Immanuel Kants "Der Streit der Fakultäten". Wie bewertet er die Forderung nach religiöser Autonomie und Freiheit?


Seminararbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kants „Streit der Fakultäten“
2.1 Die Fakultäten innerhalb der antagonistischen Universität
2.2 Der gesetzmäßige Streit der Fakultäten
2.3 Der gesetzwidrige Streit der Fakultäten

3. Der Streit der theologischen mit der philosophischen Fakultät
3.1 Von Religions- und Kirchenglauben
3.2 Kants Standpunkt zur Vielfalt der Religionen

4. Analyse-Faktoren zu Kants Bewertung der Forderung nach religiöser
Autonomie und Toleranz
4.1 Kants Rechtslehre
4.2 „Cuius regio, eius religio“
4.3 Die Erlaubnis-Konzeption der Toleranz Rainer Forsts

5. Bewertung der Autonomie- und Toleranzforderung

6. Primärliteraturverzeichnis

7. Sekundärliteraturverzeichnis

1. Einleitung

Immanuel Kants im Jahr 1798 veröffentlichtes Werk „Der Streit der Fakultäten“ ist eine kulturpolitische Streitschrift und wendet sich politisch gegen die Zensurmaßnahmen der preußischen Regierung. Es ist als Verteidigung der Universität gegen politische Einflussnahme zu verstehen und dient zugleich als innerakademische Abhandlung, um den Antagonismus zwischen den Wissenschaften innerhalb der Universität darzustellen (Brandt 2003).

In dieser Arbeit wird insbesondere Kants Standpunkt zum Antagonismus zwischen der philosophischen und der theologischen Fakultät – als deren Vertreter er sich sieht – beleuchtet. Dabei diskutiert er den staatlichen Einfluss der Regierung auf die Lehren der theologischen Fakultät und stellt sein eigenes Verständnis von Religion vor. Das Kapitel „Der Streit mit der theologischen Fakultät“ kann dabei unter anderem als Verteidigung gegen staatliche religiöse Vorschriften verstanden werden (ebd.).

Die Forderung nach religiöser Autonomie für die Bürger eines Staates und Religionstoleranz steht im Zentrum dieser Arbeit. Auf Grundlage zweier Rechtsverständnisse bzw. -prinzipien Kants und der Erlaubnis-Konzeption der Toleranz von Rainer Forst soll hierbei untersucht werden, wie Kant diese Forderung aus moralischer und rechtlicher Sicht bewertet.

Zunächst aber gibt die Arbeit einen Überblick über die Thematik des „Streits der Fakultäten“, wobei die Aufteilung der Fakultäten innerhalb der Universität beleuchtet wird und die zwei von Kant genannten „Streitvarianten“ untersucht werden. Anschließend steht Kants Abhandlung über den Antagonismus zwischen der philosophischen und theologischen Fakultät im Zentrum, wo insbesondere Kants Begriffe der „Moral“, „Religion“ und „Kirchenglauben“ behandelt werden. Anschließend wird Kants Rechtslehre knapp vorgestellt und das Prinzip „cuius regio, eius religio“ sowie das Konstrukt der „Toleranz“ unter Beihilfe der Definition Rainer Forsts, Professor für Politische Philosophie an der Johann-Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, erläutert. Abschließend werden die genannten Analyse-Faktoren verwendet, um eine Antwort auf die dieser Arbeit zugrunde liegende Fragestellung zu geben.

2. Kants „Streit der Fakultäten“

Immanuel Kant vertritt eine Idee der Universität, die sich zwischen den Polen der Selbstbestimmung und sachbezogener Fremdbestimmung bewegt (Brandt 2003). Sachbezogene Fremdbestimmung bewertet Kant dabei nicht negativ, da er argumentiert, es sei notwendig, dass Universitäten Akademiker hervorbringen, die sich mit dem Wohl – die „Priester“ mit dem ewigen, die „Juristen“ mit dem bürgerlichen und die „Ärzte“ mit dem körperlichen Wohl – des Volkes beschäftigen (Timmermann 2005). Er warnt jedoch vor der Gefahr, dass Universitäten zum „Werkzeug“ der Regierung werden, indem diese durch willkürliche Statute die Art und Weise des universitären Lehrens vorschreibt, somit das Volk unmündig hält und den für Kant notwendigen, kontrollierenden Einfluss der philosophischen auf die übrigen Fakultäten unterbindet. Die Folge sei letztendlich sogar die Gefährdung der Universität als solche (Brandt 2003; Mittelstraß 2005).

