Zum Situationskonzept in der Wissenssoziologie

Basierend auf "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" von Peter L. Berger und Thomas Luckmann


Seminararbeit, 2017
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Allgemeine Erläuterungen zum Konzept der Situation in der Soziologie

III. Zentrale Konzepte der wissenssoziologischen Grundlegungen von Berger und Luckmann sowie deren Hinweise auf ein Situationskonzept
3.1 Habitualisierung und Situation
3.2 Typisierung und Situation
3.3 Institutionalisierung und Situation
3.4 Legitimierung und Situation
3.5 Der Dreischritt: Externalisierung – Objektivierung – Internalisierung
3.6 Wissen und Situation

IV. Die zwei zentralen Situationskonzepte
4.1 Die gesellschaftliche Situation
4.2 Die Vis-à-Vis Situation

V. Fazit und Ausblick

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„If men define situations as real, they are real in their consequences“ (Thomas/ Thomas 1938: 572). Das in dieser Form häufig zitierte Thomas-Theorem wird oft als einer der wesentlichen Ausgangspunkte der zunehmenden Relevanz qualitativer Sozialforschung gesehen. Insbesondere aufgrund der Fokussierung der Bedeutsamkeit subjektiver Interpretations- bzw. Definitionsleistungen des Individuums (vgl. Hitzler 1999: 298 & Echterhölter 2013: 33). Die Fruchtbarkeit des Thomas-Theorems zeigt sich vor allem im Zeitraum der 1960er bis 1980er Jahre: Soziologen wie Hans-Peter Dreitzel, Hans Buba, Jürgen Markowitz und Konrad Thomas (vgl. Hitzler/ Honer 1984: 63ff.) haben sich explizit dem Konzept der Situation unter entsprechend unterschiedlichen soziologischen Perspektiven angenommen. Der Diskurs um den Begriff der Situation und dessen soziologische Verwendung scheint jedoch – außer beispielsweise von Hartmut Esser (vgl. Esser 1999; Esser 2000 & Etzrodt 2000) – kaum noch weitergeführt worden zu sein (vgl. Ziemann 2013: 9).

Eine mögliche Begründung für das Ausbleiben einer weiterführenden expliziten Ausarbeitung eines soziologischen Situationskonzepts, ließe sich eventuell darin finden, dass eben jenes Konzept in anderen soziologischen Grundbegriffen aufgegangen sein könnte. Zumindest bekräftigen die Erläuterungen Reiner Kellers zu den wissenssoziologischen Grundlegungen von Peter L. Berger und Thomas Luckmann diese Annahme: „Damit ist Thomas’ ‚Definition der Situation’ endgültig in eine umfassende soziologische Theorie der Wirklichkeit eingebettet“ (Keller 2009: 88). Demnach sei das Thomas-Theorem in der Wissenssoziologie (nach Berger und Luckmann) vollständig aufgegangen. Weil Keller einerseits tiefergehende Erläuterungen auslässt und der Situationsbegriff andererseits von Berger und Luckmann nicht als Grundkonzept (wie z.B. der Begriff des Wissens) behandelt und ausgearbeitet wird, soll der folgenden Fragestellung nachgegangen werden: Inwiefern lässt sich auf Basis der Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann ein Konzept der Situation rekonstruieren?

Um den hier angestrebten Antwortversuch auf diese Frage vornehmen zu können, wird zunächst darauf fokussiert, was aus allgemeiner soziologischer Perspektive unter einem Situationskonzept im Sinne des Thomas-Theorems (2.) verstanden werden könnte. Daraufhin erfolgt eine bereits auf die Zusammenhänge zum Situationskonzept fokussierte Darstellung der zentralen Konzepte der wissenssoziologischen Grundlagen (3.) von Berger und Luckmann. Den zwei dort explizit vorkommenden, jedoch nicht tiefgreifend theoretisch ausgeführten Situationsbegriffen und deren Zusammenhang wird sich im darauffolgenden Abschnitt (4.) angenommen. Ausgehend von diesen Darstellungen wird versucht in einem zusammenfassenden Fazit (5.) auf die Ausgangsfragestellung zu antworten. Dabei ist zu betonen, dass es sich bei dieser Arbeit in erster Linie um eine Suche nach Hinweisen auf ein wissenssoziologisches Situationskonzept handelt.

II. Allgemeine Erläuterungen zum Konzept der Situation in der Soziologie

Bevor sich im dritten und vierten Abschnitt ausführlich dem Konzept der Situation in der Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann gewidmet werden kann, sollen zunächst einige allgemeine Ausführungen zum Situationsbegriff und dessen Konzept vorgenommen werden. Ziel ist dabei eine Fokussierung auf das aus dem Thomas-Theorem hervorgehende Konzept der Situation sowie auf einige weiterführende Implikationen.

