Der Schriftspracherwerb bei Kindern. Der Weg von der Sprache zur Schrift


Bachelorarbeit, 2017

34 Seiten, Note: 2.0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung
1.1 Literacy-Konzept
1.2 Entwicklungsschritte

2 (Vor-)schulische Erfahrungen mit (Schrift-)Sprache
2.1 Schriftspracherwerb
2.2 Spracherfahrungsansatz
2.3 Freies Schreiben
2.4 Ästhetische Dimensionen des Schreibens

3 Bilderbuchanalyse „Der Buchstabenbaum“
3.1 Inhalt
3.2 Themen des Buches
3.3 Buchgestaltung
3.4 Lernchancen

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Schrift ist in modernen Gesellschaften für menschliches Zusammenleben von grundlegender Bedeutung. Sie ordnet und strukturiert das menschliche Denken und prägt die kulturelle Praxis. Zusätzlich bestimmt die Schrift das kommunikative Verhalten der Menschen und überformt ihre Einstellung zur Wirklichkeit. Die gesprochene Sprache entstand früher als die schriftliche, da die strukturellen Schriftzeichen von Lauten abgeleitet wurden. Kenntnisse zur Schrift eröffnen soziale Möglichkeiten, lockern durch Reflexion die Unmittelbarkeit des Erlebens und schaffen eine Distanz zu Menschen, Erlebnissen und Dingen1. Sprache, als Medium der Artikulation, setzt den Fokus auf kognitive Erkenntnisse der Lernenden und auf die Verarbeitung ihrer Erfahrungen. Schreiben hingegen ist eine kulturelle Tätigkeit und ein aktiver, kreativer, bewusster und mit Motorik verbundener Prozess. Die wesentliche Funktion der Schrift ist es, die Gedanken zu strukturieren und für Andere zugänglich zu machen. Dadurch ist ein Austausch mit anderen Menschen möglich. Schreiben als eine Art von Kommunikationsmittel geht vom Kind aus und ist abhängig von äußeren Umständen, da Kinder ohne äußere Anregungen den Sinn der Schrift und dem Lesen nicht erkennen würden. Dadurch wird eine neue Art der Verständigung des Einzelnen mit sich selbst geschaffen und der Übergang von der inneren zur geschriebenen Sprache gekennzeichnet2.

Die Schriftsprache ist eine kulturelle Errungenschaft, die sich über 7000 Jahre hinweg weiterentwickelte. Schriftlichkeit gilt als Bestandteil der kindlichen Sprachaneignung, sodass die Schriftsprache als Fortsetzung der Sprachaneignung betrachtet wird. Somit ist der Begriff „Schriftspracherwerb“ mit dem Begriff des Spracherwerbs assoziiert. Das Erlernen von Lesen und Schreiben hat eine systematisch organisierte Form, wobei die Sprache als Erstes gelernt wird3. Die Aneignung der Schrift verläuft in schrittweisen Entwicklungsprozessen, in dem Kinder Regeln erfassen und anwenden. Das Gesprochene ist schnell und flüchtig. Mit der Schrift hingegen kann etwas festgehalten und immer wieder hervorgenommen werden. Beim Schriftspracherwerb lernen Kinder über Sprache zu sprechen, an metasprachliche Fähigkeiten anzuknüpfen und im Unterricht wird Sprache zum Gegenstand der Betrachtung. Wie der Weg von der natürlichen Sprachaneignung zum Schriftspracherwerb führt, wird Inhalt dieser Arbeit sein. Kinder verwenden Wörter und Sätze, die die Erwachsenen nutzen und lernen über Nachahmung und in Situationen Inhalte des Gesprochenen zu begreifen4.

