Der Islam im Schulalltag

Schwieriges Verhältnis oder neue Herausforderung?


Hausarbeit, 2017
35 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Muslime in Deutschland
2.1. Glaubensinhalte und Glaubensrichtungen des Islams und sein Verhältnis zum Christentum
2.2. Das Leben der Muslime in Deutschland
2.3. Staat und Religion in Deutschland

3. Islam und Schulalltag – Konflikte und Lösungsmöglichkeiten
3.1. Islamische Feiertage: Unterrichtsbesuch oder Unterrichtsbefreiung?
3.2. Ramadan - Fasten trotz Klausur?
3.3. Sport-/Schwimmunterricht: Eine Frage der Moral
3.4. Klassenfahrten
3.5. Der Streit um das Kopftuch
3.6. Islamischer Religionsunterricht vs. Ethikunterricht oder Religionskunde

4. Fazit

5. Perspektiven

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während noch bis in die 1990er Jahre in den Auseinandersetzungen um Einwanderung und Integration von „Gastarbeitern“ und später von „Ausländern“ die Rede war, wird heute vor allem von „Muslimen“ gesprochen.1 Besonders seit des verstärkten Zustroms von Flüchtlingen aus dem arabischen Raum - insbesondere aus Syrien - im Jahr 2015 und den islamistischen Anschläge hat sich die Diskussion um das Verhältnis der deutschen Gesellschaft zum Islam verstärkt.2 Inzwischen ist ‚der Islam’ eines der umstrittensten Themen in Deutschland. Auch angesichts der meist großen Kinderzahl sowohl arabischer Migranten als auch hier lebender Muslime kommt dem Verhältnis von Schule als staatlicher Institution und dem Islam als der am stärksten vertretenen Religion der Migranten eine besondere Bedeutung zu. Da die Schule den staatlichen Bildungsauftrag ausführt und laut Verfassung zwar ein religionsneutraler, aber kein religionsfreier Raum ist, kommt es zu zahlreichen Konfliktsituationen, die sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem im Grundgesetz verankerten staatlichen Bildungsauftrag und der dort ebenfalls garantierten Religionsfreiheit ergeben. Dabei ist zu beachten, dass die deutsche Gesellschaft und damit auch das Bildungswesen, obgleich inzwischen 36% Religionsfreie in Deutschland leben, immer noch stark von christlichen Traditionen bestimmt ist, was sich in Osterbasteln, Weihnachtsfeiern in der Schule und nicht zuletzt in zahlreichen christlichen staatlichen Feiertagen zeigt. Zwar haben die Christen mit ca. 56% den größten Anteil bezüglich der Religionszugehörigkeit, jedoch stellt sich schon seit einiger Zeit die Frage, ob der Islam mit einem Anteil von ca. 5% stärker in der Schule repräsentiert werden sollten. Aus diesem Grund wurde 2011 in NRW mit dem „Gesetz zur Einführung von islamischem Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach“3 der islamische Religionsunterricht für die Primarstufe und Sekundarstufe I eingeführt.

Allerdings gibt es innerhalb des Islams auch Tendenzen die eigene Religion über die Demokratie, zu deren Grundsätzen Freiheit und Toleranz gehören, zu setzen. Dabei beruft man sich auf Koranaussagen wie „Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden.“4 Diese Tendenz zur Abgrenzung ist bedenklich, da sie leicht in Intoleranz umschlagen und so die Möglichkeit der Integration in Frage stellen kann. Daher ist hervorzuheben, dass das primäre Problem nicht in andersartiger Sprache und Kultur besteht, sondern darin, „ob die Vorstellungen eines Immigranten über eine erstrebenswerte Gesellschaftsordnung mit demokratischen Grundsätzen vereinbar sind.“5

Auf der Basis von grundlegenden Kenntnissen sowohl über den Islam und die Situation der Muslime in Deutschland als auch über das Verhältnis von Staat und Religion in Deutschland werden einige Konflikte untersucht, die sich aus diesem Spannungsverhältnis ergeben und die in der Schule als staatlicher Bildungsinstitution immer wieder auftreten. Da die Schule der exponierteste Ort ist, an dem Christen, Muslime, Nicht-Religiöse und Menschen verschiedenster religiöser und weltanschaulicher Richtungen aufeinandertreffen6, haben die anschließend erarbeiteten Lösungsmöglichkeiten zum Ziel Lehrkräften eine Orientierungshilfe im Schulalltag zu geben. Damit stellen sie einen Baustein sowohl zur interreligiösen Verständigung als auch zur Integration der Migranten dar und ermöglichen so ein friedliches Zusammenleben.

