Jede Untersuchung über schwarze Kultur in Amerika trifft zwangsläufig Aussagen über das Verhältnis zwischen weißen und schwarzen Amerikanern. In dieser Arbeit wird das aber nicht nur ein unvermeidbarer Nebeneffekt sein, sondern ist von vornherein beabsichtigt. Auf den folgenden Seiten werde ich die Frage beantworten, ob die Spirituals – Gesänge der vom Christentum inspirierten Sklaven - primär als “Krisenmusik“ angesehen werden sollte, die nur durch Unterdrückung und Ausbeutung durch Weiße entstanden ist und nur den einen Zweck hat : eine Plattform zu bilden, die Schwarzen eine Möglichkeit bietet sich frei zu fühlen und ihre Gedanken, Ängste und Schmerzen zu verarbeiten, oder ob sie als ein Motor verstanden werden kann, der nicht nur dem Einzelnen die Möglichkeit bietet sich individuell zu entfalten, sondern auch ganzen Massen Antrieb und Kraft gibt, um auf bestehende Missstände innerhalb der Gesellschaftsstruktur aufmerksam zu machen und eine kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Veränderung zu bewirken.
Kurz : Haben Spirituals den Sklaven auf den Baumwollfeldern nur die Arbeit erträglicher gemacht oder waren sie es, die sie aus der Sklaverei hinausführten ? Ist diese Form schwarzer Musik ein Zeitvertreib gewesen oder hat sie tatsächlich etwas bewirkt ? Ich werde versuchen eine Antwort auf diese Frage zu finden, indem ich herausarbeiten werde, warum `Black Music´ als Fortführung der oral culture verstanden werden muss und erläutere, was man eigentlich unter oral culture versteht, welche Rolle der Rhythmus in der Musik der Schwarzen spielt und welche Auswirkungen Musik und Rhythmus auf die black community haben. Da Musik, speziell die hier angesprochenen Spirituals, sehr eng mit Emotionen verbunden ist, und Veränderungen in der Gemütslage verarbeiten sowie hervorrufen kann, werde ich mich mit verschiedenen Spirituals befassen und zeigen, dass schwarze Musik nicht nur aus Noten und Harmonien besteht, sondern auch aus Melancholie und Hoffnung. Davor ist es jedoch nötig, auf das Christentum einzugehen, in dem Spirituals ihren Ursprung fanden und dass die Sklaven derart beeinflusste, dass aus emotional aufwühlenden Gottesdiensten Lieder entstanden, die Jahrzehnte nach der Befreiung der Sklaven sogar kommerziell erfolgreich waren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Oral Culture und Black Music
3. Rhythmus als Kommunikationsfaktor
4. Die Bedeutung der Community
5. Spirituals im Amerika der Sklaverei
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Funktion der Spirituals während der Zeit der Sklaverei in Amerika und analysiert, inwieweit diese Lieder als bloße „Krisenmusik“ oder als aktiver Motor für sozialen Zusammenhalt und Widerstand gegen Unterdrückung fungierten.
- Die Bedeutung der oral culture für die Bewahrung der schwarzen Identität
- Rhythmus als essenzielles Kommunikations- und Ausdrucksmittel
- Der Einfluss des Christentums auf die Entstehung der Spirituals
- Die doppelte Bedeutungsebene (Code-Sprache) in den Texten der Spirituals
- Die Rolle der Gemeinschaft (community) beim musikalischen Schöpfungsprozess
Auszug aus dem Buch
Die schwarze Rhythmik der Musik ist sehr komplex, was unter anderem mit der ihr eigenen Spontaneität zu tun hat.
Ein wesentlicher Bestandteil dieser Musik und auch der Rhythmik ist die Improvisation - orale Improvisation – die kollektiven Charakter hat. Ein Beispiel dafür ist z.B. auch das zustimmende Beifallklatschen, das rhythmische Füßestampfen und das bejahende Zwischenrufen von Gottesdienstbesuchern, die auf diese Art und Weise ihre Sympathie mit dem Prediger und das Verstehen der Predigt signalisieren. Auf diese Gottesdienste werde ich später genauer eingehen, wenn ich mich mit dem “weißen“ Christentum und dessen Einfluss auf die Sklaverei befasse.
