Online Social Networks als Bühne der Inszenierung

Einfluss und Auswirkungen auf die Selbstdarstellung unter der Nutzung von Instagram


Bachelorarbeit, 2017
67 Seiten, Note: 1,5
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis>

Abbildungsverzeichnis

1. Einführung

2. Selbstdarstellung aus dem Blickwinkel der Sozialpsychologie
2.1 Differenzierung von Identität, Selbstbild und
Selbstwert(gefühl)
2.2 Impression-Management-Theorie
2.2.1 Sozialer Einfluss und Macht
2.2.2 Die „need to belong“ - Theorie
2.3 Selbstdarstellungstechniken
2.3.1 Positive Selbstdarstellungstechniken
2.3.2 Negative Selbstdarstellungstechniken

3. Online Social Networks im Web 2.0
3.1 Instagram – Die App
3.2 Nutzungsweise & Bildung von Handlungstypen

4. Selbstdarstellung und Inszenierung auf Instagram
4.1 Das „perfekte Bild“
4.2 Das „Gefällt-mir-Herz“
4.3 „Likes“ und „Follower“ - Fluch oder Segen?
4.3.1 Fluch
4.3.2 Segen

5. Auswertung der Umfrage
5.1 Vorgehensweise
5.2 Ergebnisse

6. Zusammenfassung der Erkenntnisse

7. Quellenverzeichnis

8. Anhang

Fragebogen der online Umfrage

Glossar

9. Eidesstattliche Erkl ä rung

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Wechselbeziehung zwischen Selbst- und Fremdbild in der Impression-Management-Theorie

Abb. 2 Bedürfnis-Pyramide nach Maslow

Abb. 3 Instagram Logo Anfang und Heute

Abb. 4 Selbstinszenierung und Täuschung auf Instagram

Abb. 5 Nutzungsdauer Facebook vs. Instagram

Abb. 6 Nutzungshintergrund Facebook vs. Instagram

Abb. 7 Themenverteilung auf den Accounts

Abb. 8 Themenverteilung auf den Accounts

Abb. 9 Einstellung zur Wichtigkeit von „Follower“

Abb. 10 Nutzer folgen selbst anderen Personen

Abb. 11 „Selfies“ als Art der Selbstdarstellung

Abb. 12 Bedeutung von Feedback auf Instagram

Abb. 13 Auswirkungen von „Likes“ auf den Nutzer

Abb. 14 Frage zur Nutzung von „Filtern“

Abb. 15 Realität auf Instagram

Abb. 16 Urteilsvermögen - Täuschung oder Realität

Abb. 17 Selbstdarstellungstechniken

Abb. 18 Auswirkung von Instagram auf die Selbstwahrnehmung

Abb. 19 Macht Instagram glücklich?

Abb. 20 Frage zur persönlichen Zufriedenheit

1. Einführung>

„ Wie gern erinnere ich mich an die Zeit zur ü ck, in der es eigentlich keinen Konkurrenzkampf unter Instagrammern gab, in der die Anzahl der Likes Nebensache war und man an sowas wie Kooperation ü berhaupt nicht gedacht hat. Ich hab mein Ding gemacht, egal was andere dazu gesagt haben. Ich hab ganz ohne Druck und ohne Hintergedanken Bilder geteilt, Texte geschrieben und Videos gedreht.

Und ich frage mich, wann der Punkt kam an dem sich das ge ändert hat.

Und es hat sich einfach so viel ver ändert.“ 1

Melina ist 21 Jahre alt und lebt in Berlin. Seit Anfang des Jahres 2013 ist sie Mitglied in dem Online Social Network Instagram und zeigt dort unter dem Namen „melinaesmeralda“ wie sie lebt.

Ihre Fotos zeigen sie im Fitnessstudio, auf Events oder am Strand von Miami und rund 107.000 Menschen verfolgen ihr Leben in Echtzeit.

Vor einem Jahr veröffentlichte sie auf ihrem Blog den Eintrag „Über Instagram und Veränderungen“ und teilte öffentlich ihre Meinung.

