Das Ende 1990 verabschiedete Umwelthaftungsgesetz (UHG) qualifizierte sich mit seiner Eigenschaft, Entscheidungen von Unternehmen über die Nutzung knapper (Umwelt)Ressourcen zu beeinflussen, als Gegenstand der theoretischen Umweltökonomie. Seither beschäftigt sich die deutschsprachige umweltökonomische Literatur, neben der theoretischen Analyse von Auflagen, Abgaben und Zertifikaten als Instrumente der Umweltpolitik, zunehmend mit der Frage, inwieweit eine Haftung für Umweltschäden die potentiellen Verletzer (Opfer) zur Durchführung effizienter Sorgfaltsmaßnahmen anreizen kann. Dabei knüpft die umfassende umweltökonomische Analyse von Haftungsregeln insbesondere an die bestehende amerikanische “Ökonomische Theorie des (Haftungs)Rechts“ (ÖTR) an.
Vor dem Hintergrund der aufgezeigten wissenschaftlichen Entwicklung besteht das Hauptanliegen der nachfolgenden Ausführungen in der Vermittlung bereits gewonnener Erkenntnisse in Bezug auf die Eignung des Haftungsrechts als umweltökonomisches Instrument. Anhand des ökonomischen Grundmodells des Haftungsrechts werden dabei zunächst die Allokationswirkungen zweier Haftungsprinzipien untersucht (Gliederungspunkt 2). Während im Unterpunkt 2.1 das Grundmodell mit seinen restriktiven Prämissen entwickelt wird und damit grundlegende theoretische Wirkungsmechanismen aufgezeigt werden sollen, wird in den Unterpunkten 2.2 und 2.3 ein stärkerer Realitätsbezug hergestellt. Dieses geschieht zum einen durch eine Modifikation der Annahmen und zum anderen durch die Erweiterung des Modellrahmens um den Einbezug eines Versicherungsmarktes. Der Gliederungspunkt 3 dient der Verknüpfung zwischen der erfolgten theoretischen Analyse und dem Status Quo des Umwelthaftungsrechts in Deutschland. Dazu werden zunächst die rechtlichen Grundlagen des UHG kurz dargestellt (3.1). Bevor abschließend ein konkreter inhaltlicher Aspekt des Umwelthaftungsrechts in den Mittelpunkt der Ausführung rückt mit dessen Hilfe besonders deutlich Parallelen zwischen umweltökonomischer Theorie und umweltpolitischer Praxis aufgezeigt werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das ökonomische Grundmodell des Haftungsrechts
2.1 Wohlfahrtstheoretische Analyse verschiedener Haftungsregeln
2.1.1 Allokationswirkung der Verschuldenshaftung
2.1.2 Allokationswirkung der Gefährdungshaftung
2.2 Wirkungsbrüche - Probleme der Internalisierung externer Effekte
2.2.1 Abweichung von Schaden und Schadensersatz
2.2.1.1 Vollständige Abweichung von Schaden und Schadensersatz
2.2.1.2 Partielle Abweichung von Schaden und Schadensersatz
2.2.2 Suboptimale Sorgfaltsstandards
2.3 Präventionswirkung einer Versicherung von Umweltrisiken
2.3.1 Sorgfaltsgleichgewichte bei Versicherung mit fairer Prämie
2.3.2 Sorgfaltsgleichgewichte bei Versicherung mit moralischem Risiko
3. Das deutsche Umwelthaftungsrecht
3.1 Rechtliche Grundlagen
3.2 Das Umwelthaftungsgesetz bei alternativer Kausalität
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Eignung des Haftungsrechts als umweltökonomisches Instrument. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, unter welchen Bedingungen Haftungsregeln Anreize für Unternehmen schaffen können, effiziente Sorgfaltsmaßnahmen zur Schadensvermeidung zu ergreifen.