Im ersten Teil der Arbeit wird untersucht, in welchem Alter und mit welchen Strategien sich Kinder an den Schriftspracherwerb herantasten und wie sie schrittweise Einblicke in die Funktion und Struktur der Schrift gewinnen. Schreibprozesse enthalten nicht nur den Erwerb schriftsprachlicher Prinzipien, sondern sind als Etappen im umfassenden Schreibentwicklungsprozess zu betrachten.

Darauf basierend wird im zweiten Teil erläutert, welche (Vor-)schulischen Erfahrungen Kinder mit der (Schrift-)Sprache machen. Wie der Schriftspracherwerb mithilfe des Spracherfahrungsansatzes erweitert und gefestigt wird, wird aufgezeigt. Weiterhin wird analysiert, wie das Freie Schreiben als Teilgebiet des Spracherfahrungsansatzes sich auf das Erlernen der Schriftsprache auswirken kann. Damit verbunden ist die Frage nach dem Umgang mit Fehlern relevant, die in dieser Arbeit aufgegriffen wird.

Als Letztes wird ein Übergang von den ästhetischen Dimensionen des Schreibens zum Bilderbuch „Der Buchstabenbaum“ des Autors Leo Lionni geschaffen.

1.1 Literacy-Konzept

Mit dem Schuleintritt bringen die Kinder unterschiedliche Sprach- und Schrifterfahrungen mit, die mit den literalen Erfahrungen aus dem Elternhaus und den Angeboten aus dem Kindergarten zusammenhängen. Um die literalen Fähigkeiten zu fördern, ist die Vertrautheit vor allem mit Büchern, Geschichten, Gesprächselementen, aber auch Filmen oder Computern bedeutend. Kinder benötigen schriftsprachliche Lernangebote, um in die Welt der Schriftlichkeit einzutauchen5. Erzählen und Vorlesen bieten wichtige narrative Potenziale, um eine Brücke zwischen der Welt und den Vorstellungen der Kinder zu schaffen. Erzählen, und über das Vorgelesene zu sprechen, fördert die Kinder darin narrative Muster zu erkunden und die Imagination anzuregen. Den Kindern vorzulesen, mit ihnen über den Inhalt der Bücher, Geschichten etc. zu sprechen und Neues zu klären, weckt das Interesse an der Schriftlichkeit. Das Nachdenken über die Fortführung der Geschichte oder Zusammenhänge wie den Handlungsverlauf der Geschichte zu erkennen, strukturiert die Sprache, das Denken und trägt zur Wortschatzerweiterung bei. Zusätzlich werden durch ritualisiertes Vorlesen die Persönlichkeits- und Denkentwicklung gefördert. Bilderbücher schaffen Raum für sinnlich-ästhetische Erfahrungen, da Vorlesen meist in einer gemütlichen Atmosphäre stattfindet und Kinder neben den Inhalten unterschiedliche Illustrationen kennenlernen und zum genauen Hinsehen, zur Kreativität und persönlicher Vorstellungsbildung angeregt werden6. Die Bilder helfen dabei Details zu erkennen, Bedeutungen abzuleiten und sich mit Geschichten und den Emotionen der Protagonisten zu identifizieren. Durch das Vorlesen lernen Kinder Abläufe, Strukturen, inhaltliche, sprachliche und bildliche Orientierung kennen. Erzählen, Weiter- und Nacherzählen ermöglichen das Eintauchen in fremde Welten und motivieren Kinder zum Schreiben7.

„ V orlesen ist ein Schaukelstuhl zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit“ 8