Dass sich das Internet und die Trends schnell ändern, verwundert in der heutigen Zeit nicht mehr. Allerdings gibt es einen Trend, der mehr als nur eine Modeerscheinung ist: „Konkurrenzkampf“, „die Anzahl der Likes“ oder „Kooperationen“ sind nur einige Schlagwörter Melinas, die klar verdeutlichen, wie es in den Social Networks zugeht.

Dabei spielen die Selbstdarstellung und das Selbstbewusstsein der Nutzer eine zentrale Rolle in der Entwicklung von Instagram.

Da besonders Jugendliche Instagram nutzen, stellt diese Arbeit einen aktuellen Bezug zur Nutzung von sozialen Netzwerken her.

Gerade für sie ist die Entwicklung und Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Körper und ihrer Außenwirkung typisch. Instagram stellt dabei ein Netzwerk dar, bei dem die Differenzierung von Realität und Inszenierung immer schwerer wird. Das kann besonders die Wahrnehmung junger Nutzer negativ beeinflussen.

Diese Arbeit klärt in den folgenden Kapiteln, ob es eine Veränderung in der Nutzung von Instagram gegeben hat und ob es einen Zusammenhang zwischen der Selbstdarstellung und der Nutzung gibt.

Es wird davon ausgegangen, dass die intensive Nutzung von Instagram das Selbstbild eines Nutzers negativ beeinflusst. Die regelmäßige Konfrontation von inszenierten Idealbildern können einen Nutzer dazu bringen, vermehrt Selbstdarstellung zu betreiben, um Wertschätzung zu erhalten.

Problemfragen werden in dieser Arbeit unter anderem sein:

Welche Auswirkungen haben inszenierte Fotos auf den einzelnen Nutzer? Nehmen „Likes“ Einfluss auf das Selbstbewusstsein?

Der erste Teil klärt die Grundlagen zum Thema Sozialpsychologie, um eine ausreichende Kenntnis über Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung zu gewinnen. Das Thema Impression-Management wird eine zentrale Rolle spielen, um die Auswirkungen durch das Internet 2.0 näher erläutern zu können.

Im zweiten Teil wird detaillierter auf das Netzwerk Instagram eingegangen und dieses inhaltsanalytisch beschrieben. Hierbei wird Bezug auf den Aufbau und die Idee hinter dem Netzwerk genommen und geklärt, wie sich dessen Nutzungsweise verändert hat. Speziell wird kritisch hinterfragt, ob eine solche App sozialen Druck auf den Menschen ausübt und wie sich dieser äußert.

Der Schlussteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit einer Bewertung und Stellungnahme zu dem Aspekt, ob die Nutzung von Instagram eine Bereicherung darstellt, oder negativen Einfluss auf den Menschen ausübt. Dazu werden Nutzungsverhalten, Aufbau der App und die Inhalte der Fotos nochmals kritisch hinterfragt.

Zusätzlich gab es im Vorfeld dieser Arbeit eine online Umfrage zum Thema „Nutzungsverhalten und Einfluss von Instagram“ deren Ergebnisse zum Ende ausgewertet und beurteilt werden.

2. Selbstdarstellung aus dem Blickwinkel der Sozialpsychologie>

Die Sozialpsychologie beschäftigt sich im Allgemeinen damit, inwieweit eine Person durch ihr Umfeld, das können Eltern, Lehrer oder Freunde sein, in ihrem Handeln, Denken und Fühlen beeinflusst werden kann.2

Das Umfeld, das in dieser Arbeit betrachtet wird, ist das Internet mit Schwerpunkt auf das Online Social Network Instagram.

Dieses zeichnet sich durch die vielfältige Präsentation von einzelnen Identitäten aus und gibt eine Vorlage, um die damit einhergehende Selbstdarstellung kritisch zu betrachten.

Anders als in der face-to-face-Kommunikation3 geschieht Selbstdarstellung im Internet über statische oder dynamische Profilelemente und können vom Nutzer selbst verändert und ausgestaltet werden.4 Es entstehen virtuelle Identitäten die anders, als in der realen Welt angepasst werden können.

Es stellt sich die Frage, inwieweit die Selbstdarstellung der Identität kontrollierbar ist und wie stark der Einfluss Instagrams auf die Darstellung und das Selbst einer einzelnen Person ist. Dazu werden im folgenden Abschnitt die Begriffe Identität, Selbstbild und Selbstwertgefühl kurz erläutert, um ein Grundverständnis für das folgende Nutzerverhalten auf Instagram zu erhalten.