Die ‚Situation’ ist keine genuin soziologische Kategorie der theoretischen oder empirischen Analyse und Beschreibung der Gesellschaft oder gesellschaftlicher Zusammenhänge. Vielmehr handelt es sich um einen grundlegend alltagsweltlichen Begriff, welcher meist im Kontext der Beschreibung diverser Lebenssituationen wie z.B. der finanziellen, beruflichen oder gesundheitlichen Situation verwendet wird. Darüber hinaus kann unter einer alltagsweltlichen Situation u.a. auch das Warten an einer Supermarkt-Kasse verstanden werden. Demnach scheint der Begriff der Situation – ausgenommen der jeweils kontextuellen Einordnung (also z.B. in finanzieller, beruflicher oder gesundheitlicher Hinsicht) – nur wenig begrenzt zu sein (vgl. Hitzler/Honer 1984: 57 & Martens 2013: 185).

Eine soziologische Auseinandersetzung mit diesem zunächst alltagsweltlichen Begriff ist in erster Linie auf William I. Thomas und Dorothy S. Thomas zurückzuführen (vgl. Egloff 2015: 19ff.), welche in ihrem 1938 erschienen Werk ‚The Child in America: Behavior Problems and Programs’ den später als Thomas-Theorem bekannt gewordenen Satz äußerten: „If men define situations as real, they are real in their consequences“ (Thomas/ Thomas 1938: 572). Frei übersetzt behauptet das Thomas-Theorem also, dass Situationen reale Folgen haben, wenn Individuen diese als real definieren. Folglich sind die zentralen Bestandteile des Theorems einerseits die Individuen und andererseits die Situationen. Beide stehen zunächst in einem relativ klaren definitorischen Zusammenhang: Die Situationen werden von den Individuen definiert. Folgt man Jürgen Friedrichs (vgl. 1974: 47) würde man die Situation also eher der soziologischen Mikroebene zuordnen. In Bezug auf die zuvor beispielhaft angeführten alltagsweltlichen Verwendungen des Situationsbegriffs würde demnach folgen, dass Individuen eine Situation z.B. als ‚Situation an einer Supermarkt-Kasse’ definieren und sich entsprechend ihrer Situationsdefinition verhalten. Also entsprechend der Position in der Warteschlange z.B. warten oder ihren Einkauf bezahlen. Blickt man nun erneut auf das Theorem und dessen zentrale Bestandteile, so zeigt sich, dass der zunächst relativ klar erscheinende Zusammenhang – Individuum definiert Situation – einen relevanten Aspekt unbeachtet lässt. Wenn nämlich das Individuum eine Situationsdefinition vornehmen will[1], dann muss zunächst etwas vorhanden sein, das in welcher Form auch immer als Situation definiert werden kann. Mit Bezug auf Rainer Egloff (vgl. 2015: 19) verweist das Konzept der Situation somit immer auf subjektive Aspekte einerseits, als auch objektive Aspekte andererseits. Dies wird auch von Friedrichs (vgl. 1974: 47) eingeräumt. Hinsichtlich des objektiven Elements des Situationskonzepts ergibt sich für das Beispiel der Situation an der Supermarkt-Kasse also folgendes: Das Individuum findet sich in einer Situation wieder deren objektive Elemente man sich z.B. so vorstellen kann, als dass es sich mit weiteren Kunden[2] in einer mehr oder weniger geordneten Warteschlange befindet, dass sich Waren verschiedener Art im Einkaufskorb befinden, dass eine Kasse existiert, die sich am Ende eines Laufbands befindet, welches die Waren zu eben jener befördert, dass an der Kasse ein Angestellter des Supermarktes sitzt, welcher die Waren einscannt und von den Kunden den entsprechenden Betrag verlangt und so weiter und so fort.

Aus den bisherigen Darstellungen folgt, dass das Konzept der Situation nicht klar in die dichotome Einteilung in Form der Mikro- und Makroebene eingeordnet werden kann. Da sich mit den subjektiven Elementen einerseits und den objektiven Elementen andererseits jedoch sowohl Mikro- als auch Makroebene im Situationskonzept rekonstruieren lassen, erscheint dieses als zunächst nicht näher definiertes Verbindungsglied beider Ebenen (vgl. Friedrichs 1974: 51). Anna Echterhölter (vgl. 2013: 25) betont in diesem Zusammenhang die Hervorhebung der Mesoebene durch das Konzept der Situation. Es ist jedoch nicht ganz klar, ob eine derartige Betrachtung das Makro- und Mikroebene verbindende Element des Situationskonzepts hervorhebt oder durch die Einordnung in eine eigene Ebene (Mesoebene) eher verdeckt.