- Ökonomische Grundmodelle des Haftungsrechts (Verschuldens- vs. Gefährdungshaftung)
- Problematiken der Internalisierung externer Effekte durch Schadensdiskontierung
- Einfluss von Versicherungsmechanismen und Informationsasymmetrien (Moral Hazard)
- Strukturelle Analyse und Anwendung des deutschen Umwelthaftungsgesetzes
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Allokationswirkung der Gefährdungshaftung
Unter der Gefährdungshaftung haftet der potentielle Verletzer im Gegensatz zur Verschuldenshaftung unabhängig von seinem verwirklichten Niveau der Sorgfaltsvorkehrungen für jeden Schaden. Er wird sich also hinsichtlich seiner Entscheidung über das von ihm auszuübende Sorgfaltsniveau x an den Sorgfaltskosten sowie an den Kosten erwarteter Schäden orientieren. D.h. er wird schließlich das Sorgfaltsniveau wählen bei dem die Summe aus Sorgfaltskosten und erwarteten Schäden minimal wird. Demgemäß basiert das Verhalten des Verursachers auf folgender Zielfunktion: KG(x)= KA(x) + ES(x) = min!.
Diese ist mit der bei der Bestimmung des Pareto-Optimums verwendeten Funktion identisch. Das Gleichgewichtssorgfaltsniveau des potentiellen Verursachers ist unter der Gefährdungshaftung somit ebenfalls pareto-optimal. Demzufolge stellt die Abbildung 1 analog zur Darstellung der pareto-optimalen Allokation auch den Gleichgewichtszustand unter der Gefährdungshaftung dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die umweltökonomische Relevanz des Haftungsrechts ein und erläutert die methodische Herleitung über ökonomische Grundmodelle.
2. Das ökonomische Grundmodell des Haftungsrechts: Dieses Kapitel analysiert die theoretischen Anreizwirkungen verschiedener Haftungsregeln auf die Schadensprävention von Unternehmen.
3. Das deutsche Umwelthaftungsrecht: Hier werden die rechtlichen Grundlagen des deutschen Umwelthaftungsgesetzes dargestellt und auf reale Anwendungsfälle, insbesondere bei Kausalitätsfragen, angewandt.
4. Fazit: Das Fazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und betont die Ähnlichkeit der tatsächlichen Wirkung des Umwelthaftungsgesetzes mit dem Modell der Verschuldenshaftung.
Schlüsselwörter
Haftungsrecht, Umwelthaftungsgesetz, Umweltökonomie, Verschuldenshaftung, Gefährdungshaftung, Schadensdiskontierung, Sorgfaltsstandards, Externe Effekte, Versicherung, Moral Hazard, Allokation, Pareto-Optimum, Umweltschutz, Kausalitätsvermutung, Prävention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Haftungsrecht als ökonomisches Instrument zur Internalisierung externer Umweltkosten genutzt werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die ökonomische Theorie der Haftung, die Auswirkungen von Versicherungen auf das Sorgfaltsverhalten und die rechtliche Praxis in Deutschland.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Frage lautet, inwieweit Haftungsregeln Unternehmen dazu anreizen können, ein gesellschaftlich effizientes Maß an Sorgfalt bei umweltschädlichen Aktivitäten zu wählen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine modelltheoretische Analyse auf Basis der ökonomischen Theorie des Rechts verwendet, um Anreizwirkungen grafisch und mathematisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Unterschiede zwischen Verschuldens- und Gefährdungshaftung sowie die Auswirkungen von Realitätsfaktoren wie Versicherungen und Haftungsbegrenzungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Umwelthaftungsgesetz, Allokation, Schadensdiskontierung, Moral Hazard und Pareto-Optimale Sorgfaltsaktivität.
Warum führt eine feste Versicherungsprämie laut Modell zu Fehlallokationen?
Da die Prämie unabhängig vom Sorgfaltsniveau ist, verliert der Verursacher den ökonomischen Anreiz, in eigene Präventionsmaßnahmen zu investieren, was zu einem Null-Sorgfaltsniveau führt.
Wie wirkt das deutsche Umwelthaftungsgesetz laut der Analyse?
Aufgrund der komplexen Regelungen zur Kausalitätsvermutung wirkt das Gesetz ökonomisch betrachtet ähnlich wie eine Verschuldenshaftung.
- Quote paper
- David Helfenbein (Author), 2005, Haftungsrecht als umweltökonomisches Instrument, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49844