Ein anderes interessantes Beispiel für rhythmische Improvisation gibt Ralph Ellison, der während eines Afrikaaufenthaltes Zeuge wurde, wie eine große Anzahl von Angehörigen eines Stammes zu den Fehlzündungen eines Benzinmotors tanzte. Es wird also deutlich, dass schwarzer Rhythmus sich wesentlich von westlichen Rhythmikvorstellungen unterscheidet : Spontaneität und das Integrieren ungewöhnlicher “Musikinstrumente“ wie Benzinmotoren gehören zum Verständnis der schwarzen Musikkultur. Experimentieren und Offenheit gegenüber allem Neuen hilft dieser Musikkultur dabei, sich immer neu zu erfinden und auch über mehrere Jahrhunderte bestehen bleiben zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die zentrale Forschungsfrage auf, ob Spirituals primär als Verarbeitung von Unterdrückung oder als emanzipatorischer Motor für sozialen Wandel zu verstehen sind.
2. Oral Culture und Black Music: Dieses Kapitel erläutert, warum schwarze Musik als Fortführung der mündlichen Überlieferung (oral culture) zu betrachten ist und welchen Stellenwert sie als autonomes Sprachrohr der afroamerikanischen Kultur einnimmt.
3. Rhythmus als Kommunikationsfaktor: Hier wird die Rolle des Rhythmus als komplexes Kommunikationsmittel analysiert, das zur sozialen Synchronisation und zum Ausdruck von Widerstand gegen die erlebte Unterdrückung dient.
4. Die Bedeutung der Community: Dieses Kapitel beschreibt, wie der Gemeinschaftssinn (community) den Kern der Musikkultur bildet und es dem Individuum ermöglicht, sich innerhalb des Sozialverbandes frei zu entfalten.
5. Spirituals im Amerika der Sklaverei: Der Hauptteil analysiert den Einfluss der Christianisierung und die spezifische "Doppeldeutigkeit" der Spirituals, die als verschlüsselte Botschaften über Freiheit und Widerstand fungierten.
6. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Spirituals eine produktive Kraft darstellten, die Hoffnung stiftete und den Nährboden für eine schwarze Revolution bzw. Befreiung bereitete.
Schlüsselwörter
Spirituals, Sklaverei, Oral Culture, Black Music, Rhythmus, Community, Widerstand, Christianisierung, Improvisation, Identität, Empowerment, Afroamerikaner, Sozialstruktur, Freiheit, Unterdrückung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Entstehung von Spirituals im Amerika der Sklaverei als Ausdrucksform schwarzer Identität und Widerstandskultur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die orale Tradition, die Rolle des Rhythmus, der Einfluss des Christentums und der Gemeinschaftssinn innerhalb der schwarzen Bevölkerung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Autorin untersucht, ob Spirituals lediglich als Mittel der Leidensbewältigung ("Krisenmusik") dienten oder als aktivierende Kraft fungierten, die den Sklaven den Weg in die Freiheit ebnete.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf der Analyse von Literatur und historischen Berichten sowie der inhaltlichen Untersuchung von Songtexten und deren soziokulturellem Kontext.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entwicklung der Spirituals aus der oral culture, der Bedeutung der Improvisation (Call-and-Response) und der Verwendung von Doppeldeutigkeiten als codierte Widerstandssprache.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Spirituals, Sklaverei, Community, Rhythmus, Widerstand und Oral Culture maßgeblich charakterisiert.
Warum wird der Rhythmus als so bedeutsam für die Sklaverei dargestellt?
Rhythmus diente laut Autorin als Ventil für Aggressionen, als Basis für den Gemeinschaftssinn und als Instrument, das Menschen psychisch stabilisierte und zur gemeinsamen sozialen Entwicklung befähigte.
Was versteht man unter der "Doppeldeutigkeit" der Spirituals?
Viele Lieder enthielten religiöse Texte, die für Sklavenhalter harmlos klangen, für die Sklaven jedoch konkrete Anspielungen auf Fluchtpläne, Freiheit und den Wunsch nach Befreiung darstellten.
Welche Rolle spielte die "community" bei der Entstehung von Spirituals?
Die Gemeinschaft war der Ort, an dem durch kollektive Improvisation und den Austausch von Versen während der Gottesdienste ein gemeinsames kulturelles Bewusstsein und eine spezifische "Mixtur" aus Musik und Hoffnung entstand.
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- M.A. Nicole Gast (Author), 2002, Spirituals im Amerika der Sklaverei, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49803