2. Muslime in Deutschland

Da der Islam im Leben eines großen Teils der Migranten eine zentrale Rolle spielt, ist eine Integration nur mit Kenntnissen über diese Glaubensrichtung und entsprechender Berücksichtigung – insbesondere in den Bildungseinrichtungen – möglich. Dabei ist zu beachten, dass es ‚den Islam’ nicht gibt, sondern stattdessen vielfältige Übersetzungen und Auslegungen des Korans sowie der Sunna7 und Hadithen8. Außerdem existiert keine den christlichen Kirchen vergleichbare Institution, die als Ansprechpartner geeignet wäre. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass in der islamischen Gemeinschaft (Umma) die Abwendung vom Glauben keine Privatsache ist, sondern – wie noch in Deutschland vor ca. 50 Jahren - als Angriff auf die Gemeinschaft gewertet wird.9

2.1. Glaubensinhalte und Glaubensrichtungen des Islams und sein Verhältnis zum Christentum

Der Islam ist weltweit hinter dem Hinduismus (ca. 80,5%) die zweitgrößte Religion (ca. 13,4%). Er wurde vom Propheten Mohammed im frühen 7. Jahrhundert begründet und ist nach Judentum und Christentum die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen, die auf dem Alten Testament gründen. Daher kennen Muslime Adam und den Sündenfall, Noahs Arche und Moses. Alle drei Religionen werden als Buchreligionen bezeichnet und die Muslime betrachten sie als „himmlische Religionen“, die auf göttlicher Offenbarung beruhen.10 Aus diesem Grund werden Juden und Christen von Muslimen als „Leute des Buches“ (ahl al-kitab) bezeichnet, weshalb Muslimen der soziale Umgang mit ihnen erlaubt ist.11 Außerdem wird Juden und Christen als „Schriftbesitzern“ ein Existenzrecht als Schutzbefohlene (Dimmis) in der Umma zuerkannt.12

Im Unterschied zum Christentum wird Jesus nicht als Sohn Gottes, sondern als bedeutender wundertätiger Prophet in der Reihe der Propheten, deren Auftreten erforderlich war um einer Verfälschung der ursprünglichen Botschaft entgegenzuwirken, betrachtet. So wird in Sure13 4 des Korans die Kreuzigung Jesu bestritten, denn Gott habe diesen direkt zu sich geholt.14 Nach islamischem Glauben gilt Mohammed als letzter Prophet, dem die vollkommene Botschaft geoffenbart wurde, und wird daher als ‚Siegel der Propheten’ bezeichnet.

Wie im Christen- und Judentum verehrt man im Islam einen einzigen Gott, der Schöpfer und Herrscher über die Welt ist und dessen Willen sich der Gläubige bedingungslos zu unterwerfen hat. So bedeutet Islam ‚Unterwerfung’ und derjenige, der die Hingabe an Gott übt und sich seinem Willen unterwirft, ist Muslim.

Neben der Hingabe an Gott spielen vier Schriften, die Gott nach muslimischem Glauben der Menschheit offenbart hat, eine bedeutende Rolle. Dies sind: die Thora als Offenbarung an Moses, die Psalmen Davids, das Neue Testament Jesu und der Koran Mohammeds.15 Dabei werden die Botschaften Gottes immer vollständiger und erreichen im heiligen Buch des Islams, dem Koran16, der nach islamischem Glauben Mohammed durch den Erzengel Gabriel von Gott offenbart wurde und bis zum Ende der Zivilisation gültig sein soll, ihren Höhepunkt. Die Muslime glauben, „dass dieser Text wortwörtlich auf Gott zurückgeht und Muhammad ihn lediglich vortrage“17, weshalb der Koran als „ungeschaffenes heiliges Buch“ verstanden wird. Mohammed ist also nicht der Verfasser, sondern lediglich der Verkünder des Korans. Die um 650 n. Chr. entstandene Zusammenfassung der Offenbarungen ist in 114 Suren eingeteilt, deren Abfolge nicht chronologisch ist, sondern durch deren Länge bestimmt wird.18

