Wir und die Anderen. Die Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Migranten vor dem Hintergrund der sozialen Identität

Eine empirische Studie


Diplomarbeit, 2011
113 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

INHALTSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS6

A. EINFÜHRUNG IN DIE THEMATIK

B. THEORETISCHER TEIL
1. DIE THEORIE DER SOZIALEN IDENTITÄT VON TAJFEL UND TURNER
1. 1 Ausgangssituation: Die Minimalgruppenexperimente 1.1.1 Die Sherifschen Feldlager-Experimente
1.1.2 Das Minimalgruppen-Paradigma
1. 2 Theoretische Vorannahmen der Theorie der sozialen Identität
1.2.1 Eine sozialpsychologische Definition von Gruppenmitgliedschaft
1.2.2 Interpersonales Verhalten vs. Intergruppenverhalten
1. 3 Die Entstehung von Intergruppenkonflikten
1.3.1 Theoriekern
1.3.2 Die 4 Konstrukte der Theorie der sozialen Identität
1.3.2.1 Soziale Kategorisierung und das Verhalten zwischen Gruppen
1.3.2.2 Soziale Identität
1.3.2.3 Sozialer Vergleich
1.3.2.4 Positive Distinktheit
2. AUF DIE THEORIE DER SOZIALEN IDENTITÄT AUFBAUENDE KONZEPTE
2. 1 Die Theorie der Selbstkategorisierung
2.1.1 Charakteristika des Selbstkonzeptes
2.1.2 Bedingungen der Salienz einer Kategorisierung und deren Folgen
2. 2 Das Eigengruppenprojektionsmodell
3. ANSÄTZE ZUR VERRINGERUNG VON SOZIALER DISKRIMINIERUNG
3. 1 Kontakthypothese
3. 2 Vorurteilsreduzierende Kontaktbedingungen aus Sicht der Theorie der Sozialen Identität
3.2.1 Dekategorisierung
3.2.2 Rekategorisierung
3.2.3 Das Modell der dualen Identität
3.2.4 Implikationen aus dem Modell der Eigengruppenprojektion
3. 3 Ausblick/Integration verschiedener Modelle
4. AKKULTURATION
4. 1 Definition des Begriffs Akkulturation
4. 2 Akkulturationsmodelle
4. 3 Die Rolle der aufnehmenden Gesellschaft im Akkulturationsprozess
4. 4 Akkulturation und Intergruppenforschung

C. EMPIRISCHER TEIL
1. UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND UND HYPOTHESENHERLEITUNG
1. 1 Hypothese 1
1. 2 Hypothese 2
1. 3 Hypothese 3
1. 4 Hypothese 4
1. 5 Hypothese 5
1. 6 Hypothese 6
1. 7 Hypothese 7
2. EMPIRISCHE STUDIE
2. 1 Das Messinstrument: Aufbau und Inhalt des Fragebogens
2. 2 Deskriptive Darstellung
2.2.1 Stichprobenbeschreibung
2.2.2 Skala Gruppenidentifikation
2.2.3 Skala Soziale Identität
2.2.4 Skala Ethnische Identität
2.2.5 Skala Akkulturationsorientierung
2.2.6 Multicultural Personality Questionnaire
2.2.7 Skala Ausländerfeindlichkeit
3 ÜBERPRÜFUNG DER HYPOTHESEN
3. 1 Hypothese 1: Es ist eine gleichzeitige Identifikation mit Deutschland und Europa möglich
3. 2 Hypothese 2: Je stärker die deutsche Identität ausgeprägt ist, desto negativer ist die Einstellung
Au s ländern gegenüber
3. 3 Hypothese 3: Je stärker die europäische Identität ausgeprägt ist, desto positiver ist die Einstellung gegenüber Ausländern
3. 4 Hypothese 4: Je höher das Schulbildungsniveau einer Person ist, desto positiver ist ihre
E instellung Ausländern gegenüber.
3. 5 Hypothese 5: Je häufiger eine Person mit Migranten in Kontakt steht, desto geringer sind die ausländerfeindlichen Einstellungen
3. 6 Hypothese 6: Ausländerfeindliche Personen bevorzugen die Separation bzw. Assimilation der
Migranten. Integrationsbefürworter sind Ausländern gegenüber positiv eingestellt.
3. 7 Hypothese 7: Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Stärke der nationalen Identität einer
P erson und deren Akkulturationsorientierung
3. 8 Zusammenfassung der Ergebnisse

D. SCHLUSSBETRACHTUNG

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Strategien zur Erlangung positiver Distinktheit

Abbildung 2 Hierarchische Struktur sozialer Kategorisierungen

Abbildung 3 Kreuzkategorisierung

Abbildung 4 Akkulturationsmodell von Berry (1980)

Abbildung 5 Interaktive Akkulturationsmodell von Bourhis et al.(1997)

Abbildung 6 Probanden nach Geschlecht und Alter

Abbildung 7 Familienstand der Befragten

Abbildung 8 Wohnsituation der Befragten

Abbildung 9 Schulbildungsniveau der Befragten

Abbildung 10 Religionszugehörigkeit der Befragten

Abbildung 11/12 Mittelwerte Identifikation Dtl./Identifikation Europa

Abbildung 13 Mittelwert Einstellung zur Fremdgruppe

Abbildung 14/15 Mittelwert Deutsche Identität/Europäische Identität

Abbildung 16 Mittelwert dt.-europ. Identität

Abbildung 17 Mittelwert Ethnische Identität

Abbildung 19 Häufigkeiten Akkulturationsorientierungen

Abbildung 20 Mittelwert Ausländerfeindlichkeit

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Alter und Geschlecht der Befragten

Tabelle 2 Deskriptive Statistik Identifikation mit Dtl /Identifikation mit Europa

Tabelle 3 Deskriptive Statistik Subskalen Einstellung Fremdgruppe

Tabelle 4 Deskriptive Statistik Dt. Identität /Europ. Identität/Dt.-Europ. Identität

Tabelle 5 Häufigkeiten Zugehörigkeit Volksgruppe

Tabelle 6 Deskriptive Statistik Subskalen Ethnische Identität

Tabelle 7 Deskriptive Statistik Multicultural Personality Questionnaire

Tabelle 8 Korrelation Identifikation Deutschland/Identifikation Europa

Tabelle 9 Korrelation Deutsche Identität/Ausländerfeindlichkeit

Tabelle 10 Korrelation Europäische Identität/Ausländerfeindlichkeit

Tabelle 11 Korrelation Schulbildung/Ausländerfeindlichkeit

Tabelle 12 Korrelation Kontakt/Ausländerfeindlichkeit

Tabelle 13 Kreuztabelle Akkulturationsorientierung/Ausländerfeindlichkeit

Tabelle 14 Chi-Quadrat-Test Ausländerfeindlichkeit/Akkulturationsorientierung

Tabelle 15 Korrelation Ausländerfeindlichkeit/Akkulturationsorientierung

Tabelle 16 Korrelation Deutsche Identität/Akkulturationsorientierung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A. Einführung in die Thematik

Die Reaktionen auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, das nach Angaben von media control das meistverkaufte Politik-Sachbuch eines deutschen Autors im letzten Jahrzehnt darstellt (media control, 2010), machen einmal mehr deutlich, welche Aktualität das Thema Migration in Deutschland hat.

Mit einem Anteil von 19,6 % hat, gemäß Angaben des Statistischen Bundesamtes, fast ein Fünftel der Bevölkerung einen sog. „Migrationshintergrund“. Darunter fallen die Personen, die selbst oder deren (Groß-) Eltern nicht in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und die längerfristig in Deutschland leben (Statistische Bundesamt, 2010).

Die kulturelle, sprachliche und ethnische Andersartigkeit der Migranten wird von Mitgliedern der Mehrheitsbevölkerung sehr häufig nicht wohlwollend aufgenommen, sondern negativ bewertet. Des Weiteren erfahren Personen mit Migrationshintergrund in vielen Situationen des alltäglichen Lebens eine schlechtere Behandlung als die deutsche Mehrheitsbevölkerung, z.B. bei der Vergabe von Wohnungen und hinsichtlich der Arbeitsplatzsuche.

Immigranten als Mitglieder von Minoritätengruppen sind der Mehrheitsgesellschaft zumeist hinsichtlich Macht und Status unterlegen. Aus dieser Ungleichheit heraus resultieren häufig Forderungen seitens Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft an die Migranten, wie z.B. die, dass diese sich den Werten und Normen der Mehrheitsgesellschaft unterzuordnen hätten und ihre eigene Herkunftskultur nur in beschränktem Maße ausleben dürften.

Aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich aus der Zuwanderung ergeben haben, ist jedoch auch die Mehrheitsgesellschaft gefordert, sich an diese neuen Gegebenheiten anzupassen. Zuwanderung ist mit einschneidenden Veränderungen für die Migranten verbunden, verändert aber gleichzeitig auch die aufnehmende Gesellschaft. Die Disziplin, die sich mit den Wechselwirkungen beschäftigt, die durch das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen entstehen, ist die Akkulturationsforschung.

In der vorliegenden Arbeit soll aus einer sozialpsychologischen Perspektive die Beziehung zwischen Mehrheitsbevölkerung und Migranten beleuchtet werden. Das theoretische Fundament bildet dabei die Theorie der sozialen Identität von Tajfel & Turner. Diese setzt sich mit der Entstehungsweise von sozialer Diskriminierung auseinander und gibt Aufschluss darüber, warum es für ein Individuum so wichtig ist, eine Abgrenzung zwischen der Eigengruppe (dem „Wir“) und der Fremdgruppe (den „Anderen“) vorzunehmen. Ziel der quantitativen Erhebung ist es zu ermitteln, welche Haltung die Mehrheitsgesellschaft gegenüber Migranten einnimmt und in welchem Zusammenhang diese Bewertung mit sozialpsychologischen Variablen, wie z.B. der Identifikation mit der Eigengruppe, steht.

Der theoretische Teil der vorliegenden Arbeit gliedert sich in vier Kapitel.

Im ersten Kapitel wird die Theorie der Sozialen Identität von Tajfel & Turner dargestellt. Das darauffolgende Kapitel beschäftigt sich mit der Theorie der Selbstkategorisierung und dem Eigengruppenprojektionsmodell, die beide an die Theorie der sozialen Identität anknüpfen. Das dritte Kapitel zeigt verschiedene Ansätze zur Verringerung von Diskriminierung auf, die vor dem Hintergrund der in Kapitel 1 und 2 dargestellten sozialpsychologischen Theorien und Modelle entwickelt wurden. Als Grundlage für die genannten Kapitel dient, neben den Publikationen der Begründer der Theorien, insbesondere der 1985 in einem Sammelband erschienene Aufsatz von Amelie Mummendey mit dem Titel „Verhalten zwischen sozialen Gruppen. Die Theorie der sozialen Identität“. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Akkulturationsprozess, insbesondere mit der Rolle der aufnehmenden Gesellschaft. Die Literatur betreffend ist Andreas Zick hervorzuheben. Seine 2010 erschienene Publikation „Psychologie der Akkulturation: Neufassung eines Forschungsbereichs “ , ebenso wie verschiedene von ihm verfasste Aufsätze wurden herangezogen. Der dargestellte Theorieteil bildet die Grundlage für die quantitative Erhebung.

Der empirische Teil ist in drei Kapitel untergliedert.

Im ersten Kapitel werden der Untersuchungsgegenstand und die Hypothesen hergeleitet. Das darauffolgende Kapitel umfasst die Darstellung des verwendeten Messinstruments, die Beschreibung der Stichprobe und die deskriptive Datenbeschreibung. Im dritten Kapitel des empirischen Teils findet die Überprüfung der Hypothesen statt.

Die Arbeit endet mit einer Schlussbetrachtung.

B. Theoretischer Teil

1. Die Theorie der Sozialen Identität von Tajfel und Turner

1.1 Ausgangssituation: Die Minimalgruppenexperimente

Der Entwicklung der Theorie der sozialen Identität (Social Identity Theory, SIT) gingen die sog. Minimalgruppenexperimente voraus, deren Ursprung auf die Feldlager- experimente von Muzafer Sherif und Mitarbeitern zurückgeht. In den folgenden Unterkapiteln wird auf die Sherifschen Feldlagerexperimente und die Minimalgruppen- experimente eingegangen, da Kenntnisse über diese zum Verständnis der SIT erforderlich sind.

1.1.1 Die Sherifschen Feldlager-Experimente

Die Arbeiten von Sherif und Mitarbeitern (Sherif, Harvey, White, Hood & Sherif, 1961; Sherif, 1962, 1966, 1967), die die Schlussfolgerungen aus den drei zwischen 1949 und1953 stattgefundenen Ferienlagerexperimenten thematisieren, werden als klassische empirische Untersuchungen zur Theorie des realistischen Gruppenkonflikts (Realistic Group Conflict Theory, RCT ) zitiert (u.a. Zick, 1997, S.106; Ganter, 1997, S.40). Dieser Begriff geht auf Campbell (1965) zurück.

Gegenstand der als Längsschnitt angelegten Feldexperimente, die in jeweils dreiwöchigen Sommerferienlagern durchgeführt wurden, war die Analyse von Gruppenbildungs- prozessen und die Bestimmung der Determinanten von Gruppenkonflikten (Mummendey, 1985).

Das Gesamtdesign setzt sich aus mehreren aufeinander aufbauenden Phasen zusammen:Zu Beginn wurden die im Durchschnitt 12-jährigen Jungen, die an der Untersuchung teilnahmen, in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt ohne bereits bestehende Freundschaftsverhältnisse zu berücksichtigen. Nachdem sich innerhalb der Gruppen weitgehend stabile Gruppenstrukturen entwickelt hatten, traten die zwei Gruppen in Kontakt durch verschiedene Wettbewerbs- und Konkurrenzspiele. Hierbei konnte ein begünstigendes Verhalten der Eigengruppe und ein diskriminierenden Verhalten gegenüber der Fremdgruppe beobachtet werden. Die Mitglieder der eigenen Gruppe wurden nahezu ausschließlich positiv, die der Fremdgruppe hingegen negativ bewertet. Auf die Phasen der Gruppenbildung und des Intergruppenwettbewerbs folgte die der Konfliktreduktion durch die Einführung eines gemeinsamen, übergeordneten Ziels. Die Jungen wurden mit einem Problem konfrontiert, zu dessen Lösung eine intergruppale Kooperation unabdingbar war. In dieser Phase konnte eine Abnahme der wechselseitigen Feindseligkeiten beobachtet werden, ebenso wie weniger drastische Diskrepanzen hinsichtlich der Beurteilung der Eigen- und Fremdgruppe. (Sherif 1966, S.80-93).

Zentraler Ansatzpunkt Sherifs bei der Analyse der Faktoren die zu diskriminierenden Verhalten führen, ist nicht das Individuum, sondern die Gruppe. So lautet die grundlegende Annahme seiner Theorie, dass die Beziehung zwischen sozialen Gruppen, die individuellen Einstellungen und das Verhalten der Mitglieder zueinander bestimmt und nicht umgekehrt. Gemäß der RCT ist die Beziehung zwischen den Gruppen wiederum determiniert durch die Art des wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisses der Gruppeninteressen.

So können soziale Gruppen hinsichtlich ihrer Ziele in einem positiven oder negativen Interdependenzverhältnis stehen. Bei positiver Interdependenz können die Gruppen ihr Ziel nur durch Zusammenarbeit mit der Fremdgruppe erreichen. Ein negatives Interdependenzverhältnis liegt hingegen vor, wenn die Ziele der Eigengruppe nur auf Kosten der Fremdgruppe verwirklicht werden können.

Wie in den Feldlagerexperimenten in der letzten Phase beobachtet wurde, geht ein positives Interdependenzverhältnis zumeist mit kooperativem Verhalten, sozialer Harmonie sowie mit freundlichen und wohlwollenden Einstellungen gegenüber den Fremdgruppenmitgliedern einher. Die Folge inkompatibler Gruppeninteressen sind hingegen Konflikte, konkurrierende Formen sozialer Interaktion und feindliche Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber den Fremdgruppenmitgliedern (Mummendey, 1985).

Demnach sind „die sozialen Beziehungen zwischen den Individuen als Gruppenmitglieder und ihr Verhalten zueinander [...] also primär durch die Funktion bestimmt, die die Beziehung zwischen den Gruppen für das Erreichen des eigenen Gruppenziels hat.“ (Mummendey, 1985, S.189).

Die dargestellten Grundannahmen der RCT konnten in einer Reihe von nachfolgenden Untersuchen repliziert werden (u.a. Blake & Mouton, 1961, 1962; Diab 1970, Andreeva, 1984), jedoch nicht in allen (z.B. Tyerman & Spencer, 1983).

Einer der am häufigsten in der einschlägigen Literatur angeführten Kritikpunkte an der Erhebung, ist die Tatsache, dass es in den dargestellten Experimente keine Kontrollgruppen gab (z.B. Van Knippenberg, 1978). Somit kamen Zweifel auf, ob ein Interessenskonflikt zwischen den betreffenden Gruppen eine notwendige Bedingung für die Entstehung von Gruppenrivalitäten ist. Empirische Evidenz dafür, dass dies nicht der Fall ist, zeigte sich in den Untersuchungen von Rabbie & Horwitz (1969) und in anderen Nachfolgeuntersuchungen (Rabbie & Wilkens, 1971; Doise & Weinberger, 1973), die nachwiesen, dass auch zwischen Gruppen, die nicht in einem Konkurrenzverhältnis zueinanderstehen, das Verhalten der Fremdgruppendiskriminierung eintrat (Mummendey, 1985).

