Multiperspektivität im Geschichtsunterricht. Möglichkeiten und Grenzen


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Einleitung

Im Folgenden wird die Multiperspektivität im Geschichtsunterricht an Schulen im Hinblick auf ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen dargestellt. Um aber zu diesen Schwerpunkten zu gelangen, gibt diese Arbeit zu Anfang noch eine kurze Definition der Multiperspektivität und nimmt Bezug auf den Begriff „Perspektivität“, sowie auf die Begriffe „Multiperspektivität“, „Kontroversität“ und „Pluralität“ und wie sie zusammengehören. Hinzu kommend wird noch ein kurzer Einblick in die Möglichkeiten der Umsetzung von multiperspektivischem Unterricht gegeben.

Dabei stützt sich die vorliegende Arbeit vorwiegend auf die Publikationen von Klaus Bergmann. Das Handbuch von Ulrich Mayer, Hans- Jürgen Pandel und Gerhard Schneider, sowie das Handbuch der Geschichtsdidaktik von Bergmann, Kuhn, Rüsen und Schneider waren hierbei auch sehr hilfreich.

Wichtig wäre es vorweg noch zu erwähnen, dass Klaus Bergmann theoretisch als Begründer der Multiperspektivität bezeichnet werden könnte, denn er formulierte 1972 erstmalig den Begriff der Multiperspektivität als „besondere Form der Geschichtsdarstellung“. Trotz des doch etwas älteren Forschungsstandes von Bergmann ist festzuhalten, dass sein Konzept der Multiperspektivität in seiner grundlegenden Idee und Systematik bis heute für den modernen Geschichtsunterricht als aktuell gesehen werden kann. Natürlich wurde sein Konzept im Laufe der Jahre immer wieder aktualisiert, verbessert und auf den neusten Forschungs- und Erkenntnisstand gebracht; seine Grundidee ist aber bis heute unverändert geblieben und auch die neusten Publikationen über Multiperspektivität stützen sich in ihren Grundzügen auf die Idee von Klaus Bergmann.1

Die Relevanz der Multiperspektivität für den Geschichtsunterricht wird besonders dann deutlich, wenn seine Aufgabe in unseren Augen darin bestehen soll, den Schülern nicht nur Wissen und Fakten zu vermitteln, sondern in erster Linie auch die Aufgabe und das Bestreben hat, die Schüler zu sensibilisieren. Sie aufmerksam zu machen, dass nicht alles, was sie lesen oder hören, zwangsläufig auch Wirklichkeit ist oder war.

Geschichtsunterricht soll also mit Hilfe der Multiperspektivität zeigen, dass jedes Phänomen, jede Angelegenheit von jedem Menschen und Betrachter unterschiedlich gesehen und aufgefasst wird. Das gilt nicht nur für die Gegenwart, sondern genauso für alle historischen Angelegenheiten und Begebenheiten, welche nichts anderes sind als Wahrnehmungen, die uns von Zeitgenossen übermittelt wurden, aber jeweils aus ihrer eigenen Sichtweise und Perspektive. Dabei spielen Herkunft, Bildung, Hoffnungen und Wertevorstellungen des jeweiligen Zeitgenossen eine ganz wichtige Rolle.2

Bergmann sagt dazu:

„ Und besteht die Arbeit von Historikerinnen und Historikern nicht wesentlich darin, Geschichte immer wieder neu zu denken und „die Geschichte gegen den Strich zu bürsten“? Und sind nicht schließlich die Orientierungen, die sich aus der Auseinandersetzung mit vergangenem menschlichem Handeln und Leiden- mit den Wahrnehmungen und Erfahrungen der Zeitgenossen wie mit den Deutungen der Nachgeborenen- ergeben, vielfältigster Art, jeglicher Vereinheitlichung widerstrebend?“.3

Bedeutet also, das Multiperspektivität in Schulen gelehrt werden muss und wichtig ist, um den Schülern die Möglichkeit zu geben, zu einem abwägend gedeuteten historischen Urteil zu kommen unter Berücksichtigung verschiedener Sichtweisen und Umstände. Dadurch wird die Kritikfähigkeit der Schüler gefördert, die für den weiteren Lebensweg von jedem Schüler unabdingbar ist. Multiperspektivität im Geschichtsunterricht bereitet also nicht nur auf die Fähigkeit vor, mit historischen Quellen oder historischen Texten richtig umzugehen, sondern auch auf soziales Handeln. Ihr liegt also eine besonders hohe Relavanz für den modernen Geschichtsunterricht zu Grunde. Stellt sich nun die Frage, wie sich Multiperspektivität definieren lässt, welche Möglichkeiten sie für den Geschichtsunterricht bietet und welche Grenzen auftauchen können?