Der Islam zeichnet sich dadurch aus, dass er von seinen Ursprüngen her keine Trennung von Staat und Religion kennt. Denn während Mohammed in Mekka zum Religionsgründer wurde, wurde er in Medina auch zum politischen Führer. So sind neben dem Koran auch die Sunna, die sich am Leben des Propheten Mohammeds orientiert und die Hadithe, bei denen es sich um Erzählungen über das Leben Mohammeds handelt, eine Quelle islamischen Glaubens, aber auch des islamischen Rechts.

Die zentralen Glaubensvorschriften kommen in den Fünf Säulen des Islam zum Ausdruck (siehe Abb.1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 19

Die islamische Zeitrechnung beginnt mit der Auswanderung Muhammads nach Medina im Jahr 622 n. Chr.. Nach dessen Tod im Jahr 632 n. Chr. kam es im Kampf um seine Nachfolge zu einer Spaltung des Islams in die zwei Hauptrichtungen Sunniten (ca. 90% aller Muslime) und Schiiten. Außerdem brachten beide Richtungen Rechtsschulen hervor, die den Koran unterschiedlich interpretieren.

In den meisten islamischen Ländern ist die Frau dem Mann untergeordnet, was neben dem Islam auch darauf zurückzuführen ist, dass es sich meist um Stammesgesellschaften handelt. So ist im Islam die Aussage einer Frau vor Gericht nur halb so viel wert wie die Aussage eines Mannes und sie hat auch nur auf die Hälfte des Erbes Anspruch.

In Deutschland gestaltetet sich die Konfessionsverteilung unter den Muslimen folgendermaßen (siehe Abb. 2):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 20

Die Herkunftsländer der Muslime in Deutschland sind folgende (siehe Abb. 3):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 321

Eine Besonderheit des Islam ist, dass es keine den christlichen Kirchen vergleichbare Institution gibt, der alle Muslime angehören, weil im Islam der Glauben im Herzen jedes Einzelnen stattfinden soll. Daher gibt es eine enorme Vielfalt von Glaubensvorstellungen, die von den Islamverbänden und Moscheegemeinden, in denen meist strengreligiöse Tendenzen überwiegen und nur maximal 15% der Muslime organisiert sind, nicht angemessen repräsentiert werden können.22 Die meisten dieser Verbände verfolgen eine Politik der kollektiven Identität und können so in Widerspruch zum Grundgesetz Artikel 2 stehen, der die Freiheit der Person betont.23 Außerdem sind einige Islamverbände eng mit einem Staat verbunden, wie z.B. die Ditib mit der der Türkei.

Im Gegensatz zu den Ländern Europas mit meist christlicher Tradition, haben die meisten Länder mit islamischer Tradition keinen Prozess der ‚Aufklärung’ und die hierdurch hervorgerufene ‚Trennung zwischen öffentlich und privat’ durchlaufen. Auch die infolge der Aufklärung entwickelte Vorstellung, dass der Wert eines Menschen nicht an seiner Religion gemessen werden darf, wodurch die im Grundgesetz verankerten persönlichen Freiheitsrechte entstanden sind, ist im Islam - aber auch im Christentum vor der Aufklärung - nicht bekannt. So wird zum Beispiel in der katholischen Kirche seit 1989 – wenn auch sehr verspätet – jeder Rassismus als Gotteslästerung bezeichnet.24 Diese Aufklärung hat der Islam aber nicht durchlaufen und außerdem hat er auch den Antisemitismus – der auch im Christentum vorhanden war - noch nicht überwunden. Auch widerspricht das Glaubensverständnis vieler orthodoxer Muslime dem historisch-kritischen Geschichts- und Religionsverständnis25 und von manchen Muslimen wird der Versuch einer Demokratisierung sogar als eine neue Form des Kolonialismus betrachtet.26

2.2. Das Leben der Muslime in Deutschland

Deutschland hat eine christlich-jüdische Tradition. Durch 5% Muslime sind muslimische Traditionen hinzugekommen. So leben in Deutschland ca. 5 Millionen27 Muslime. Damit ist der Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft (4,4%) hinter dem Christentum (siehe Abb. 4). Etwa ein Drittel der in Deutschland lebenden Muslime ist als im engeren Sinn ‚sehr religiös’ zu betrachten,28 ein weiteres Drittel kann als ‚Kulturmuslime’ bezeichnet werden, die zwar nach den muslimischen Traditionen leben, die Religion aber nur selten praktizieren. So beten 35 % der Muslime in Deutschland selten oder nie.29 Das letzte Drittel kann als ‚säkularistisch orientiert’ bezeichnet werden. Durch hohe Geburtenzahlen, Zuzug von Familienmitgliedern, Einwanderung und auch durch deutsche Konvertiten nimmt die Zahl der Muslime in Deutschland stetig zu.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 30

Ein größerer Teil der Muslime lebt unter sozial schlechten Bedingungen und besonders perspektiv- und ziellosen Jugendlichen der dritten und vierten Einwanderergeneration verschafft die Hinwendung zum traditionellen Islam ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität.31 Auch die Entwicklung in der Türkei, in der unter Erdogan die Trennung von Staat und Kirche allmählich aufgehoben wird, verstärkt diese Tendenz und die Forderung nach verstärktem Einfluss des Islams. In diesem Zusammenhang ist es von besonderer Bedeutung, dass die in allen europäischen Verfassungen verankerte Religionsfreiheit in den von der Aufklärung geprägten europäischen Ländern im Sinne von Toleranz und Respekt verstanden wird, während ein Teil der Muslime sie mangels aufklärerischer Tradition als Freiraum zur größtmöglichen Verbreitung ihrer Religion betrachtet.32

Während das Verhältnis der Deutschen zu den Muslimen bisher von Toleranz, aber auch von Abgrenzung bestimmt war und sich angesichts der großen Zahl von Kriegsflüchtlingen aus Syrien anfangs eine Willkommenskultur entwickelte, hat sich die Stimmung durch eine Vielzahl von Terroranschlägen in Europa verändert. Viele Menschen überlegen, inwieweit die politische Strömung des Islamismus mit dem Islam in Zusammenhang zu bringen ist. So glaubten schon nach den Anschlägen vom 11. September 2001 61% der Bevölkerung, dass ein friedliches Nebeneinander von Christentum und Islam nicht möglich sei.33 Demgegenüber wollen einige Politiker den Islam durch weitgehende Zugeständnisse, wie die Einführung eines islamischen Feiertags in die deutsche Gesellschaft integrieren.

Die Äußerungen von Politikern, wie die des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff und von Kanzlerin Angela Merkel („Der Islam gehört zu Deutschland“), die des ehemaligen Innenministers Hans-Peter Friedrich, der äußerte, dass der Islam kein Teil Deutschlands sei34 oder auch die von Volker Kauder, nach dem zwar die Muslime zu Deutschland gehören, aber nicht der Islam35, zeigen, dass das Verhältnis von Politik und Religion nicht korrekt betrachtet wird. So handelt es sich bei der Religion um eine innere Überzeugung, die vom Grundgesetz geschützt ist, weshalb der Inhalt religiöser Überzeugungen nicht im Grundgesetz geregelt ist. Für das politische Handeln gelten hingegen die Regeln der Demokratie, das heißt, dass Menschen, die die Demokratie aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen ablehnen, nicht zu Deutschland gehören. Dies kann geschehen, wenn Aussagen des Korans wie: „Wer eine Seele tötet, ohne dies als Strafe für die Ermordung einer anderen Seele oder für Verderbensstiften im Lande geschah, soll sein als ob er alle Menschen ermordet hat.“36 auf das politische Handeln übertragen werden. Wenn also die religiöse Pflicht zur Befolgung der ‚Gottesgesetze’ die Loyalität gegenüber der staatlichen Ordnung, die sich in Deutschland in der Demokratie zeigt, einschränkt oder verhindert, ist eine Grenze erreicht, die eine Integration unmöglich macht, da keine gemeinsame Basis vorhanden ist.37