1.1.2 Das Minimalgruppen-Paradigma

Um nun die minimal hinreichenden Bedingungen für das Entstehen von Intergruppen- diskriminierung zu ermitteln und den Effekt reiner Kategorisierung auf das Verhalten zwischen Gruppen zu überprüfen, wurden verschiedene Experimente durchgeführt gemäß dem Paradigma der minimalen Gruppen (minimal group paradigm, MGP), von denen das Bekannteste das von Tajfel, Billig, Bundy und Flament (1971) ist (Mummendey, 1985, S.190).

Gemäß dem MGP wird eine Kategorisierung in zwei Gruppen auf Basis trivialer Kriterien, wie etwa der Präferenz von Klee- oder Kandinsky-Gemälden, vorgenommen.

Tajfel et al. (1971) resümierten die Bedingungen des Paradigmas folgendermaßen (S.153f.):

1. Keine face-to-face Interaktion der Versuchspersonen, sei es inter- oder intragruppal
2. Vollständige Anonymität der Gruppenmitglieder
3. Fehlen jeglicher instrumenteller oder rationaler Verknüpfung zwischen der Art der Gruppeneinteilung und den von den Versuchspersonen erwarteten Verhaltensweisen
4. Die Versuchspersonen können aus ihren Verhaltensweisen keinen persönlichen Nutzen ziehen
5. Hinsichtlich der zu treffenden Distributionsentscheidungen können die Versuchs- personen zwischen den Strategien der Eigengruppenbevorzugung bzw. Fremdgruppenbenachteiligung und der einer fairen Verteilung wählen
6. Die Distributionsentscheidungen stellen für die Versuchspersonen reale und bedeutsame Entscheidungen in Form von konkreten Geldbelohnungen oder Bestrafungen anderer Personen dar

Durch Einhaltung dieser Bedingungen wurde eine extrem reduzierte soziale Situation geschaffen. Von dieser ausgehend sollten schrittweise die für die Diskriminierung relevanten Faktoren herausgefiltert werden (Mummendey, 1985).

Tajfel et al. (1971) konnten jedoch zu ihrem Erstaunen schon bei der Basisvariante des Paradigmas eine Bevorzugung der Eigengruppenmitglieder beobachten. Aus den MGP- Experimenten schlossen die Autoren, dass die einfache, willkürliche Kategorisierung von Individuen in zwei Gruppen ausreichend ist, um diskriminierendes Verhalten gegenüber der Fremdgruppe zu verursachen. Sind real existierende Konflikte zwischen den Gruppen vorhanden, führt dies dazu, dass die Kategorisierung in Eigen- und Fremdgruppe offensichtlicher wird und an Bedeutung gewinnt, was sich in einer Verstärkung des diskriminierenden Verhaltens niederschlägt. Die Wirkungsweise von realistischem Wettbewerb scheint demnach nicht direkter, sondern indirekter Natur zu sein (Mummendey, 1985, S.191). Ferner wurde im MGP festgestellt, dass der relative Gewinn für die Versuchspersonen oftmals von größerer Bedeutung war als der absolute. So entschieden sich die Versuchspersonen bei der Wahlmöglichkeit zwischen der Strategie des maximalen Profits für beide Gruppen und der Strategie der maximalen Differenz zwischen den Auszahlungen der Eigen- und Fremdgruppe oftmals für die letztgenannte Option, selbst wenn dies, verglichen mit der erstgenannten Strategie, mit einem geringeren Gewinn einherging (Brown, 1995, S.46). In nachfolgenden Untersuchungen erwies sich der Effekt der Diskriminierung im MGP als robustes Phänomen (Brown, 1995, S.47). So fanden z.B. Brewer & Silver (1978) ähnliche Ergebnisse.

Die Minimalgruppenexperimente zeigten, dass Kategorisierung per se soziale Diskriminierung der Fremdgruppe hervorrufen kann. Die Theorie der sozialen Identität von Tajfel und Turner (Tajfel, 1979; Tajfel & Turner, 1979, 1986) knüpft an die Ergebnisse des MGP an und beschäftigt sich mit der Frage, welche grundlegenden sozialpsychologischen Prozesse dem Intergruppenverhalten zugrunde liegen.

1.2 Theoretische Vorannahmen der Theorie der sozialen Identität

Bevor im folgenden Kapitel auf den funktionalen Kern der SIT eingegangen wird, ist es notwendig, zunächst die theoretischen Grundannahmen dieser Theorie zu skizzieren, was im folgenden Abschnitt mit der Erläuterung der Termini „soziale Gruppe“, „Intergruppenverhalten“ und „interpersonales Verhalten“ geschieht.

1.2.1 Eine sozialpsychologische Definition von Gruppenmitgliedschaft

Die Begründer der SIT stimmen mit Sherifs Definition (1966) von Intergruppenverhalten überein, die lautet:

Whenever individuals belonging to one group interact collectively or individually, with another group or its members in terms of their group identification, we have an instance of intergroup behaviour. (S.12)

Das Gruppenkonzept der SIT ist ein sozialpsychologisches und analog zum Nationenkonzept des Historikers Emerson (1960) konstruiert, dessen Definition von Nation lautet: „ a nation is a body of people who feel that they are a nation. “ (S.102).

Tajfels (1978) definiert eine soziale Gruppe folgendermaßen:

Eine Gruppe ist eine Ansammlung von Menschen, die fühlen oder wahrnehmen, dass sie eine Gruppe sind, sich selbst als Angehörige einer Gruppe kategorisieren und konsensual in der gleichen Weise von anderen kategorisiert werden. (S.28)

Im Vergleich zu früheren Definitionen führt Tajfel demnach einen sehr viel weiter gefassten, flexiblen und subjektivistischen Gruppenbegriff ein, indem er auf Kriterien, wie z.B. Rollen- und Statusbeziehungen, Face-to-face - Kontakt und gemeinsame Gruppenziele verzichtet. Dies bringt den Vorteil mit sich, dass das Gruppenkonzept sowohl Kleingruppen als auch große soziale Kategorien (wie z.B. Nationalitäten) mit einbezieht (Mummendey, 1985).

Tajfel ergänzt diese Definition einer Gruppe noch um drei Komponenten, hinsichtlich derer die Wahrnehmung einer Gruppe variieren kann (Tajfel, 1978, S.28):

- Die kognitive Komponente resultiert aus dem Wissen eines Individuums um die eigene Gruppenzugehörigkeit. Diese Komponente ist allgemeine Voraussetzung für die Gruppenidentifikation. Tajfel bezeichnet sie auch als „sozial-kognitive“ Komponente, da das Wissen um die Gruppenzugehörigkeit von mehreren Personen geteilt werden muss.
- Die evaluative Komponente bezeichnet die positiven oder negativen Wertkonnotationen, die mit der Gruppenmitgliedschaft verbunden sind.
- Die emotionale Komponente bezieht sich auf die Gefühle (z.B. Liebe, Hass), die mit den beiden erstgenannten Komponenten der Gruppenmitgliedschaft einhergehen.

1.2.2 Interpersonales Verhalten vs. Intergruppenverhalten

Die Unterscheidung zwischen sozialen Situationen, in denen interpersonales Verhalten (die Individuen verhalten sich als Individuen) und zwischen sozialen Situationen, in denen intergruppales Verhalten (die Individuen verhalten sich als Mitglieder bestimmter sozialer Gruppen) vorliegt, stellt eine weitere wichtige Grundannahme der SIT dar (Mummendey, 1985). Diese Differenzierung ist wichtig, da sich die theoretischen Konzepte, die sich auf eine Art des Verhaltens beziehen, nicht ohne weiteres auf die andere Art übertragen lassen (Brown, 2002).

Jegliches soziales Verhalten zwischen zwei (oder mehreren) Personen lässt sich, nach Tajfel (1978), auf einem Kontinuum zwischen eindeutig interpersonalem und eindeutig intergruppalem Verhalten lokalisieren.

Der Extrempol des „rein“ interpersonalen Verhaltens tritt auf, wenn die Interaktion gänzlich durch die individuellen Eigenschaften der beteiligten Personen und durch deren persönliche Beziehungen bestimmt ist. Diesen Extremfall hält Tajfel für „absurd“ und „undenkbar“ (Tajfel, 1982a, S.84). Als Beispiel für Situationen, die dem interpersonalen Extrem relativ nahe kommen, führen Tajfel und Turner die Beziehungen zwischen alten Freunden oder einem Ehepaar an (Tajfel & Turner, 1979, S.34).