2.1 Differenzierung von Identit ä t, Selbstbild und Selbstwert(gef ühl)

Die Identität eines Menschen machen ihn und sein ganzes Selbst zu etwas Einzigartigem. Dabei denken die wenigsten genau darüber nach, wie diese zum Ausdruck kommt und dennoch sind viele (gerade junge) Menschen auf der Suche nach ihrer wahren Identität.

Einige Theorien in der Sozialpsychologie beschäftigen sich mit der Identität des Menschen. Sie unterscheiden dabei zwei Komponenten, die soziale und die private Komponente. Während die private Identität interkulturelle Fähigkeiten oder persönliche Einstellung umfasst, beschreibt die soziale Identität die Zugehörigkeit zu Gruppen, wie z.B. die Familie.5

Zu der Frage über die eigene Identität zählt auch

a) wie die Person sich selbst sieht und
b) wie andere Personen einen selbst sehen.

Dies wird auch als „privates Selbst“ und „soziales Selbst“ bezeichnet.

Mit den Lebensjahren entwickeln sich die Identitäten und damit auch die Werte und Eigenschaften. So entstehen folgende Fragen: „Wie möchte ich werden?“ und „Wie möchten andere mich haben?“. Diese Fragen entstehen im Laufe des Lebens und formen die Ansicht über das ganze Selbst. Folglich entsteht das Selbstbild.

Dieses ist geprägt durch Erfahrungen und Erlebnisse, die besonders im frühen Kindesalter (vor allem in den ersten sieben Jahren)6 von Bedeutung sind. Alles Erlebte formt das Selbstbild.

Es entsteht „zum einen durch Selbstwahrnehmungsprozesse und zum anderen durch Urteile seitens anderer Personen“.7

Das können sowohl Komplimente, als auch Kritik aus dem Umfeld sein, die wiederum die Selbstwahrnehmung und damit das gesamte Bild über das Selbst des Menschen beeinflussen können. Es stellt somit eine subjektive Sicht auf den Menschen als Individuum dar.

An dieser Stelle kommt die Frage auf, in welcher Weise das eigene Bild über das Selbst der wirklichen eigenen Meinung entspricht?

Schließlich sind die Faktoren (Komplimente, Kritik), die das eigene Selbstbild prägen, Meinungen aus dem Umfeld und somit fremde Meinungen über die eigene Person.

Abbildung 1 zeigt vereinfacht die Wechselbeziehung zwischen dem Selbst- und dem Fremdbild und wie diese aufeinander wirken:

Abbildung 1: Wechselbeziehung zwischen Selbst- und Fremdbild in der

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Impression-Management-Theorie

Quelle: Mummendey, Psychologie der Selbstdarstellung, Hogrefe, S. 129

Das Selbstbild einer Person beinhaltet auch die Selbsteinschätzung und stimmt oft nicht mit der Wahrnehmung des Umfeldes überein. So hält sich beispielsweise eine Person für sehr aufgeschlossen, während ihr Umfeld sie als sehr schüchtern wahrnimmt.

Dieses Bild des Umfelds gelangt an die Person zurück, welche sich ab diesem Zeitpunkt wahrscheinlich intensivere Gedanken über ihre Darstellung und Wahrnehmung machen wird. Gerade für Jugendliche ist es besonders wichtig „authentisch“ zu sein. Sie möchten so wahrgenommen werden, wie sie sich selbst fühlen und sehen.8

Das kann damit erklärt werden, dass ihnen die Präsentation/ Repräsentation ihres „Selbst“ von besonderer Bedeutung sind. Dieser Gedanke wird jedoch zum späteren Zeitpunkt noch einmal aufgegriffen.

Swan (1983) geht davon aus, dass der Mensch stets versucht ein möglichst positives Selbstbild aufrecht zu erhalten. Es ist jedoch für viele Menschen ein Mittel, unangenehmen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen.

Er nennt dazu zwei Strategien, die dazu beitragen das Selbstbild zu stärken.

Die erste Strategie ist die „ selektive Aufmerksamkeit “. Diese besagt, dass sich Personen nur auf die Komponenten konzentrieren, die ihr Selbstbild bestätigen und somit Störreize ausblenden.

