Transhumanismus und Augmented Reality


Bachelorarbeit, 2019
49 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0.0 Einleitung

2.0.0 Vom Humanismus zum Transhumanismus
2.1.0 Liberaler Humanismus
2.2.0 Sozialistischer Humanismus
2.3.0 Evolutionärer Humanismus
2.4.0 Trans-humanismus
2.4.1 Definitionen Transhumanismus
2.4.2 Nietzsche als Ahnherr des Transhumanismus

3.0.0 Motive des Transhumanismus
3.1.0 Unsterblichkeit
3.1.1 Gesundheitsspanne
3.1.2 Mind Upload
3.1.3 Kryonik
3.2.0 Enhancements
3.2.1 Körperliche Enhancements
3.2.2 Neuroenhancements
3.2.3 Reproduktive Enhancements
3.2.4 Unerwünschte Enhancements
3.3.0 Virtuelle Räume
3.3.1 Augmented Reality
3.4.0 Singularität
3.4.1 Arbeitsmarkt
3.4.2 System als Entscheidungsträger

4.0.0 Gesellschaftspolitischer Transhumanismus

5.0.0 Zeitgenössischer Transhumanismus
5.1.0 Self Tracking

6.0.0 Ethik und Philosophie des Transhumanismus
6.1.0 Bewusstsein
6.2.0 Identität
6.3.0 Körper und Seele
6.4.0 Verlust von Homo Sapiens

7.0.0 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1.0.0 Einleitung

Nach dem PC und den Smartphones gehören Wearables, also tragbare Computersysteme wie etwa Smartwatches, zu den aktuellen Trends in der Konsumgesellschaft. Die Technik wird immer intimer und verwachsener mit dem Körper. Diese Entwicklung zum Menschen als ein mit Technik durchsetzter Cyborg begann schon in den 1950er Jahren, als der erste Herzschrittmacher einem Patienten implantiert wurde (vgl. Gunkel 2018). Eventuell kann man jedoch auch schon Armbanduhren, Brillen oder Prothesen als eine Tendenz dahingehend sehen. Oder sogar den ersten Knüppel aus einem Tierknochen?

Diese Maßnahmen mittels technologischer Entwicklung direkt in die Biologie des Menschen eingreifen zu können, kann als nächster Schritt der Evolution gesehen werden. Durch den vom Menschen entwickelten Werkzeugen verschafft sich unsere Spezies einen Selektionsvorteil, sichert Überlebensaussichten und ist daher in der Lage sich in ihrer ökologischen Nische zu behaupten (vgl. Kurzweil 2016: 43, Originalausgabe 1999). Aktuelle Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz zeigen, dass diese Lesart der Fortführung der Evolution zur Folge hat, dass die Menschheit durch ihre Intelligenz eine neue Intelligenz hervorbringt, die intelligenter ist, als sie selbst (vgl. Kurzweil 2016: 75, Originalausgabe 1999). Gegenwärtig helfen unsere KIs vor allem im Bereich Datenverarbeitung. Damit wertet unsere Spezies ihre Umwelt effizienter aus, was zu einer beschleunigten Entwicklung weiterer Technologien führt, die zwangsläufig mit einer enormen Steigerung der Leistungsfähigkeit von Computern zusammenhängt. Der logisch nächste Schritt der Menschheitsgeschichte betrifft dann die Vereinigung unserer Spezies mit den Computern, um zu einem noch leistungsfähigeren Wesen zu gelangen (vgl. Kurzweil 2016: 392, Originalausgabe 1999). Diese neue Phase der Evolution hat zur klassischen Evolutionstheorie einen entscheidenden Unterschied. Nach Darwin entstehen die genetischen Veränderungen über Generationen im Wesentlichen durch den Zufall und nach der Frage, ob Mutationen zu einem Selektionsvorteil in der Umgebung geführt haben. Bei der Zusammenführung vom Mensch und Computer ist die Evolution jedoch zielgerichtet und damit schneller und strukturierter (vgl. Kurzweil 2016 78f., Originalausgabe 1999). Das suggeriert, dass die Menschheit als Cyborggesellschaft klare Ziele verfolgt.

