Gottfried Kellers "Der Landvogt von Greifensee". Die Funktion der Frauenfiguren für die Erzählung


Seminararbeit, 2005
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Die Novelle Der Landvogt von Greifensee von Gottfried Keller beinhaltet untergeordnete Novellen, die sich jeweils den Liebschaften der Hauptperson Salomon Landolts widmen und insgesamt von einer Rahmennovelle umschlossen sind. Die Frauen des Landvogtes sind in den Kontext der Erzählung und somit in die gesellschaftlichen Bedingungen des 18. Jahrhunderts eingebunden. Sie werden für die Darstellung der Person Landolts und der gesellschaftlichen Umstände funktionalisiert. Jede Frauengestalt verfügt über wesensverwandte, teilweise auch entgegengesetzte Charakterzüge, die den Landvogt näher beschreiben und ihn in seiner Persönlichkeitsentwicklung widerspiegeln.

Die zentrale und damit wichtigste Frauengestalt der Novelle ist Figura Leu.

Durch ihre erbliche Vorbelastung dient sie Keller als Reflektion der Familiengeschichte Landolts und als Beispiel für Determination, die in dieser Zeit durch die anthropologische Auffassung von Erblast und gesellschaftlichen Zwängen im Naturalismus Bedeutung erlangte. Landolt wird seine abenteuerliche Familiengeschichte im Fall seiner ersten Liebe, Salome, zum Verhängnis.

Figura hingegen kann nicht Landolts Frau werden, weil sie jederzeit in der Gefahr steht ihrer latent vorhandenen Geisteskrankheit zu erliegen und diese auch weiterzuvererben. Daher versucht sie mit ihrer eigenartigen Lebensweise die drohende Gefahr in Schach zu halten. Keller beschreibt das „elementare Wesen“[1] als lebendig, leichtfüßig und verspielt. Sie scheint ihre noch verborgene Geisteskrankheit durch eine positive Lebenseinstellung kompensieren zu wollen. „Figura lebte fast nur vom Tanzen und Springen und von einer Unzahl Späße, die sie mit und ohne Zuschauer zum besten gab. Nur um die Zeit des Neumondes war sie etwas stiller.“[2]

Ihre äußerliche Beschreibung verweist auch schon auf ihren versteckt vorhandenen Geisteszustand. Sie wird als feine, leichte Person beschrieben, ihr Gang sei „so leicht wie ein Geist“[3] oder „wie von der Luft getragen“.[4] Später beschreibt sie Keller als einen Engel mit goldblondem krausem Haar, „der ein Mysterium feiert.“[5]

Das erste Zusammentreffen Landolts mit Figura zeigt noch die höflich distanzierte Nichte des Rats- und Reformationsherrn Leu mandatsmäßig – streng nach der damaligen Sittenordung – in schwarzer Tracht mit nonnenartigem Kopftuch. Jedoch ist hier auch schon die Ironisierung der vorherrschenden Etikette seitens Figura zu spüren. Sie verneigt sich, als wäre es ein Spiel, zweimal vor ihm und gleichzeitig befindet sie sich mitten im Spiel mit den Bittstellern, in welches sie Landolt auch gleich einbezieht. Später grüßt sie ihn wieder auf gesellschaftlich unkonventionelle Weise, „da sie sich an keine Etikette band“.[6]

Humor und Ironie prägen ihren Charakter, so dass sie bei weiteren Gelegenheiten spontane Spiele erfindet. Beim Mittagessen im Hause Leu, zu dem Salomon aufgrund einer Sittenverletzung (ein)geladen wird, spielt sie die große Wirtin. „Figura Leu empfing die drei Herren im Speisezimmer und machte mit scherzhafter Grandezza die Wirtin, da der Oheim verwitwet war.“[7] In der Allee nimmt sie das von Landolt initiierte Verbeugen mit dem nötigen ironischen Ernst wahr und spielt mit. Das Spiel mit den Spiegeln führt aber zu Unannehmlichkeiten für Landolt, da sie ihn für ihr Spiel missbraucht und damit bloßstellt. Es ist zudem gleichzeitig eine symbolische Spiegelung der beiden, durch ihre Familiengeschichte belasteten Charaktere.

