Lessings Briefwechsel mit Eva Konig: Dokumente einer intensiven Freundschafts- und Liebesbeziehung oder Klageschriften eines vereinsamenden Melancholikers?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
19 Seiten, Note: 2+

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lessings Leben vor Wolfenbüttel ab 1767
2.1. Die Kaufmannsfamilie König
2.2 Fehlkalkulationen und finanzielle Not

3. Die Wolfenbüttler Zeit ab 1770 – Zeit des Umbruchs
3.1 Briefkontakt als Maßnahme gegen Vereinsamung?
3.2 Lessings Briefe – Zeichen reifer und gereifter Liebe?
3.3 Eine kurze Ehe und ihre brieflichen Folgen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Ich schreibe heute an die halbe Welt, um gelesen und beantwortet zu werden.

Ich habe heute an Cramern zween Bogen voll freundschaftliches Nichts geschrieben;

nach Copenhagen, nach Hamburg, nach Braunschweig, nach Dresden, nach Bernstadt

in Schlesien habe ich nichts wichtiges geschrieben, und nun fange ich auch an, mit Ihnen

zu plaudern. Ist dieser Tag nicht für mich ein vergnügter Tag?

Gottlieb Wilhelm Rabener[1]

Was Lessings Zeitgenosse Rabener hier so treffend schildert lässt einen kleinen Einblick auf ein Leben und eine Zeit zu, in der reger Briefkontakt zu Familie und Freunden – ja, sogar zu nur `flüchtigen´ Bekannten, nicht nur als etwas Nützliches angesehen wurde, als Mittel der Informationsweiterleitung und –erhaltung, sondern vielmehr als etwas Notwendiges, dass Zeitvertreib sichern und die eigene Existenz rechtfertigen konnte. Rabener schreibt „um gelesen und beantwortet zu werden“ – sicheres Indiz dafür, dass Briefkontakt, zu welchen Personen auch immer, immer auch ein Stück Hunger nach sozialen Kontakten beinhaltete: Durch Briefen der Welt zeigen, dass es einen gibt, dass es Menschen gibt, denen man schreiben kann, und mit jeder Antwort die, wenn auch oft geheuchelte, Gewissheit, dass man es jemandem da draußen wert war, zurück zu schreiben.

Briefwechsel im 18. Jahrhundert war das einzige Mittel der Kommunikation wenn zwischen zwei Parteien eine große räumliche Distanz lag. In der heutigen Zeit wird diese – oft noch bedeutend größere Distanz – durch Emails und SMS überbrückt, und wenn etwas Wichtiges vergessen wurde mitzuteilen, schickt man wenige Minuten später eine weitere, immer in dem Wissen, dass der Empfänger die Nachricht wenige Sekunden nach Versand erhalten wird. Vor 250 Jahren jedoch war das Formulieren, Schreiben und Abschicken einer Nachricht ein soziales Ritual. Oft waren die Briefe mehrere Seiten lang, eng geschrieben und wohldurchdacht. Einmal abgeschickt hieß es Warten, da Briefe meist Tage oder sogar Wochen unterwegs waren.

In dieser Seminararbeit geht es um eben dieses Ritual des Briefeschreibens – um einen Briefwechsel, der sowohl im 18. Jahrhundert zwischen den beiden Schreiberlingen für Gesprächsstoff sorgte, als auch heute im 21. Jahrhundert, in denen die erhaltenen Aufzeichnungen dieser Brieffreundschaft Germanisten in aller Welt Analysen und Interpretationen Wert sind:

Gemeint sind die Briefe zwischen Lessing und seiner späteren Frau Eva König. In jeder ausführlichen Lessing-Biografie werden sie besprochen, erwähnt und zur Untermauerung verschiedener Thesen herangezogen. Mal sind sie bezeichnend für Lessings melancholische Grundstimmung, mal für dessen Klagelust; ein andermal sind sie Zeugnisse einer späten und reifen Liebe; ein weiteres Mal angebliche Beweise für Lessings schwieriges Verhältnis zu Emotionen und der Angst vor dem Verlust seiner gewohnten Freiheit.

Verschiedene Lesarten der Briefe sind sicherlich möglich, vielleicht treffen alle in einer bestimmten Art und Weise auch zu. Anhand verschiedener Punkte, die ich auf den nachfolgenden Seiten ansprechen und diskutieren möchte, werde ich der Frage nachgehen, ob diese Briefe tatsächlich Zeugnisse einer intensiven Freundschafts – und Liebesbeziehung sind oder doch eher ein Mittel um sich Gehör zu verschaffen, sich seiner Existenz zu versichern und sich seines seelischen Ballasts zu entledigen.