Vorlesen fördert die Literarität, in dem Kinder durch Zuhören, Zuschauen und im Erzählen lernen, sich selbst und die Welt in ein Verhältnis zu setzen. Bücher fördern zum einen das Hineinversetzen in andere Welten und zum anderen ermöglichen sie ein Verständnis für die Formen und Funktion des Lesens und Schreibens. Anschlusskommunikationen über das Gelesene sind notwendig, da das Textverständnis gefördert wird. Das Betrachten von Büchern schafft den ersten Kontakt mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen. Somit entsteht eine Brücke zwischen der Literarität und Literalität. Kinder erkennen, dass Buchstaben Symbole für etwas sind, was sie hören. Durch das gemeinsame Lesen lernen Kinder die mündliche und schriftliche Sprache zu unterscheiden und ihre eigene Sprache den Kontexten anzupassen. Der Begriff „Literacy“ beschreibt demnach nicht nur die Lese- und Schreibfähigkeiten als Grundfertigkeit, sondern auch das Textverständnis, Leseinteresse und den (Schrift-)Sprachgebrauch, der sich auch im Mündlichen in der Ausdrucks weise spiegelt. Wie und in welchen Entwicklungsschritten Kinder mit der Schriftsprache in Kontakt kommen, wird im nächsten Abschnitt erläutert.