Das zweite Zusammentreffen nimmt das Scheitern einer weiterführenden Beziehung vorweg. Diesmal zeigt sich Figura äußerlich vollkommen anders. „Sie präsentierte sich anmutsvoll vor ihm, und er sah, dass sie ein straffes Seidenkleid, schöne Spitzen und ein mit blitzenden Steinen besetztes Halsband trug. […] Damit verschwand sie wieder so rasch, wie sie erschienen war. In den Mandaten war wirklich den Frauen alles verboten, was Figura am schlanken Leibe trug.“[8] Sie wählt diese Garderobe um Landolt, der gegen die Mandate verstoßen hat, beizustehen. Beim Essen, die Schlüsselszene der Figura-Novelle, muss Landolt Figura versprechen, dass sie beide nie heiraten werden. Im Schein der Ironie klingt schon voraus, was später in der Tat nicht sein kann. Landolt versteht dieses Versprechen als Entgegenkommen Figuras. Sie ist ihm aber lediglich freundschaftlich zugetan, Vertraulichkeiten lässt sie keine zu. „sobald er aber vertraulich ihre Hand ergreifen wollte, zog sie dieselbe beinahe hastig zurück; wagte er vollends ein zärtlicheres Wort oder einen verräterischen Blick, so ließ sie das mit kalter Nichtbeachtung abgleiten.“[9] Er bemerkt aber nicht, „ […] wie sie trotzdem einen warmen und teilnahmvollen Blick auf ihn geworfen hatte.“[10]

Landolt ahnt nicht, dass Figura in einem Dilemma steckt. Sie hat ihrer Mutter am Sterbebett geschworen nie zu heiraten. Daher nimmt das lustige, verspielte Fräulein das gegenseitige Versprechen beim Mittagessen bitter ernst. Sie denkt, dass ihre, noch im Verborgenen liegende Geisteskrankheit jederzeit ausbrechen könnte und kann Landolt weder eine Heirat noch Kinder in Aussicht stellen. Ihrer Liebe zu Landolt ist sie sich hingegen sicher. Am Schluss der Figura-Novelle bezeugt sie ihm ihre Zuneigung. „ „Ich muss mit Ihnen sprechen, da ich sonst elendiglich umkomme. Zuerst aber dieses!“ Damit schlang sie beide Arme um seinen Hals und küsste ihn. Als er dergleichen fortsetzen wollte, stieß sie ihn aber kräftig zurück.“[11] Sie kommt über ihr Versprechen nicht hinweg und ergibt sich der drohenden Erblast. „ „Amen! Aus und Amen!“ “[12] Hier spiegelt sich das Motiv aus Landolts Familienerzählung wider, in der die wüsten Vorfahren Salomons beim Verlassen ihres Schlosses über die Tür mit verkehrter Schrift das Wort „Amen!“ schreiben ließen. Gespiegelt in Figura, die sich ihrem eigenen Erbe ergeben muss, trifft so auf Landolt indirekt seine Erblast in der vertrauten Szene im Sihlwalde. Die in Landolt vorhandenen Eigenschaften sind in Figura ebenso ausgeprägt und reflektieren daher seine Familiengeschichte. Doch er schafft es im Laufe der Novelle die dunkle Vergangenheit seiner Familie hinter sich zu lassen. Schon seine Mutter hebt sich aus der missratenen Familie hervor und meistert ihr Leben. „Die älteste Tochter, Landolts Mutter, führte den Haushalt und die ihr auferlegte Pflicht bewirkte, daß sie die beste und und gesetzteste Person der Familie war.“[13] Keller zeigt an dieser Stelle, dass erbliche Vorbelastung nicht bloß als determiniertes Schicksal hingenommen, sondern in einer bewussten Lebensführung kontrolliert und verarbeitet werden kann.

Figura fordert mit ihrer Entscheidung indirekt von Landolt, auf die Ehe und damit auch auf Kinder zu verzichten. Er ist zwar berührt von ihrem Schicksal, „aber er fühlte auch ein sicheres Glück in sich, das er nicht zu verlieren gedachte.“[14]

Figura bleibt bei Gesundheit, aber auch bei ihrem Entschluss. Eine enge Freundschaft verbindet die beiden und Landolt hält sich betroffen von dem Korb Figuras sieben Jahre von Frauen fern.

Im Schluss der Novelle wird die starke freundschaftliche Beziehung der beiden deutlich. Beim Essen lässt Landolt sein Hanswurstel zu seiner Rechten sitzen. Ihre Verbundenheit und Liebe zeigt sich bei der Wahl der zukünftigen Ehefrau Salomons. „Sie war blaß geworden, und sie fühlte ihr Herz gepresst, daß sie nichts sagen konnte. Obgleich sie sonst alle Streiche verstand, hielt sie doch den jetzigen Scherz, gerade weil sie jenen liebte, für baren Ernst; sie sah endlich herangekommen, was sie längst für ihn gewünscht und für sich gefürchtet hatte.“[15]