Soziale Situationen lassen sich hingegen auf den anderen Extrempol, den des reinen Intergruppenverhaltens einordnen, wenn die Interaktion gänzlich durch die Mitgliedschaft der beteiligten Personen in bestimmten sozialen Gruppen oder Kategorien und der Beziehung dieser Kategorien bestimmt ist. Die Erscheinungsform dieses Extrems in der Realität hält Tajfel für weniger absurd. Als Beispiel führt er eine Schlacht zwischen zwei Armeen an, in der die Soldaten sich gegenseitig nicht sehen können (Tajfel, 1982a, S.84). Die meisten Formen von „natürlichen“ Interaktionen lassen sich gemäß der SIT auf einem Punkt zwischen diesen Polen ansiedeln und stellen somit eine Mischform mit unterschiedlicher Gewichtung der beiden Extreme dar.

Die Konsequenzen, die mit dem dargestellten Kontinuum von interpersonalem und interguppalem Verhalten verbunden sind, werden von Tajfel durch zwei weitere Kontinua beschrieben (u.a. Tajfel, 1978, S.44f; Tajfel & Turner, 1979, S.36). Diese Kontinua beziehen sich zum einen auf die Variabilität und Uniformität des Verhaltens der Eigengruppenmitglieder und zum anderen auf die Wahrnehmung der Fremdgruppe.

Der Zusammenhang zwischen diesen Kontinua stellt sich nach Tajfel (1982a) wie folgt dar:

1. Je näher eine soziale Situation [...] an dem Extrem reinen Intergruppenverhaltens angesiedelt ist, um so gleichförmiger wird das Verhalten der einzelnen Gruppenmitglieder in Interaktionen mit Mitgliedern der Fremdgruppe sein. Umgekehrt wird das Verhalten gegenüber Mitgliedern der Fremdgruppe um so variabler sein, je näher die Situation am interpersonalen Extrem angesiedelt ist.
2. Je näher eine soziale Situation am Intergruppenextrem liegt, um so stärker wird die Tendenz für Mitglieder der Eigengruppe sein, Mitglieder der Fremdgruppe als undifferenzierte Items in einer einheitlichen sozialen Kategorie zu behandeln, d.h. ohne Rücksicht auf ihre individuellen Eigenarten. (S.87f.)

Intergruppenverhalten lässt sich demgemäß durch ein Maximum an Gleichförmigkeit hinsichtlich der Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe charakterisieren.

Ein weiteres Kontinuum steht im kausalen Zusammenhang mit den vorherig dargestellten: Das Kontinuum von Überzeugungsstrukturen, die von „sozialer Mobilität“ zu „sozialer Veränderung“ reichen (Tajfel, 1982a, S.84).

Soziale Mobilität herrscht vor, wenn die Individuen eines sozialen Systems annehmen, dass ein Wechsel von einer zu einer anderen sozialen Gruppe relativ leicht möglich ist. Die Grenzen des sozialen Systems sind also weitgehend flexibel und durchlässig. Soziale Veränderung meint die Überzeugung, dass das Verlassen der Eigengruppe hingegen sehr schwierig bzw. unmöglich ist.

Eine Gesellschaft kann entweder eher durch „soziale Mobilität“ oder durch „soziale Veränderung“ geprägt sein. Dies bemisst sich nicht nach „objektiven“ Kriterien, sondern nach der Wahrnehmung der in einer Gesellschaft lebenden Individuen.

Nach Tajfel (1982a) ist eine Grundvoraussetzung für interpersonales Verhalten die Überzeugung der Individuen, dass soziale Mobilität gegeben ist, d.h., dass aufgrund der Durchlässigkeit der Gruppengrenzen ein Wechsel als möglich betrachtet wird.

Eine Grundvoraussetzung für Intergruppenverhalten stellt eine Gesellschaft dar, in der Bedingungen sozialer Veränderung vorherrschen. Die Mitglieder der Gesellschaft können somit ihre Gruppe nicht wechseln aufgrund der Starrheit der Gruppengrenzen (Mummendey, 1985).

1.3 Die Entstehung von Intergruppenkonflikten

Der Kern der SIT wird in Kapitel 1.3.1 dargestellt. Auf die einzelnen psychologischen Prozesse wird näher in Kapitel 1.3.2 eingegangen.

1.3.1 Theoriekern

Die Grundannahmen und – prinzipien der SIT lassen sich folgendermaßen paraphrasieren (Tajfel & Turner, 1986, S.16):

- Menschen streben nach der Erhaltung bzw. Erlangung eines positiven Selbstkonzepts.
- Die soziale Identität umfasst die Aspekte des Selbstkonzeptes, die sich aus der Zugehörigkeit eines Individuums zu bestimmten sozialen Kategorien ergeben.
- Ein Individuum besitzt dann eine positive soziale Identität, wenn die Eigengruppe im Vergleich mit relevanten Fremdgruppen positiv abschneidet und somit eine gewisse positive Eigenart oder Distinktheit zu anderen Gruppen hergestellt wird. - Fällt dieser Vergleich hingegen negativ aus, versuchen Individuen durch verschiedene Strategien (wie z.B. den Wechsel zu einer positiv bewerteten Gruppe) ihre Position zu verbessern.

Durch das Streben nach einer positiven sozialen Identität wird gemäß der SIT ein gewisser Druck aufgebaut, die Eigengruppe im Vergleich zur Fremdgruppe positiv zu bewerten, der dann in sozialer Abgrenzung mündet (Tajfel & Turner, 1979, S.40f.).

Tajfel und Turner (1979) verknüpfen in der SIT vier bis dahin getrennt voneinander behandelte theoretische Konzepte über sozialpsychologische Prozesse der Entstehung von Intergruppenverhalten: Soziale Kategorisierung, Soziale Identität, Sozialer Vergleich und Soziale Distinktheit (Mummendey, 1985, S.195).

1.3.2 Die 4 Konstrukte der Theorie der sozialen Identität
1.3.2.1 Soziale Kategorisierung und das Verhalten zwischen Gruppen

Kategorisieren bedeutet wahrgenommene Stimuli einzuordnen in Klassen von Stimuli, die ein oder mehrere zentrale, gemeinsame Merkmale (= Kategorien) aufweisen. Durch diesen Prozess, der zumeist automatisch und oft unbewusst geschieht, strukturieren Individuen ihre komplexe Umwelt (Rosch & Llyod, 1978).

Tajfel, der bereits Ende der 50er Jahre die Effekte von Kategorisierungen untersuchte, definiert Kategorisieren als den Prozess „in dem die Umwelt nach Kategorien, also Personen, Objekten und Ereignissen (oder deren ausgewählten Attributen) geordnet wird, die in Bezug auf ihre Relevanz für die Handlungen, Absichten oder Einstellungen eines Individuums ähnlich oder äquivalent sind“ (Tajfel, 1975, S.345). Der Kategorisierungs- prozess bezieht sich demnach nicht nur auf physische Objekte, sondern auch auf soziale Objekte, wie Personen. Dies wird als „soziale“ Kategorisierung bezeichnet. Durch soziales Kategorisieren strukturiert ein Individuum die Gesellschaft in unterscheidbare soziale Gruppierungen (Mummendey, 1985).

Nach Tajfel und Turner sind Kategorisierungen „ cognitive tools “ (Tajfel & Turner, 1979, S.40). Es lässt sich eine Differenzierung vornehmen in zwei kognitive Aspekte der Kategorisierungsaktivität, der Induktion und der Deduktion (Mummendey, 1985).

Bei der Induktion werden von den Eigenschaften eines oder mehrerer Objekte bzw. Personen Schlussfolgerungen über die Merkmale der ganzen Kategorie gezogen, d.h. man ordnet zum Beispiel die Eigenschaften, die man bei einem bestimmten, individuellen Italiener kennengelernt hat, in die Kategorie oder Gruppe „Italiener“ ein und schreibt somit allen Italienern diese Merkmale zu.

Durch Deduktion werden einem in eine Kategorie eingewiesenen Stimulus aufgrund seiner Kategoriezugehörigkeit weitere Eigenschaften zugeschrieben: Das Wissen über eine Kategorie, z.B. die Kategorie „Italiener“, nutzt man um auf die charakteristischen Merkmale aller Italiener zu schließen, denen man zukünftig begegnen wird.