1.2 Entwicklungsschritte

Lesen und Schreiben lernen erfordert eine Abstraktion von Handlungs- und Bedeutungskontexten. Um den Zusammenhang zwischen der gesprochenen und geschriebenen Sprache zu erkennen, sind Erkenntnisse notwendig. Kinder müssen lernen, dass alle Redeanteile in einem Satz aufgeschrieben und zwischen den Wörtern Lücken gelassen werden. Zusätzlich ist zu erlernen, dass Wörter in lautlichen Segmenten zu zerlegen und bestimmte Schriftzeichen in bestimmte Lautsegmente zuzuordnen sind. Um diese Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb zu erfüllen, durchlaufen Kinder verschiedene Schreibentwicklungsetappen9. Das Schreibenlernen beginnt nicht mit dem Schuleintritt, sondern durchläuft mehrere Entwicklungsstufen. Säuglinge sind in der Lage Sinn zu erkennen, nicht nur in Bezug auf Objekte und Empfindungen, sondern auch bezüglich des Verhaltens von Bezugspersonen im Umfeld. Neugeborene sind sehr aufmerksam, halten Blickkontakt mit Bezugspersonen und achten auf deren Lippen-, Zungen- und Mundbewegungen. Das Nachempfinden von nonverbalen Vorgehensweisen sowie das Imitieren von Gesichtsausdrücken und Handbewegungen sind zentrale Bestandteile der späteren Sprachentwicklung. Kleinkinder entwickeln kognitive Strategien, in dem sie alltägliche Aktivitäten und Sprache mit Bezugspersonen teilen. Sie verwenden Sprache und emotionale Sensibilität, um Erfahrungen einen Sinn zu verleihen10. Schon im Säuglingsalter brauchen Kinder Geschichten zum Lesen, Zuhören, Malen und ebenso wahre sowie erfundene, lustige und traurige Geschichten um in Kontakt mit Sprache zu treten11. Ab dem zweiten Lebensjahr führen Kleinkinder erste Kritzelversuche durch, die eine Freude am Hinterlassen von Spuren weckt. Die Schreibbewegungen und Spuren werden von der Schreibung Erwachsener nachgeahmt, jedoch ohne Einsichten. Die Kritzelversuche haben eine kommunikative Bedeutung, die nicht auf eine bewusste Mitteilung abzielt. Kinder schreiben einzelne Buchstaben oder malen buchstabenähnliche Zeichen, wobei keine Beziehung zur Lautung eines Wortes besteht. Eigene Zeichen zu kreieren, reflektiert das Denken der Kinder. Voraussetzung für die Wahrnehmung von Schrift ist die Fähigkeit Symbolfolgen zu erkennen. Die Hand-Augen-Koordination ist notwendig, um schreiben zu können. In der vorphonetischen Schreibphase sind erste Ansätze der lautorientierten Schrift erkennbar. Kinder beginnen über Sprache nachzudenken und bemühen sich nach Verständlichkeit. Sie fragen nach unbekannten Wörtern und teilen mit, dass sie Äußerungen nicht verstehen. In dieser Phase gewinnen Kinder erste Einsichten in die Buchstaben-Laut- Beziehung, sodass das erste Verständnis für die Mitteilungs- und Bedeutungsfunktion von Schrift aufgebaut wird. Ihre Schriften sind meist rudimentär, da nicht alle Lautwerte notiert werden. Oft notieren sie Anlaute, haben Wörter aber nicht prägnante Vokale bzw. Explosivlaute, so wird eher der artikulatorisch deutlichere Laut verschriftlicht. Teilweise werden ganze Wörter ausgelassen, sodass sie Pseudo-Wörter notieren12. Der Übergang vom Malen und Zeichnen zum Wörterschreiben ist fließend, welcher im Unterricht selten thematisiert wird13. Mit steigendem Alter und der Erfahrungen, insbesondere im Anfangsunterricht, können Kinder in der halbphonetischen Phase die wichtigsten Laute wiedergeben, sodass für jede Silbe wenigstens ein Laut notiert wird. Sie bilden sogenannte Skelettwörter, die meist Vokale enthalten. Dazu kommt, dass Kinder Neuschöpfungen vornehmen und ihr bisheriges Wissen übergeneralisieren, d. h. sie wenden bekannte Regeln auf alle Formen an14. Piaget verweist auf den Zusammenhang von kognitiver Entwicklung und Schreibentwicklung. Der Weg des Schreibens führt vom subjektiven zum dekontextualisierten, abstrakten und distanzierten Schreiben. Mit zunehmender Entwicklung sind Fortschritte im Erwerb der Schreibfähigkeit zu sehen15. Kinder übersehen bzw. kennen die Funktion teilweise von Wortabständen und Interpunktionszeichen nicht. Mit dem Eintritt in die logographemische Schreibphase lernen Kinder ganze Wortbilder auswendig, ohne diese lesen zu können. Sie erkennen anhand von visuellen Schlüsselreizen und dem Buchstaben als Signalcharakter eigene, hochvertraute und emotional bedeutsame Wörter. Sie schreiben ihre Namen und ihnen bekannte Dinge. Kinder orientieren sich am Gehörten und schreiben vergessene Buchstaben ans Ende des Wortes. Ihnen ist zum einen die Kombination vom Wissen und Gehörtem unbekannt, zum anderen sind die Buchstabenformen noch nicht fixiert, sodass einzelne Grapheme spiegelverkehrt geschrieben werden16. Der Anfangsunterricht ist geprägt durch das Heranführen an Buchstaben. In der Schule sollte erstmals die logographemische Strategie unterstützt und an die alphabetische Phase herangeführt werden. Die phonologische Struktur wird zwischen vier und sechs Jahren erkannt. Mit dem Eintritt in die alphabetische Phase gewinnen Kinder die ersten Einblicke in das phonetisch-phonologische Prinzip. Sie erkennen Schriftbilder als besondere Strukturierung der Aneinanderreihung von Buchstaben und können vollständig die zu hörenden Laute phonetisch abbilden. Sie machen weitere Einsichten in die Graphem-Phonem-Korrespondenz17, sodass sie lernen, dass ein Laut durch Buchstaben bzw. -gruppen repräsentiert werden. Ihnen wird bewusst, dass die Gliederung der Wörter in Schriftzeichen zugleich die Gliederung der Laute ist. Die Orientierung richtet sich während dieser Phase vorwiegend auf die eigene Artikulation. Kinder sprechen Wörter langsam vor sich hin und notieren so die Laute. Während der gedehnten Artikulation werden andersartige Laute geschaffen und Übergangskonsonanten weggelassen. Aus diesem Grund ist in den Schreibprodukten sowohl die individuelle Aussprache bzw. die phonetische Schreibung als auch die gewonnene Einsicht in die Buchstaben-Laut-Beziehung im Sinne der phonologischen Schreibung wiederzuerkennen18. Zu verdeutlichen ist, dass die Einheiten der Artikulation beim Sprechen nicht einzelne Laute, sondern Silben sind. Es ist zu betonen, dass Kinder die Entwicklungsphasen unterschiedlich durchlaufen. Dabei gewinnen sie Einblicke in die Funktion der Schrift und verstehen den Aufbau.