Das Sprichwort „man sieht nur das, was man sehen will“ beschreibt deutlich, wie diese Strategie es schafft, das Selbstbild zu stärken. Dabei geschieht diese Art von Aufmerksamkeit oftmals unbewusst. Die Person blendet negative Aspekte aus, die ihr Selbstbild kritisieren und bestätigt sich mit den positiven Eindrücken.

Erhält sie ein Kompliment und wird ebenfalls kritisiert, so wird sie wahrscheinlich eher das Kompliment annehmen und sich darüber bestätigt fühlen, als mit der Kritik, welche sie weniger beherzigt annimmt.

Die „ selektive Kodierung “ als zweite Strategie besagt hingegen, dass die Person ihr Verhalten so interpretiert, dass dieses am Ende zum Selbstbild passt. Auch hier wird versucht die Realität so zu verändern, dass diese mit einem selbst vereinbar ist.9

Ein passendes Zitat erklärt diese Vorgehensweise:

„ Wenn Menschen die Wahl haben, die Welt entweder zu verzerren, um mit sich selbst zufrieden sein zu k ö nnen, oder sie realistisch darzustellen, entscheiden sie sich oft f ü r Ersteres. “ 10

Jeder gesunde Mensch ist in der Lage, seine Eigenschaften zu werten und besitzt deshalb automatisch ein gewisses Maß an Selbstwertschätzung oder Selbstachtung, auch bekannt unter der Bezeichnung „self-esteem“.11

Es geht hierbei mehr um die Beschreibung und Wertung des eigenen Selbst und sollte möglichst hoch ausfallen. Sich dem eigenen Wert bewusst zu sein, ist für viele Menschen nicht selbstverständlich und doch ist es elementar, um glücklich sein zu können. Das Selbstwertgefühl entscheidet auch darüber, wie wir unserem Umfeld gegenübertreten. Die Selbstdarstellung findet hier einen wichtigen Grundstein, da das Selbstwertgefühl darauf großen Einfluss besitzt. Wie sich allerdings beide Komponenten in Online Social Networks verhalten und äußern, wird in Kapitel vier detaillierter geklärt.

2.2 Impression-Management-Theorie

Mummendey (1995) beschreibt die Theorie des Impression-Managements in seinem Buch „Psychologie der Selbstdarstellung“ treffend in einem Satz:

„ Individuen kontrollieren (beeinflussen, steuern, manipulieren ect.) in sozialen Interaktionen den Eindruck, den sie auf andere Personen machen. “ 12

Das Impression-Management beschäftigt sich also mit der Selbstdarstellung eines Individuums. Dabei wird betrachtet, wie dieses Individuum mithilfe von taktischen und strategischen Überlegungen die Selbstpräsentation gegenüber seinem sozialen Umfeld anwendet.

Bezogen auf das Social Network Instagram, findet die Selbstdarstellung eines Users automatisch mit der Nutzung eines online Profiles statt.

Der Vorteil der virtuellen Selbstdarstellung liegt darin, dass der Nutzer gezielter und länger darüber nachdenken kann, wie er sich im Internet präsentieren möchte. Dementsprechend erfolgt Impression-Management im Internet weniger spontan, kann dafür aber bei richtigem Einsatz zu großem Erfolg führen. Die in der Einleitung genannte Instagram Nutzerin „melinaesmeralda“ ist beispielhaft dafür, wie gute Selbstpräsentation funktionieren kann.

Mit ihrem Fitness & Lifestyle Account veröffentlicht sie regelmäßig Fotos, welche sie allerdings im Vorfeld und je nach Thema bewusst erstellt hatte.

Sie selbst sagt „ Ich wollte eine Motivation f ü r andere sein, ein Vorbild, der Grund, wieso manche vielleicht nicht aufgeben, sondern weitermachen “.13

Zu diesem Zeitpunkt waren dies relevante Themen, die viele andere Nutzer motivierten.

