel 2.3 von textexternen Faktoren für die übersetzungsrelevante Ausgangstextanalyse.

2.3.1 Orts- und Zeitpragmatik

Bei der Orts- und Zeitpragmatik geht es in der Regel um das „Wo“ und „Wann“ der Entstehung des Ausgangstextes (Nord 2009: 66-69). Der Ausgangstext stammt aus dem Buch El fantasma en el libro: La vida en un mundo de traducciones und erschien im März 2016 in erster Ausgabe beim Verlag Editorial Planeta in Barcelona (Spanien). Folglich sind der Ausgangstext und seine Thematik noch relativ aktuell, auch wenn Javier Calvo Perales selbst stellenweise anmerkt, dass es in einigen Bereichen stetige Veränderungen gibt und viele Entwicklungen schneller als je zuvor vorangehen.

Zu diesen Bereichen gehört beispielsweise die im übersetzten Kapitel behandelte maschinelle Übersetzung, bei der es ständig neue Innovationen und Methoden gibt und die sich dementsprechend seit Calvo Peralesˈ Ausführungen Anfang 2016 in hohem Maße weiterentwickelt hat (vgl. bspw. Simon 2019: 129-138). Da der Ausgangstext inhaltlich in erster Linie von neuartigen Erscheinungen und Entwicklungen handelt, ist es umso wichtiger, dass er erst vor etwa drei Jahren erschien und somit die aktuelle Situation realistisch beschreibt. Aus diesem Grund waren im Zieltext keine nennenswerten aktualitätsbedingten Veränderungen nötig. Problematisch aufgrund des zeitlichen Aspekts war lediglich das Zitat von Facebook im Ausgangstext:

Cualquiera que quiera llevar su idioma a Facebook o mejorar las traducciones existentes de Facebook puede convertirse en traductor. Los traductores necesitan entender inglés porque estarán traduciendo del inglés.

Da das Zitat laut Calvo Perales auf der Webseite des Unternehmens Facebook zu finden ist, galt es als Translator, zu überprüfen, ob dies noch immer der Fall ist. Eine Suche nach dieser konkreten Aussage blieb erfolglos, jedoch fand man im spanischen Bereich zur App Translate Facebook zumindest eine ähnliche Aussage:

Traductores voluntarios ayudan a que Facebook esté disponible en nuevos idiomas y pueden ayudar a mejorar las traducciones ya existentes.

Cualquiera que quiera incorporar su idioma a Facebook o mejorar las traducciones existentes puede traducir. Las personas que usan Facebook en tu idioma pueden ver tus traducciones aprobadas. (Facebook 2019a)

Die Frage war nun, wie im Zieltext damit umzugehen war, dass Facebook scheinbar im Laufe der Jahre Veränderungen am Übersetzungsbereich der Webseite vorgenommen hatte. Da der Inhalt der alten und neuen Aussage im Großen und Ganzen unverändert blieb, wurde für den Zieltext auf Auffindbarkeit geachtet, sodass dort die deutsche Variante der zuvor gefundenen Beschreibung zu Translate Facebook übernommen wurde:

Freiwillige Übersetzer unterstützen uns dabei, Facebook in neuen Sprachen bereitzustellen und die Übersetzungen für bestehende Sprachen zu verbessern.

Als Übersetzer kann jeder tätig sein, der seine Sprache bei Facebook einbringen oder die aktuellen Übersetzungen auf Facebook verbessern möchte. Deine bestätigten Übersetzungen können von Personen gesehen werden, die Facebook in deiner Sprache verwenden. (Facebook 2019b)

Wie bereits erwähnt erschien das von Javier Calvo Perales verfasste Werk in Spanien, weshalb Ausgangs- und Zielkultur nicht völlig identisch sind. Das übersetzte Kapitel ist jedoch rein inhaltlich gesehen auch von Nicht-Spaniern problemlos zu verstehen, da sowohl die vorgestellten Formen des Übersetzens als auch beispielsweise die Ausführungen zum Beruf des Literaturübersetzers keineswegs auf die Situation in Spanien beschränkt sind. Man merkt lediglich, dass der Ausgangstext in Spanien erschien und von einem Spanier stammt, da öfter auf Spanien oder auch spanischsprachige Menschen Bezug genommen wird; in diesen Fällen kommt der spanischsprachige Raum jedoch nur beispielhaft zum Einsatz und ist nicht von essentieller Bedeutung für das Verständnis. So stellt man etwa fest, dass die von Calvo Perales zitierten Persönlichkeiten, zum Beispiel Octavio Paz, Ramón Buenaventura oder César Aira, ausschließlich aus spanischsprachigen Ländern kommen, was bei einem nicht-spanischsprachigen Autoren wohl anders gewesen wäre.

