Seit Veröffentlichung der ersten PISA-Studie im Jahre 2000 steht das Thema „Bil-dung“ (endlich ?) wieder einmal im Zentrum öffentlichen Interesses.
Die Ursachensuche für das schlechte Abschneiden 15-jähriger deutscher Schüler2 unter anderen in den Bereichen Lesefertigkeit und Textverständnis beschäftigt sowohl Politiker als auch Fach- und Wissenschaftsexperten sowie Eltern und Schüler.
Seither vergeht kaum eine Woche ohne Veröffentlichungen in Printmedien, Hörfunk und Fernsehen.
Das Ergebnis der nun veröffentlichten, zweiten PISA Studie belegt darüber hinaus, dass nur in wenigen anderen Staaten der Welt die Leistungen der 15-Jährigen so stark an die soziale Herkunft gekoppelt sind wie hier zu Lande.
Dazu meint die FAZ vom 06.11.05: „Was passiert, wenn ein Drittel einer Altersgruppe nicht in der Lage ist, vernünftig Zeitung zu lesen? Was bedeutet das für das politische Bewusstsein?“
Im Leitartikel der FAZ vom 31.10.05meint Heike Schmoll:
„Melanchthons Empfehlung sich beim Lernstoff vom Besten das Beste auszuwählen, und zwar, ´was zur Kenntnis der Natur und zur Bildung des Charakters beiträgt´, wäre modernen Bildungstheoretikern zu wünschen. Lehrpläne sähen dann anders aus, Diskussionen über einen Bildungskanon erledigten sich von selbst. … Melanchthon wuss-te, dass Sprache und Denken, Wort und Erkenntnis untrennbar miteinander verknüpft sind. Seine eigene Sprache zu finden ist deshalb nicht zufällig mit der Selbstwerdung und Mündigkeit verbunden. Deshalb gehören Sprach- und Stilschulung zu seinen Hauptanliegen, weil sie der Charakterbildung dienten. … Jeder sollte die Möglichkeit haben, selbst zu lesen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Grundlegend für die Befreiung aus jeglicher Unmündlichkeit ist darum die Lesefähigkeit.“
Die KMK-Vizepräsidentin Doris Ahnen (SPD) folgert darüber hinaus in der Frankfurter Rundschau, „für die Minister sei ´völlig klar´, dass die Leistung an den Schulen deutlich verbessert und mehr Chancengleichheit erreicht werden müsse. … Schwächere Schüler müssten früher gefördert werden. Entscheidend für den Schulerfolg für Migrantenkinder sei zudem, dass diese die deutsche Sprach frühzeitig erlernen.“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklungsaufgabe Schulanfang
2.1 Der Schuleintritt – eine Herausforderung
2.2 Vom Schulreifebegriff zur Entwicklung von Schulfähigkeit
2.3 Subjektive Theorien
3. Schuleingangsdiagnostik
3.1 Entwicklungstendenzen
3.2 Das Kieler Einschulungsverfahren
3.3 Informelle Verfahren
3.4 Die Sprachstandserhebung – eine gesetzliche Neuregelung
4. Die neue Schuleingangsstufe
5. Sprach- und Lesekompetenz
5.1 Sprachkompetenz
5.2 Lesekompetenz und Schriftsprache
5.3 Phonologische Bewusstheit
5.4 Die internationale Grundschulleseuntersuchung (IGLU)
6. Fördermaßnahmen zur Entwicklung der gesprochenen Sprache
6.1 Das kanadische Sprachentwicklungskonzept „Learning Language and Loving it“
6.2 „Vorlaufkurse“ in Deutschland / Hessen
6.3 Sprachförderung in der Vorklasse
7. Von der gesprochenen Sprache zur Schriftsprache
8. Lesekonzepte im Anfangsunterricht
8.1 Der klassische Fibellehrgang in der Diskussion
8.2 Das Modell Reichen – eine Alternative?
9. „Stimmen aus der Praxis“
9.1 Protokoll einer Sprachstandserhebung
9.2 Vorüberlegungen zu einem Leitfadeninterview:
Kriterien der Auswahl einer Interviewpartnerin
9.3 Interview im Wortlaut:
9.4 Gedanken zum Interview
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen beim Übergang vom Elementar- zum Primarbereich und beleuchtet gezielte Fördermöglichkeiten zur Sprachentwicklung. Im Fokus steht die Frage, wie pädagogische Konzepte wie die "neue Schuleingangsstufe" und die Methode "Lesen durch Schreiben" dazu beitragen können, individuellen Förderbedarf frühzeitig zu erkennen und die Schulfähigkeit der Kinder im Rahmen eines integrativen Systems zu fördern.
- Entwicklung und Wandel des Schulfähigkeitsbegriffs
- Methoden der Schuleingangsdiagnostik zur Früherkennung von Sprachdefiziten
- Bedeutung der phonologischen Bewusstheit für den Schriftspracherwerb
- Verzahnung von vorschulischer Förderung und Anfangsunterricht
- Vergleich zwischen traditionellen Fibellehrgängen und dem Modell "Lesen durch Schreiben"
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Schuleintritt – eine Herausforderung
Immer mehr schulpflichtige Kinder scheinen die notwendigen Voraussetzungen für den Eintritt in die Schule nicht mehr zu erfüllen. Dabei ist zu fragen, wer welche Erwartungen mit welchen Zielsetzungen hat?
Laut Aussagen von „Experten aus der Unterrichtspraxis“ zeigen schulpflichtige Kinder erhebliche Unterschiede in ihren Lernvoraussetzungen, Interessen und Verhaltensweisen.