Innerhalb der Menschheitsgeschichte waren die größten Probleme stets Hunger, Krankheiten und Kriege. Dabei starben die meisten Menschen und wurde das größte Leid verursacht. Heutzutage zeigt sich jedoch, dass diese drei Probleme für den Durchschnittsmenschen kaum noch eine Bedrohung darstellen. Es ist möglich diese drei klassischen Lebensbedrohungen eines Menschen stark einzudämmen. Der Hunger in der Welt ist vor allem politisch motiviert und liegt an Verteilungsproblemen, Seuchen wie Ebola sind vergleichsweise schnell eingedämmt und die Anzahl der Kriege sinkt weiterhin oder werden durch die Existenz von Atomwaffen noch irrationaler. Natürlich werden Hunger, Krankheiten und Kriegen in den nächsten Jahrzehnten noch Millionen Menschen zum Opfer fallen, jedoch ist dies zu einer bewältigenden Herausforderung geworden (vgl. Harari 2019: 35f.). Die Menschheit strebt also neuen Horizonten entgegen. Die am naheliegendsten Menschheitsträume und damit die nächsten wahrscheinlichen Ziele sind Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit, wie es der Historiker Yuval Noah Harari prognostiziert:

„Und nachdem wir die Menschheit über die animalische Ebene des Überlebenskampfs hinausgehoben haben, werden wir nun danach streben, Menschen in Götter zu verwandeln und aus dem Homo sapiens den Homo deus zu machen“ (Harari 2019: 38)

Um zu diesem Upgrade zu einem göttlichen Wesen zu kommen nennt Harari die Verwendung dreier Möglichkeiten: Biotechnologie, Cyborg-Technologie und Erzeugung nicht-organisches Leben (vgl. Harari 2019: 73). Diese Art die Evolution als ein „work-in-progress“ zu beschreiben und den Menschen mittels Technologie zu überwinden kann als Transhumanismus verstanden werden. Transhumanisten suchen durch technologische Verbesserung des Menschen die Intensitätssteigerung ihrer Existenz (vgl. Halmer 2013). Diese Intensitätssteigerung soll zum Beispiel durch neue Erfahrungswelten ermöglicht werden. Durch ein implantiertes Device könnten die Menschen der Zukunft zum Beispiel einen zusätzlichen Sinn bekommen und die Welt wie Fledermäuse durch Echoortung erfahren (vgl. Harari 2019: 547). Durch eine solche Neuschöpfung einer posthumanen Spezies verlässt die Menschheit ihre eigenen klassischen Schöpfungsmythen, wie etwa die christliche, und deutet den Gedanken des „dominium terrae“, also des Untertanmachens der Erde, um und spricht sich einer unvollendeten Schöpfung eine Mitwirkung zu (vgl. Böhme 2008: 209).

Welche Motive gibt es im Transhumanismus und welche Ethik folgt daraus? Und wie zeigen aktuelle Beispiele wie Augmented Reality und die Selbstvermessung durch Health Tracking auf, dass eine Entwicklung des Menschen durch den Transhumanismus hindurch zu einem posthumanen Wesen keine allzu ferne Zukunftsvision darstellt, sondern alltäglich und Schritt für Schritt geschieht? Diese Fragestellungen werden im Folgenden diskutiert.

2.0.0 Vom Humanismus zum Transhumanismus

Der Homo sapiens ist das dominierende Säugetier auf der Erde. Seinen Einfluss auf den Planeten ist so stark, dass man ein ganzes Zeitalter danach benannt hat: Das Anthropozän (vgl. Kolbert 2011: 64). Diese Einflussnahme liegt aber nicht daran, dass unsere Spezies die schnellste, schlauste oder stärkste ist, sondern vielmehr an der Fähigkeit, in großer Zahl miteinander flexibel kooperieren zu können. Dabei ist die Kooperation durch Werkzeuge wie die Sprache und anderen Zeichensystemen auch mit unbekannten Menschen möglich, sodass Gesellschaftssysteme geschaffen werden konnten (vgl. Harari 2019: 209f.). Die Kooperation wird dabei durch intersubjektive Sinngeflechte unterstützt. Es sind also sinn- und strukturschaffende Geschichten, die die Menschen über die Welt herrschen lassen. Der heutige Mensch und der aus der Steinzeit ist in seinen Fähigkeiten vergleichbar, aber Fiktionen wie beispielsweise das Geldsystem haben eine Gesellschaft entstehen lassen, die effektiv miteinander zusammenarbeitet (vgl. Harari 2019: 236-244).