2.1 Die Fakultäten innerhalb der antagonistischen Universität

„Der Streit der Fakultäten“ kann als Kants methodisch herausgearbeitete Idee der Universität gesehen werden (Mittelstraß 2005). Die Universität ist nach Kant „eine Art von gelehrtem gemeinem Wesen“ (Giordanetti 2005: XXIV), entstanden auf Grund des Ordnungsinteresses der Regierung einerseits und einer Vernunftidee andererseits (Brandt 2003). Universitäten bestehen aus verschiedenen Fakultäten, die in „drei oberen“ und eine „untere Fakultät“ einteilt werden. Diese Einteilung erfolgt nach Kant jedoch nicht vom Gelehrtenstand selbst, sondern vielmehr von der Regierung (SF A 6). Die oberen Fakultäten sind die der Theologie, Jurisprudenz und der Medizin. In diesen drei Fachgebieten hat die Regierung Interesse daran, die Art und Weise des Lehrens zu bestimmen. Sie verspricht sich dabei den größten Einfluss auf das Volk, weil die Akademiker, die als Priester, Juristen und Ärzte aus den oberen Fakultäten hervorgehen, bei Ausübung ihrer späteren Tätigkeiten unmittelbaren Einfluss auf das Wohl der Bürger haben. Kant geht sogar so weit zu behaupten, dass die erhoffte Einflussnahme die Regierung erst zur Universitätsgründung bewegt habe (Timmermann 2005). Der Maßstab zur Bestimmung des Lehrens ist dabei die staatliche Nützlichkeit und Notwendigkeit (Dietzsch 2010). Die Regierung selbst allerdings „lehrt nicht, sondern befehligt nur die, welche lehren […], weil sie sich bei Antretung ihres Amts durch einen Vertrag mit der Regierung dazu verstanden haben“ (SF A 7) Innerhalb der oberen Fakultäten besteht ebenfalls eine Rangordnung, die entweder der Vernunft oder dem Naturinstinkt nach festgelegt wird: Der Vernunft nach nimmt die theologische Fakultät den höchsten Rang ein (ewiges Wohl eines Jeden) gefolgt von der juristischen (das Bürgerliche als Glied der Gesellschaft) und zuletzt die medizinische Fakultät (Leibeswohl). Durch die Kontrolle über die oberste Fakultät kann die Regierung auf die Gedanken- und Willensbildung der Bürger einwirken. Durch die juristische lehrt sie die Bürger, Gesetze einzuhalten. Durch die medizinische sichert sie sich „die Existenz eines starken und zahlreichen Volks […], welches sie zu ihren Absichten brauchbar findet“. Folgt man jedoch dem Naturinstinkt der Menschen, ist die medizinische die als höchste einzuschätzende Fakultät, dann die juristische, die dem Individuum „das Seine“ verspricht und erst danach die theologische (SF A 12 f.).

Als Gegenpart dieser drei oberen Fakultäten ist die untere – philosophische – Fakultät zu sehen, die ausschließlich im Dienst der Wissenschaft steht und sich daher dem Einfluss der Regierung entzieht. Sie zieht ihr Wissen aus „historischer Erkenntnis“ und der „reinen Vernunfterkenntnis“. Sie umfasst alle Teilgebiete des menschlichen Wissens und nimmt daher sämtliche Lehren in Anspruch, um diese auf ihre Wahrheit zu prüfen. Deshalb ist es eine ihrer Aufgaben, die oberen Fakultäten kritisch zu betrachten und deren Aussagen mitunter anzuzweifeln (SF A 26 f.). Trotzdem hat auch die Regierung ein Interesse an der philosophischen Fakultät. Obwohl es in dieser nicht primär um Nützlichkeit, sondern vielmehr um Wahrheitsfindung1 geht, nützt sie dem Gemeinwesen wahrscheinlich trotzdem, da sie die Menschen – indirekt über ihren Einfluss auf die oberen Fakultäten – klüger macht und zu besseren Bürgern werden lässt (Timmermann 2005).

