Betrügen sich die Bürger im Lalebuch selbst, um den Freiheitsbrief zu erhalten?


Essay, 2019
6 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Einleitung

Dieser Essay beschäftigt sich mit der Frage, ob sich im Verhalten der Lalen selbstbetrügerischer Konsens wiederfinden lässt. Welche Konsequenzen ein solcher Selbstbetrug mit sich zieht spielt hierbei eine untergeordnete Rolle. Um die zentrale Fragestellung differenziert beantworten zu können ist es eine nähere Beleuchtung der Annahme, ob die Lalen nun jemals weise waren, es immer waren oder es darauf keine eindeutige Antwort gibt, unausweichlich. Anhand hinzugezogener Hypothesen verschiedener Sprachwissenschaftler sowie entsprechend angeführter Beispiele aus den Kapiteln 6, 26, und 28 zeige ich mit der Methode der Gegenüberstellung verschiedene Deutungsansätze auf und beantworte auf Basis meiner Rechercheergebnisse die Frage nach selbstbetrügerischen Tendenzen in der Narrenfigur des Lalen und inwiefern ihre Weisheit, beziehungsweise Narrheit damit einhergeht. Abschließend werde ich noch einmal auf die ursprüngliche Fragestellung eingehen und die gewonnenen Untersuchungsergebnisse in einem persönlichen Fazit zusammenführen sowie einen Ausblick formulieren.

Hauptteil

Im Folgenden möchte ich auf Hans-Rudolph Veltens Diskursanalyse eingehen, welcher zwar von einer bestehenden, aber im Laufe der Handlung immer mehr verkümmernden Weisheit ausgeht. Die ehemals als Mittel zum Zweck genutzte Narrheit der Lalen ergreift Besitz von ihnen und ohne sich dessen Gewahr zu sein, geraten sie in eine Abwärtsspirale, welche sie letzten Endes sogar noch tiefer in die Abhängigkeit zieht, als dies zu Beginn der Fall war. Für Velten markiert der Freiheitsbrief der Lalen in Kapitel 28 eine Wendung in der Handlung, ab welcher fortan die närrische Seite der Lalen dominiert und der Triumpf darüber, den Freiheitsbrief erhalten und somit ihr Ziel erreicht zu haben, die weittragenden Konsequenzen der Tatsache, sich nun endgültig in die Sackgasse der Torheit manövriert zu haben, überstrahlt. Somit üben die Lalen, ohne sich dessen bewusst zu sein, Betrug an sich selbst aus, indem sie sich unbemerkt mit der Rolle des Narren identifiziert haben, jedoch in ihrer Torheit nicht das Zerwürfnis ihrer Situation bemerken und somit ihre ehemaligen Werte verraten[1]. Es sprechen die Bewohner von Lalenburg zwar in ihrem Freiheitsbrief davon „ein newes Leben fu rohin anzufangen“[2], lassen jedoch außer Acht, schon seit geraumer Zeit in ihrem närrischen Zustand zu leben und sich ihm nicht mehr entledigen zu können. Auch die scheinbare Ehre, die ihnen der Kaiser durch sein Einverständnis und Zustimmen auf ihren Freiheitsbrief entgegenbringt[3], ist nur ein bitterer Vorgeschmack dessen, dass sie auf ewig ihren Respekt eingebüßt haben.