Als ein weiteres sinnstiftendes System kann der Humanismus, das Menschenbild der Renaissance, gewertet werden (vgl. Harari 2019: 345). Im Humanismus geht es um das Streben zu einer besseren menschlichen Existenzform und seiner besonderen Stellung in der Welt, auch in Abgrenzung zum Tierreich. So sind menschenfreundliche Werte wie Milde, Mitgefühl und Barmherzigkeit ein zentrales Thema im Humanismus. Ein weiteres wichtiges Element ist die (Selbst)erziehung und Bildung durch Vernunft und Rationalität. Dabei klingt schon ein Selbstgestaltungswille an, der den Menschen als ein zu optimierendes Vehikel begreift, und der später im Transhumanismus entfaltet wird (vgl. Loh 2019: 18-25). Beim Humanismus geht es also um einen stetigen Wandel, der den Menschen durch Erfahrungen geistiger und körperlichen Natur aufklären soll. Das eigene Wissen und die Neugierde auf die Welt soll sich möglichst frei entfalten (vgl. Harari 2019: 369). Des Weiteren ist der Humanismus eher individualistisch geprägt und hält an der cartesischen Sichtweise, also dem Dualismus von Körper und Geist fest, fest (vgl. Loh 2019: 31). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Humanismus den Menschen in den Mittelpunkt rückt und ihn „heilig spricht“. Religion wird hinterfragt, der schöpfende und eigenständig denkende Mensch wird in Kunst, Kultur und Wissenschaft gefeiert. Im Humanismus wird dem Wesen, der Existenz und dem Lebenssinn des Menschen auf den Grund gegangen – zur Zeit des 15. Jahrhunderts war dies wie eine Wiedergeburt (Renaissance) des Homo sapiens (vgl. Delvaux de Fenffe 2017).

Harari spricht von drei Hauptzweigen des Humanismus: dem liberalen, dem sozialistischen und dem evolutionären Humanismus (vgl. Harari 2019: 382). Seine Einteilung bzw. Zuteilung politischer Strömungen zueinander wird allerdings diskutiert, etwa von dem Philosophen Michael Schmidt-Salomon (vgl. Schmidt-Salomon 2017).

2.1.0 Liberaler Humanismus

Hararis liberaler Humanismus betont die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Jeder könne dem Universum etwas anderes zurückgeben und deswegen sollte die Freiheit des Individuums über allem anderen stehen. Menschliche Erfahrung ist hierbei die wichtigste Quelle für den Lebenssinn. Politisch gesehen, spricht sich der liberale Humanismus laut Harari für eine Demokratie aus, allerdings nur im Verbund mit Menschen, die in einer gewissen Beziehung zueinander stehen, und die etwa mittels Mythen eine gemeinsame Nation oder Religionsgemeinschaft entstehen lassen. Historisch gesehen war der Liberalismus demnach ursprünglich ein Motor für Nationalismus, welcher heute eher mit antiliberalen Kräften assoziiert wird (vgl. Harari 2019: 382-386).

Schmidt-Salomon betont die zentralen Werte des liberalen Humanismus: Menschenrechte, Demokratie und das Prinzip der offenen Gesellschaft (vgl. Schmid-Salomon 2017).