Die Folge: Binnen weniger Monate erreichte der Account über 100.000 Follower. Melina galt und gilt als ein Vorbild und Influencer.14

Anders, als bei vielen anderen berühmten Accounts ist es ihr sehr wichtig, sich authentisch und realistisch zu präsentieren, denn das kommt in vielen ihrer Bilder zum Ausdruck. Jedoch scheinen es nicht alle Accounts so ernst mit der Realität zu meinen: „Konkurrenzkampf“, „Anzahl der „Likes“ oder „Kooperationen“ waren in der Einleitung Schlagwörter, die zeigen, wie Impression-Management auf Instagram zum Ausdruck kommt. Es scheint, als sei der Erfolg auf Instagram eine Art Indiz für Macht und Einfluss. Impression-Management wird auf Instagram vielseitig genutzt, um besonders viele „Likes“ zu erhalten oder von Firmen gesponsert zu werden. Die dafür nötige Selbstdarstellung entspricht jedoch oft nicht der Realität. Welche Auswirkungen das mit sich ziehen kann, wird in den folgenden Kapiteln herausgearbeitet.

2.2.1 Sozialer Einfluss und Macht

Tedeschi & Norman (1985) beschäftigten sich umfassend mit dem Begriff des Impression-Managements und der Selbstdarstellung an sich.

Sozialer Einfluss und soziale Macht sind demnach Bestandteile der Impression-Management-Theorie, denn beide resultieren daraus.

Wie schon zuvor in Abbildung 1 (siehe Seite 5) die Wechselbeziehung zwischen Selbst- und Fremdbild erläutert wurde, kann diese Beziehung den Einfluss und die Macht einer Person ebenfalls begünstigen.

Es wurde schon geklärt, dass ein hohes Selbstwertgefühl unter anderem auf positivem Zuspruch der Interaktionspartner (Publikum) beruht.

Da dieses Feedback oft nicht ohne Bemühungen entsteht, muss das Individuum selbst Einsatz leisten.

Im Beispiel Instagram wäre der Zuspruch der Interaktionspartner positive Kommentare oder „Likes“ für ein Bild. Im besten Fall kommen diese von allein, da die Bilder bei anderen Nutzern beliebt sind. Es gibt aber auch einen anderen Weg Nutzer (Interaktionspartner) wirksam zu beeinflussen, um selbst soziale Macht zu erreichen:

„ Bei der Aus ü bung von sozialer Macht (social power) geht es demnach darum, andere dazu zu bringen, dasjenige zu tun, was man selbst f ü r notwendig h ä lt, um an dasjenige zu gelangen, was man ben ö tigt. “ 15

Das, was das Individuum benötigt, ist soziale Macht in Form von vielen „Likes“ und positiven Kommentaren, um sich von anderen Nutzern abheben zu können und einen besonderen Status (Influencer) zu erlangen. Ein einfaches Mittel um an dies zu gelangen, ist selbst sehr aktiv an andere Nutzer heranzutreten und bei diesen „Likes“ und Kommentare zu hinterlassen.

Besitzt ein Individuum Eigenschaften oder bereits eine bestimmte Identität, welche einen gewissen Grad an sozialem Einfluss aufweist, so dürfte dieses erfolgreicher und demnach sozial mächtiger sein als ein Nutzer, der wenig Bekanntheit und öffentlichen Zuspruch besitzt.16

2.2.2 Die „ need-to-belong “ - Theorie

Für Menschen ist es allgemein wichtig, mit Anderen kommunizieren zu können. Tiefer noch mit Familie und Freunden eine Beziehung aufzubauen und Nähe, Akzeptanz und soziale Anerkennung zu erleben. Besonders in online Communities sind Nutzer im ständigen Kontakt miteinander und erleben virtuell Veränderungen und Trends. Ein Beispiel dafür sind die vielen Fitness-Programme, die über die Social Media Kanäle beworben werden.

Diese werden größtenteils durch die Nutzer finanziert, welche beispielsweise durch Instagram auf deren Angebote aufmerksam werden.

Neben der sportlichen Motivation spielt noch ein weiterer wichtiger Punkt eine entscheidende Rolle für den Erfolg solcher Programme: Das Bedürfnis, zu einer Gruppe dazu zu gehören, gemeinsam gleiche Ziele anzustreben und sich über die selben Interessen austauschen zu können.