Problematischer ist allerdings der Teil des Ausgangstextes, der sich auf die Fanübersetzer bezieht. Zu Beginn erkennt man als Translator keine Probleme für die Zielkultur, da Beispiele aus aller Welt genannt werden; so geht Calvo Perales beispielsweise auf die Untertitelung japanischer Animes oder die deutschen Fanübersetzungen der späteren Harry Potter -Bände ein, also Phänomene aus dem nicht-spanischsprachigen Raum. Die Beispiele aus dem spanischsprachigen Raum folgen daraufhin jedoch in größerer Anzahl. Zunächst geht es noch um das für die Zielkultur unproblematische Beispiel der verhafteten Fanübersetzer aus Venezuela, allerdings beschränkt sich der Autor danach stärker auf den spanischsprachigen Raum, da er die dortigen schnellen Fanübersetzungen anspricht und den Titel einer spanischen Fanübersetzung mit dem offiziellen spanischen Titel vergleicht. Da in der deutschen Zielkultur bei weitem nicht jeder der spanischen Sprache mächtig ist, war hier eine Anpassung nötig:

Curiosamente, en este caso los fans ofrecieron una traducción del título mucho más satisfactoria (Harry Potter y el Príncipe Mestizo) que la edición oficial (Harry Potter y el misterio del príncipe).

Interessanterweise wurde die spanische Fanübersetzung des Titels („Harry Potter y el Príncipe Mestizo“; ähnlich wie die offizielle deutsche Übersetzung Harry Potter und der Halbblutprinz eine wortwörtliche Übertragung des englischen Originals) nämlich von vielen als zufriedenstellender im Vergleich zum offiziellen Titel (Harry Potter y el misterio del príncipe; übersetzt etwa „Harry Potter und das Geheimnis des Prinzen“) empfunden.

Mit dieser Übersetzungsvariante konnte für ein besseres Verständnis in der Zielkultur Bezug auf die offizielle deutsche Übersetzung genommen werden und zudem eine ungefähre deutsche Übersetzung des offiziellen spanischen Titels angegeben werden, sodass auch der deutsche Leser versteht, warum der offizielle spanische Titel in der Ausgangskultur so kritisch gesehen wurde. Der Nachteil an der gewählten Übersetzungsvariante ist, dass sich der betroffene Satz in der Zielsprache nun über einige Zeilen erstreckt und der Lesefluss durch die langen Zusatzinformationen in den runden Klammern gestört ist. Bei einem späteren Vergleich von zwei Titeln (Danza de/con dragones) ist es aufgrund des minimalen Unterschieds nicht nötig, für die Zielkultur eine ausführlichere Übersetzung anzufertigen.

Auch danach schreibt Calvo Perales teilweise lediglich über Fanübersetzungen in Spanien und die dortigen Auswirkungen, weshalb hier Anpassungen vonnöten waren. So wurde beispielsweise der Teilsatz « cuya traducción saltó a la atención de casi todos los medios de comunicación » für die Zielkultur zu „über dessen Übersetzung nahezu alle Medien des Landes berichteten“ angepasst, da anzunehmen ist, dass hauptsächlich das Medieninteresse in Spanien gemeint ist, also dem Land, in dem der Autor des Ausgangstextes lebt und in dem die Ausgangskultur größtenteils zu verorten ist. Es gab zudem ähnliche kleinere Anpassungen wie das Hinzufügen von „spanisch“ als zusätzlichem Adjektiv in selbigem Satz, um den Unterschieden zwischen Ausgangs- und Zielkultur gerecht zu werden. Auch der Leser der Zielkultur weiß, dass der Autor des Ausgangstextes Spanier ist, weshalb es weniger problematisch ist, wenn es einfach nur um spanische oder katalanische statt deutsche Verlage geht. Um völlig im Sinne der Zielkultur zu handeln und deren Erwartungen zu entsprechen, wären umfangreiche Umformulierungen und viel Recherche sowie eine in diesem Fall laut Übersetzungsauftrag (siehe Unterkapitel 3.1) nicht gewollte Entfernung vom Ausgangstext nötig gewesen.