Bezieht man nun zusätzlich den soziologischen Grundbegriff des Handelns mit ein, werden die Auswirkungen des Thomas-Theorems für das Konzept der Situation noch deutlicher: Die subjektiven Definitionsleistungen des Individuums in Bezug auf die verschiedensten Situationen werden nicht in abstrakt begrifflich-theoretischer Form vorgenommen, sondern in Form der jeweiligen situativ-spezifischen Handlungspraxis (vgl. Laucken 1995: 932). Zieht man zur Veranschaulichung erneut das Beispiel der Situation der Supermarktkasse heran, so folgt daraus, dass die subjektive Interpretation des objektiven Situationselements des Laufbandes vom Individuum nicht als Laufband definiert wird, indem es sich einem anderen Kunden zuwendet und diesem das Laufband als ‚Laufband’ begrifflich verständlich macht. Vielmehr wird das Laufband als solches definiert, indem das Individuum die eingepackten Waren darauflegt. Diese vermeintlich klare Reihenfolge von Handeln und Situationsdefinition – also Situationsdefinition durch Handeln – ist jedoch zu einseitig und irreführend. So hält Kroneberg (vgl. 2005: 344) fest, dass die Situationsdefinition der Handlung vorausgeht und daher die Handlung viel eher durch die Situationsdefinition geprägt wird als umgekehrt. Im vorher ausgeführten Beispiel erfolgt die Situationsdefinition des Wartens an der Supermarkt-Kasse demnach also nicht erst durch das Handeln des Individuums in Form des Auspackens der Waren, vielmehr muss erstere letzterem vorausgehen. Das letztlich tatsächliche Handeln scheint also eher als eine Form der Äußerung der Situationsdefinition verstanden werden zu können. Was sich somit zeigt, ist eine stärkere Betonung des objektiven Charakters des Situationskonzepts sowie dessen bereits herausgestellte Ambivalenz. Mit anderen Worten wirken Situationen also einerseits strukturierend (objektiv) auf das Handeln der Individuen und werden andererseits durch eben jenes Handeln selbst strukturiert (subjektiv) (vgl. Martens 2013: 185 & Egloff 2015: 19ff.).

Diese Ambivalenz erscheint insofern notwendig, als dass sich aus dem Versuch, die Situation trennscharf als entweder subjektives oder objektives Konzept darzustellen, mindestens zwei Erklärungsproblematiken ergeben würden. Bei einem allein strukturierenden Verständnis des Situationskonzepts bliebe offen, warum verschiedene Individuen in gleichen oder hinreichend ähnlichen Situationen jeweils individuell handeln. Warum sich also zum Beispiel ein Kunde an die eine Warteschlange und ein anderer Kunde sich an die andere Warteschlange einer anderen Supermarktkasse anstellt. Zum anderen würde bei einem rein strukturierten Verständnis des Konzepts der Situation offenbleiben, inwiefern Handlungen verschiedener Individuen in gleichen oder hinreichend ähnlichen Situationen verallgemeinerbar wären. Inwiefern es also zu erklären ist, warum die Kunden ihre eingepackten Waren selber auf das Laufband legen und dies nicht den Angestellten des Supermarktes überlassen (vgl. Hitzler 1999: 290f.).

Bezüglich der grundlegenden Implikationen für ein Konzept der Situation konnte nun bisher die Unterscheidung in subjektiv-strukturierte Elemente auf der einen und objektiv-strukturierende Elemente auf der anderen Seite herausgestellt werden. Des Weiteren wurde dessen Zusammenhang mit dem soziologischen Grundbegriff des Handelns hervorgehoben. Ausgehend von dem zuvor alltagsweltlichen Begriff der Situation könnte nun ein erster Definitionsversuch stehen, welcher an dieser Stelle keinesfalls endgültig ist, sondern in erster Linie das in diesem Abschnitt dargestellte Situationskonzept zusammenfassen soll. So kann ‚Situation’ definiert werden als „[...] die je aktuelle Gesamtheit dessen, was dem erkennenden Subjekt in der intentionalen Zuwendung zur Welt gegeben ist“ (Hitzler/Honer 1984: 66; Hervorh. im Original). An ein zunächst derart verstandenes Konzept der Situation lassen sich viele Fragen richten. Darunter zum Beispiel: Auf wen oder was wirkt sich die Situationsdefinition wie aus? Wer oder was beeinflusst die Situationsdefinition auf welche Weise? Mit welchen weiteren Konzepten – neben dem des Handelns – hängt das Situationskonzept zusammen? Und nicht zuletzt die von Andreas Ziemann (vgl. 2011: 117) aufgeworfene, und für die wissenssoziologische Fokussierung dieser Arbeit äußerst relevante, Frage nach der Herkunft des für die vom Individuum vorgenommenen Situationsdefinitionen grundlegenden Wissens.