Es zeigt sich also, dass die Diskussion über den Islam an die Grundfesten der Verfassung rührt, indem sie folgende Fragen aufwirft:

-Sind die christlichen Feiertage angesichts dessen, dass ca. ein Drittel der Deutschen keiner Religionsgemeinschaft angehören und ca. 5% Muslime in Deutschland leben, noch zeitgemäß?
-Passt der im Grundgesetz verankerte konfessionelle Religionsunterricht noch in die heutige Zeit? Sollte aus diesem Grund die Verfassung geändert werden?
-Wo ist die Grenze der verfassungsmäßig verankerten Religionsfreiheit, aber auch die der Freiheit der Person (Art. 2 GG) und des Erziehungsrechts der Eltern (Art 6 GG)? „ Kein Glaube muss mit dem Grundgesetz vereinbar sein, aber nicht alles, was ein Glaube fordert, darf unter dem Grundgesetz verwirklicht werden.“38

2.3. Staat und Religion in Deutschland

Durch die Weimarer Verfassung wurde 1919 das Verhältnis von Kirche und Staat neu geregelt. Dabei wurde trotz Religionsfreiheit und weltanschaulicher Neutralität des Staates die Religionsausübung nicht zur Privatsache erklärt, sondern blieb eine öffentliche Angelegenheit.39 Aus diesem Grund besteht in Deutschland auch heute noch – im Gegensatz zum laizistischen Frankreich - keine komplette, sondern eine so genannte „hinkende Trennung“40 von Staat und Religion, was sich daran zeigt, dass der Staat die Kirchensteuer einzieht, die Kirchen im Rundfunkbeirat vertreten sind und in der Schule konfessioneller Religionsunterricht stattfindet. So wird die Religionsfreiheit in Art. 4 GG von dem Anspruch auf Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Art. 7 GG, der „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt“41 werden soll, begleitet. Hierdurch erlangen die Religionsgemeinschaften einen gewissen Einfluss auf das staatliche Schulwesen. Diesen haben inzwischen auch islamische Verbände beansprucht, indem sie einem islamischen Religionsunterricht forderten. Allerdings gibt es im Islam nicht ähnlich hierarchische Strukturen wie in den christlichen Religionsgemeinschaften, was zu Unklarheiten darüber führt, wer der Ansprechpartner bezüglich des islamischen Religionsunterrichts ist.

Die Religionsfreiheit ist in Deutschland durch eine Reihe von Gesetzen eindeutig festgelegt. Die wichtigsten Regelungen über das Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften finden sich in den ersten beiden Absätzen des Art. 4 des Grundgesetzes (GG):

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unzertrennlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet. 42

Diese Normen gelten für alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften gleichermaßen und garantieren die Religionsfreiheit eines jeden Einzelnen. Es besteht dabei ein enger Bezug zur Menschenwürde. So hält das Bundesverfassungsgericht fest: „In einem Staat, in dem die menschliche Würde oberster Wert ist, und in dem der freien Selbstbestimmung des Einzelnen zugleich ein gemeinschaftsbildender Wert zuerkannt wird, gewährt die Glaubensfreiheit dem Einzelnen einen von staatlichen Eingriffen freien Rechtsraum, in dem er sich die Lebensform zu geben vermag, die seiner Überzeugung entspricht. Insofern ist die Glaubensfreiheit mehr als religiöse Toleranz.“43

Der Staat ist also, abgeleitet aus Art. 4 GG, zur religiösen Neutralität verpflichtet und muss sich als „Heimstatt aller Bürger“44 unabhängig von ihrem religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis verstehen. Er „darf sich daher nicht mit einem bestimmten religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis identifizieren, sondern muss allen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften neutral und tolerant gegenüberstehen. [...] Der Staat wirkt mit Religionsgemeinschaften zusammen, etwa um religiösen Bekenntnisunterricht in den staatlichen Schulen zu organisieren.“45

Religion ist das einzige Schulfach, welches im Grundgesetz festgeschrieben ist, wodurch ihm ein hoher Rang zukommt. Der Anspruch auf Religionsunterricht wird durch Art. 7 Abs. 3 des Grundgesetzes geregelt:

„Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu erteilen.“46

Aus dem Grundgesetz ergibt sich, dass der Religionsunterricht, wie jeder andere Unterricht auch, unter staatlicher Aufsicht steht und somit demokratischen Grundsätzen verpflichtet ist. Da der Staat jedoch zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist, garantiert er die Freiheit jeder Religionsausübung und hat auch keinen Einfluss auf die Inhalte eines bekenntnisgebundenen Religionsunterrichts. Daher ist er auf die Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften angewiesen. Der Religionsunterricht wird somit als rex mixta angesehen, als gemeinsame Angelegenheit von Staat und Religionsgemeinschaften.47 Aus diesem Grund haben die Religionsgemeinschaften ein Mitspracherecht bei der Gestaltung der Lehrpläne und der Auswahl der Religionslehrer.

Allerdings gibt es in den einzelnen Bundesländern recht unterschiedliche Regelungen, da Lehrberechtigung und andere Details in Landesverfassung und Schulgesetz bestimmt bzw. von den entsprechenden Kultusministerien geregelt werden. So wird z.B. im NRW-Schulgesetz Art. 31, Abs. 1 ausgeführt:

[...]


1 vgl. Frick, Lothar: Politik und Unterricht – Muslime in Deutschland; in: Zeitschrift für die Praxis der politischen Bildung, Heft 3/4 2012, Neckar Verlag GmbH, Stuttgart, S. 3

2 vgl. Ourghi, Abdel-Hakim: Eine humanistische islamische Religionspädagogik im Westen. In: Islamismus in der Schule. Handlungspositionen für Pädagoginnen und Pädagogen, Göttingen 2017, S. 146

3 s. Gesetz zur Einführung von islamischem Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach (7. Schulrechtsänderungsgesetz), in: Gesetz- und Verordnungsblatt (GV. NRW.) Ausgabe 2011 Nr. 34 vom 30.12.2011, S. 725 - 732, in: www.recht.nrw.de/lmi/owa/br_vbl_detail_text?anw_nr=6&vd_id=13088&vd_back=N728&sg=0&menu=1

4 Koran, Sure 5:51, in: James, Sabatina: Scharia in Deutschland. Wenn die Gesetze des Islam das Recht brechen, München 2015, S. 8

5 ebd. S. 9 - 10

6 vgl. Kleff, Sanem (Hrsg.): Islam im Klassenzimmer, Hamburg 2005, S.11

7 Überlieferung des Lebens Mohammeds

8 Erzählungen über das Leben des Propheten Mohammed

9 vgl. Ates, Seyran: Der Multikulti-Irrtum, Berlin 2016, S. 192-193

10 vgl. Antes, Peter: Muhammad: Der Offenbarungsbegriff des Islam, in: Wochenschau, Islam, Heft Nr.1, Frankfurt am Main 2003, S.13

11 vgl. Elias, Jamal J.: Islam, Freiburg im Breisgau 2000, S. 101

12 vgl. Antes, Peter: Muhammad: Der Offenbarungsbegriff des Islam, in: a.a.O., S. 13

13 Sure gleichbedeutend mit Abschnitt

14 vgl. Elias, Jamal J.: Islam, a.a.O., S. 101

15 vgl. ebd.

16 arabisch: Vortrag, Lesung, wörtlich: „Rezitiere!“ (Aufforderung des Erzengels Gabriel an Mohammed)

17 Antes, Peter: Muhammad: Die Grundbotschaft des Islam, in: Wochenschau, Islam, Heft Nr.1, Frankfurt am Main 2003, S. 11

18 vgl. Pieper, Dietmar; Traub, Rainer (Hrsg.): Der Islam. 1400 Jahre Glaube, Krieg und Kultur, München 2013, S. 14

19 Frick, Lothar, Politik und Unterricht – Muslime in Deutschland, a.a.O., S. 9

20 Kirchhof, Felix; Lippold, Veronika; Grünewald, Sascha; Pfeiffer, Marius; Mönter, Zara: Referat Islam&Bildung, Köln 2017

21 ebd.