Der kognitive Ansatz zur Erforschung von Vorurteilen ist insbesondere durch die Arbeiten Tajfels (1959; 1969) geprägt. Er untersuchte die Wirkungsweise von Kategorisierungen und zeigte auf, dass ein bedeutender Effekt der Kategorisierung in der Akzentuierung intrakategorialer Ähnlichkeiten („ i ntraclass effect “) und interkategorialer Unterschiede („ interclass effect “) besteht (Tajfel, 1959). Wahrgenommene Unterschiede zwischen den Mitgliedern bzw. Objekten innerhalb der gleichen Kategorie werden demnach unterschätzt, Unterschiede zwischen den Mitgliedern bzw. Objekten unterschiedlicher Kategorien hingegen übertrieben (Brown, 1995, S.43). In nachfolgenden empirischen Studien (z.B. Brown, 1995, S.42ff.; Hogg & Abrams, 1988, S.68-73) sind die Befunde Tajfels zur Akzentuierung von Eigenschaften der Kategorien, um einige Konkretisierungen erweitert, bestätigt worden (Gartner, 1997, S.25).

Die bisher dargestellten Aspekte gelten sowohl für Kategorisierung von Objekten der physischen als auch der sozialen Umwelt. Im Gegensatz zum Kategorisierungsprozess im Allgemeinen findet beim Sozialen Kategorisieren oftmals eine Verknüpfung der sozialen Kategorien mit Werten statt, z.B. Muslime sind gefährlich, Blondinen sind dumm (Mummendey, 1985).

Für die sozialwissenschaftliche Analyse von Intergruppenverhalten von großer Bedeutung war die Erkenntnis, dass Kategorisierung neben dem Effekt der Akzentuierung noch einen anderen nach sich zieht, der eng mit der Akzentuierung verknüpft ist. Dieser liegt in der tendenziellen Überschätzung der Homogenität, sowohl innerhalb der Eigengruppe als auch innerhalb der Fremdgruppe (Brown, 1995). Dieser Homogenitätseffekt verläuft zumeist nicht symmetrisch. So wird die Fremdgruppe generell homogener von Individuen wahrgenommen als die Eigengruppe. Insbesondere Angehörige einer Mehrheitsgruppe tendieren zu diesem Verhalten. Lediglich Angehörige einer Minderheitsgruppe schätzen im Allgemeinen ihre Eigengruppe als homogener ein als die fremden Minder- und Mehrheitsgruppen (Brown, 1995, S.57f.).

Bei der Kategorisierung von Elementen (Ereignissen, Personen, Objekten) kann nach Tajfel zwischen zwei Arten der Fehlidentifizierung unterschieden werden: Ein „Fehler“ besteht in der Zuordnung eines Elementes in eine Kategorie, in der es nicht gehört. Dies wird als Überexklusivität bezeichnet. Wird hingegen ein Element in eine Kategorie nicht eingeschlossen, obwohl es dazugehört, liegt der Fehler der Überinklusivität vor (Tajfel, 1975, S.357f.). Ein bedeutender Unterschied zwischen sozialen und nicht sozialen Kategorisieren liegt darin, dass bei sozialen Kategorisieren neue Informationen nicht zu einer Berichtigung des Urteilsfehlers führen, sondern diese nur „selektiv“ verarbeitet werden und dahingehend interpretiert werden, dass die vorgenommene Einordnung des Elements zum Schutz des Wertsystems bestätigt wird. Was die Auftrittswahrscheinlichkeit der dargestellten Phänomene betrifft, führt Tajfel (1975) an, dass „Je höher die Wertdifferenz zwischen sozialen Kategorien (wahrgenommen) wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass einer negativ bewerteten Kategorie zuviel zugeordnet wird und einer positiv bewerteten Kategorie zu wenig“ (S.358).

Stereotypen sind gemäß Tajfel soziale Kategorisierungen von Sachverhalten. Soziale Kategorisierungen werden als soziale Stereotypen bezeichnet, wenn sie innerhalb eines Systems von vielen Personen geteilt werden (Mummendey, 1985, S.197).

Gemäß Tajfel (1982a) besitzen soziale Stereotypen fünf Funktionen. Neben den zwei individuellen Funktionen der kognitiven Strukturierung und des Schutzes des Wertesystems, auf die in den vorangehenden Erläuterungen schon eingegangen wurde, haben Stereotypen insbesondere soziale Bedeutungen im Hinblick auf Intergruppenbeziehungen.

Die drei sozialen Funktionen sozialer Stereotypen sind die Erklärung von Ereignissen („soziale Kausalität“), die Rechtfertigung von Handlungen gegenüber Fremdgruppen („soziale Rechtfertigung“) und die Abgrenzung gegenüber Fremdgruppen („soziale Differenzierung“) (Tajfel, 1982, S.54f.).

Insbesondere wenn komplexe, negative gesellschaftliche Ereignisse eintreten, dienen Stereotype der Interpretation dieser. Als Beispiel führt Mummendey Arbeitslosigkeit an, die durch das Stereotyp „Ausländer (= Fremdgruppe) nähmen den Einheimischen die Arbeitsplätze weg“ erklärt wird. Darüber hinaus dient das Stereotyp als Rechtfertigung von diskriminierenden Handlungen gegenüber der Fremdgruppe, wie etwa Einreisebeschränkungen (Mummendey, 1985, S.198).

1.3.2.2 Soziale Identität

Soziale Kategorisierung ermöglicht den Individuen eine Selbstdefinition im sozialen Kontext (Oakes, Haslam & Turner, 1994), d.h. Individuen bestimmen sowohl ihre eigene Position als auch die anderer innerhalb der sozialen Umwelt (Mummendey, 1985, S.199). Turner (1982) bezeichnet diesen Vorgang als „soziale Identifikation“. Die Gesamtheit der sozialen Identifikationen eines Individuums stellt seine soziale Identität da (Mummendey,1985).

Soziale Identität ist nach Tajfel der „Teil des Selbstkonzeptes eines Individuums, der aus dessen Wissen über seine Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe (oder Gruppen) verbunden mit dem Wert und der emotionalen Bedeutung, die dieser Gruppenmitgliedschaft beigemessen werden, erwächst“ (Tajfel, 1978, S.63). Die soziale Identität umfasst damit kognitive, evaluative und affektive Komponenten.

Das Selbstkonzept eines Individuums ist gemäß der SIT eine kognitive Struktur, die sich aus der sozialen Identität und aus der persönlichen Identität zusammensetzt. Die persönliche Identität konstituiert sich aus idiosynkratischen Merkmalen eines Individuums, wie beispielsweise intellektuelle Fähigkeiten und persönliche Präferenzen (Mummendey 1985).

Das Selbstkonzept fungiert als individuelle handlungsleitende Instanz. So bestimmt sich das Verhalten einer Person nach dem Teil des Selbstkonzeptes, das in der jeweiligen Situation ausschlaggebend ist (Mummendey, 1985). Wie in Kapitel 1.2.2 dargestellt, variieren Situationen auf einem Kontinuum zwischen interpersonalen und intergruppalen Verhalten. Demnach sind Situationen in der Nähe des interpersonalen Pols durch die persönliche Identität determiniert. Situationen hingegen, die in der Nähe des intergruppalen Pols einzuordnen sind, werden durch die soziale Identität reguliert und es wird inter – bzw. intragruppales Verhalten gezeigt (Turner, 1982, S.21). Gemäß Turner ist die soziale Identität „der kognitive Mechanismus [...], der Gruppenverhalten möglich macht“ (Turner, 1982, S.21). Tajfel nimmt nun an, dass Intergruppenverhalten umso wahrscheinlicher werde, je stärker der evaluative und emotionale Aspekt einer Gruppenmitgliedschaft für eine Person ist (Tajfel, 1982, S.70f.).

1.3.2.3 Sozialer Vergleich

Soziale Identität und sozialer Vergleich sind zwei eng miteinander verknüpfte Konzepte aufgrund der Tatsache, dass eine positive bzw. negative Bewertung der sozialen Identität nur mittels sozialer Vergleiche zwischen der Eigen- und der relevanten Fremdgruppe erlangt werden kann (Mummendey, S. 199; Bodo, S.85), da „die Charakteristika der eigenen Gruppe (wie z. B. Status, Reichtum oder Armut, Hautfarbe) [...] den Großteil ihrer Bedeutung erst in Relation zu wahrgenommenen Unterschieden zu anderen Gruppen und zu den Wertkonnotation dieser Unterschiede [erhalten]“ (Tajfel, 1982b).

Tajfels Konzeptualisierung sozialer Vergleiche knüpft an Festingers Theorie sozialer Vergleichsprozesse an (1954), die durch zwei Kernhypothesen gekennzeichnet ist: Die erste besagt, dass „im menschlichen Organismus ein Trieb vorhanden ist, die eigenen Meinungen und Fähigkeiten zu bewerten“ (Festinger, 1954 zitiert nach Tajfel, 1975, S.370). Gemäß der zweiten Kernhypothese wird, nach Festinger, auf das Mittel des sozialen Vergleichs nur dann vom Individuum zurückgegriffen, wenn keine objektiven, d.h. nicht-soziale, physikalische Möglichkeiten zur Bewertung einer Meinung oder Fähigkeit vorhanden sind (Festinger, 1954, S.118).