Dazu werde ich die Arbeit in zwei Kapitel gliedern: In Lessings Zeit vor dem Umzug nach Wolfenbüttel, in der er Eva Königs Bekanntschaft machte und sich beruflich derart verkalkulierte, dass er eine Stelle als Bibliothekar im zu weit von seinem geliebten Hamburg entfernten Wolfenbüttel annehmen `musste´, und schließlich in die Zeit ab 1770, in der für ihn eine schwierige Phase des Umbruchs begann, da er sich nur mit Mühe ein Leben in Wolfenbüttel vorstellen konnte und in der daraus resultierend auch der Briefwechsel mit der inzwischen verwitweten Eva König einsetzte. Auf ihre kurze Ehe und deren tragische Folgen werde ich zuletzt eingehen.

2. Lessings Leben vor Wolfenbüttel ab 1767

Das Jahr 1767 war das Jahr in dem Lessing als Dramaturg am Projekt des Nationaltheaters mitwirkte und dafür auch nach Hamburg umzog. „Er war älter geworden, und sein Lebensstil hatte sich gegenüber der Zeit in Leipzig, Berlin und Breslau geändert. Auch wenn er sich hin und wieder am Spieltisch zeigte […], lagen die Bohéme- und Casino-Jahre hinter ihm.“[2]

Die Bekanntschaft mit dem Hamburger Kaufmann und Kommisionsrat Schmidt war überaus hilfreich, denn dieser führte ihn in die erlesenen Kreise der Gesellschaft Hamburgs ein. Und einer dieser Wege führte Lessing in das Haus des Seidenhändlers Engelbert König.

2.1 Die Kaufmannsfamilie König

In den Patrizierhäusern der hohen Hamburger Gesellschaft war Lessing – neben dem damaligen „Dichterstar“[3] Friedrich Gottlieb Klopstock - gern gesehener Gast, stand der geistige Gedankenaustausch bei den regelmäßig veranstalteten Lese- und Diskussionsabenden doch immerhin im Vordergrund. Die Familie König gehörte zum engsten Freundeskreis, den Lessing in Hamburg hatte. Lessing war Pate des jüngsten Kindes und auch derjenige, wie die Königsche Familienüberlieferung besagt, der von Engelbert König selbst dazu auserkoren worden war sich im Falle seines Todes dessen Familie anzunehmen. Der Tod des Familienoberhauptes kam dann auch schneller als erwartet am Ende des Jahres 1769. Auf Geschäftsreise in Venedig war er erkrankt, wenige Tage später verstorben und am 21. Dezember 1769 auf dem Friedhof St. Christoforo beigesetzt worden.[4]

„Wenn mir etwas Menschliches begegnen sollte, so nehmen Sie sich meiner Frau und Kinder an“[5] soll der genaue Wortlaut des Engelbert Königs geheißen haben – und in seelischer Hinsicht war es auch durchaus im Vermögen Lessings diesem Wunsch nachzukommen. Als Zuhörer und Ratgeber konnte er der Witwe eine Stütze sein, nicht jedoch im Hinblick auf die Verwaltung der geschäftlichen Angelegenheiten der Fabriken, die Engelbert König hinterlassen hatte, denn war Lessing auch noch so ein Genie im Umgang mit Worten, so verließ ihn jegliches Talent im kaufmännischen Bereich.

Eva König nahm die Geschäfte selbst in die Hand (mit Hilfe eines befreundeten Kaufmanns) und versuchte den Produktionsstand der in Schwierigkeiten geratenden Samt- und Tapetenfabriken soweit zu erhöhen, dass diese ohne großen Verlust verkauft werden konnten. Über mehrere Jahre zog sich diese „Nachlassverwaltung“ ihres verstorbenen Mannes hin, bis die Fabriken endlich verkauft waren. Eva König hatte gelitten – körperlich und geistig war die einst gesunde Frau stark geschwächt worden. Es spricht für ihren Charakter, dass sie es unterließ, Lessing mit ihren Problemen diesbezüglich zu belasten.[6]

2.2. Fehlkalkulationen und finanzielle Not

Hamburg sollte für Lessing die Stadt sein, in der er sich seine Existenzgrundlage nicht nur sichern, sondern auch verbreitern wollte. Vorausschauend nahm er nach langen Verhandlungen eine Stelle als Dramaturg am neu gegründeten `Deutschen Nationaltheater´ an und - baute sich zusammen mit Johann Bode eine Druckerei auf. Seine unternehmerischen Pläne mit Bode waren ihm so wichtig, dass er seine bis dahin inzwischen erstaunlich gut bestückte Bibliothek durch seinen Bruder Karl versteigern ließ, um das notwendige Kapital zu gewinnen.