2.2.0 Sozialistischer Humanismus

Der sozialistische Humanismus kritisiert ebendiese nach innen gerichtete Individualität und Einzigartigkeit der Person und der Nation. Er steht dafür ein, den Blick auch auf die Mitmenschen zu werfen, die ja genau so wichtig sind, wie jemand selbst. Laut dem sozialistischen Humanismus sollen also die Bedürfnisse und Erfahrungen Anderer über die eigenen gestellt werden, um eine gesellschaftlichen Harmonie zu erreichen. Ziele sind hierbei also keine Erkundungen im Selbst, sondern Schaffung von Systemen zur Stärken von Kollektiven. Im Politischen drückt sich das durch Institutionen wie Gewerkschaften und sozialistische Parteien aus. Hier stellt sich das Individuum hinter großen Kollektiventscheidungen (vgl. Harari 2019: 388ff.). Schmid-Salomon kritisiert an dieser Beschreibung, dass sie sich zu wenig von kommunistische Diktatoren wie Stalin distanziere, da auf diese Art der Politik der Begriff „Humanismus“ in seiner Betonung der Menschenfreundlichkeit nicht treffend sei (vgl. Schmid-Salomon 2017).

2.3.0 Evolutionärer Humanismus

Bei dem evolutionären Humanismus gehen die Betrachtungsweisen von Harari und Schmid-Salomon besonders auseinander.

Für Harari ist der evolutionäre Humanismus eng mit Darwins Evolutionstheorie verbunden, woraus er folgert, dass Konflikte laut dem evolutionären Humanismus zu begrüßen sein sollten, sodass eine natürliche Auslese geschieht, die nur die stärksten Menschen übrig lassen. Laut Harari sieht der evolutionäre Humanismus Kriegserfahrungen also als wertvoll und essenziell an und zieht Nietzsches Aphorismus „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ als eine eindeutige Erklärung dieses Gedankenkonstrukts heran. Außerdem zieht Harari den Vergleich mit dem Nationalsozialismus und zeigt auf, dass eine Verbindung zwischen evolutionären Humanismus und Rassentheorien zu einem schrecklichen Ergebnis führen kann. Er betont allerdings, dass diese Verbindung nicht der Standard für den evolutionären Humanismus darstellt (vgl. Harari 2019: 391-397).

Schmidt-Salomon kritisert, wie Harari den evolutionären Humanismus in die Nähe des Nationalsozialismus rückt. Der Humanismus ist laut Schmid-Salomon konträr zur Ideologie des Nationalsozialismus. Dafür führt er ein Zitat Karl Marx’ an, dass aussagt, dass alle Humanisten solche politischen Verhältnisse umwerfen sollen, in denen der Mensch gequält wird und als verachtenswert behandelt wird. Daher kann laut Schmid-Salomon der Humanismus nie im Einklang mit dem Nationalsozialsmus gebracht werden, selbst durch den vorangestellten Begriff „evolutionär“ nicht. Weiterhin kritisiert Schmid-Salomon an Hararis Einordnung, dass das NS-Regime gar nicht auf die Evolutionstheorie Darwins fuße, da laut der Evolutionstheorie auch humanistische Werte wie Fürsorglichkeit einen Selektionsvorteil bringen.

Schmidt-Salomon führt weiter aus, dass der Begrifft „evolutionärer Humanismus“ von Julian Huxley entwickelt wurde. Ihm ginge es um eine Verbindung von humanistischen Werten im Einklang mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Außerdem geht es um die Konzepte von Freiheit und Gleichheit, die bei Harari vor allem im liberalen bzw. sozialistischen Humanismus auftauchen. Der Begriff „evolutionär“ deutet laut Schmid-Salomons Verständnis von Huxleys Humanismus auf ein sich immer fortentwickelndes, also evolutionäres Wertesystem hin und steht im Kontrast zu einem dogmatischen, absolutistischen Herrschaftssystem wie dem im dritten Reich (vgl. Schmid-Salomon 2017).

Julian Huxley erwähnte zuerst den Begriff Transhumanismus in einem Buch von 1957 und gilt als der Gründungsvater dieser Weltanschauung (vgl. More 2013a: 8). Der evolutionäre Humanismus in der Sichtweise von Schmid-Salomon findet sich in der Politik heute vor allem in der Kleinstpartei „Die Humanisten“ wieder, die auch den Transhumanismus begrüßt (vgl. Die Humanisten 2018).

