„Wenn ich gefragt werde, warum das allgemeine Publikum sich nicht intensiver für das Tanzen interessiert, gebe ich daher die Antwort: weil die Tänzer ganz offensichtlich selbst nicht von der Interessantheit ihrer Darbietung überzeugt sind. Wären sie von der Interessantheit ihres Tanzens überzeugt, würden sie ja nicht
versuchen, es „interessant“ zu machen.“
Peter Maxwells These ist bereits Aussage genug über die ambivalente Bedeutung der Mode im Tanzsport. Wenn Maxwell nicht ausschließlich über Outfit und Styling, sondern allgemein über die ‚Performance’ der Turniertänzer und -tänzerinnen spricht, so hat seine These ebenso Gültigkeit im Bereich der ‚Tanz-Mode’, deren Form eigentlich ausschließlich der Funktion folgen sollte. Die Silhouette des Tänzers oder der Tänzerin sollte durch das Tanzkleid auf das
vorteilhafteste zur Geltung gebracht werden, ohne dass dessen Form oder Eigenbewegung die Aktionen seines Trägers oder seiner Trägerin stört; noch darf es vom Eigentlichen – dem Tanzen – ablenken. Wie sich diese Funktion des ‚Tanz-Outfits’ verändert, verlagert und welche Formen sie angenommen hat, wird in der vorliegenden Arbeit nachgegangen.
Sie befasst sich in erster Linie mit den verschiedenen Aspekten von Mode und Styling des gegenwärtigen Tanzsports, insbesondere des Standardtanzens und versucht diese im soziokulturellen Rahmen zu deuten.
Daher ist es unerlässlich, die Entwicklung des Gesellschaftstanzes
nachzuvollziehen, weil nur im historischen Kontext erklärbar ist, wie bürgerliche
Ideale im Tanzsport zum tragen kommen. Es bietet sich also an, das
Erscheinungsbild der Turnierpaare vor dem Hintergrund dieser ‚Ideale’ zu untersuchen. Dabei wird besonderer Augenmerk auf das Tanzkleid als Medium gelegt, das den Tragenden „Pose und Struktur“ verleiht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Was und wie man sich bewegt:
Vom Gesellschaftstanz zum Turniersport
1.1 Vom Tanz der Gesellschaft zum Gesellschaftstanz
1.2 Reformbewegungen
2. Worin man sich bewegt:
Outfit und Styling beim Turniertanz
2.1 Das Tanzkleid als Tanzhülle
2.2 Tanzhaar
2.3 Der Habitus
2.3.1 Turniertanz als Lebenseinstellung
2.3.2 Der Schein als Klassifizierungsmerkmal
2.3.3 Das Bürgertum als Vorbild
2.4 Sexuelle Komponenten
2.4.1 Geschlechterpolarisierung
2.4.2 Steigerung der Attraktivität
2.4.3 Kommuniziertes Geschlechterideal
Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziokulturelle Bedeutung von Mode, Styling und ästhetischem Erscheinungsbild im Standard-Turniertanz, um zu verstehen, wie sich historische bürgerliche Ideale in der modernen Tanzsport-Performance widerspiegeln.
- Historische Entwicklung vom Gesellschaftstanz zum Turniersport
- Funktion von Outfit und Tanzkleid als Medium der Selbstinszenierung
- Einfluss des bürgerlichen Habitus auf moderne Tanznormen
- Geschlechterpolarisierung und die Konstruktion sexueller Attraktivität
- Die Rolle des Stylings als Metapher für tänzerische Professionalität
Auszug aus dem Buch
Der Schein als Klassifizierungsmerkmal
Gerade weil das Tanzen im Vordergrund des Wettkampfes stehen sollte und nicht das Erscheinungsbild, entwickelte die ‚International Dance Sport Federation’ (IDSF), sowie die einzelnen Verbände - in Deutschland der Deutsche Tanzsportverband (DTV) - eine Turnierordnung, die neben allen organisatorischen Fragen auch die des Stylings und des Outfits reglementieren sollen. Seit geraumer Zeit ist sie nun für alle Turnierpaare, Organisatoren und Wertungsrichter verbindlich und wird (meist) akribisch befolgt.
In den so genannten „IDSF dress regulations“ wird zum Beispiel genau festgelegt, wie lang ein Lateinkleid zu sein hat, welche Farbe das Höschen unter diesem haben darf oder welche Körperpartien unbedingt und ausnahmslos zu bedecken sind. Entsprechende Vorschriften sind auch für das Standard-Outfit, sowie für die Kleidung des tanzenden Herren zu finden.
