In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, auf welche Weise die Fremden in Karl Mays Winnetou-Trilogie dargestellt werden. Es sollen bekannte Motive und Traditionen der Fremdendarstellung in seinen Werken aufgezeigt und gedeutet werden. Da Karl May sich unter anderem am Werk Balduin Möllhausens orientiert hat, sollen außerdem verschiedene Erzählungen von Möllhausen hinzugezogen werden, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Schilderung exotischer Schauplätze und Völker festzustellen.
Das Erkenntnisinteresse der Arbeit bezieht sich auf evaluative Aspekte der Darstellung des Gegensatzes Eigenes-Fremdes. Die Werke sollen hinsichtlich der Themen und der Regelhaftigkeiten des Fremdendiskurses betrachtet werden. Es soll herausgefunden werden, wie das Fremde in den Romanen und Erzählungen erlebt wird, welche Kategorien eventuell gebildet werden und wie diese in den Texten konkretisiert sind. Das Werk Karl Mays soll dabei anhand von Theorien zur Fremdenwahrnehmung sowie kulturgeschichtlicher Traditionen des Umgangs mit dem Fremden untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Gegenstand und Ziel der Arbeit
1.2 Gang der Untersuchung
1.3 Forschungsstand
2. Fremdenwahrnehmung und –darstellung
2.1 Wahrnehmungsmuster des Fremden
2.2 Der Fremdendiskurs in der Literatur
2.3 Der ethnographische Abenteuerroman
3. Analyse der Abenteuerromane
3.1 Wildnis und Zivilisation
3.2 Begegnung mit dem Fremden
3.2.1 Idealisierung
3.2.2 Winnetou als Edler Wilder
3.2.3 Herabwürdigung
3.2.4 Feindschaft
3.3 Prozesse der Verwestlichung
3.3.1 Bündnisse
3.3.2 Zivilisierung
3.3.3 Missionierung
3.3.4 Verdrängung
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie das „Fremde“ in den Abenteuerromanen von Karl May und Balduin Möllhausen dargestellt wird und welchen Diskursen diese Darstellung unterliegt. Dabei steht die Frage im Zentrum, durch welche Kategorien und Traditionen, insbesondere den Topos des „Edlen Wilden“, das Bild des Anderen geprägt wird und inwieweit diese literarische Konkretisierung bestehende Vorurteile und kulturelle Projektionen widerspiegelt.
- Analyse von Wahrnehmungsmustern des Fremden im literarischen Kontext.
- Untersuchung der räumlichen Dichotomie zwischen Wildnis und Zivilisation.
- Deutung der Figurengestaltung und Kategorisierung in "Edle" und "Böse" Wilde.
- Evaluation von Prozessen wie Bündnisbildung, Zivilisierung und Missionierung.
- Vergleich von Karl Mays Werken mit Ausschnitten aus Möllhausens Erzählungen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Wildnis und Zivilisation
„Damit ist der Zugang zu Mays Darstellung der Indianer gewonnen. Diese setzt den Gegensatz von Natur und Zivilisation voraus.“131 Bevor die Begegnung mit dem Fremden stattfindet, kommt der Wanderer als Erzähler der Reise- und Abenteuerromane in einer fremden Umgebung an, in die sich die Figuren eingliedern, an die sie sich anpassen oder an der sie scheitern. Deshalb setzt das Verständnis der Figuren und ihrer Handlungen eine Betrachtung der semantischen Räume,132 in denen sie agieren, voraus. Natur und Zivilisation bilden eine dichotomische Raumstruktur, die zu Spannungen und Konflikten führt, wann immer beide Räume in Kontakt kommen.
Laut Sehm habe die Landschaft bei Karl May stets eine Funktion, da er die Umgebung seiner Handlung anpasse und hiermit die Voraussetzungen für seine Abenteuer schaffe.133 Die Landschaftsschilderungen sind oft dem Kapitel vorangestellt und bilden den Rahmen für die nachfolgenden Geschehnisse. Die Verknüpfung der Beschreibung fremder Länder und Völker mit der Schilderung von Abenteuern entspricht der Gattung des ethnographischen Abenteuerromans. Die Prärie als Haupthandlungsort bietet am besten die Freiheit und Offenheit, die der Reisende erwartet. May betont die grenzenlosen Weiten hierbei mit der Ozean-Metaphorik.134
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, den Diskurs des Fremden in den Werken von Karl May und Balduin Möllhausen zu untersuchen und den theoretischen Rahmen sowie den methodischen Ansatz zu skizzieren.
2. Fremdenwahrnehmung und –darstellung: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen zur Wahrnehmung von Fremdheit, Stereotypen und literarischen Diskursen wie dem Topos des „Edlen Wilden“ dar.
3. Analyse der Abenteuerromane: Im Hauptteil werden die literarischen Räume, die Begegnung mit dem Fremden durch Idealisierung oder Herabwürdigung sowie die Prozesse der Verwestlichung detailliert analysiert.
4. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass das „Fremde“ in den untersuchten Texten primär als Projektion des Eigenen fungiert und maßgeblich zur Stabilisierung kultureller Stereotypen beiträgt.
Schlüsselwörter
Fremdendiskurs, Karl May, Balduin Möllhausen, Abenteuerroman, Edler Wilder, Zivilisation, Wildnis, Ethnographie, Stereotyp, Kolonialismus, Figurenanalyse, Winnetou, interkulturelle Begegnung, Alterität, Missionierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung des Fremden und die damit verbundenen Diskursmuster in den Abenteuerromanen von Karl May und Balduin Möllhausen im 19. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Wahrnehmung von Fremdheit, der Abgrenzung von Räumen (Wildnis vs. Zivilisation), der Figurenanalyse sowie der Bedeutung von Zivilisierungs- und Missionierungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll herausgearbeitet werden, welche Kategorien der Fremdendarstellung verwendet werden und wie sich der Diskurs des Eigenen gegenüber dem Fremden in den Werken konkretisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen literaturwissenschaftlichen Ansatz, der Elemente der Diskursanalyse nach Foucault und kulturwissenschaftliche Theorien zur Fremdheitserfahrung kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der semantischen Räume, die detaillierte Figurenanalyse hinsichtlich Idealisierung und Herabwürdigung sowie die Untersuchung von interkulturellen Bündnissen und Missionierungseffekten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fremdendiskurs, Edler Wilder, Zivilisationskritik, Alterität, Stereotype und der ethnographische Abenteuerroman.
Wie wird Winnetou in der Arbeit als Figur eingeordnet?
Winnetou wird als ein Musterbeispiel für die Idealisierung des „Edlen Wilden“ analysiert, wobei besonders sein Wandel zum „zivilisierten“ und christlich geprägten Menschen durch Einflüsse westlicher Bildung untersucht wird.
Welche Rolle spielt Balduin Möllhausen im Vergleich zu Karl May?
Möllhausen dient als Vergleichsautor, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung von Wildnis und Zivilisation sowie der Indianerfiguren aufzuzeigen und die Einflüsse auf Mays Werk zu beleuchten.
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- Valerie Till (Author), 2019, Der Diskurs des Fremden in Romanen und Erzählungen von Karl May und Balduin Möllhausen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499409