Kommunismus als Religion?!

Eine Untersuchung


Akademische Arbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kommunismus als Religion?! - Eine Untersuchung

1. Einführung

2. Elemente und Funktionen von Religionen in der marxistischen Theorie

3. Kommunismus als Religion?!
3.1 Wie entwickelte sich der Kommunismus (in Russland) und was machte ihn so attraktiv?
3.2 Ist der Kommunismus eine Religion?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

"Nun ist alle Religion nichts anderes als die phantastische Widerspiegelung in den Köpfen der Menschen, derjenigen äußern Mächte, die ihr alltägliches Dasein beherrschen, eine Widerspiegelung, in der die irdischen Mächte die Form der Überirdischen annehmen.”1

Wenn man an die Begriffe Kommunismus und Religion denkt, geht der "gesunde” Menschenverstand davon aus, dass es sich hier um zwei Begriffe handelt, die einander ausschließen oder sich widersprechen. Gewährsmann dafür könnte Lenin sein, der sich vehement dagegen aussprach, Kommunismus und Religion zu verbinden; er hielt, so Lenins Ehefrau Nadeschda K. Krupskaja, "Gespräche darüber, daß >der Sozialismus auch eine Religion sei<, für extrem schädlich” und bezeichnete sich selbst als einen hundertprozentigen Atheisten.2 3 Der Kommunismus ist also klassischerweise atheistisch geprägt und leugnet, dass es einen Gott gibt. Religionen wiederum beinhalten definitionsgemäß den Glauben an jenseitige, überirdische Gottheiten und Welten.

Kommunistische Regime haben immer versucht, den Einfluss des Religiösen einzudämmen oder gar auszulöschen, aber dabei, wie es scheint auf, paradoxe Weise eine eigene Religion erschaffen; im "18ten Brumaire des Louis Napoleon” bemerkt Marx unter Anspielung auf Hegel, dass sich "alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen (...) sozusagen zweimal ereignen. (...) [D]as eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce”.4 Diese ironisch-spitze Bemerkung liefert vielleicht eine Erklärung dafür, warum die Religion im Gewand des Kommunismus wiederkehren könnte.

Eine andere Erklärung für den Zusammenhang von Kommunismus und Religion liefert Michail Ryklin, der Religion nicht an ein transzendentes Wesen bindet, sondern der Religion "als System höchster Motivationen, die das menschliche Leben mit Sinn erfüllen, als etwas, um dessentwillen Menschen bereit sind, jedwedes Opfer zu bringen”5, definiert und deswegen zu dem Schluss kommt, dass "der Kommunismus wohl die originellste Religion des 20. Jahrhunderts”6 ist.

Wenn man nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts, mehr als 150 Jahre nach Marx’ Arbeit "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung”, in der er zum ersten Mal das Verhältnis von Religion und Gesellschaft beleuchtet, eine Hausarbeit mit dem Thema "Kommunismus als Religion” schreibt, sieht man sich mit einer Fülle von Problemen konfrontiert. Zunächst einmal haben sich Marx und Engels selbst im Rahmen ihrer theoretischen Arbeit häufiger mit diesem Thema auseinandergesetzt, so Engels zum Beispiel in seiner Schrift "Der deutsche Bauernkrieg” von 1850, zudem liegen zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem frühen 21. Jahrhundert 150 Jahre intensiver und kontroverser Marx-Rezeption (die im Rahmen einer Hausarbeit nicht aufgearbeitet werden kann). Neben diesen historischen Gründen bzw. Schwierigkeiten gibt es definitorische Probleme. Abzugrenzen wären die Begriffe Sozialismus, Kommunismus und Marxismus.

Daneben treten weitere Schwierigkeiten auf. Der Marxismus/Kommunismus als Philosophie der Praxis hat die unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen, abhängig von soziokulturellen und geopolitischen Variablen und Konstellationen, angenommen. Auch das müsste bei einer angemessenen Auseinandersetzung mit dem Thema berücksichtigt werden. Deswegen wird die folgende Arbeit nicht ohne grobe Verkürzungen, Auslassungen und holzschnittartige Darstellungen auskommen können.

In einem ersten Schritt sollen die Elemente und Funktionen von Religionen, so wie sie sich in der marxistischen Theorie darstellen, rekonstruiert werden.

Anschließend soll, insbesondere unter Rückgriff auf die Geschichte der frühen Sowjetunion, erörtert werden, ob und warum der Kommunismus als Religion verstanden werden kann.

2. Elemente und Funktionen von Religionen in der marxistischen Theorie

Robert Steigerwald durchmustert in seinem Aufsatz "Zur marxistischen Theorie und Kritik der Religion” die Ausführungen von Marx und Engels von den frühen linkshegelianischen Anfängen bis ins Spätwerk und fasst abschließend die zentralen Elemente der marxistischen Religionskritik in mehreren Punkten zusammen. Meine folgenden Ausführungen basieren im Wesentlichen auf den Ergebnissen von Steigerwalds Arbeit.