Der eben genannten Position würde ich nun im Anschluss gerne Gert Hübners Herangehensweise gegenüberstellen, welche von Anfang an am Wahrheitsgehalt der angeborenen Weisheit der Lalen zweifelt. Laut ihm widerspricht sich die Erzählung selbst, indem sie zwar auf der einen Seite den Rückgang von Weisheit durch vorgegebene Narrheit beteuert, jedoch im Vornherein keine fundierten Hinweise auf eine intellektuelle Herkunftsbasis der Lalen zu finden sind, sondern der Erzähler sogar einräumt, dass die Lalen zwar[4] „auß Griechen[4]land herkommen / vnnd von der weysen Meystern erbohren seyen.“[5], jedoch „daß keine Schreybenten mehr vorhanden / die darvon geschrieben hetten / als welcher Geschrifften vnd Geschichtregister inn der vngehewren Brunst / da Lalenburg sampt allem was darinnen / darunter auch jhre Chronicken gewesen / verbrunnen“[6], also jegliche Beweise über ihre Herkunft vernichtet worden seien. Ebenso stünde der Begriff Lale[7] im absoluten Kontrast zur angeblich akademischen Herkunft letzterer. Nach Hübner brennt sich die unzuverlässige und fadenscheinige Erzählweise beim Leser ein und als Folge dessen wird der erzählerischen Kompetenz misstraut. Ein weiterer Aspekt, den der Leser nicht umherkommt zu bemerken und der die angebliche Weisheit der Lalen sehr ins Wanken bringt, ist, dass die Lalen es zwar so erscheinen lassen, als ob ihre Entscheidung für das Närrische unumgänglich gewesen sei, mit der Vorgabe, im Wohle aller zu handeln - hingegen allerdings, den bereits schon vorher formulierten Vorschlag der Frauen in ihrem Brief, die Tätigkeit als Berater von Zuhause weiter fortzuführen[8], vollkommen außer Acht lassen und vergeblich versuchen, ihrer durchweg egozentrischen Entscheidung den Anschein eines altruistischen Entschlusses im demokratischen Sinne zu verleihen[9]. Der, als selbstloser Gemeinschaftsgedanke maskierte Nutzen zerstört sich also selbst, da er ausschließlich im Eigennutz mündet. Hübner sieht außerdem die Gefahr der Habitualisierung von Narrheit kritisch und bezieht sich hierbei auf Kapitel 6: „Geschiehet wol offt / daß es einem / so sichs vnterstehet / aber die rechte griff nicht weißt / also mißlinget / dz er gar zum Thoren wirt / vnd ein Narr bleibt sein lebenlang[10], wo das Risiko der Verselbständigung bereits angesprochen wird und somit dem Leser unausweichlich vorgegeben scheint[11]. Aus der Perspektive Hübners öffnet sich uns nun ein ambivalentes Feld im Hinblick auf selbstbetrügerisches Verhalten der Lalen. Man könnte zum einen so argumentieren, dass aus dem Abbleiben von Weisheit auch kein intentionierter Selbstbetrug entspringen könnte, zum anderen bleibt fraglich, ob jedoch ihr, aus Dreistigkeit und Schamlosigkeit motiviertes Handlungsmodell so ganz ohne jegliches Kalkül funktioniert hätte. Ein ebenso zwiegespaltenes Verhältnis von Weisheit und Narrheit erkennt Andreas Bässler in den Lalen, wobei er der Meinung ist, dass Narrheit und Weisheit in einer Art Wechselbeziehung zueinanderstehen, da es nach ihm der Weisheit bedarf, um einen närrischen Anschein erwecken zu können[12]. Aufgrund des Wechselspiels mit Extremen ist es laut Bässler nicht eindeutig erkennbar, ob die Lalen entweder weise bleiben oder zuletzt zu vollkommen irrsinnigen Narren geworden sind. Die Ambivalenz von Ernsthaftigkeit und Schabernack welche beide gleichermaßen in der Erzählung vorkommen und in der Figur des Lalen zu finden sind, lassen nicht klar erkennen ob und wenn ja, welche Seite überwiegt. So befinden sich die Lalen am Ende in einer Art Schwebezustand, welche sie nicht unzweifelhaft weder einem weisen, noch einem ausschließlich törichten Charakter zuordnen lassen[13], dementsprechend bleibt auch hier die Frage nach dem Selbstbetrug unbeantwortet aufgrund des antagonistischen Wesens der Lalen.

Um das deutungsschematische Spektrum allerdings umfassend zu untersuchen, werde ich zum Schluss noch die Ergebnisse Hans-Jürgen Bachorskis miteinbeziehen, welcher darauf hinweist, dass wir uns als Leser nicht völlig, der vom Erzähler beabsichtigten Perspektive entziehen können und uns dieser in genau die Denkrichtung, dass die Lalen nämlich ausschließlich beschränkt seien, lenken möchte. Er wirft auch die Frage auf, inwieweit wir uns dessen als Leser dessen bewusst sind. Beispielsweise will der Kaiser in Kapitel 26 auf die, im vorherigen Kapitel vollzogene sprachliche Anmaßung reagieren, in welchem die Lalen zwar nicht inhaltlich, jedoch eloquent geglänzt haben. Als Entgegnung stellt er den Lalen ebenso ein Rätsel, welches sich grundlegend in seiner gedanklichen Herangehensweise von den Rätseln der Lalen unterscheidet: „Als er nehermalen bey jhrem Dorff durch den Wald gereiset / hab er einen todten Wolff / welcher gestorben gewesen / gefunden ligen: da sollten sie jhme nun sagen / was da mo chte vrsach seines tods gewesen sein?“[14]. Die Antworten der Lalen erscheinen zwar nicht alle konventionell korrekt, jedoch besitzen sie dennoch erstaunlichen Tiefgang, wie etwa die Antwort, der Wolf sei möglicherweise aus Schmerz gestorben[15] und bemerkenswert viele Optionen werden in den Antworten bereitgestellt, wovon dann die abwegigste und ungewöhnlichste von allen ausgewählt wird und der Kaiser nimmt sie an. Ob aus Zustimmung oder purer Fassungslosigkeit über so viel Abwegigkeit, sei dahingestellt. Der Leser erhält den Eindruck, die regelwidrige und gedankliche Struktur der Lalen sei närrisch, jedoch existieren auch in unserer heutigen Gesellschaft solche stigmatisierten Sichtweisen und entscheiden, was die Norm ist. Die Lalen verweigern sich in gewissem Maße den existierenden Konventionen der Gesellschaft, wohingegen sowohl Leser als auch Erzähler eine übergeordnete Rolle einnehmen und eine intellektuelle Autorität suggerieren, während die Lalen gerade ihre Narrheit instrumentalisieren, um sich wiederum dieser entgegenzustellen[16]. Mitunter sei es notwendig, aus der eigenen Sichtweise ein Stück herauszutreten und sich noch einmal in die damalige politische und gesellschaftliche Lage zu versetzen. Der Erzähler, welcher für eine normorientierte Instanz steht ist derjenige, der die Lalen als durchweg lächerlich dastehen lässt. Inwiefern lässt das Schlüsse auf den möglicherweise fundierteren Tiefgang der humorösen Erzählung ziehen? Bachorski öffnet uns hier den Blick dafür, dass der ursprüngliche Entschluss, sich vom Rest der Gesellschaft abzusondern, nicht nur durch trivialen Egoismus erklärt werden kann, sondern es möglicherweise fundamentalere Beweggründe für die Bürger damals gab. Er ist nicht der Meinung, dass wir hier eine irrsinnige Erzählung über ein paar desolate Narren, sondern ein gesellschaftskritisches Werk vorliegen haben, dass die Missstände des 16. Jahrhunderts scharf kritisiert, indem es sich über Konventionen hinwegsetzt[17].

[...]


[1] Vgl. Hans Rudolf Velten, Die verbannten Weisen. Zu antiken und humanistischen Diskursen von Macht, Exil und Glück im Lalebuch, in: Daphnis 33 Heft 3-4 (2004), S. 720-723.

[2] Das Lalebuch. Hrsg. von Stefan Ertz, Stuttgart: Reclam 1982, S. 105.

[3] Vgl. Lalebuch. S. 104.

[4] Vgl. Gert Hübner: Vom Scheitern der Nützlichkeit. Handlungskalküle und Erzählverfahren im Lalebuch, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 127 (2008) S. 357-373.

[5] Lalebuch. S. 11.

[6] Ebd. S.11.

[7] Schwetzer, Schwätzer (nhd.).

[8] Vgl. Lalebuch. S. 24.

[9] Vgl. Hübner: Vom Scheitern der Nützlichkeit, S. 364.

[10] Lalebuch. S.30.

[11] Vgl. Hübner: Vom Scheitern der Nützlichkeit, S. 357-373.

[12] Vgl. Andreas Bässler: Die Funktion des Rätsels im Lalebuch (1597), in: Daphnis 26 Heft 1 (1997) S. 62.

[13] Vgl. Ebd. S.68.

[14] Lalebuch. S. 101.

[15] Vgl. Ebd. S. 102.

[16] Hans-Jürgen Bachorski: Irrsinn und Kolportage. Studien zum Ring, zum Lalebuch und zur Geschichtklitterung, Trier 2006, S. 309-317.

[17] Vgl. Bachorski: Irrsinn und Kolportage. S. 338-344.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Betrügen sich die Bürger im Lalebuch selbst, um den Freiheitsbrief zu erhalten?
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
6
Katalognummer
V498661
ISBN (eBook)
9783346008503
Sprache
Deutsch
Schlagworte
betrügen, bürger, lalebuch, freiheitsbrief
Arbeit zitieren
Sarah Lillig (Autor), 2019, Betrügen sich die Bürger im Lalebuch selbst, um den Freiheitsbrief zu erhalten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498661

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