III. Zentrale Konzepte der wissenssoziologischen Grundlegungen von Berger und Luckmann sowie deren Hinweise auf ein Situationskonzept

Im vorhergehenden Abschnitt wurde sich aus allgemeiner soziologischer Perspektive und basierend auf dem Thomas-Theorem einem Verständnis des Konzepts der Situation angenähert. Die Fokussierung auf den als zugleich subjektiv-strukturierten und objektiv-strukturierend herausgestellten Situationsbegriff bildet damit die Grundlage der weiteren Ausführungen zum wissenssoziologischen Situationskonzept bei Berger und Luckmann. Um die Relevanz des weitgehend implizit bleibenden Konzepts der Situation zu betonen, werden in den folgenden Abschnitten die zentralen Begriffe (vgl. Knoblauch 2017: 57) der wissenssoziologischen Grundlegungen herausgearbeitet und miteinander in Verbindung gesetzt.

3.1 Habitualisierung und Situation

Peter L. Berger und Thomas Luckmann (vgl. 1999: 1) stellen in ‚Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit’ neben der zentralen und bereits dem Titel zu entnehmenden These, dass die Wirklichkeit Resultat gesellschaftlicher und damit sozialer Konstruktionsprozesse ist, heraus, dass es die Aufgabe der Wissenssoziologie sei, eben jene Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion zu analysieren. Für die zugrundeliegende Fragestellung dieser Arbeit werden diese Prozesse auf Verweise in Bezug auf ein wissenssoziologisches Situationskonzept betrachtet. Dazu werden sie aus ihren Originalkontexten herausgehoben und erscheinen daher in eher theoretisch-abstrakter Form. Die Erklärungsleistung der nachfolgend dargestellten Prozesse ist maßgeblich mit der Frage verknüpft, wie zunächst subjektives Wissen zu gesellschaftlich-objektiver Wirklichkeit werden kann (vgl. ebd.: 3).

Die Habitualisierung stellt den grundlegendsten der hier zu betrachtenden Prozesse dar und ist in erster Linie das Ergebnis von sich wiederholenden Handlungen (vgl. ebd.: 56). Zur Veranschaulichung führen Berger und Luckmann (vgl. ebd.: 56f.) das Gedankenexperiment eines Gestrandeten auf einer einsamen Insel oder auch das Bild des Einsiedlers an. Genauso gut funktioniert aber auch die Vorstellung des morgendlichen Genusses eines Kaffees in der Küche. Diese Handlung kann insofern als habitualisiert verstanden werden, als dass die diversen Handlungen bis zum tatsächlichen Genuss des Kaffees – also z.B. das Aufstehen, der Gang in die Küche, das Aufsetzen des Wassers etc. – nicht zu Beginn jeden Morgens grundlegend neu durchdacht und geplant werden müssen. Vielmehr erfolgen die notwendigen Handlungsabläufe in Form einer mehr oder weniger gefestigten Routine (vgl. ebd.: 57). Die Festigkeit einer derartigen Routine bzw. habitualisierten Handlung ist dahingehend variabel, dass diverse Variationen möglich sind, also beispielsweise der Kaffee durch Tee ersetzt werden kann. Je eindeutigere Habitualisierungen jedoch vorliegen, desto höher ist die Einsparung an aufzubringender Entscheidungsenergie, welche Berger und Luckmann (vgl. 1999: 57) unter Rückgriff auf Arnold Gehlens anthropologische Ausführungen gerade als Ursache des Habitualisierungsprozesses angeben. So simpel sich der Prozess der Habitualisierung darstellt, so wichtig ist es zu betonen, dass bereits an dieser Stelle explizit auf den Prozess der Situationsdefinition im Sinne des Thomas-Theorems verwiesen wird: „Eingefahrene Bedeutungen [also Habitualisierungen – Anmerk. d. Verf.] [...] erübrigen es, daß jede Situation Schritt für Schritt neu bestimmt werden muß. Eine Menge von Situationen läßt sich unter ihre Vorherbestimmungen subsumieren“ (Berger/ Luckmann 1999: 57). An dieser Stelle deutet sich bereits an, dass es nicht nur die zuvor angenommenen Handlungen sind, die habitualisiert werden. Vielmehr scheint sich der Prozess der Habitualisierung auf Handlungen in spezifischen Situationen oder gar Situationen im Allgemeinen zu beziehen.