2.4.0 Trans-humanismus

Im Humanismus war die Optimierung des Menschen nach Immanuel Kant noch als Zivilisierung, Kultivierung und Moralisierung gedacht. Der Mensch ist nicht Mittel zum Zweck anderer, sondern für sich selbst. Im Transhumanismus geht die Verbesserung des Menschen direkt an den Körper, zum Beispiel in Form einer Veränderung der Genetik (vgl. Böhme 2008: 218). Klassische Humanisten sehen den Körper zwar auch als ein Erziehungsobjekt, aber halten sie sich dabei an biologische und naturgegebene Grenzen, während Transhumanisten diese Grenzen eher als zu überwindende Makel sehen (vgl. Loh 2019: 28f.). Kritiker sehen hier, dass dem Humanismus mit einem Körper als aktives Objekt, aufgrund der eigenen Erziehung aus dem Selbst heraus, nun mit dem Transhumanismus ein Nachfolger präsentiert wird, der den Körper zu einem passiven Trägermaterial degradiert und bei dem er zu einem bloßen Objekt der Gestaltung eines Gestalters wird. Somit besteht ein Machtverhältnis zwischen Gestalter und Gestaltung, was in Form von ungefragten Veränderungen an einem Körper, etwa bei einem pränatalen Eingriff, problematisch sein kann (vgl. Loh 2019: 85-88). Denn hierbei ist der moralische Status einer Person gefährdet, den Kant mit der Selbstzweckformel und dem Instrumentalisierungsverbot im kategorischen Imperativ definiert hat. Hierbei geht es um die Idee, dass Menschen gegenseitig von ihrer Selbstzweckhaftigkeit wissen, woraus sich alle normativen Regeln für Handlungen festlegen lassen. Laut Kant gilt: „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“ (Immanuel Kant 1785, zitiert nach Sturma 2019: 134). Der Philosoph Gernot Böhme bezieht Immanuel Kants Selbstzweckformel „niemals bloß als Mittel“ auf dieses Thema: „Man darf den eigenen Leib niemals bloß als Mittel ansehen, weil […] man sich dadurch der Quelle des eigenen Selbst beraubt.“ (Böhme 2008: 19). Der Leib und das Selbst sind hier also eng miteinander verbunden. Die Folgen eines solchen Verlust des Selbsts könnten Entfremdungserscheinungen sein (vgl. Böhme 2008: 18).

Schon hier deuten sich weitreichende ethische Problemstellungen im Transhumanismus an, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit beleuchtet werden. Zunächst sollte geklärt werden, wie Transhumanisten ihre Ideologie definieren und welche Ansprüche und Abgrenzungen zu anderen Ideologien daraus folgen.

2.4.1 Definitionen Transhumanismus

Der Transhumanist Max More begründet seine Ideologie in einem „Brief an Mutter Natur“. Hierdrin bedankt er sich zum einen über all die Fähigkeiten, die die Menschheit naturgegeben bekommen hat, sagt aber auch, dass die Konstruktion der Natur fehlerhaft sei und verbessert werden müsse. Dies solle allerdings vorsichtig und intelligent geschehen:

„Mother Nature, truly we are grateful for what you have made us. […] However […] we must say that you have in many ways done a poor job with the human constitution. You have made us vulnerable to disease and damage. You compel us to age and die. […] You forgot to give us the operating manual for ourselves! […] We have decided that it is time to amend the human constitution. […] We do not do this lightly, carelessly, or disrespectful, but cautiously, intelligently, and in pursuit of excellence. […] We will no longer tolerate the tyranny of aging and death. […] We will […] improve in our neural organization and capacity […], reshape our motivational patterns and emotional responses […] and take charge over our genetic programming and achieve mastery over our biological and neurological processes.“ (More 2013b: 449f.)