Der Mensch besitzt demnach Bedürfnisse, um glücklich und ausgeglichen zu sein. Maslow (1970) war ein Sozialpsychologe, der sich mit diesen menschlichen Bedürfnissen auseinandersetzte und sie in einer so genannten „Bedürfnis-Pyramide“ auflistet. Er unterscheidet Bedürfnisse in zwei Klassen: in Mangelbedürfnisse und in Wachstumsbedürfnisse.

Mangelbedürfnisse lassen sich vom Namen her ableiten. Befindet sich ein Individuum in einem Mangelzustand, so versucht es schnellstmöglich die Mängel zu beseitigen. Allgemein strebt ein Individuum ständig danach, sich im Gleichgewicht mit seinen Bedürfnissen zu befinden. Nur, wenn ein Gleichgewicht vorherrscht, kann es als glücklich befunden werden.

Maslow unterscheidet hier vier Arten von Mangelbedürfnissen:

Abbildung 2: Bedürfnis-Pyramide nach Maslow

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung auf der Grundlage von Maslow

Zu dem ersten Mangelbedürfnis zählt an unterster Stufe das physiologische Bed ürfnis. Dieses umfasst Hunger, Durst, Luft zum Atmen und Sexualität und beschreibt daher die Grundbedürfnisse eines Menschen. Das zweite ist das Sicherheitsbed ürfnis und zielt auf Ordnung und materieller Sicherheit, wie der Besitz einer Wohnung oder Arbeitsstelle, ab.

Zugeh ö rigkeit zu einer Gemeinschaft oder Gruppe und das Empfinden von Liebe zeichnet das dritte Bedürfnis aus und ist zusammen mit dem vierten Bedürfnis, dem Bedürfnis nach Anerkennung und Wertsch ä tzung durch andere und sich selbst, ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit.17

Beide Bedürfnisse üben einen großen Einfluss auf die Selbstdarstellung eines Individuums aus.

Der Mensch lernt seit der Geburt, sich in Gruppen zurecht zu finden. Es ist bekannt, dass schon in der Steinzeit eine Gemeinschaft elementar war, um das Überleben zu sichern.

Dieser Trieb nach Gesellschaft ist heute immer noch vorhanden, lediglich der Grundgedanke veränderte sich: an Stelle von Nahrungssicherung schützt eine Gemeinschaft vor der Isolation.

Gruppen gibt es in der heutigen Zeit dafür umso mehr. Es können Spendenorganisationen oder Fußballteams sein. Sie alle geben dem Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden und an einem gemeinsamen Ziel teilzuhaben. Es ist jedoch nicht immer einfach zu einer Gruppe zu gehören. Es bedarf teilweise einer bestimmten Fähigkeit oder Ausstrahlung, um repräsentativ für die Gruppe zu sein. Hier kommt das vierte Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung dazu, denn ein Individuum strebt immer danach, für seine Leistung eine möglichst positive Resonanz zu erhalten. Maslow beschreibt dieses Verhältnis als eine „ Ist-Soll-Diskrepanz “.

„ Sie motiviert die Person zu Handlungen, die geeignet sind, die Ist-Soll-Diskrepanz zu beseitigen und einen angenehmen Zustand des Gleichgewichts wiederherzustellen. Ist der Sollzustand erreicht, stellt sich ein Gef ü hl der Zufriedenheit und Lust ein. “ 18

Anders beschrieben, motiviert der „need-to-belong“ die Menschen dazu, Selbstdarstellung zu betreiben. Ihr Verhalten und ihre Darstellung richtet sich nach ihrem aktuellen Mangelbedürfnis und wird so lange aufrechterhalten, bis sie die Anerkennung oder den Platz in einer Gruppe erhalten haben bzw. sich die Ist-Soll-Diskrepanz im Gleichgewicht befindet. Dabei muss beachtet werden, dass es nicht zwingend notwendig sein muss ein Bedürfnis zu hundert Prozent zu befriedigen, um das darauffolgende Mangelbedürfnis zu beseitigen. Es ist möglich, dass eine Person ihre Grundbedürfnisse gestillt hat, es für sie dann aber wichtiger ist, Nähe und Zuneigung zu einer anderen Person aufzubauen, als einen Job zu besitzen.