2 (Vor-)schulische Erfahrungen mit (Schrift-)Sprache

Kinder weisen im Elementarbereich aufgrund individueller Zugriffsweisen und individuellem Lernverhalten unterschiedliche Vorstellungen zur Schrift auf. Der Elementarbereich ist entscheidend für das Vertiefen der Literacy-Erfahrungen, da Einblicke in die Schriftkultur gewonnen werden. Der frühe Literacy-Erwerb ist wichtig, um Handlungszusammenhänge des interaktiven Vorlesens sowie die Produktion und Rezeption von anderen Geschichten zu ermöglichen. Sprach- und Vorleseaktivitäten fördern die sprachliche Aktivität des Kindes. Somit ist die familiäre Erzählsituation bedeutend für die Ausbildung der Imaginationskraft. Die Literacy-Förderung verläuft umso besser je intensiver die Zusammenarbeit von Elternhaus und der Kindertagesstätte ist19. Weisen jedoch Kinder geringe Literacy- Erfahrungen aus dem Elternhaus vor, so ist die Aufgabe der Schule den Kindern die Buchstaben und die Buchstaben-Laut-Beziehung anzueignen. Vorlesen und eigene Schriftlichkeiten herzustellen sind zentrale Aufgaben des Elementarbereichs. Regelmäßiges Vorlesen erleichtert den Kindern den Zugang zur Schrift. Sie lernen, dass aus Zeichen Wörter werden und Geschichten formen.

Ihnen wird bewusst, dass verschiedene Formen auf dem Papier vergegenständlicht werden können bspw. Bilder, Buchstaben als Symbole für Laute und Buchstabenfolgen20. Das gemeinsame Betrachten von fiktionalen als auch sachorientierten Bilderbüchern ermöglicht altersgemäße Textgenres. Bilderbücher regen nicht nur Imaginationsprozesse an, sondern unterstützen Kinder beim Erzählerwerb, ästhetischen Bildung im visuellen und narrativen Bereich und führen somit zur Literalität. Das sprachliche Anspruchsniveau wirkt sich positiv auf den Wortschatz und das Textverständnis aus, wodurch das Nacherzählen von Geschichten gefördert wird. Dialogische Interaktionen sowohl mit den Eltern als auch im Elementarbereich, schaffen ein Gerüst für Sprache und somit auch die Entfaltung der Fantasiefähigkeit. Pädagogisch strukturierte Gesprächssituationen unterstützen die Kinder bei Herausforderungen zu einer neuen, konkreten und kontextunabhängigen Form des sprachlichen Handelns und Denkens. Kindern, denen viel vorgelesen wird, benutzen Merkmale der gesprochenen Sprache und dekontextualisieren diese. Sie lernen mit der Zeit schriftliche Sprachmuster kennen und sie zu gebrauchen. Dies zeigt, dass sie konzeptionell schriftliche Muster erkennen21. Die gesprochenen Sprachen sind ein Kontinuum von Lauten, Silben und Wörtern. Um diese zu gliedern ist das Erfassen von Wortbedeutungen relevant.