Der Brief schließt mit Zusätzen, in denen die genaue Vorgehensweise der Punkte erklärt wird. In dem Brief wird deutlich, dass der Körper als ein Vehikel betrachtet wird und dass Verbesserungen mit Vorsicht implementiert werden sollten. Die Ansprache und Formulierungen zeigen einen gewissen Respekt vor der Natur, jedoch sehen Transhumanisten ihre Stellung auch als gleichwertig und fordern die naturgegebenen Grenzen heraus.

Max More gilt zudem als der Begründer der „extropischen“ Strömung im Transhumanismus. Extropie ist im Transhumanismus ein Prinzip, dass sich als „extent of a living or organzational system’s intelligence, functional order, vitality, and capacity and drive for improvement“ (More 2013a: 5) sieht. Extropie kann als Unterfangen verstanden werden, die Evolution zu beschleunigen und bemüht sich um Werte wie praktischen Optimismus, intelligente Technologie und eine offene Gesellschaft. Sämtliche Grenzen, selbst kulturelle und politische sollten beseitigt werden um sich ohne Limit, aber in gesunder Art und Weise zu entwickeln (vgl. More 2013a: 5). Am Prinzip der Extropie ist wichtig, dass sich Extropianer bzw. Transhumanisten nie ein spezifisches Ziel setzen. Es geht hierbei weniger um eine zu erreichende Utopie, sondern um das stetige Verbessern und Grenzenüberschreiten. Selbst wenn es ein grobes Ziel, etwa Unsterblichkeit, gibt, dann sind die Maßnahmen und die Zeitspanne, bis sie erreicht werden soll offen und individuell auslegbar. Es gibt keinen „Fahrplan“ im Transhumanismus nach extropischer Auslegung (More 2013a: 14f.).

In der „Transhumanist Declaration“ betonen eine Reihe von Transhumanisten das offene Potential der Menschheit, das sich vor allem im Bereich der Lebensspanne, Kognition und die Beschränkung auf den physischen Raum Erde niederschlägt. Mittels Technologie soll dieses Potential gefüllt werden, jedoch in individueller und freiheitlicher Weise. Die Deklaration macht deutlich, dass nicht jede technologische Entwicklung auch Fortschritt bedeuten muss und dass die Menschheit bei falschen Schritten bedroht ist (vgl. Chislenko et. al. 2012: 54).

Da der Transhumanismus ein „-ismus“ ist liegt es nahe, dass es sich hierbei auch um eine politische Ideologie handelt. Dem Transhumanisten Russel Blackford zufolge liegt in dem Fehlen einer gemeinschaftlichen Agenda für Veränderung aber die Abgrenzung zu einer säkularen Ideologie. Es geht um die Transition, also die ständige Veränderung hin zu einem posthumanen Wesen, welche im idealen Fall unsere Spezies sind: „Optimistically, they might be us, greatly changed“ (Blackford 2013: 422). Die Beschreibung als Transition lässt auf eine religiöse Konnotation deuten. Blackford grenzt den Transhumanismus jedoch auch dahingehen ab, als dass es hierbei kein „Jenseitiges“ bzw. Göttliches oder Übernatürliches gibt, sondern der Fokus auf dem Naturalistischen liegt (vgl. Blackford 2013: 421).

Die angesprochene Entwicklung zu einem posthumanen Wesen fordert eine Abgrenzung des Transhumanismus vom Posthumanismus. Im Posthumanismus geht es nicht mehr um den Menschen, sondern um das kommende, weiterentwickelte Wesen. So werden humanistische Wechselseitigkeiten wie Geschlechter oder auch Natur/Kultur hinterfragt. Im Posthumanismus kann es also auch um eine künstlich geschaffene Intelligenz gehen, die den Menschen ablöst und als Superspezies die Welt beherrscht. Der Posthumanismus möchte den Menschen nicht durch Verbesserung überwinden, sondern schafft einfach eine neue, eventuell parallel lebende Spezies (vgl. Loh 2019: 11-14). Max More zieht eine trennscharfe Definiton:

„Transhuman: Someone actively preparing for becoming posthuman. Someone who is informed enough to see radical future possibilities and plans ahead for them, and who takes every current option for self-enhancement.