Ziel ist, das optische Erscheinungsbild der Turnierteilnehmer zu reglementieren und diese zu mehr Schlichtheit zu erziehen. Ob das der Kleiderordnung allerdings gelingt, ist fragwürdig, da der Turniertanz gleichermaßen ein ‚Zwitterdasein’ führt, das zwischen Sport und Kunst zu kategorisieren ist. Weder ist er ausschließlich als Sport zu betrachten, noch kann er aufgrund seines agonalen Charakters den darstellenden Künsten eindeutig zugeordnet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Ambivalenz der Tanzmode und die Zielsetzung der Untersuchung im soziokulturellen Kontext.
Was und wie man sich bewegt: Vom Gesellschaftstanz zum Turniersport: Historische Herleitung der Tanzsportentwicklung aus der Trennung von Adel und Volk sowie den Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts.
Worin man sich bewegt: Outfit und Styling beim Turniertanz: Analyse der funktionalen und symbolischen Bedeutung von Kostüm, Frisur und individuellem Habitus.
Das Tanzkleid als Tanzhülle: Untersuchung der ästhetischen Funktionen des Tanzkleides als Medium der Bewegungsvisualisierung.
Tanzhaar: Analyse der Frisur als Element der Disziplinierung und Repräsentation von Ordnung im Tanzsport.
Der Habitus: Diskussion des sozialen Anspruchs und des exhibitionistischen Aspekts im Tänzerleben.
Turniertanz als Lebenseinstellung: Betrachtung des hohen Aufwands und des Körperkults, der das Tänzerleben jenseits des reinen Sports prägt.
Der Schein als Klassifizierungsmerkmal: Auseinandersetzung mit der Reglementierung durch Dress-Codes und deren Wirksamkeit.
Das Bürgertum als Vorbild: Exkurs über den Einfluss bürgerlicher Stilepochen auf das heutige Verständnis von Tanzmode.
Sexuelle Komponenten: Untersuchung der erotischen Konnotationen und Geschlechterrollen im Turniergeschehen.
Geschlechterpolarisierung: Analyse der strikten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau im Standard- und Lateintanz.
Steigerung der Attraktivität: Diskussion des bewussten Einsatzes von Styling zur Steigerung der visuellen Wirkung.
Kommuniziertes Geschlechterideal: Zusammenfassende Betrachtung der Vermittlung klischeehafter Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder.
Fazit: Resümee über die Verflechtung von Manierismus, Ästhetik und Funktionalität im Turniertanz.
Schlüsselwörter
Turniertanz, Gesellschaftstanz, Tanzkleid, Habitus, Geschlechterpolarisierung, Ästhetik, Tanzsport, Performance, Inszenierung, bürgerliche Ideale, Styling, IDSF, Körperbeherrschung, Standardtanz, Lateintanz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Mode und Styling im Turniertanz und setzt diese in Bezug zum soziokulturellen Hintergrund sowie zu historischen bürgerlichen Idealen.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des Tanzsports, der Funktion von Kleidung und Frisuren sowie der soziologischen Konstruktion von Geschlechterrollen im Turniertanz.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die gegenwärtigen Erscheinungsformen und Ausdrucksformen der Tanzmode zu deuten und zu verstehen, warum bestimmte traditionelle Normen im Sport so vehement beibehalten werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, der soziologische Konzepte (z. B. Habitus, Inszenierung) mit historischen Kontextualisierungen und einer Analyse der offiziellen Turnierordnungen (IDSF) verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Kleidung, des Haars, des Habitus der Tänzer und der stark ausgeprägten Geschlechterrollen, jeweils unterfüttert mit historischer Herleitung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Turniertanz, Geschlechterpolarisierung, Habitus, Tanzkleid, Inszenierung, bürgerliche Ideale und Performance.
Warum spielt die Frisur eine so wichtige Rolle im Tanzsport?
Die Frisur dient nicht nur als funktionales Element, um das Haar zu bändigen, sondern fungiert als Metapher für die innere Ordnung und die professionelle Kultiviertheit des Tänzers.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Zukunft des Turniertanzes?
Die Autorin sieht eine Gefahr in der Entzeremonialisierung der Welt, da der Turniertanz durch seine traditionellen, zeremoniellen Wurzeln als "Sonderling" wirkt, der sich gegen moderne, androgyne Zeitgeister behaupten muss.
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- Vanessa Zofcin-Eichhorn (Author), 2005, Dressed to Dance - Aspekte von Mode und Styling in Gesellschaftstanz und Turniersport, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49924