Für die vielen genannten Buchtitel war wenig Recherche für die Zielkultur nötig, da es zu den größeren Werken leicht auffindbare deutsche Übersetzungen gab. Eine Ausnahme bildete Traducción, literalidad y literatura von Octavio Paz, was trotz Wiederverwendung des spanischen Titels geändert werden musste, da der Originaltitel eigentlich Traducción: literatura y literalidad lautet. In diesem Falle lag somit ein kleinerer Ausgangstext-Defekt vor, allerdings ist der Buchtitel in Ausgangs- und Zielkultur für das inhaltliche Verständnis relativ unerheblich, weshalb auch im Zieltext nicht übersetzt wurde. Im Literaturverzeichnis seines Werkes gibt Javier Calvo Perales den korrekten Buchtitel an, was zeigt, dass es sich beim Vertauschen der Wörter und dem Wechsel von Doppelpunkt auf Komma nur um einen Flüchtigkeitsfehler handelt.

Ein leichtes Problem stellt auch ein kurzer beispielhafter Bezug auf die spanische Sprache dar, der so gut es ging angepasst wurde:

Por eso, en idiomas como el nuestro, por ejemplo, Google Translate no puede saber cuándo tiene que usar «tú» o «usted», no distingue entre los tiempos verbales perfectos o imperfectos y no tiene ni idea de cuándo debe usar el subjuntivo.

Aus diesem Grund kann Google Translate beispielsweise nicht genau wissen, wann „du“ oder „Sie“ vorzuziehen ist, welche Zeitform gebraucht wird und noch weniger, in welchen Fällen man etwas derart Komplexes wie den spanischen Modus Subjuntivo verwendet.

„Unsere“ Sprache ist im Ausgangstext die spanische Sprache, also die der Ausgangskultur, weshalb hier eine sprachunabhängige Ausdrucksvariante vonnöten war. Die ersten beiden Elemente der Aufzählung wurden für die deutsche Zielkultur angepasst, während sich dies beim letzten Element schwieriger gestaltete. Da es nur allgemein darum geht, inwiefern Sprache zu kompliziert für künstliche Intelligenz sein kann, ist es auch möglich, Bezug auf andere Sprachen zu nehmen, nicht nur auf die der Zielkultur, zumal das Subjuntivo auch einem gewissen Teil der deutschen Zielkultur ein Begriff ist. Im Sinne eines besseren Verständnisses in der Zielkultur wurde allerdings die Komplexität des Subjuntivos hervorgehoben, damit klar ist, warum hierbei ein Problem für die maschinelle Übersetzung vorliegt. Natürlich gäbe es ähnliche Beispiele in anderen Sprachen, doch der Leser der Zielkultur ist sich über die Nationalität des Autors Calvo Perales bewusst, weshalb die Auswahl eines Beispiels der spanischen Sprache verständlich ist. Neben dem Adjektiv „spanisch“ wurde für die Zielkultur zudem mikrostrategisch das Substantiv „Modus“ als explizite Information hinzugefügt (vgl. Siever 2015: 132), was bedeutet, dass auch hier ein Unterschied zur später erwähnten Makrostrategie der Verdichtung vorliegt. In diesem Fall handelt es sich um eine pragmatische Explizierung (Klaudy 1998: 83), da kulturbedingt eine im Ausgangstext implizite Information hinzugefügt werden musste.

2.3.2 Sender- und Empfängerpragmatik

Den Ausgangstext stellt das Kapitel HARRY POTTER, TRADUCTOR aus dem literarischen Werk El fantasma en el libro: La vida en un mundo de traducciones dar, wobei dieses Kapitel das fünfte und letzte im Buch ist. Das Werk wurde von Javier Calvo Perales, einem spanischen Schriftsteller und Literaturübersetzer, verfasst und in Barcelona (Spanien) 2016 vom Verlag Editorial Planeta veröffentlicht. Zunächst stellt sich also die Frage, ob Autor und Verlag Sender und/oder Textproduzent sind.