Posthuman: Persons of unprecedented physical, intellectual, and psychological capacity, self-programming, self-constituting, potentially immortal, unlimited individuals.“ (von Max More, zitiert nach Broderick 2005: 430)

Für den Transhumanisten Nick Bostrom ist ein posthumaner Zustand dann erreicht, wenn er mindestens ein Merkmal aus seiner aufgeführten Liste erfüllt. Darunter fallen Merkmale wie eine Lebenserwartung über 500 Jahren, das Fehlen von Leid, aber auch unerwartetes wie eine Bevölkerungsgröße größer als eine Billion Personen (vgl. Bostrom 2018: 38).

Die Übergänge zwischen den beiden Begriffen Transhumanismus und Posthumanismus sind insgesamt aber fließend und werden teilweise kongruent benutzt.

2.4.2 Nietzsche als Ahnherr des Transhumanismus

Friedrich Nietzsches Philosophie des Übermenschen spielt für einige Transhumanisten eine große Rolle. Bei dem Konzept des Übermenschen geht es um die Evolution des Menschen durch seine Rationalität und Selbstüberwindung zu einem höher entwickelten Wesen. Dabei lässt sich die Stellung des Menschen aber wie ein Verbindungsstück zwischen Tier und Übermensch beschreiben. Jedoch ist die Entwicklung nicht als zielgerichteter Prozess zu verstehen (vgl. Halmer 2013).

Für Nietzsche hat der Individualismus und die individuelle Freiheit einen hohen Wert. Die Einzigartigkeit eines Menschen geht jedoch durch die Erziehung und Sozialisation verloren, da sie standardisierend wirkt. Damit wird der Mensch zu eine Art Herdentier ohne Individualität. Diese müsse wiederentdeckt werden, sodass jeder Mensch zu dem wird, der er ist, also aus der Allgemeinheit seines Menschenseins herausgeführt und somit zum Über-Mensch geworden (vgl. Skowron 2013: 261). Daraus folgt, dass eine „wahre Erziehung“ nur durch eine Selbsterziehung geschehen kann. Die Selbst-Erziehung ist auch als Selbst-Überwindung zu verstehen, da man über dem Selbst hinauswachsen muss, das aus der standardisierenden Sozialisiation entsprungen ist (vgl. Skowron 2013: 263).

Die Zuordnung des Übermenschen als Konzept für den Transhumanismus wird von Transhumanisten wie Bostrom, More oder Sorgner diskutiert. Der große Unterschiede zwischen beiden Denkrichtungen sind die Maßnahmen, mit denen der Mensch überwunden bzw. verbessert werden soll. Beim Übermenschen geschieht dies durch Selbst-Erziehung, beim Transhumanisten primär durch technologische oder genetische Veränderung. Stefan Lorenz Sorgner sieht hierbei jedoch eine strukturelle Analogie, da beide Methoden zu einer Veränderung führen sollen, die in beiden Fällen sowohl rückkehrbar, als auch unrückkehrbar sein könnten (vgl. Skowron 2013: 262). Sorgner fußt unter anderem hierdrauf seine Version eines „schwachen anti-utopischen“ Transhumanismus, bei dem der Mensch sich durch seine Instinkte und unter Hilfenahme von Technik eine freiheitliche Selbstgestaltung ermöglichen kann und zu einem dynamischen Übermenschen, ohne statischen Endzustand, werden kann (vgl. Sorgner 2019: 99).

[...]

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Transhumanismus und Augmented Reality
Hochschule
Design Akademie Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
49
Katalognummer
V498921
ISBN (eBook)
9783346050366
ISBN (Buch)
9783346050373
Sprache
Deutsch
Schlagworte
transhumanismus, augmented reality, ar, vr, futur, futuristik, enhancements, posthumanismus, technologie, übermensch, nietzsche, Kant, selbstzweckformel, implantat, ethik, philosophie, habermas, hegel, bostrom, sorgner, more, letter to mother nature, natur, kultur, menschheit, streben, glück, göttlichkeit, harari, erweiterung, daten
Arbeit zitieren
Frithjof Stückemann (Autor), 2019, Transhumanismus und Augmented Reality, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/498921

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