In der gemeinsamen Druckerei wurde passenderweise auch die `Ankündigung´ der Hamburgischen Dramaturgie hergestellt, die am 22. April 1767 zur Eröffnung des Theaters ausgegeben wurde.[7]

Der Traum vom Nationaltheater war allerdings schnell wieder vorbei: Kein wirklich neuer Spielplan, berechtigte Reserviertheit des Publikums und organisatorische Unfähigkeit führten zum Ende der Theaterunternehmung. Und auch der Versuch des Druckereiunternehmens scheiterte. Die Hamburgische Dramaturgie brachte kaum finanziellen Erfolg, der Kampf gegen Nachdrucke und andere Probleme brachten Lessing soweit, dass das Unternehmen mit Bode in Bedrängnis geriet und er weitere Teile seiner Bibliothek versteigern lassen musste. Hochverschuldet und ohne den Optimismus von einst sah sich Lessing nun nach neuen Angeboten um, doch wägte er diese meist gegen Hamburg und seinen dortigen Freundes- und Bekanntenkreis ab:

„Begegnungen mit Klopstock und Herder waren Höhepunkte der Hamburger Jahre, außerdem lernte er eine Reihe wichtiger Literaten kennen, wie Boie, Claudius, Gerstenberg, Ebert, Eschenburg, nicht zu vergessen die großen Theaterleute Ekhof und Schröder. Gerade die anregende Vielfalt der so gebotenen Möglichkeiten des Austauschs, der Geselligkeit in der aufstrebenden Handelsstadt Hamburg machten es ihm schwer, an irgendein Amt in der `Provinz´, unterhalb des Niveaus, ernsthaft zu denken.“[8]

Im September 1769 erhielt er das Angebot des braunschweigischen Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand, Bibliothekar an der `Bibliotheca Augusta´ in Wolfenbüttel zu werden. Um so eine Stelle hatte er sich früher schon einmal beworben, aber Lessing zögerte. Die Idee, von Hamburg in die ehemalige, 1753 durch Braunschweig abgelöste Residenzstadt Wolfenbüttel umzuziehen, gefiel ihm nicht. Er sei in Hamburg „so tief eingenistet“ und kann sich nur „gemächlich losreißen“, schrieb er am 7. November an Ebert. Er hatte allerdings keine Alternative, nur den Zwang seine Existenz zu sichern. Dieser Zwang führte ihn am 4. Mai 1770 nach Wolfenbüttel.[9]

[...]


[1] http:// www.literatur-live.de/news6.htm

[2] Jasper, Willi (2001): Lessing. Aufklärer und Judenfreund. Propyläen: Berlin-München. S.75.

[3] Jasper, S. 76.

[4] Vergl.: Hildebrandt, Dieter (1979): Lessing. Biografie einer Emanzipation. dtv: München. S.377.

[5] Jasper, S.77.

[6] Vergl. Jasper, S.77.

[7] Vergl. Barner, W. u.a. (1998): Lessing. Epoche-Werk-Wirkung. 6. Aufl. Verlag C.H. Beck. München.S.111.

[8] Barner, W. u.a., S. 113.

[9] Vgl. Barner, W. u.a., S.113.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Lessings Briefwechsel mit Eva Konig: Dokumente einer intensiven Freundschafts- und Liebesbeziehung oder Klageschriften eines vereinsamenden Melancholikers?
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Note
2+
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V49809
ISBN (eBook)
9783638461672
ISBN (Buch)
9783638791533
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessings, Briefwechsel, Konig, Dokumente, Freundschafts-, Liebesbeziehung, Klageschriften, Melancholikers, Wolfenbüttel
Arbeit zitieren
M.A. Nicole Gast (Autor), 2005, Lessings Briefwechsel mit Eva Konig: Dokumente einer intensiven Freundschafts- und Liebesbeziehung oder Klageschriften eines vereinsamenden Melancholikers?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49809

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