3.2 Typisierung und Situation

Auf dem Prozess der Habitualisierung baut der Prozess der Typisierung auf. Der für den Habitualisierungsprozess herausgestellte zentrale Aspekt der mehr oder weniger oft wiederholten und damit routinisierten Handlung eines Individuums wird nun kategorisiert bzw. handlungspragmatisch eingeordnet (vgl. Keller 2008: 43). Während die Habitualisierung einer Handlung nur das handelnde Individuum sowie dessen Wiederholung einer Handlung voraussetzt, kann der Prozess der Typisierung erst erfolgen, wenn mindestens zwei Individuen in ihrem Handeln in welcher Form auch immer interagieren oder die Handlungen eines Individuums von einem anderen beobachtet werden (vgl. Berger/ Luckmann 1999: 58). Daraus folgt, dass sowohl die habitualisierte Handlung eines Individuums als auch das handelnde Individuum selbst typisiert werden. Da es sich bei dem typisierenden Individuum eben auch um ein Individuum handelt, ist davon auszugehen, dass auch dessen Handeln habitualisiert ist. Weiterhin folgt aus den bisherigen Ausführungen, dass auch dieses Individuum und dessen habitualisierte Handlungen wiederum selbst vom anderen Individuum typisiert werden. Kurz: Beide Individuen typisieren sich und ihr habitualisiertes Handeln jeweils wechselseitig (vgl. ebd.). Oder, nochmals anders ausgedrückt, beide habitualisiert handelnden Individuen sind zugleich Typisierte als auch Typisierende. Es bietet sich an, zur Veranschaulichung nochmals das Beispiel des Kaffeegenusses am Morgen heranzuziehen. Säße nun beispielsweise ein weiteres Individuum – z.B. der Partner oder ein Mitbewohner – am Morgen in der Küche und würde dieses Individuum mit ‚Alter’, das andere mit ‚Ego’ bezeichnet werden, so würde sich folgendes Bild ergeben: Ego kommt in die Küche, um sich einen Kaffee zuzubereiten und wird dabei von Alter beobachtet, während Ego wiederum Alter selbst beim Lesen der Zeitung beobachtet. An dieser Stelle würde sich sowohl für Ego, als auch für Alter das von Berger und Luckmann bekannte „Da wären wir wieder einmal“ (vgl. 1999: 61) als spontane Zusammenfassung ihrer reziprok beobachteten habitualisierten Handlungen des jeweils anderen anbieten. Bei der Ausführung des hier verwendeten Beispiels von Ego und Alter nicht von einer Situation zu sprechen, gestaltet sich als äußerst umständlich. Drängt es sich doch förmlich – genau wie das im zweiten Abschnitt verwendete Beispiel des ‚Wartens an der Supermarktkasse’ – als klare Demonstration einer alltagsweltlichen Verwendung des Situationsbegriffes auf. Auch Berger und Luckmann beschreiben ihre jedoch eher abstrakte Veranschaulichung des Typisierungsprozesses als Situation (vgl. 1999: 60). Daraus ergibt sich, dass auch der Prozess der Typisierung eng mit einem Konzept der Situation verknüpft zu sein scheint. Wie sich diese Verknüpfung letztlich darstellt, wird im vierten Abschnitt deutlicher.

[...]


[1] An dieser Stelle sei bereits vorab darauf hingewiesen, dass Situationsdefinitionen vom Individuum nicht notwendiger Weise in Form eines bewussten Definitionsprozesses vorgenommen werden, dazu aber mehr in Abschnitt drei und vier (vgl. dazu auch Martens 2013: 183).

[2] Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird in allen folgenden Beispielen und sonstigen Erläuterungen auf die männliche Form zurückgegriffen. Selbstverständlich würden sämtliche Ausführungen auch mit der weiblichen Form funktionieren, sodass stets beide angesprochen sind.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Zum Situationskonzept in der Wissenssoziologie
Untertitel
Basierend auf "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" von Peter L. Berger und Thomas Luckmann
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Soziologie und Demographie)
Veranstaltung
Das Konzept der Situation
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
25
Katalognummer
V498026
ISBN (eBook)
9783346013798
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenssoziologie, Situation, Konstruktivismus, Theorie, Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit
Arbeit zitieren
Martin Radtke (Autor), 2017, Zum Situationskonzept in der Wissenssoziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498026

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