2.2 Der gesetzmäßige Streit der Fakultäten

Kant argumentiert, dass ein „Streit“2 zwischen den oberen und der unteren Fakultät unausweichlich sei, da freie Erkenntnis und zweckorientiertes Lehren nicht ohne Spannungen koexistieren können. Der Streit, d.h. Gegensatz zwischen den Fakultäten, sei jedoch auch notwendig und die Bedingung dafür, dass Universitäten als solche überhaupt bestehen können (Brandt 2003). Kant beginnt seine Darstellung des gesetzmäßigen Streits mit folgendem Satz: „Welcherlei Inhalt auch die Lehren immer sein mögen, deren öffentlichen Vortrag die Regierung durch ihre Sanktion den obern Fakultäten aufzulegen befugt sein mag, so können sie doch nur als Statute, die von ihrer Willkür ausgehen, und als menschliche Weisheit, die nicht unfehlbar ist, angenommen und verehrt werden.“ (SF A 35) Diese von der Willkür ausgehenden Statute gilt es für die philosophische Fakultät zu überprüfen und anzuzweifeln, wobei sich die Philosophie des Vernunftprinzips bedient. Der Willkür eines „anderen“ (der Regierung bzw. der oberen Fakultäten) ist also die „eigene“ Vernunft entgegenzusetzen (Brandt 2003: 59 f.). Die Handlung der öffentlichen Prüfung versteht Kant als „Pflicht“ der unteren Fakultät (SF A 36). Dem deutschen Philosophen Jürgen Mittelstraß (2005) nach, ist der gesetzmäßige Streit zwischen den Fakultäten demnach ein förderlicher Streit.

2.3 Der gesetzwidrige Streit der Fakultäten

Kant warnt davor, dass der von ihm für notwendig gehaltene gesetzmäßige Streit von einem gesetzwidrigen Streit verdrängt wird. Dabei unterstellt Kant dem Volk, „sein Heil zu oberst nicht in der Freiheit, sondern in seinen natürlichen Zwecken“ (SF A 30), d.h. seinen Instinkten und natürlichen Neigungen nach, zu suchen und das Angenehme dem Guten vorzuziehen (Timmermann 2005). So stellen die Bürger unbillige Forderungen und versuchen, sich die Akademiker dazu gefügig zu machen (Brandt 2003). Das Volk sieht die oberen Fakultäten nicht als nützlich an – wogegen auch Kant nichts einzuwenden hätte –, sondern reduziert diese auf ihre Nützlichkeit für sich selbst (Timmermann 2005): „Was ihr Philosophen da schwatzet, wußte ich längst von selbst; ich will aber von euch Gelehrten wissen: wie, wenn ich auch ruchlos gelebt hätte, ich dennoch kurz vor dem Torschlusse mir einen Einlaßbillett ins Himmelreich verschaffen, wie, wenn ich auch Unrecht habe, ich doch meinen Prozeß gewinnen, und wie, wenn ich auch meine körperlichen Kräfte nach Herzenslust benutzt und mißbraucht hätte, ich doch gesund bleiben und lange leben könne.“ (SF A 31) Die Regierung wiederum gibt diesen Forderungen des Volkes nicht nur nach, indem sie versucht, die Lehrenden der oberen Fakultäten entsprechend zu beeinflussen, sondern unterstütz das Volk in seiner Absicht, sich nicht selbst zu bemühen und sich nicht seines eigenen Verstandes zu bedienen. Die Regierung wirkt also mit der Absicht in die Universitäten, das Volk unmündig zu halten. Die oberen sind somit nicht mehr zu einer Auseinandersetzung mit der unteren Fakultät um Wahrheitsfragen imstande. Damit fehlt die Basis für einen gesetzmäßigen Streit der Fakultäten (Brandt 2003). Dem deutschen Philosophen Jürgen Mittelstraß (2005) zufolge, ist der gesetzeswidrige Streit daher für das gesamte politische und wissenschaftliche System ein verhängnisvoller Streit.