- Religion ist gebunden an bestimmte gesellschaftliche Bedingungen. Aus diesen Bedingungen entwickeln sich bestimmte Bewusstseinsinhalte; da es nach Marx und Engels aber unbegriffene Bedingungen sind, resultieren daraus "falsche Bewusstseinsinhalte, falsche Formen der geistigen Aneignung der Wirklichkeit”.7

- Religion muss neben der geistigen Bewältigung der Wirklichkeit - Marx/Engels brandmarken dieses als idealistische Philosophie - "Weltanschauungsbedürfnisse von Massen [...] befriedigen” und "in hohem Maße emotionale, ästhetische Bereiche des menschlichen Geistes ansprechen und zugleich verabsolutieren, damit sie auch die in Unbildung gehaltenen Massen erreicht”. Religionen müssen also nicht nur Sinn stiften, sie müssen dem Menschen auch ein Gemeinschaftsgefühl und gemeinsame Erfahrungen bieten, die sich (siehe Punkt 3) in gemeinsamen Gottesdiensten und Ritualen äußern. Religion als "eine falsche Art der geistigen Aneignung der Wirklichkeit” bedarf weiterhin einer religiösen Praxis, dazu gehören "Bitten, Gebete, Beschwörungen, Opfer”.8

- Religion macht keine essentiellen Aussagen über den Menschen, sie taucht erst spät in der Geschichte der menschlichen Entwicklung auf und resultiert aus der Erkenntnis der Differenz zwischen Mensch und Natur und der zunächst erfahrenen Ohnmacht gegenüber der Natur.

- Mit dem Fortschreiten der Naturbeherrschung und der zunehmenden Entfremdung von der Natur hat Religion ihren Ursprung "in den unverstandenen Grundbedingungen des gesellschaftlichen Lebens und in den Klasseninteressen der ausbeutenden und unterdrückenden Klassen”9.

- Religion als historisches Phänomen ist dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen. Veränderungen in der Gesellschaft müssen also religiöse Änderungen bewirken und umgekehrt.

- In der fortgeschrittenen Klassengesellschaft "ist Religion ein erstrangiges Manipulierungs-, Desorientierungs-, Herrschaftsmittel der jeweils herrschenden Ausbeuterklasse, das auf wirksamste Weise deren materiellen Zwangsapparat ergänzt”10.

- Religion schlägt sich, wie alle Formen des Bewusstseins, in Institutionen nieder, in diesem Falle in Kirchen.

3. Kommunismus als Religion?!

Anknüpfend an Punkt 5 der vorherigen Ausführungen, dass nämlich Religion einem historischen Wandel unterliegt, soll im Folgenden, ausgehend von der Oktoberrevolution und dem Aufstieg der Bolschewiki bzw. Lenins und Stalins und der Gründung der Sowjetunion, untersucht werden, ob und warum der Kommunismus als Religion angesehen werden kann.

Der historische Einschnitt wird deswegen an dieser Stelle gemacht, weil in dieser Zeit das ‘lange 19. Jahrhundert’ zu Ende ging, weil der lange "gewachsene Haß auf den Kapitalismus”11 einen ersten Höhepunkt erreichte und weil die Sowjetunion seitdem für "viele Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler und Politiker” als "Ort der Utopie” galt.12 Gerd Koenen macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass es "ohne die Machteroberung der Bolschewiki und die Gründung der Sowjetunion als eines imaginären Vaterlands aller Werktätigen” [...] "schwerlich eine Kommunistische Internationale als eine >>Weltpartei des Proletariats« mit einer Moskauer Zentrale, regionalen Büros und nationalen Sektionen gegeben” hätte, "sondern allenfalls eine Vielzahl radikalsozialistischer Parteien und Gruppen unterschiedlicher Observanz”.13 Die weltgeschichtliche Bedeutung der Roten Revolution unterstreicht er noch dadurch, indem er behauptet, dass auch "die folgenden, von Kommunisten geführten Revolutionen des 20. Jahrhunderts nur schwer denkbar gewesen" wären, "und vermutlich nicht in den Formen, die sie schließlich annahmen”.14 15

3.1 Wie entwickelte sich der Kommunismus (in Russland) und was machte ihn so attraktiv?

Der Aufstieg der Bolschewiki wurde initiiert durch die Februarrevolution im Jahre 1917 und die anschließende Oktoberrevolution. Nachdem Russland im Ersten Weltkrieg schwere Verluste, sowohl in materieller Hinsicht als auch in finanzieller Hinsicht - die Staatsverschuldung stieg durch die hohen Kriegsausgaben maßlos - hinnehmen musste, dankte Zar Nikolaus II ab.

[...]


1 Engels, Friedrich. Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. Leipzig, 1877, S. 276.

2 Ryklin, Michail. Kommunismus als Religion. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt a. Main/Leipzig 2008, S.15.

3 Ebd. S. 13.

4 Marx, Karl und Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, Berlin 1975, S. 115.

5 Ryklin, Michail. Kommunismus als Religion. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt a. Main/Leipzig 2008, S.46.

6 Ebd.

7 Vgl. Steigerwald, Robert. Zur marxistischen Theorie und Kritik der Religion. S. 44. in: Knilli, Friedrich/ Reiss, Erwin/ Hickethier, Knut/ Lützen, Wolfdieter (Hrsg.). Medien Magazin 1. Carl Hanser Verlag, München 1974.

8 Ebd.

9 Ebd. S.46.

10 Ebd.

11 Ryklin, Michail. Kommunismus als Religion, Frankfurt a. Main/Leipzig 2008, S. 48-49.

12 Ebd. S.49.

13 Koenen, Gerd. Was war der Kommunismus?, Göttingen 2010, S.12.

14 Ebd.

15 Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917-1991.Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. Verlag C.H. Beck, München, 1998, S.55 ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Kommunismus als Religion?!
Untertitel
Eine Untersuchung
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V498010
ISBN (eBook)
9783346013699
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunismus Religion Ryklin
Arbeit zitieren
Jacob Maatz (Autor), 2015, Kommunismus als Religion?!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498010

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