22 vgl. Ates, Seyran: Der Multikulti-Irrtum, a.a.O., S. 206

23 vgl. ebd., S. 203

24 vgl. Schweizer, Gerhard: Islam verstehen. Geschichte, Kultur und Politik, Stuttgart 2016, S. 267

25 vgl. ebd., S. 522

26 vgl. Luyendijk, Joris: Demokratie, Menschenrechte und Islam, in: Wochenschau, Islam, Heft Nr. 1, Frankfurt am Main 2003, S. 38

27 vgl. Ates, Seyran: Der Multikulti-Irrtum, a.a.O., S. 193 – 194: Mangels Registrierungspflicht in einer islamischen Institution werden zur Feststellung der Zahl Einwanderungsstatistiken herangezogen, wobei von Herkunft auf Religion geschlossen wird. Daher ist diese Zahl ungenau.

28 vgl. ebd., S. 194

29 vgl. Pieper, Dieter; Traub, Rainer: Der Islam. 1400 Jahre Glaube, Krieg und Kultur, a.a.O., S. 230

30 Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid): Religionszugehörigkeit in Deutschland 2015, in: www.fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-deutschland-2015, 20.12.2016

31 vgl. Ates, Seyran: Der Multikuli-Irrtum, a.a.O., S.196

32 vgl. ebd., S. 197

33 Nach einer Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, veröffentlich am 17. Mai 2006, in: Ates, Seyran: Der Multikuli-Irrtum, a.a.O., S. 198

34 vgl. Pieper, Dietmar; Traum, Rainer (Hg.): Der Islam. 1400 Jahre Glaube, Krieg und Kultur, a.a.O., S. 11

35 vgl. Dalkowski, Sebastian: “Keine Religion muss mit dem Grundgesetz vereinbar sein“, Düsseldorf 09.05.2016, in: www.rp-online.de/politik/deutschland/interview-keine-religion-muss-mit-dem-grundgesetz-vereinbar-sein-aid-1.5964821

36 Koran, Sure 5,35, in: World Assembly of Muslim Youth: Die Menschenrechte im Islam, in: Wochenschau, Islam, Heft Nr.1, Frankfurt am Main 2003, S.40

37 vgl. Elyas, Nadeem: Nachgefragt, in: Wochenschau, Islam, Heft Nr.1, Frankfurt am Main 2003, S.42

38 Grimm, Dieter: Grundgesetzlich irrelevant, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2016, in: www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/islam-vs-grundgesetz-debatte-ueber-religionsfreiheit-14191706-p2.html

39 vgl. Wikipedia, Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen, in: de.wikipedia.org/wiki/Trennung_zwischen_Staat_und_religiösen_Institutionen[11.09.2017]

40 Ates, Seyran: Der Multikulti-Irrtum, a.a.O., S. 202

41 Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, in: www.gesetze-im-internet.de/gg/art_7.html

42 Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, in: www.gesetze-im-internet.de/gg/art_4.html

43 BVerfGE 32, 98 [106] (Gesundbeter); in: Epping, Volker: Grundrechte, Springer Verlag 2017, S. 152

44 BVerfGE 19, 206 [219]; Aus: Bundesministerium des Inneren: Religionsverfassungsrecht, in: www.bmi.bund.de/DE/Themen/Gesellschaft-Verfassung/Staat-Religion/Religionsverfassungsrecht/religionsverfassungsrecht_node.html

45 Bundesministerium des Inneren: Religionsverfassungsrecht, in: www.bmi.bund.de/DE/Themen/Gesellschaft-Verfassung/Staat-Religion/Religionsverfassungsrecht/religionsverfassungsrecht_node.html

46 Kirchhof, Felix; Lippold, Veronika; Grünewald, Sascha; Pfeiffer, Marius; Mönter, Zara: Referat Islam&Bildung, a.a.O.

47 vgl. WeltN24 GmbH: Religionsunterricht im Grundgesetz., 07.09.2012; in: www.welt.de/print/die_welt/politik/article109066015/Religionsunterricht-im-Grundgesetz.html

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der Islam im Schulalltag
Untertitel
Schwieriges Verhältnis oder neue Herausforderung?
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
35
Katalognummer
V499106
ISBN (eBook)
9783346031747
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam
Arbeit zitieren
János Petró (Autor), 2017, Der Islam im Schulalltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499106

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