Einige Kritiker sahen hier die Abstufung der Pyramide als zu statisch und festgefahren an. Die Bedürfnispyramide stellt in dieser Arbeit keine vollkommene Darstellung für die Befriedigung des „need-to-belong“ dar. Dennoch wird sie herangezogen, um zu verdeutlichen wie die Bedürfnisse eines Menschen aufeinander aufbauen können. Der „need-to-belong“ ist und bleibt wie die anderen Bedürfnisse nicht dauerhaft gestillt. Er könnte bei wenig Einsatz des Individuums wieder sinken oder sogar bis zur Vereinsamung führen. Selbstdarstellung wird daher von vielen Menschen genutzt, um der Isolation entgegen zu wirken oder einfach dem Zugehörigkeitsgefühl und der Anerkennung wegen. Wie diese Selbstdarstellung funktioniert, wird nun im folgenden Kapitel untersucht.

2.3 Selbstdarstellungstechniken

Schon Ervin Goffman (1959) thematisierte in seinem Buch „Wir alle spielen Theater“ wie die unterschiedlichsten Menschen Selbstdarstellung betreiben:

„ Versuchten wir niemals, ein wenig besser zu scheinen, als wir sind, wie k ö nnten wir uns dann bessern oder uns selbst „ von außen nach innen erziehen “?“ 19

Wie sich Menschen selbst darstellen und wie sie von ihrem Umfeld wahrgenommen werden, hat Auswirkungen auf das ganze Selbst und dem Selbstwert. Dabei gibt es verschiedene Gründe, weshalb sich Menschen besonders positiv oder teilweise sogar negativ darstellen wollen.

Grundsätzlich gilt, dass meist jeder versucht einen positiven Eindruck in seinem Umfeld zu hinterlassen.

Hier muss erwähnt werden, dass Selbstdarstellung als solche nicht zwingend nur das Hervorrufen eines positiven Eindrucks beim Interaktionspartner meint, sondern allgemein jegliche Form von Eindruck beschreibt, die eine Person auf ihr Gegenüber erreichen möchte. Es gibt dazu verschiedene Ansätze von Selbstdarstellungstechniken, die dies beschreiben.

Tedeschi, Lindskold und Rosenfeld (1985) vertreten mehrere Ansätze von Selbstdarstellungstechniken. Dabei unterscheiden sie in

a) kurzfristige bzw. situationsspezifische Taktiken gegenüber
b) langfristigen Taktiken.

Zusätzlich unterscheiden sie assertive und defensive Taktiken.20

Erstere sollen einen positiven Eindruck hervorrufen. Dazu zählen beispielsweise Schmeicheln, Hilfeleistung oder einen Gefallen erweisen. Durch diese Taktik erweist sich eine Person seinem Gegenüber als besonders kompetent und glaubwürdig und hebt so seine positiven Eigenschaften hervor.

Die defensiven Taktiken dienen Rechtfertigungen und Entschuldigungen und sind Hinweise für Ängstlichkeit oder Hilflosigkeit.

Beispiele dazu wären:

- für eine kurzfristige assertive Selbstdarstellung – sich einschmeicheln
- für eine kurzfristige defensive Selbstdarstellung – sich rechtfertigen
- für eine langfristige assertive Selbstdarstellung – elitäres Verhalten zeigen
- für eine langfristige defensive Selbstdarstellung – Drogenabhängigkeit entwickeln21

Die beiden ersten Taktiken sind die am häufigsten beobachtbaren Selbstdarstellungstaktiken, die unter Instagram Nutzern stattfinden.

Noch deutlicher wie Selbstdarstellung bei Instagram funktioniert, kann anhand der Techniken des Sozialpsychologen Mummendey (2002) erklärt werden.

Er unterscheidet in positive und negative Selbstdarstellungstechniken und führt verschiedene Szenarien auf wie ein Individuum erfolgreiche Selbstdarstellung betreiben kann. Das zentrale Motiv ist, den sozialen Einfluss und die Macht zu erhöhen.

2.3.1 Positive Selbstdarstellungstechniken

Bevor dieser Abschnitt tiefer ins Detail geht, muss vorab erwähnt werden, dass die positiven Techniken nicht zwingend für jedes Individuum gleichermaßen erfolgreich sein müssen. Eher ist anzunehmen, dass Personen, die schon gute Erfahrungen mit Impression-Management und dessen Techniken gewinnen konnten, diese im Laufe der Zeit perfektioniert haben. Folglich können diese Personen deutlich erfolgreicher in der Anwendung dieser Techniken sein, als andere.