Bei der Abstimmung entscheidet sie sich für die Junge, sieht sich aber mit ihren Gefühlen konfrontiert. „Figura vermochte kaum ein paar schwere Tränen zu verbergen, die ihr an den Wimpern hingen; denn sie hatte sich an die Meinung gewöhnt, daß Landolt ledig bleibe, und wusste jetzt, daß sie die Einsamkeit ganz alleine tragen müsse.“[16] Schließlich ist Figura diejenige, die die endgültige Entscheidung bei der Wahl der Zukünftigen Landolts herbeiführen muss. Sie sieht ein, dass sie diesmal keinen Einfluss mehr auf sein Vorhaben hat. Bei der Wendelgard-Affäre konnte sie noch eine Heirat - nicht ohne eifersüchtige Hintergedanken - verhindern. Am Schluss der Novelle muss sie sich diesmal dem Spiel Landolts ergeben und wird mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Was als Spiel der Täuschung ihrerseits bei der Musterung der Bittsteller beginnt, endet seinerseits durch das einberufene Frauengericht in einem gleichsam täuschenden Spiel.

Figura bleibt in der folgenden Novelette weiterhin präsent und übt maßgeblichen Einfluss auf den Verlauf der nächsten Frauengeschichte Landolts aus.

Wendelgard, die Tochter eines aus holländischen Kriegsdiensten zurückgekehrten Kapitäns, erweckt das Mitleid des späteren Landvogtes. In diesem Teil der Novelle dient Wendelgard, die schönste der Frauengestalten, der Darstellung von Landolts menschlichen und sozialen Fähigkeiten. Wiederum weisen beide Charaktere gemeinsame Wesenszüge auf: die Unfähigkeit vernünftig mit Geld umzugehen.

Der mit geringem Vermögen ausgestattete und verwitwete Kapitän Gimmel lebt so verschwenderisch, dass der schönen Bürgerstochter mit ihren Bedürfnissen nach Kleidern, Putzsachen, zierlichen Möbelstücken und Näschereien, nichts anderes übrig bleibt, als Schulden zu machen. In diese Lage gerät sie laut Keller aus Unerfahrenheit, mütterlicher Verwaistheit und „eine[r] gewissen Naivität, wie sie solchen Ausnahmegestalten zuweilen zu eigen ist.“[17]

Aber nicht nur ihre hilflose Situation weckt das Interesse Salomons. Ihre überaus beeindruckende Erscheinung bei ihrer ersten Begegnung im Fechtsaal verzaubert ihn sofort. „Über Vermögen reich gekleidet, wie es schien, die hohe Gestalt von Seide rauschend, trat doch alle Pracht zurück vor der seltenen Schönheit der Person. Gesicht, Hals, Hände, Arme, alles von genau derselben weißen Hautfarbe, wie wenn ein parischer Marmor bekleidet worden wäre; dazu ein rötlich schimmerndes, üppiges Haar, von dessen Seide jeder einzelne Faden hundertfach gewellt war; große, dunkelblaue Augen sowie Mund schienen wie von einem fragenden Ernste, ja fast von leiser Sorge zu reden, wenn nicht gerade von geistigen Dingen herrührend.“[18]

Keller beschreibt keine der anderen Frauen äußerlich so genau. Dafür spricht er dem schönen Wesen am Ende dieser Beschreibung keine besonders großen intellektuellen Fähigkeiten zu. Ihrer Wirkung auf Landolt scheint sie sich hingegen durchaus bewusst zu sein und nutzt diese, wie man später beobachten kann, auch aus.

Landolt, durch das außergewöhnlich schöne Mädchen beeindruckt, erweist sich als Samariter, in dem er die Schulden der Leichtsinnigen unauffällig und selbstlos tilgt. Er geht dabei so geschickt vor, dass die zuvor zum Gespött der Gesellschaft gewordene - „die Frauen […] erklärten das Jüngste Gericht nahe, […] die Männer ließen es beim Untergang des Staates bewenden“[19] - schließlich in dem Wissen ihr Vater hätte ihre Schulden getilgt, rehabilitiert ist.

[...]


[1] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 24

[2] Ebda.

[3] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 27

[4] Ebda.

[5] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 36

[6] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 27

[7] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 34

[8] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 33

[9] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 38

[10] Ebda.

[11] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam S. 47

[12] Ebda.

[13] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 20

[14] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 47

[15] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 107

[16] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 108

[17] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 52

[18] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 51

[19] Gottfried Keller, Der Landvogt von Greifensee, Reclam, S. 52

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gottfried Kellers "Der Landvogt von Greifensee". Die Funktion der Frauenfiguren für die Erzählung
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Gottfried Keller - Novellen
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V49962
ISBN (eBook)
9783638462884
ISBN (Buch)
9783638779234
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Landvogt, Greifensee, Frauen, Novellen, Gottfried Keller
Arbeit zitieren
Thomas Grasse (Autor), 2005, Gottfried Kellers "Der Landvogt von Greifensee". Die Funktion der Frauenfiguren für die Erzählung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49962

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