Die phonologische Bewusstheit wird im Schreiben ausgebildet. Bei Kindern geschieht dies beispielweise beim Zusehen wie ein Erwachsener schreibt, beim Singen, Klatschen von Versen, Reimen, Silben segmentieren etc. Im engeren Sinn wird die Fähigkeit entwickelt, nicht nur An- und Auslaut zu identifizieren, sondern das gesamte Wort auf lautliche Bestandteile hin abzuhören22. Es wird eine grundlegende Einsicht in die Bedeutung der Schrift gewonnen, die nicht sprachengebunden ist. Die phonologische Bewusstheit ist Lernvoraussetzung für das Lesen und Schreiben. Durch die Bewusstheit wird die Sprache nicht als Inhalt-, sondern als Ausdrucksfähigkeit erfasst. Kindern mit hoher phonologischer Bewusstheit fällt das Lesen- und Schreibenlernen leichter. Schwierigkeiten beim Erwerb können durch unterschiedliche Muttersprachen bedingt sein. Mehrsprachige Kinder sollten weiterhin Gelegenheiten erhalten mit Hilfe von Sprachspielen und Büchern zu arbeiten, um sprachliche Einheiten zu abstrahieren und sich mit lautlichen Strukturen zu befassen23. Zum Eintritt in die Kindertagesstätte orientieren sich die Kinder an der Wortbedeutung und nicht an der Länge des Wortes. Die Buchstaben eines Wortes haben keine Ähnlichkeit mit der Bedeutung des Wortes. Beim Buchstabenlernen steht nicht die Nachahmung im Vordergrund. Aufgabe der Eltern und Erzieher ist es, Kindern die Merkmalsunterschiede wie rund, gerade etc. zwischen den Buchstaben bewusst zu machen und sie beim Üben daran zu erinnern. Großbuchstaben sind im Elementarbereich aufgrund der Form eingängiger, erleichtern das Erkennen der Laut-Buchstaben-Beziehung und ermöglichen erste Schreiberfolge. Somit wird die Erkenntnis, Schrift als kommunikatives Werkzeug zu nutzen, einleuchtender24. Mit dem Schreibenlernen geht das Lesenlernen einher. Beim Lesen erfahren die Kinder, dass Buchstaben und Buchstabenfolgen nicht in einer 1:1 Beziehung stehen. Sie beobachten beim Lesen Beziehungen von Lautungen und Schreibungen25. Der Unterschied zwischen Lesen und Schreiben besteht darin, dass beim Lesen Vorgaben entschlüsselt werden. Schreiben hingegen bietet viele Möglichkeiten Ideen zu formulieren. Am Ende des Elementarbereichs ist auffällig, dass oftmalig mehrsprachige Kinder Schwierigkeiten beim Bedeutungserwerb nachweisen. Das Erlernen der deutschen Sprache bedeutet für sie das Erlernen einer Zweit- bzw. Drittsprache. Ein geringer Wortschatz resultiert daraus, dass sie entweder Wörter nicht kennen oder nicht verstehen. Dadurch besteht eine geringe Möglichkeit zur Erweiterung der sprachlich-kognitiven Fähigkeiten. Ein geringer Wortschatz hat einen Einfluss auf den Erfolg des Schriftspracherwerbs. Der Schriftspracherwerb innerhalb einer multilingualen Gesellschaft sollte eine Auseinandersetzung mit mehreren Sprachen realisieren. Lesen- und Schreibenlernen in mehrsprachiger Form ist eine Bereicherung für alle Kinder. Deshalb wird plädiert, dass die Vermittlung vom Wortschatz in Zweitsprache in Interaktions- und Erzählkontexten weiterhin in der Grundschule fortgeführt wird. Die schafft einen bewussten Umgang mit (Schrift-)Sprachen und eine Verbindung der Kinder zu Bilderbüchern26.

[...]


1 Vgl. Jeuk, Stefan; Schäfer, Joachim (2013): Schriftsprache erwerben. Didaktik für die Grundschule, Berlin, 11f.

2 Vgl. Christensen, Timm; Dehn, Mechthild: Heterogene Lernentwicklungen in der Grundschule: Zur Konzeption des Schreibunterrichts, In: Fürstenau, Sara (Hrsg.); Interkulturelle Pädagogik und Sprachliche Bildung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2012, 102ff.

3 Vgl. Schründer-Lenzen, Agi (2004): Schriftspracherwerb und Unterricht. Bausteine professionellen Handlungswissens, Leske und Buderich Opladen, Offenbach, 38f.