Im Rahmen der SIT erfährt die Theorie Festingers nun zwei grundlegende Erweiterungen bzw. Modifikationen:

Zum einen transferiert Tajfel Festingers Argumentation, die sich primär mit den Folgen des sozialen Vergleichens innerhalb von Gruppen beschäftigt, auf intergruppale Vergleichsprozesse (Gartner, 1997). Was die zweite Kernhypothese betrifft, stimmt Tajfel (1975) nicht mit Festingers Annahme der Bevorzugung von nicht-sozialer gegenüber sozialer Überprüfung von Urteilen überein. Ebenso misst er Objektivität nicht nach dem Kriterium „sozial“ vs. „nicht sozial“, sondern nach der Alternativität des Urteils. Allgemein lässt sich feststellen, dass Tajfel dem Konzept des sozialen Vergleichs einen bedeutend größeren Anwendungsbereich einräumt als Festinger (Gartner, 1997).

Eine positive soziale Identität ergibt sich auf der Basis einer Vielzahl vorteilhaft ausfallender Vergleiche. Die Entscheidung, auf welchen Wertdimensionen Vergleiche stattfinden und mit welchen Fremdgruppen, hängt von mehreren Variablen ab (Turner, 1978):

So dient nicht jedes Gruppenmerkmal als relevante Vergleichsdimension für die soziale Identität. Gruppenvergleiche sind nur bedeutsam, wenn die Vergleichsdimension für beide Gruppen von großem Wert ist.

Neben der Wichtigkeit der Vergleichsdimension spielt auch die Vergleichbarkeit der Vergleichsgruppe eine Rolle. In Anlehnung an Festingers Ähnlichkeitstheorie postuliert die SIT, dass die Vergleichbarkeit umso höher ist, je ähnlicher die Fremdgruppe hinsichtlich weiterer Merkmalsdimensionen ist (Mummendey, 1985). Tajfel erweitert Festingers Prämissen der Vergleichbarkeit um zwei weitere, die sich aus den Charakteristika einer Intergruppenbeziehung ergeben. Diese sind die Stabilität und die Legitimität des Statusunterschiedes. Beispielsweise kommt es zu keinen Vergleichs- prozessen zwischen zwei Gruppen trotz einer Merkmalsähnlichkeit, wenn die Statusunterschiede von den Gruppen als stabil und legitim angesehen werden (Güttler, 1994, S164).

Der Grad der Differenzierung in Eigen- (I ngroup) - vs. Fremdgruppe (Outgroup) hängt nach Turner (1987) von der situativen Möglichkeit eines Intergruppenvergleichs auf relevanten Bewertungsdimensionen, der Relevanz der Vergleichsgruppe und von der Identifikation mit der Eigengruppe ab (Zick, 1995, S.128.) Formale Zugehörigkeit zu einer Gruppe geht nicht notwendiger mit der Identifikation mit dieser einher. Je stärker sich ein Individuum mit einer bestimmten Gruppe identifiziert, desto mehr wird es sich bemühen ein positives Vergleichsresultat zu erlangen und desto eher entsteht eine Wettbewerbs- situation zwischen den Gruppen (Mummendey, 1985).

In diesem intergruppalem Wettbewerb konkurrieren die Individuen nicht um materielle Güter, sondern um eine bessere Bewertung auf der relevanten Vergleichsdimension (Tajfel & Turner, 1986). Dies wird von Turner (1979) als „sozialer Wettbewerb“ bezeichnet, im Unterschied zum realistischen Wettbewerb, der gemäß der RCT entsteht. Die Hauptdeterminante der Entstehung von Intergruppenrivalitaten ist demgemäß sozialer Wettbewerb. Dieser kann, muss aber nicht, von einem realistischen Interessenskonflikt begleitet sein, da gemäß der SIT dieser keine notwendige Bedingung für Intergruppe- nrivalitäten darstellt (Mummendey, 1985).

Im Minimalgruppenexperiment entschieden sich die Versuchspersonen für die Strategie der maximalen Differenzierung zwischen den beiden Gruppen. Dieses Ergebnis lässt sich dahingehend interpretieren, dass die Versuchsteilnehmer versuchten, aus dem Bedürfnis nach positiver Distinktheit heraus, im Vergleich mit der Fremdgruppe besser abzuschneiden. Da die einzig verfügbare Vergleichsdimension die der Zuweisung von unterschiedlich hohen Geldbeträgen war, teilten sie ihrer Gruppe tendenziell einen höheren Beitrag zu als der Fremdgruppe, selbst wenn diese Vorgehensweise, gemessen am absoluten Geldbetrag, mit einem Verlust verbunden war (Mummendey, 1985).

1.3.2.4 Positive Distinktheit

Mittels sozialer Vergleiche findet eine ständige Überprüfung der sozialen Identität statt und gegebenenfalls eine Neubewertung. Die soziale Identität ist demgemäß eine dynamische und keine statische Größe (Mummendey, 1985).

Tajfel bezeichnet eine soziale Identität als „ungesichert“, wenn in der Beziehung zwischen Gruppen kognitive Alternativen zum status quo möglich erscheinen. Die Voraussetzung für das Vorhandensein dieser kognitiver Alternativen ist, dass die jeweiligen Gruppenbeziehungen als instabil und illegitim wahrgenommen werden (Brown, 2002). Das Vorhandensein einer „gesicherten“ sozialen Identität ist nach Tajfel in der sozialen Realität nur bei statusniedrigeren Gruppen möglich, da diese sich mit ihrem unterlegenen Status abfinden können. Bei statushöheren Gruppen hingegen kann keine gesicherte soziale Identität entstehen, weil diese ständig ihre erlangte Überlegenheit absichern müssen.

Je nachdem, ob in einer Gesellschaft eher Bedingungen der sozialen Mobilität oder Bedingungen der sozialen Veränderung (s. Kapitel 1.2.2) vorherrschen, variieren nun die einem Individuum zur Verfügung stehenden Strategien, um ein positives Selbstbild zu erlangen (Mummendey, 1985):

Wenn soziale Mobilität in einem sozialen System vorherrscht, können die Individuen die Mitgliedschaft in ihrer (statusniedrigeren) Gruppe beenden und sich einer anderen statushöheren Gruppe anschließen. Diese Möglichkeit stellt demnach keine Gruppenstrategie dar, sondern ist individueller Natur. Kennzeichnend für die Strategie der individuellen Mobilität ist die Tatsache, dass sich dabei das Verhältnis der beteiligten Gruppen im Allgemeinen nicht ändert (Mummendey, 1985, S.202).

Falls jedoch in einem sozialen System den Mitgliedern diese individualistische und einfachste Lösung zur Verbesserung der sozialen Identität nicht zur Verfügung steht, gibt es verschiedene Gruppenstrategien, deren Finalität in der Veränderung der Gruppen- hierarchie besteht und zwar dahingehend, dass die Eigengruppe im Vergleich mit der Fremdgruppe eine bessere Position auf einer gemeinsamen Bewertungsdimension erreicht.

Eine dieser Gruppenstrategien, die als Strategien der sozialen Veränderung bezeichnet werden, ist die des „sozialen Wettbewerbs“ auf bestehender Vergleichsdimension. Dieser soziale Wettbewerb manifestiert sich dahingehend, dass die Mitglieder der beteiligten Gruppen in größerem Maße die positive Distinktheit ihrer eigenen Gruppe herausstellen bzw. die Fremdgruppe abwerten. Die Verfolgung dieser Strategie ist im Allgemeinen ratsam für überlegene Gruppen, deren Statussicherheit bedroht ist (Mummeney, 1985, S.203).

Die aus einem sozialen Vergleich als unterlegen herausgehenden Gruppen werden sich bemühen durch andere Strategien positive Distinktheit zu erlangen. Diese Strategien, die auf einer Neudefinition der Vergleichssituation beruhen, werden als Strategien der „sozialen Kreativität“ bezeichnet und setzen an den Vergleichsparametern an (Mummendey & Otten, 2002, S.102).

Es lässt sich zwischen drei Arten der sozialen Kreativität unterscheiden (Tajfel & Turner, 1979, S.43):

1. Einführung einer neuen Vergleichsdimension: Die unterlegene Gruppe kreiert eine neue Vergleichsdimension, auf der sie im Vergleich zur Fremdgruppe positiver abschneidet.
2. Reinterpretation der Vergleichsdimension: Über eine Umkehrung der Bewertung der Vergleichsdimension werden zuvor als ungünstig wahrgenommene Vergleichsergebnisse zu vorteilhaften.
3. Wechsel der Vergleichsgruppe: Es wird nicht die Vergleichsdimension, sondern die Vergleichsgruppe geändert und zwar dahingehend, dass die Eigengruppe im Vergleich mit der neuen Fremdgruppe positiv abschneidet.

Die Strategien der sozialen Kreativität wirken sich aber nur dann nachhaltig auf die soziale Identität der Gruppenmitglieder aus, wenn die neuen Bewertungen sowohl von der Eigengruppe als auch der Fremdgruppe akzeptiert werden (Farwick, 2009, S.126).

In der folgenden Graphik sind die dargestellten Strategien zur Erlangung positiver Distinkheit im Überblick dargestellt:

Abbildung 1 Strategien zur Erlangung positiver Distinktheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Stürmer, 2009, S:166.

2. Auf die Theorie der sozialen Identität aufbauende Konzepte

Die Theorie der Selbstkategorisierung und das Eigengruppenprojektionsmodell bauen auf der Theorie der Sozialen Identität auf und werden im Folgenden dargestellt.

2.1 Die Theorie der Selbstkategorisierung

Das Grundanliegen der SIT besteht darin, Intergruppenverhalten, insbesondere diskriminierendes Verhalten zwischen Gruppen, zu erklären. Wie im vorherigen Kapitel dargestellt, beeinflusst die soziale Identität eines Individuums, die sich aus der Identifikation mit einer bzw. mehreren Gruppen ableitet, die Wahrnehmung und das Verhalten gegenüber Fremdgruppenmitgliedern. In der SIT bleibt jedoch theoretisch unterbestimmt, wann und aus welchen Gründen es zu Gruppenbildungsprozessen kommt. Die von Turner et al. (1987) entwickelte Selbstkategorisierungstheorie (Self- Categorization Theory, SCT; Turner, Hogg, Oakes, Reicher & Wetherell 1987; Turner & Oakes, 1989) beschäftigt sich mit eben genannten Fragestellungen. Die SIT und die SCT sind somit aufeinander aufbauende, komplementäre Theorien und gelten als die wichtigsten Konzepte des sog. Social Identity Approach ( Zick, 1995, S.122). Im Folgenden wird die Selbstkategorisierungstheorie in ihren Grundzügen dargestellt.

2.1.1 Charakteristika des Selbstkonzeptes

Die SCT umfasst eine Reihe von Annahmen und Hypothesen über die Funktionsweise des Selbstkonzeptes. Das Selbstkonzept ist, gemäß der SCT, definiert als ein Set von einer Person zugänglichen kognitiven Repräsentationen des Selbst, welche in Form von Kategorisierungen organisiert sind. Die Beschaffenheit des Selbstkonzepts eines Individuums ist sehr komplex. Es setzt sich aus zahlreichen Einzelkomponenten zusammen, die relativ unabhängig voneinander wirksam werden können (Turner, 1987, S.44).

Eine weitere zentrale Annahme der SCT besagt, dass Selbstkategorisierungen hierarchisch strukturiert sind. So gehen Turner et al. (1987) unter Bezugnahme auf Rosch (1978) davon aus, dass Selbstkategorisierungen, je nach Inklusivitätsgrad, auf verschiedenen Abstraktionsebenen des Klassifikationssystems existieren. Je inklusiver eine Selbst- kategorie ist, desto mehr Unterkategorien werden in ihr eingeschlossen und desto höher ist ihr Abstraktionsgrad. Ferner zeichnet sich das Selbstkonzept dadurch aus, dass jede Selbst- kategorisierung, mit Ausnahme der Selbstkategorisierungen auf dem höchsten Inklusivitätsniveau, in der darüber liegenden aufgeht, ohne diese jedoch vollständig zu definieren (Berger, 1998, S.27f.).

Gemäß der SCT sind für das soziale Selbstkonzept folgende drei Abstraktionsebenen von Bedeutung (Turner, 1987, S.45):

- Auf der übergeordneten Ebene („ superordinate level “) erfolgt eine Klassifikation des Selbst als „menschliches Wesen“ (im Gegensatz zu anderen Lebewesen).
- Das mittlere Abstraktionsniveau („ intermediate level “) basiert auf der Selbstkategorisierung auf Intergruppen-Ebene, d.h. die soziale Wahrnehmung ist durch die Ähnlichkeiten und Unterschiede, die eine Person als Mitglieder bestimmter Gruppen definieren, geprägt.
- Auf der untergeordneten, personalen Abstraktionsebene („ subordinate level “) findet eine Differenzierung zwischen dem Selbst als einzigartiges Individuum und anderen Ingroup -Mitgliedern statt.

Bei Identitäten handelt es sich um relative Konstrukte. Sie konstituieren sich durch Vergleichsprozesse. So tragen Vergleiche zwischen den verschiedenen Lebensformen zur Identität als Mensch, Intergruppenvergleiche zur sozialen Identität und Vergleiche zwischen Individuen innerhalb der Eigengruppe zur personalen Identität bei (Simon & Trötschel, 2007).

Das Hauptdifferenzierungsmerkmal zwischen sozialer und persönlicher Identität liegt gemäß der SCT demnach im unterschiedlichen Inklusivitätsgrad der Selbstkategorisierung. So ist die soziale Identität auf dem mittleren, die persönliche Identität hingegen auf dem untergeordneten Abstraktionsniveau anzusiedeln (Mummendey & Otten, 2002, S.20f.).

Die hierarchische Struktur sozialer Kategorisierungen wird in folgender Abbildung veranschaulicht.

Abbildung 2 Hierarchische Struktur sozialer Kategorisierungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kessler & Mummendey, 2007, S.508.

Es wird deutlich, dass auf jeder Ebene eine Vielzahl von Kategorisierungen vorstellbar sind, die wiederum verschiedene Inklusivitätsgrade aufweisen. So ist zum Beispiel auf dem mittleren Abstraktionsniveau eine Kategorisierung des Selbst als Franke, als Deutscher und als Europäer möglich. Franken und Schwaben werden hinsichtlich solcher Merkmale verglichen, die für Deutsche generell charakteristisch sind. Deutsche wiederum werden im Vergleich mit Einwohnern anderer Länder Europas (z.B. Franzosen, Spanier) unter Bezugnahme auf Charakteristika verglichen und bewertet, die für Europäer allgemein als typisch gelten usw. Es findet also ein Vergleich zwischen auf der gleichen Ebene anzusiedelnden Stimuli statt in Bezug auf Merkmale der nächsthöheren, inklusiveren Kategorie. Demgemäß besitzen für die soziale Identität eines Individuums nur diejenigen Gruppen Relevanz, die mit der Eigengruppe eine übergeordnete Kategorie gemeinsam haben (Simon & Trötschel, 2007).

2.1.2 Bedingungen der Salienz einer Kategorisierung und deren Folgen

Individuen gehören im Allgemeinen einer Vielzahl von Gruppen an (z.B. Gruppierungen, die auf Geschlecht, politischer Orientierung, Religionszugehörigkeit, Beruf oder Nationalität beruhen). Eine weitere wichtige Annahme der SCT besagt, dass das Selbstkonzept situationsabhängig aktiviert wird. So schreibt Turner (1987):

… .particular self-concepts tend to be activated (`switched on`) in specific situations producing self-images. Any particular self-concept (of those belongig to any given individual) tends to become salient (activiated, cognitevely prepotent, operative) as a function of an interaction between the caracteristics of the perceiver and the situation (Bruner 1957; Oakes, 1983).(S.44)

Die Salienz, d.h. die selektive Aktivierung einer Kategorisierung auf einem bestimmten Abstraktionsniveau, hängt gemäß SCT sowohl von der Zugänglichkeit (accesibility) einer Kategorisierung ab, als auch von dem Grad der „Passung“ (fit) der Kategorisierung in einen spezifischen sozialen Kontext (Oakes, 1987).

Die Zugänglichkeit einer Kategorie meint nach Bruner (1957) die Bereitschaft des Wahrnehmenden eine bestimmte Kategorie zu benutzen. Diese ist zum einen durch die Lernerfahrungen, zum anderen durch Werte, aktuelle Ziele und Erwartungen des Wahrnehmenden determiniert (Mummendey & Otten, 2002, S.107).

Hinsichtlich der Passung lässt sich nach Turner et al. (1987) unterscheiden zwischen der strukturellen und der normativen Passung.

Die strukturelle Passung, die auch als komparative Passung bezeichnet wird, beruht auf dem Prinzip des Metakontrasts (Berger, 1998, S.26). Dies besagt, dass eine Ansammlung von Stimuli so zu einer Einheit kategorisiert wird, dass die Unterschiede auf einer relevanten Vergleichsdimension zwischen ihnen minimal und die Unterschiede zu anderen Stimuli maximal sind. Der Metakontrastwert (Metacontrast_Ratio; MCR) ist gemäß Campbell (1956) gleich dem Quotienten der durchschnittlich wahrgenommenen Differenz zwischen den Mitgliedern einer Kategorie und anderer Stimuli einerseits und der wahrgenommenen Differenz zwischen Mitgliedern innerhalb einer Kategorie andererseits. Je höher der MCR, desto höher die strukturelle Passung. Zwischen mehreren potentiellen Kategorisierungen wird diejenige ausgewählt, deren MCR maximal ist (Turner, 1987, S.47).

Das Vorhandensein von struktureller Passung ist Voraussetzung für normative Passung. Unter normativer Passung ist die Übereinstimmung der Stimulusmerkmale mit denen der vorgenommen Kategorisierung zu verstehen. Sie liegt also dann vor, wenn die mit einer Kategorisierung verbundenen Vorstellungen und Erwartungen Bestätigung finden in den wahrgenommenen interkategorialen Ähnlichkeiten und Unterschieden (Berger, 1998, S.25f.).

Gemäß der SCT variieren Situationen auf einem Kontinuum, dessen Extrempunkte einerseits die soziale Wahrnehmung als einzigartiges Individuum ist, andererseits die als austauschbares Gruppenmitglied. Turner et al. (1987) postulieren eine inverse Beziehung zwischen einer salienten Selbstidentifikation auf der personalen Ebene und auf der sozialen Ebene. So führt eine saliente persönliche Identität dazu, dass Unterschiede zwischen den Individuen verstärkt wahrgenommen werden. Während hingegen eine saliente soziale Identität eine verminderte Wahrnehmung von intragruppalen und eine gesteigerte Wahrnehmung von intergruppalen Unterschieden zur Folge hat. Die Person sieht sich nicht mehr als unverwechselbares Individuum an, sondern als austauschbares Gruppenmitglied (Simon & Trötschel, 2007).

Diesen Prozess des Wechsels von der personalen zur sozialen Identität, der einhergeht mit dem Prozess der Selbst-Stereotypisierung, d.h. der Selbst-Zuordnung von charakteristischen Gruppenmerkmalen, bezeichnet Turner (1987) als Depersonalisierung und betont, dass dieser Terminus, in der SCT, weder als der Verlust individueller Identität, noch als Deindividuation im Sinne Zimbardos (1969) verstanden wird. Der Depersonalisierungsprozess steht im Mittelpunkt der Theorie der Selbstkategorisierung und ist nach Turner (1987) die Grundlage auf der zahlreiche Gruppenphänomene wie z.B. Gruppenkohäsion beruhen (Turner, 1987, S.50).

Vor dem dargstellten Hintergrund der SCT lassen sich nun wechselseitige negative Einstellungen zwischen Eigen- und Fremdgruppe folgendermaßen erklären: In Übereinstimmung mit der SIT postuliert die SCT, dass Menschen generell nach einem positiven Selbstkonzept streben. Eine Selbstkategorie wird positiv bewertet, wenn sie im Vergleich mit anderen Kategorien besser abschneidet. Wie schon weiter oben erwähnt, wird gemäß der SCT eine Gruppe dann zu einer relevanten Vergleichsgruppe, wenn beide Gruppen einer gemeinsamen, übergeordneten Kategorie zuzuordnen sind. Als Vergleichsstandard zwischen Eigen- und Fremdgruppe dient der Prototyp dieser inklusiven Kategorie. Unter dem Prototyp ist nach Rosch (1978) die abstrakte, kognitive Repräsentation einer Kategorie zu verstehen, die alle ihre definierenden Merkmale umfasst. Der Prototyp der inklusiven Kategorie, der den Vergleichsrahmen bildet, besitzt gemäß der SCT nicht nur deskriptiven, sondern auch präskriptiven Charakter, d.h. er beschreibt die Idealvorstellung einer Kategorie, die nicht zwingend in der Realität vorhanden sein muss. Der Grad der Prototypikalität bestimmt sich durch den Metakontrastwert (Arnscheid, 1999, S.75).

Je höher nun die Prototypikalität einer Selbstkategorie relational zur Vergleichskategorie in Bezug auf die inklusive Kategorie ist, desto positiver fällt deren Bewertung aus im Vergleich zur Fremdkategorie, unter der Annahme einer positiven Definition der übergeordneten Kategorie, d.h. eine negative Bewertung der Fremdgruppe ergibt sich aus einer starken Abweichung dieser mit den prototypischen Normen der übergeordneten Kategorie. Diese ist eine der fundamentalen Hypothesen der SCT (Turner, 1987, S.57f).

2.2 Das Eigengruppenprojektionsmodell

Gegenstand des Eigengruppenprojektionsmodells (EPM) von Mummendey und Wenzel (1999), das auf den zentralen Annahmen der SIT und SCT aufbaut, ist die Erklärung der Faktoren, die die Bewertung der Andersartigkeit einer Fremdgruppe determinieren.

In Äquivalenz zur SCT postuliert das EPM, dass die Eigen- und Fremdgruppe in Abhängigkeit von ihrer relativen Prototypikalität für eine saliente inklusive Kategorie bewertet wird.

Gemäß EPM tendieren die Mitglieder der Subgruppen nun dazu, den Prototyp der inklusiven Kategorie in Übereinstimmung mit den Merkmalen ihrer Eigengruppe wahrzunehmen und folglich werden diese Merkmale zur geltenden Norm erhoben. Diese Eigengruppenprojektion bewirkt eine relativ höhere Prototypikalität der Eigengruppe relational zur Fremdgruppe, da diese sich per definitionem von der Eigengruppe unterscheidet. Konsequenz dieser geringeren Eigengruppen-Prototypikalität der Fremdgruppe relational zur Eigengruppe ist eine negativere Bewertung der Fremdgruppenmitglieder (Mumendey & Kessler, 2008, S.516f.).

Da der Prozess der Eigengruppenprojektion wechselseitig ist (beide, der in einer übergeordneten Kategorie inkludierten Subgruppen, projizieren ihre stereotypen Eigengruppenattribute auf den Prototyp der übergeordneten Kategorie), nimmt jede der Gruppen für sich in Anspruch, eine höhere relative Prototypikalität zu besitzen. Diese differentielle Wahrnehmung der Situation, von Mummendey und Wenzel (1999) als Perspektivendivergenz bezeichnet, führt zu unterschiedlichen Auffassungen von Eigen- und Fremdgruppe hinsichtlich der Angemessenheit der Wertedifferenzierung, die im Allgemeinen in der schlechteren Behandlung der Fremdgruppe und/oder der Eigengruppenfavorisierung mündet.

Hinsichtlich der Determinanten der Entstehung und des Ausmaßes von Eigengruppenprojektion sind gemäß des Modells im Wesentlichen zwei Faktoren relevant (Mummendey & Kessler, 2008, S.519f.).

1. Doppelte Identifikation:

Diejenigen Gruppenmitglieder, für die sowohl die Zugehörigkeit zur Eigengruppe, als auch die zu der inklusiven Kategorie von Bedeutung ist, neigen eher zu Eigengruppenprojektion als diejenigen, die sich lediglich mit der Eigengruppe identifizieren, d..h. bei gleichzeitiger Identifikation eines Deutschen mit der übergeordneten Kategorie der Europäer ist es wahrscheinlicher, dass er die Kategorie der Deutschen kennzeichnenden Attribute auf die der Europäer überträgt.

2. Repräsentation der inklusiven Kategorie:

Die Entstehung und Stärke von Eigengruppenprojektion ist außerdem abhängig von der Repräsentation der übergeordneten Kategorie. So liegt dem EPM die Annahme einer einfachen Repräsentation der inklusiven Kategorie zugrunde, d.h. die inklusive Kategorie ist alleinig durch die projizierten Attribute der Eigengruppe definiert. Eine komplexe Repräsentation der inklusiven Kategorie würde sich gemäß dem EPM mildernd auf die negative Bewertung der Fremdgruppe auswirken, da neben den prototypischen Merkmalen der Eigengruppe, noch eine Vielzahl anderer mit der inklusiven Kategorie assoziiert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Wir und die Anderen. Die Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Migranten vor dem Hintergrund der sozialen Identität
Untertitel
Eine empirische Studie
Hochschule
Universität Passau
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
113
Katalognummer
V499612
ISBN (eBook)
9783346032898
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migranten, Mehrheitsgesellschaft, Theorie der sozialen Identität, Tajfel, Diskriminierung, Gruppenverhalten, sozial, Akkulturation, Selbstkategorisierung, Eigengruppenkategorisierug, Mummendey
Arbeit zitieren
Simone Karch (Autor), 2011, Wir und die Anderen. Die Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Migranten vor dem Hintergrund der sozialen Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499612

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