Zur Beantwortung dieser Frage empfiehlt sich ein Blick auf die Erklärungen von Christiane Nord. Sie unterscheidet zwischen Sender und Textproduzent, merkt jedoch auch an, dass „häufig ein und dieselbe Person Sender und Verfasser eines Textes ist“ (Nord 2009: 46). Relevant ist dies für den hier vorliegenden Ausgangstext, da „in der Regel bei literarischen Texten“ (Nord 2009: 46) nicht zwischen Sender und Textproduzent unterschieden wird. Javier Calvo Perales ist also neben seiner offensichtlichen Rolle als Textproduzent auch Sender, da er „den Text zu einer Mitteilung an jemand anderen verwendet bzw. mit ihm etwas erreichen will“ (Nord 2009: 46) und da Verfasser eines Textes, sofern sie angegeben sind, meist auch den Sender darstellen (Nord 2009: 47). Der Sender ist laut Nord „nicht mit dem Medium zu verwechseln“ (Nord 2009: 46), da Texte wie Calvo Peralesˈ literarisches Werk auch in einem anderen Medium hätten erscheinen können (Nord 2009: 47); folglich ist der Verlag Editorial Planeta nicht der Sender des Ausgangstextes.

Alle Ansichten im Ausgangstext sind somit vollständig auf den 1973 in Barcelona geborenen Javier Calvo Perales zurückzuführen. Die Schriftstellerkarriere des Spaniers beziehungsweise Katalanen (seine Heimatstadt Barcelona spielt auch eine Rolle in seinen Werken) begann Anfang des Jahrtausends mit Werken wie dem Roman El dios reflectante. Als Literaturübersetzer kennt sich Calvo Perales gut mit nordamerikanischen Schriftstellern wie J. M. Coetzee oder Ezra Pound aus und genießt ein hohes Ansehen. Obwohl er noch ein recht junger Schriftsteller ist, hat Calvo Perales bereits einige Auszeichnungen erhalten, unter anderem für sein gefeiertes Werk El jardín colgante, das zur Zeit der Transition in Spanien spielt. (Beceiro 2012)

Der Empfänger eines Ausgangstextes, auch Adressat oder Rezipient genannt, ist für die Analyse von großer Bedeutung (Nord 2009: 55 f.). Laut Nord hängt der Empfänger oft bereits mit der Textsorte zusammen, wobei man zwischen dem Empfänger des Ausgangstextes und des Zieltextes unterscheiden muss, da diese stets verschiedenen Kultur- und Sprachgemeinschaften angehören (Nord 2009: 56 f.). Als Empfänger des Ausgangstextes können Leser aller Altersgruppen angesehen werden, die zumindest ein gewisses Interesse für den Übersetzerberuf haben. Im von Calvo Perales verfassten Werk geht es schließlich darum, den „unsichtbaren“ Übersetzer für mehr Menschen „sichtbar“ zu machen und seinen Alltag und die heutige Situation zu beleuchten. Nichtsdestotrotz dürften sich auch Translatoren selbst angesprochen fühlen und Interesse an dem Werk haben, da auch für sie vieles neu sein dürfte. Sicher versucht Calvo Perales als Sender und Textproduzent auch, jüngere Empfänger zu erreichen, da er sein Werk sprachlich (beispielsweise durch einen teils leicht umgangssprachlichen Stil) und inhaltlich (beispielsweise durch Themen wie Harry Potter, Das Lied von Eis und Feuer oder Animes) für solche Zielgruppen zugänglich macht, wobei es zweifelsohne noch immer große sprachliche und inhaltliche Hürden für den literarisch nicht allzu interessierten Leser gibt.

Durch die zuvor besprochenen zahlreichen Bezüge zum spanischsprachigen Raum im Ausgangstext ist der Empfänger vorwiegend dort anzusiedeln, insbesondere in Spanien. Ungeachtet dessen richtet sich das Werk thematisch an Empfänger aller Kulturen, was also auch für den Zieltext gilt, da es Übersetzer in allen Ländern, Sprachen und Kulturen gibt. Da die vielen Beispiele aus dem spanischsprachigen Raum auch im Zieltext erhalten und im Sinne der Verständlichkeit nur teilweise angepasst wurden, wäre es zumindest vorteilhaft, wenn Empfänger des Zieltextes ein gewisses Interesse für Spanien oder die spanische Sprache aufbringen.