4 Vgl. Füssenich, Löffler (2005): Schriftspracherwerb. Einschulung, erstes und zweites Schuljahr, Ernst Reinhard Verlag München, Basel, Regensburg, 32.

5 Vgl. Hoppe, Irene (2012): In Lesewelten hineinwachsen. Leseförderung in der flexiblen Schulanfangsphase, In: Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Hrsg.), Ludwigsfelde-Struveshof, 15.

6 Vgl. Ebd., 41ff.

7 Vgl. Dehn, Mechthild (2007): Kinder & Lesen und Schreiben. Was Eltern wissen sollten, Kallmeyer, Klett, Seelze-Velber, 22f.

8 Hurrelmann, Bettina (1943- 2015), In: Hoppe, Irene (2012): In Lesewelten hineinwachsen. Leseförderung in der flexiblen Schulanfangsphase, In: Landesinstitut für Schule und Medien Berlin- Brandenburg (Hrsg.), Ludwigsfelde-Struveshof, 42.

9 Vgl. Valtin, Renate: Stufen des Lesens- und Schreibens, In: Haarmann, Dieter (2000) (Hrsg.): Grundschule. Ein Handbuch, Bd. 2 Weinheim, 77f.

10 Vgl. Whitehead, Marian (2004): Sprachliche Bildung und Schriftsprachkompetenz (literacy) in der frühen Kindheit, In: Fthenakis, Wassilios E.; Oberhümer, Pamela (Hrsg.): Frühpädagogik international: Bildungsqualität im Blickpunkt, Wiesbaden, 297.

11 Vgl. Robbin, Evelyn: Kinder brauchen Geschichten-eigene und fremde. Lesen- undSchreibenlernen beim Übergang von der 1. Zur 2. Klasse, In: Grundschulunterricht 47, (5) 2000, 14.

12 Vgl. Valtin 2000, 78f.

13 Vgl. Dehn 2007, 13.

14 Vgl. Schründer-Lenzen 2004, 211ff.

15 Vgl. Jeuk, Schäfer 2013, 90.

16 Vgl. Dehn 2007, 8ff.

17 Im weiteren Verlauf der Arbeit als GPK abgekürzt.

18 Vgl. Jeuck; Schäfer 2013, 76ff.

19 Vgl. Wieler, Petra (2014): Fiktionale Geschichten als Beitrag zur Literacy-Förderung mehrsprachiger Grundschulkinder-Beobachtungen in Familien und Unterricht, In: Lütke, Beate; Petersen, Inger (Hrsg.): Deutsch als Zweitsprache-erwerben, lernen und lehren, Stuttgart, 3f.

20 Vgl. Jeuk; Schäfer 2013, 16.

21 Vgl. Füssenich, Iris (2012): Gibt es Vorläuferfähigkeiten beim Schriftspracherwerb? Vom Sprechen zur Schrift im Übergang von der Kita zur Schule, Reutlingen, 12.

22 Vgl. Schründer-Lenzen 2004, 34.

23 Vgl. Ebd., 43ff.

24 Vgl. Jeuck; Schäfer 2013, 136.

25 Vgl. Schründer-Lenzen 2004, 47ff.

26 Vgl. Ebd., 44.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der Schriftspracherwerb bei Kindern. Der Weg von der Sprache zur Schrift
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2.0
Jahr
2017
Seiten
34
Katalognummer
V497986
ISBN (eBook)
9783346026040
ISBN (Buch)
9783346026057
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schriftspracherwerb, Mehrsprachigkeit, Literacy, Spracherfahrung, Freies Schreiben, Vorschule, Lernchancen
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Der Schriftspracherwerb bei Kindern. Der Weg von der Sprache zur Schrift, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/497986

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Schriftspracherwerb bei Kindern. Der Weg von der Sprache zur Schrift



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden