In dieser Seminararbeit soll dargestellt werden, in welchem Verhältnis der Beitrag von Jochen Vogt mit der strukturalistisch geprägten Erzähltheorie steht, beziehungsweise welche Bedeutung und Gültigkeit seine theoretischen und methodologischen Annahmen haben.
Die Versuche, der Erzähltheorie einen wissenschaftlichen Charakter zu verleihen, gehen auf den Strukturalismus zurück, beziehungsweise auf den linguistischen Forschungsansatz de Saussures. Genauso wie die Sprache, stellt die Erzählung ein Zeichensystem dar, das Bedeutungen transportiert. Der Strukturalismus nahm sich vor, die Erzählung als Zeichensystem zu untersuchen, universale Gesetze des Erzählens zu erforschen, die in allen Sprachen und Kulturen gelten. Die linguistische Theorie hat man von der Sprache auf das Erzählen übertragen. Genauso wie sich natürliche Sprachen als Systeme, deren Elemente nach Regeln angeordnet sind, beschreiben lassen, so hat man angenommen es sei möglich, Erzählungen als geschlossene Systeme zu betrachten, deren konstanten Elemente auch gewissen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und in verschiedenen Verhältnissen zueinander stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Strukturalismus bzw. strukturale Linguistik und Erzähltheorie
3. Die Frage der Fiktionalität
4. Theoretische Annahmen Vogts
4.1. Aspekte des Untersuchungsgegenstandes
4.2. Erzählinstanz
4.2.1. Personale (bzw. neutrale) Erzählsituation
4.2.2. Auktoriale Erzählsituation
4.2.3. Ich Erzählsituation
4.3. Die Zeit der Erzählung
4.4. Das Problem der Gleichzeitigkeit
4.5. Personenrede und Bewusstseinsdarstellung
5. Methodologische Grundlagen
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das theoretische und methodische Fundament von Jochen Vogts Werk „Aspekte erzählender Prosa“. Ziel ist es, die wissenschaftliche Validität seiner Ansätze im Kontext der strukturalistischen Erzähltheorie kritisch zu hinterfragen und zu bewerten.
- Grundlagen des Strukturalismus und der Narratologie
- Differenzierung zwischen fiktionalen und faktualen Texten
- Analyse der Erzählinstanz und der erzähltechnischen Kategorien
- Zeitliche Dimensionen und Simultanität im Erzählen
- Methodologische Kritik an Vogts didaktischem Ansatz
Auszug aus dem Buch
4.2. Erzählinstanz
„Der Begriff „Erzähler“ meint zumeist den Autor in seiner Rolle als Verfasser eines erzählenden Textes, und nicht z. B. eines Gedichts oder Dramas. Als Erzähler bezeichnet man aber auch die in jedem erzählenden Text gewissermaßen abstrakt vorhandene Instanz, aus deren Perspektive die Handlung und die Personen gesehen werden und die Geschichte erzählt und so dem Leser vermittelt wird. Das Vorhandensein einer solchen Mittler-Instanz ist das Hauptmerkmal der erzählenden Gattungen – im Gegensatz etwa zur Lyrik oder zu den dramatischen Gattungen, wo es keine solche Instanz gibt, sondern wo das lyrische Ich gewissermaßen unvermittelt vor dem Leser monologisiert bzw. die jeweils sprechende Figur den anderen Figuren und damit dem Zuschauer bzw. Leser ihre eigene Perspektive unvermittelt präsentiert.“
Für Vogt erweist sich die Frage der Erzählinstanz als nahezu unlösbar. Oftmals wurde der Erzähler automatisch mit dem Autor der Erzählung gleichgesetzt. Dieses Verhältnis wurde bald als grundsätzliches Problem der Erzähltheorie erkannt, da sich verschiedene Meinungen entwickelten, was die Rolle des Erzählers betrifft: Vom teilnahmlosen, „objektiven“ Erzähler bis hin zum stark einmischenden, kommentierenden und die Wahrnehmung steuernden Erzähler.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Seminararbeit führt in das Ziel ein, Vogts Beitrag zur strukturalistisch geprägten Erzähltheorie in Bezug auf seine theoretische Bedeutung und methodologische Gültigkeit zu bewerten.
2. Strukturalismus bzw. strukturale Linguistik und Erzähltheorie: Das Kapitel skizziert die Grundlagen der Narratologie, ihre Verbindung zum Strukturalismus und die methodischen Einflüsse des russischen Formalismus sowie der Pariser Schule.
3. Die Frage der Fiktionalität: Es wird erörtert, wie Texte als fiktional definiert werden können, wobei die Unterscheidung zwischen Wirklichkeitsbericht und epischer Fiktion anhand von Kriterien wie Textsignalen und Gattungsangaben diskutiert wird.
4. Theoretische Annahmen Vogts: Das Kapitel analysiert Vogts Herangehensweise an den Untersuchungsgegenstand der Prosa, seine Typologie der Erzählinstanz, die Kategorien der Zeit und die Gestaltung der Personenrede.
5. Methodologische Grundlagen: Die methodische Basis von Vogts Werk wird kritisch reflektiert, wobei dessen deduktive Vorgehensweise und die mangelnde theoretische Systematik hinterfragt werden.
6. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Bilanz, die Vogts Werk als brauchbares didaktisches Instrumentarium würdigt, aber dessen theoretische Fundierung in Frage stellt.
Schlüsselwörter
Strukturalismus, Erzähltheorie, Narratologie, Fiktionalität, Erzählinstanz, Erzählzeit, Erzähltempo, Personenrede, innerer Monolog, Jochen Vogt, Literaturwissenschaft, Methodenanalyse, Erzähltechnik, Romantheorie, Romananalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das Buch „Aspekte erzählender Prosa“ von Jochen Vogt und bewertet, inwieweit dessen theoretische Annahmen eine fundierte Grundlage für die moderne Erzählanalyse bieten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die strukturalistische Erzähltheorie, das Kriterium der Fiktionalität, die Rolle der Erzählinstanz, die Zeitebenen des Erzählens und die Darstellung von Personenrede.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel besteht darin, Vogts Systematik zu prüfen und festzustellen, ob sein Werk eher als praktisches, didaktisches Instrumentarium oder als theoretisch tragfähige narratologische Wissenschaft zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der Literaturkritik und den Vergleich mit etablierten theoretischen Modellen, wie denen von Stanzel, Genette und Lämmert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung Vogts, die Analyse seiner Kernbegriffe (Instanz, Zeit, Personenrede) und eine methodologische Reflexion seiner Vorgehensweise.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Strukturalismus, Narratologie, Fiktionalität, Erzähltechnik und methodologische Systematik.
Warum hält die Autorin Vogts Systematik für problematisch?
Die Autorin argumentiert, dass Vogt fertige Begriffe verschiedener Traditionen deduktiv vermischt, ohne dabei ein konsistentes theoretisches Konstrukt zu schaffen, was die Anwendung auf alle Erzähltexte erschwert.
Wie steht die Autorin zur "Brauchbarkeit" des Werkes?
Obwohl sie das Werk als theoretisch unhaltbar kritisiert, erkennt sie an, dass es eine klare und übersichtliche Einführung bietet, die zum Einstieg in das Studium empfohlen werden kann.
- Quote paper
- Vesna Nikolovska (Author), 2005, Jochen Vogt und die strukturalistisch geprägte Erzähltheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498011