2.4 Funktion

Im Unterkapitel 2.4 geht es um den Kommunikationsanlass beim Ausgangstext sowie die zugehörige Senderintention, wobei der Sender, wie sich gezeigt hat, auch der Textproduzent war. Diese beiden weiteren Unterkapitel (2.4.1 und 2.4.2) bilden den Abschluss des Gesamtkapitels 2 zur übersetzungsrelevanten Ausgangstextanalyse.

2.4.1 Kommunikationsanlass

Beim Kommunikationsanlass geht es um das „Warum“ in Hinblick auf die Anfertigung und das Senden des Ausgangstextes (Nord 2009: 74). Der Anlass der Kommunikation ist für Ausgangs- und Zieltext relativ identisch, da der Übersetzerberuf in Ausgangs- und Zielkultur relativ wenig Beachtung bekommt. Javier Calvo Perales sah sich dazu veranlasst, den Ausgangstext zu produzieren, da niemand so recht weiß, was ein Übersetzer eigentlich alltäglich tut und wie mühsam seine Tätigkeit ist, unabhängig davon, um welches Land oder welche Kultur es sich handelt. Calvo Perales hat auch erkannt, dass es zahlreiche moderne Formen des Übersetzens gibt, die wenig behandelt werden, da der Fokus noch immer auf der Betrachtung der klassischen Literaturübersetzung liegt, wobei selbst diese außerhalb der Translationswissenschaft, wie bereits gesagt, zu wenig beachtet wird. Der katalanische Schriftsteller ist wohl der Ansicht, es gebe einen Mangel an Berichterstattung und Wertschätzung für den Translatoren, zumindest in Spanien und zumindest für Literaturübersetzer.

Das Gleiche lässt sich auch für die Zielkultur feststellen, wo die wenigsten Menschen mit der Literaturübersetzung und Formen des Übersetzens vertraut sind, weshalb auch hier ein Kommunikationsanlass vorlag. Calvo Perales sah höchstwahrscheinlich auch eine wachsende Gefahr durch die neuen Formen des Übersetzens, wie man im Ausgangstext herauslesen kann, da Literaturübersetzer in den Augen vieler Menschen obsolet sind und übersetzerische Tätigkeiten scheinbar selbst von ungelernten Übersetzern erledigt werden können, sofern sie einen Internetzugang haben. Seine eigene Leidenschaft für die Literaturübersetzung veranlasste Calvo Perales in hohem Maße dazu, ein Werk über den Übersetzerberuf zu verfassen.

2.4.2 Senderintention

Bei der Intention des Senders und, im Falle des Ausgangstextes, des Textproduzenten geht es um die Frage, was beim Empfänger mit dem Text bewirkt werden soll (Nord 2009: 51). Laut Nord hat die Senderintention auch mit der inhaltlichen und formalen Gestaltung eines Textes zu tun, was für den Übersetzer von Bedeutung ist, da er der Intention nicht „zuwider handeln“ darf (Nord 2009: 52). Da es sich beim Ausgangstext um einen literarischen Text handelt, ist besonders die vom Sender beabsichtigte formale Gestaltung wichtig, da man es hierbei nach Katharina Reiß bekanntlich mit einem formbetonten Text zu tun hat (vgl. Reiß 1971: 37 ff.). Der Sender hat demnach die Absicht, mit bestimmten Formelementen eine ästhetische Wirkung zu erzielen, welche der Translator im Zieltext „durch Analogie der Form “ ebenso erreichen will, da er Äquivalenz zum Ziel hat (Reiß 1971: 38). Den besonderen Schreibstil von Calvo Perales galt es somit in den Zieltext zu übertragen, da er Teil seiner Intention war.