Für positive Selbstdarstellungstechniken führt Mummendey (2002) viele verschiedene Techniken auf. Es werden für diese Arbeit die drei wichtigsten Techniken herangezogen und erläutert. Dazu gehören Eigenwerbung betreiben (self-promotion), Attraktivität herrausstellen (personal attraction) und den Status und das Prestige betonen (status, prestige ) . 22

Der Begriff Eigenwerbung (self-promotion) beschreibt schon recht deutlich, worauf diese Technik abzielen soll. Eine Person versucht sich selbst so positiv wie möglich darzustellen.

[...]


1 https://melinaesmeralda.com/category/thoughts-2/ , zuletzt gesichtet am 25.11.2016, 16:57 Uhr

2 Vgl. Aronson, E./ Wilson, T./ Akert, R. (2014): Sozialpsychologie, München: Pearson, S.3

3 persönliches Gespräch, das ohne zwischengeschaltete Medien stattfindet

4 Vgl. Haferkamp, Nina (2010): Sozialpsychologische Aspekte im Web 2.0, Kohlhammer, S.77

5 Vgl.: Renner/ Schütz/ Machilek (2005): Internet und Persönlichkeit, Göttingen: Hogrefe, S. 252

6 Vgl.: https://www.palverlag.de/lebenshilfe-abc/selbstbild.html, zuletzt gesichtet am 15.05.2017, 16:23 Uhr

7 Haferkamp, Nina (2010): Sozialpsychologische Aspekte im Web 2.0, Kohlhammer, S. 70

8 Vg.: Hasebrink, P./ Trültzsch, I. (2012): Heranwachsen in den Zeiten des Social Web, kopead, S. 37

9 Vgl.: Haferkamp, Nina (2010): Sozialpsychologische Aspekte im Web 2.0, Kohlhammer, S. 71

10 Aronson, E./ Wilson, T./ Akert, R./ (2014) : Sozialpsychologie, München: Pearson, S.15

11 Vgl.: Mummendey, H. D. (1995): Psychologie der Selbstdarstellung, Göttingen: Hogrefe, S.55

12 Mummendey, H. D. (1995): Psychologie der Selbstdarstellung, Göttingen: Hogrefe, S.111

13 https://melinaesmeralda.com/category/thoughts-2/, zuletzt gesichtet am 15.12.2016, 16:24 Uhr

14 „Influencers are Instagram users who have an established credibility and audience; who can persuade others by virtue of their trustworthiness and authenticity. Your brand’s influencers are users that employ your brand hashtag who have the largest number of followers.“ https://www.pixlee.com/definitions/definition-instagram-influencer, zuletzt gesichtet am 22.02.2017, 16:48 Uhr

15 Mummendey, H. D. (1995): Psychologie der Selbstdarstellung, Göttingen: Hogrefe, S.132

16 Vgl.: Mummendey, H. D. (1995): Psychologie der Selbstdarstellung, Göttingen: Hogrefe, S.132 ff.

17 Vgl. Schmitt/ Altspötter-Gleich (2010): Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie, Kompakt, S.37 ff.

18 Schmitt/ Altspötter-Gleich (2010): Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie, Kompakt, S.37

19 Goffman, E. (1959): Wir alle spielen Theater, Die Selbstdarstellung im Alltag, München: Piper, S. 35

20 Vgl.: Haferkamp, Nina (2010): Sozialpsychologische Aspekte im Web 2.0, Kohlhammer, S.83

21 Ebd.

22 Vgl.: Mummendey, H. D. (1995): Psychologie der Selbstdarstellung, Göttingen: Hogrefe S. 140 ff.

Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Online Social Networks als Bühne der Inszenierung
Untertitel
Einfluss und Auswirkungen auf die Selbstdarstellung unter der Nutzung von Instagram
Note
1,5
Jahr
2017
Seiten
67
Katalognummer
V498850
ISBN (eBook)
9783346018458
ISBN (Buch)
9783346018465
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstdarstellung, Instagram, Social Networks, Inszenierung
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Online Social Networks als Bühne der Inszenierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498850

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