Fragt man nach den Ursachen, so kommt in der Literatur kulturellen Faktoren eine bedeutende Rolle zu. Aufgrund unterschiedlichster Erwartungen an die künftigen Schüler werden schulpflichtige Kinder immer häufiger vom Schulbesuch zurückgestellt. In den letzten 25 Jahren nahm die Zahl der Zurückstellungen stetig zu. Von 5 % Nichteinschulungen im Jahre 1970 ist der Prozentsatz auf 11,6 % im Jahre 1996 im Land Hessen gestiegen. Dabei zeigen sich innerhalb der verschiedenen Schulen beachtliche Unterschiede. Durch diese Entwicklung werden im Vergleich zu anderen Ländern die Schulanfänger in der Bundesrepublik Deutschland immer älter.
In den europäischen Staaten variiert das Einschulungsalter zwischen fünf Jahren (in England und Frankreich) bis zu sieben Jahren (in Schweden und Finnland). Es stellt folglich keine festgelegte Größe dar, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Das Schuleintrittsalter ist daher keine festgelegte Größe, sondern veränderte sich im Laufe der Geschichte, wobei „jeder Lösung jeweils eine bestimmte sachliche Überzeugung“ zu Grunde lag.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Herausforderungen des Schuleintritts vor dem Hintergrund aktueller Bildungsstudien wie PISA und betont die Notwendigkeit, Sprachförderung frühzeitig zu verankern.
2. Entwicklungsaufgabe Schulanfang: Dieses Kapitel analysiert den Wandel des Schulfähigkeitsbegriffs und die Problematik, dass die Schule den Schuleintritt oft als Selektionshürde begreift.
3. Schuleingangsdiagnostik: Es werden verschiedene Verfahren zur Feststellung der Schulfähigkeit diskutiert, wobei der Fokus auf der Abkehr von selektiven Tests hin zur Förderdiagnostik liegt.
4. Die neue Schuleingangsstufe: Das Konzept der neuen Schuleingangsstufe wird als Modell vorgestellt, das durch jahrgangsübergreifendes Lernen dem Kind gerecht werden soll.
5. Sprach- und Lesekompetenz: Dieses Kapitel erörtert die Bedeutung der Sprachkompetenz und phonologischen Bewusstheit als fundamentale Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb.
6. Fördermaßnahmen zur Entwicklung der gesprochenen Sprache: Hier werden konkrete Interventionsmöglichkeiten wie das kanadische "Hanen-Konzept" sowie hessische Vorlaufkurse vorgestellt.
7. Von der gesprochenen Sprache zur Schriftsprache: Das Kapitel beschreibt den prozessualen Weg vom frühen Kontakt mit Schrift im Vorschulalter bis hin zum systematischen Lernen im Anfangsunterricht.
8. Lesekonzepte im Anfangsunterricht: Es findet eine kritische Auseinandersetzung zwischen traditionellen Fibellehrgängen und dem schreiborientierten Modell nach Reichen statt.
9. „Stimmen aus der Praxis“: Dieser Abschnitt bietet durch Hospitationsprotokolle und Experteninterviews einen direkten Einblick in die praktische Umsetzung und Reflexion der behandelten Konzepte.
Schlüsselwörter
Schulfähigkeit, Schuleingangsdiagnostik, Sprachkompetenz, Lesekompetenz, Phonologische Bewusstheit, Schriftspracherwerb, Lesen durch Schreiben, Vorlaufkurse, PISA, IGLU, Schulanfang, Elementarbereich, Primarbereich, Förderdiagnostik, Differenzierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die didaktisch-methodischen Anforderungen an die Schuleingangsphase unter Berücksichtigung aktueller PISA-Ergebnisse und beleuchtet Ansätze zur individuellen Sprachförderung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen Schulfähigkeitskonzepte, Diagnoseverfahren, Schriftspracherwerb und die Verzahnung von Kindergarten und Grundschule.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, pädagogische Wege aufzuzeigen, wie Kinder individuell in ihrer Sprachentwicklung gefördert und Übergangshürden beim Schuleintritt abgebaut werden können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine fundierte Literaturanalyse und verbindet diese mit empirischen Beobachtungen (Protokolle) sowie Experteninterviews.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Kritik an Selektionsmechanismen, der Vorstellung der "neuen Schuleingangsstufe", Sprachförderprogrammen und Methoden wie "Lesen durch Schreiben".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselaspekte sind Schulfähigkeit, Förderdiagnostik, Sprachstandserhebung, Schriftspracherwerb und individuelle Differenzierung.
Warum wird das Modell "Lesen durch Schreiben" kritisch betrachtet?
Es bietet zwar große Freiheiten und Motivation, birgt jedoch laut Kritikern die Gefahr, dass schwächere Kinder durch fehlende systematische Anleitung weniger profitieren als bildungsnahe Kinder.
Was sagt die befragte Expertin zur Schuleingangsdiagnostik?
Sie plädiert für eine Ausweitung subjektiver Beobachtungen durch wissenschaftlich normierte Testverfahren, um gezieltere Förderpläne erstellen zu können.
Inwiefern beeinflusst PISA die Schuleingangsstufe?
PISA hat den Druck erhöht, Sprachdefizite bereits vor der Einschulung systematisch zu identifizieren und die Qualität der vorschulischen Förderung zu sichern.
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- Nadine Häfner (Author), 2005, Die neue Schuleingangsstufe - Didaktisch-methodische Überlegungen zum Begriff von Schulfähigkeit und Konzepten zur Förderung von Sprachkompetenz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49859