Nord merkt an, dass Sender oft verschiedene Intentionen verfolgen, was auch beim Ausgangstext von Calvo Perales sowie infolgedessen beim Zieltext zutrifft. Die Gewichtung der Darstellungs-, Ausdrucks- und Appellintentionen verschiebt sich beim vorliegenden Ausgangstext und dem entsprechenden Zieltext nur minimal. Calvo Perales hat eine Darstellungsintention, da er „den Empfänger über einen Sachverhalt informieren“ will (zum Beispiel über den unbeachteten Übersetzerberuf oder auch die Abkehr vom traditionellen Übersetzerbild), eine Ausdrucksintention, da „er etwas über sich selbst und seine Einstellung zu den Dingen mitteilen“ will (zum Beispiel ist er selbst Literaturübersetzer und Schriftsteller und kennt sich daher aus; zudem ist er für den Erhalt des klassischen Literaturübersetzers), und eine Appellintention, da „er die Empfänger zu einer bestimmten Einstellung oder Handlung bewegen“ will (zum Beispiel sollen Empfänger offizielle Übersetzungen den Fanübersetzungen vorziehen oder auch den klassischen Literaturübersetzer mehr zu schätzen wissen). (Nord 2009: 53)

3 Übersetzungsauftrag und -strategien

Bevor mit der Übersetzung begonnen wurde, galt es zunächst, einen Übersetzungsauftrag zu formulieren, an dem man sich als Translator orientieren konnte. Dieser Auftrag sollte die Frage „Was soll ich tun?“ (Siever 2012: 400) beantworten. Anschließend wurden Übersetzungsstrategien festgelegt, die das übersetzerische Handeln größtenteils bestimmten. Sie waren vom formulierten Übersetzungsauftrag beeinflusst und eine Antwort auf folgende Frage: „Wie will ich das Ziel erreichen?“ (Siever 2012: 400).

3.1 Übersetzungsauftrag

Da der Zieltext im Rahmen der vorliegenden Masterarbeit erstellt wurde, gab es keinen klassischen Auftraggeber. Man könnte den Betreuer dieser Abschlussarbeit als Auftraggeber ansehen, wobei er keinen konkreten Übersetzungsauftrag formuliert hat. Aus diesem Grund formuliere ich im Folgenden einen eigenen Übersetzungsauftrag, nach dem ich mich gerichtet habe:

Übersetzen Sie das Kapitel HARRY POTTER, TRADUCTOR aus dem Werk El fantasma en el libro: La vida en un mundo de traducciones von Javier Calvo Perales (Ausgangssprache Spanisch; 5.737 Wörter) unter Berücksichtigung zielsprachlicher und -kultureller Konventionen bis zum 13.06.2019 ins Deutsche.

Der Zieltext soll als Teil der geplanten deutschen Übersetzung des genannten Werks bei einem großen deutschen Verlag veröffentlicht werden. Inhaltlich sind möglichst keine nennenswerten Veränderungen auf der Informationsebene erwünscht, da das Werk zwar für das deutschsprachige Publikum zugänglich und verständlich gemacht werden soll und somit die kulturelle Distanz zu überwinden ist, jedoch auch der stellenweise erkennbare Fokus auf Spanien erhalten bleiben muss. Ziel ist es daher auch, dem inhaltlichen und formalen Stil des renommierten spanischen Autors so gut es geht gerecht zu werden. Abgesetzte Zitate sollen auf Spanisch sowie in deutscher Übersetzung wiedergegeben werden, Zitate innerhalb eines Satzes lediglich in deutscher Übersetzung.

3.2 Übersetzungsstrategien

Beim Anfertigen einer Übersetzung muss jeder gute Translator gewisse Übersetzungsstrategien anwenden, da nur so qualitativ hochwertige Translate erstellt werden können, die sich wesentlich von den Texten ungelernter Übersetzer unterscheiden. Letztere wenden in den meisten Fällen keine Strategien an und schaffen es so, wie Javier Calvo Perales im Ausgangstext erklärt, lediglich, ein anspruchsloses Zielpublikum einigermaßen zufriedenzustellen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Übersetzungskommentar zum Buch "El fantasma en el libro: La vida en un mundo de traducciones" von Javier Calvo Perales
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
95
Katalognummer
V497927
ISBN (eBook)
9783346015341
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Text im Anhang entstammt: Calvo Perales, Javier (2016): El fantasma en el libro: La vida en un mundo de traducciones. Barcelona (Spanien): Editorial Planeta.
Schlagworte
übersetzungskommentar, buch, javier, calvo, perales
Arbeit zitieren
Kevin Bongard (Autor), 2019, Übersetzungskommentar zum Buch "El fantasma en el libro: La vida en un mundo de traducciones" von Javier Calvo Perales, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497927

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