I. Begriffserklärung der Multiperspektivität nach Klaus Bergmann

Der Begriff Multiperspektivität bedeutet nach Klaus Bergmann für die Geschichtsdidaktik, dass Geschichte so perspektivisch ist, wie die Zeugnisse der Vergangenheit, aus denen sie entstanden ist und dass sie als eine Idee von der Geschichtstheorie, der Reflexion des Tuns der Historiker, ableitbar ist.4 Denn Geschichte „an sich“ gibt es nicht, da sie immer aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen und überliefert wird.5 Multiperspektivität ist wie kaum ein anderer Fachbegriff der Geschichtsdidaktik mit dem Namen Klaus Bergmann verknüpft und entstand bei Bergmann in Form einer Abgrenzung zu einem bis dahin „traditionellen Geschichtsunterricht“, den Klaus Bergmann als „Prinzip der Monoperspektivität“ bezeichnete.6 Monoperspektivität ist nach Bergmann also:

„Der traditionelle Geschichtsunterricht [als] ein Belehrungsunterricht und zugleich ein Gesinnungsunterricht. […] Der Lehrer und das Schulbuch waren die Sprachrohre einer „historischen Wahrheit“, die als unbezweifelbar galt und doch nur eine ideologische Konstruktion war. […] Gelehrt wurde ein narratives Wissen über die Vergangenheit, das als feststehende historische Wahrheit ausgegeben wurde, aber doch nichts anderes war als eine unter den gesellschaftlichen Eliten als Pensum für alle Schüler vereinbarte Geschichte, die für den Bestand und die Zukunft des Staates und damit für die Rolle der Eliten nützlich war.“7

Multiperspektivität ist eine Form der Geschichts- Darstellung im Unterricht, bei der ein historischer Sachverhalt aus mindestens zwei oder mehreren Perspektiven von Menschen8, die in diesem historischen Sachverhalt denkend, handelnd oder leidend anwesend, bzw. eingebunden waren9 und verschiedene soziale Positionen oder Interessen vertraten, betrachtet wird. Hierfür werden Primärzeugnisse, in der Regel sind es sprachliche Quellen, teilweise aber auch bildliche Zeugnisse, verwendet.10 Wenn Historiker also mit Quellen arbeiten, haben sie die jeweils verschiedenen Perspektiven bei ihrer Interpretation zu berücksichtigen.11

I.I Perspektivität

Die Grundlage für die Multiperspektivität stellt die Perspektivität dar, als ein:

Grundsachverhalt menschlicher Wahrnehmung und Deutung der Wirklichkeit- bei der Orientierung in der Wirklichkeit und bei den Handlungsabsichten gegenüber der Wirklichkeit“12

Die Aufgabe der Perspektivität im Geschichtsunterricht in Bezug auf die Wahrnehmung vergangener Wirklichkeit ist, zu zeigen, dass sich Perspektivität auf der Ebene der Wahrnehmung (Wahrnehmung der Zeitgenossen aus der Vergangenheit), Deutung (Deutung der Zeugnisse durch die Historiker) und Orientierung (Bildung eigener Perspektiven für die Gegenwart und die Zukunft unter Beschäftigung mit den Wahrnehmungen und den Deutungen) zeigen lässt und so ein konstitutives Element historischer Erkenntnis darstellt. In diesem Zuge ergibt sich also aus vielen verschiedenen Wahrnehmungen, Deutungen und Orientierungen die Multiperspektivität,13 die das Problem des „individuellen Sehpunktes“, was so viel bedeutet wie der innerliche und äußerliche Zustand eines Zuschauers, woraus sich eine individuelle Art, die vorkommenden Dinge zu sehen, ergibt, sowie das Problem der „sozialen Perspektive“ berücksichtigt. „Soziale Perspektive“ meint die Perspektiven, die die Unterschiede der sozialen Sprecherpositionen und Machtpositionen in historischen Herrschaftskonstellationen markieren.14

[...]


1 LÜCKE, Martin: Multiperspektivität, Kontroversität, Pluralität. In: Barricelli, Michele; Lücke, Martin (Hrsg.): Handbuch. Praxis des Geschichtsunterrichts, Bd.1. Schwalbach 2012, S. 281.

2 BERGMANN, Klaus: Multiperspektivität. In: Mayer, Ulrich; Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (Hrsg.): Handbuch. Methoden im Geschichtsunterricht. Schwalbach 2007, S. 65.

3 BERGMANN, Klaus: Multiperspektivität. Geschichte selber denken. Schwalbach 2008, S. 9-13.

4 BERGMANN 2008, S. 25.

5 SALEWSKI, Melanie: Multiperspektivität. In: Mayer, Ulrich; Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard; Schönemann, Bernd (Hrsg.): Wörterbuch. Geschichtsdidaktik. Schwalbach 2006, S. 128.

6 LÜCKE, Multiperspektivität, Kontroversität, Pluralität, S. 281.

7 BERGMANN 2008, S. 14.

8 BERGMANN, Klaus: Multiperspektivität. In: Bergmann, Kuhn, Rüsen, Schneider (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, Bd. 1. Düsseldorf 1980, S. 216.

9 BERGMANN, Methoden im Geschichtsunterricht, S. 66.

10 BERGMANN, Handbuch der Geschichtsdidaktik, S. 216.

11 SALEWSKI, Multiperspektivität, S. 128.

12 LÜCKE, Multiperspektivität, Kontroversität, Pluralität, S. 282.

13 BERGMANN 2008, S. 29.

14 LÜCKE, Multiperspektivität, Kontroversität, Pluralität, S. 282- 283.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Multiperspektivität im Geschichtsunterricht. Möglichkeiten und Grenzen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Hist. Sem.)
Note
2,0
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V498906
ISBN (eBook)
9783346017734
ISBN (Buch)
9783346017741
Sprache
Deutsch
Schlagworte
multiperspektivität, geschichtsunterricht, möglichkeiten, grenzen
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Multiperspektivität im Geschichtsunterricht. Möglichkeiten und Grenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498906

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