3. Der Streit der theologischen mit der philosophischen Fakultät

Der erste Streitfall ist der zwischen Theologie und Philosophie und bezieht sich auf die Hermeneutik der Bibel (Brandt 2003). Kant kritisiert, dass der biblische Theologe, der seine Lehren von der theologischen Fakultät erhält, „Schriftgelehrter für den Kirchenglauben, der auf Statuten, d.i. auf Gesetzen beruht, die aus der Willkür eines anderen ausfließen“ (SF A 44) sei. Die theologische Lehre ist demnach nicht auf Vernunft gegründet. Dem gegenüber stellt er den „Vernunftgelehrten des Religionsglaubens“, der sein Wissen aus der Vernunft gewinnt, die jedem Menschen eigen ist (ebd.). Er unterscheidet demnach zwischen dem „Religionsglauben“, der ohne staatliche Statute auf der reinen Vernunft gegründet ist und dem „Kirchenglauben“, der gänzlich auf Statuten basiert (SF A 45 f.).

Zwischen den Theologen und den Philosophen entfacht also ein Streit um die Auslegung der religiösen Schriften. Die Theologen betrachten alle Lehren als „eigentliche Offenbarungslehren“ – als Glaubensartikel – und nehmen sie daher wörtlich auf, während die Philosophen die Annahmen der Theologen „wegphilosophieren“ und den Sätzen einen beliebigen Sinn beimessen. Die Bibel wird dabei als Mittel zur Förderung der Moralität betrachtet (SF A 48). Nach Kant fällt dabei der Primat der Auslegung dem von der Philosophie vertretenen Religionsglauben zu, dessen Auslegung den Richtlinien der reinen praktischen Vernunft folgt (Brandt 2003). Kant folgt dabei seiner Definition von Aufklärung, die er als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ definiert, wobei er unter Unmündigkeit „das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ versteht (Kant zit. nach Brandt 2003: 113). Analog dazu duldet er keinen Gott als Anderen und Äußeren und als Autorität einer theologischen Moral. Er versteht Gott als Prinzip einer moralischen Theologie. Kant denkt Gott als „das höchste moralische Prinzip“ in jedem Menschen (ebd.). Er unterzieht damit das Verhältnis von Moral und Religion einer „kopernikanischen Wende“: Religion begründet nicht länger die Moral, sondern das moralische Bewusstsein begründet eine „moralische Vernunftreligion“. Kant emanzipiert also die Moral gegenüber der Religion. Zugleich aber bildet er dadurch die Idee einer „vernunftreligiösen Versöhnung“, die die Religionsunterschiede aufhebt (Forst 2003: 422 f.).

3.1 Von Religions- und Kirchenglauben

Eine wiederkehrende These Kants ist die über Religion und Kirchenglauben: Es gibt nur eine wahre Religion, aber viele verschiedene Kirchenglauben, die er auch „Religionssekten“ nennt (SF A 70 f.). Kant argumentiert, dass Glaubenssätze – also göttliche Gebote – entweder statutarisch oder moralisch seien. Moralisch seien dabei solche, die notwendig und a priori3 erkennbar sind (SF A 73). Für einen Kirchenglauben dagegen kann nach Kant keine Allgemeinheit gefordert werden, da Allgemeinheit Notwendigkeit voraussetzt, „die nur da Statt findet, wo die Vernunft selbst die Glaubenssätze hinreichend begründet, mithin diese nicht bloße Statute sind.“ (SF A 73 f.) Der Fehler des Kirchenglaubens besteht also darin, seine Statute für „wesentliche Stücke der Religion zu halten, mithin den Empirism in Glaubenssachen dem Rationalism unterzuschieben, und so das bloß Zufällige für an sich notwendig auszugeben.“ (SF A 74)

[...]


1 Weder im „Streit der Fakultäten noch in anderen Schriften Kants wird der „Wahrheitsbegriff“ genau erläutert (Brandt 2003).

2 Dabei sei anzumerken, dass der Streit nicht erfordert, dass sich Vertreter der jeweiligen Fakultäten persönlich begegnen. Er wird lediglich literarisch durch Publikationen ausgetragen (Brandt 2003: 59).

3 Bei Kant: von der Vernunft; nicht empirisch (Wesche 2015)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Immanuel Kants "Der Streit der Fakultäten". Wie bewertet er die Forderung nach religiöser Autonomie und Freiheit?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V498842
ISBN (eBook)
9783346030221
ISBN (Buch)
9783346030238
Sprache
Deutsch
Schlagworte
immanuel, kants, streit, fakultäten, forderung, autonomie, freiheit
Arbeit zitieren
Tim Bisch (Autor), 2019, Immanuel Kants "Der Streit der Fakultäten". Wie bewertet er die Forderung nach religiöser Autonomie und Freiheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498842

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