Das kulturelle und kommunikative Gedächtnis einer Gesellschaft. Der Fall Eva Herman


Hausarbeit, 2011

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Das Kollektivgedächtnis nach Maurice Halbwachs
2.2 Das kommunikative Gedächtnis
2.3 Das kulturelle Gedächtnis
2.4 Die Untersuchung des Falls Eva Hermans

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem kommunikativen und kulturellen Gedächtnis innerhalb einer Gruppe. Mein Interesse besteht darin, zu untersuchen, wie Gruppen funktionieren und welche Faktoren in ihnen wirken. Bereits zu Beginn des Lebens wird der Mensch in eine Gruppe – die Familie – hineingeboren. Im Laufe seines Lebens wird er fortwährend in neue Gruppen aufgenommen, während er Andere verlässt oder von ihnen ausgeschlossen wird. Gruppen sind also omnipräsent und besitzen somit für den Menschen eine gewisse Relevanz. Um das zu untersuchende Themengebiet ausreichend einzugrenzen, werde ich mich auf die Prüfung meiner Leitthese beschränken:

Unter maßgeblichem Einfluss des kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses, werden bestimmte Personen von der Gesellschaft ausgegrenzt, um die Harmonie innerhalb des Kollektivs zu erhalten.

Den Hintergrund für meine Untersuchung bildet ein theoretischer Teil, in welchem zunächst Maurice Halbwachs‘ Theorie eines Kollektivgedächtnisses erläutert wird. Anschließend wird die Weiterentwicklung dieser Theorie durch Jan Assmann hin zur Unterscheidung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis vorgestellt. Ich habe mich für die Darstellung dieser beiden Forschungsansätze entschieden, da sowohl Halbwachs, als auch Assmann, als Begründer der Erinnerungsforschung, die wichtigsten Grundlagen zum Thema dieser Arbeit bereitstellen.

Der theoretische Teil dieser Arbeit repräsentiert nicht den aktuellen Forschungsstand, da die Einbeziehung der „false memory debate“1 oder der „virtuellen Erinnerungsräume“2 den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde. Dem theoretischen Teil folgt ein Beispielteil. Dieser befasst sich mit einer Aussage Eva Hermans, die von der Gesellschaft als Verherrlichung der „Familienpolitik Hitlers“3 verstanden wurde. Hierbei wird das Verhalten der Öffentlichkeit erst kurz zusammengefasst, um dann zu untersuchen, inwieweit die Reaktionen durch das kulturelle oder das kommunikative Gedächtnis bedingt waren. Schließlich erfolgt ein Fazit, in dem anhand der Forschungsergebnisse die Leitthese kritisch überprüft, sowie auf weiterführende Forschungsansätze hingewiesen wird.

2. Hauptteil

2.1 Das Kollektivgedächtnis nach Maurice Halbwachs

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich der französische Soziologe Maurice Halbwachs mit der Frage, wie Erinnerungen entstehen und lokalisiert werden können. Die Lokalisation der Erinnerung verglich er mit der Lokalisation einer Stadt auf einer Landkarte.4 Dabei übernimmt er die Theorie seines ehemaligen Lehrers Bergson, nach der dominante Erinnerungen,5 das Erinnerungsspektrum in bestimmte Bereiche gliedern und auf der beispielhaften Landkarte, die Städte mit der größten Einwohnerzahl darstellen.6 Die Frage, die sich dabei für Halbwachs aufwarf, war allerdings, wie man eine rezessivere Erinnerung lokalisieren kann und woher man weiß, welche dominante Erinnerung ihr am nächsten steht.7 Halbwachs sieht die Antwort auf diese Frage darin, dass alle Erinnerungen sich in „Form von Systemen“8 vernetzen und assoziieren, „weil sie sich gegenseitig hervorrufen und weil die einen gestatten die anderen zu rekonstruieren.“9 In diesen Systemen, in denen Erinnerungen verknüpft sind, sieht Halbwachs Gruppen.“Nicht die zeitliche Berührung“ sondern „ihre Zugehörigkeit zu dem gemeinsamen Denkgehalt einer Gruppe“10 bindet Erfahrungen aneinander. So kommt er zu dem Ergebnis, dass zwar jeder ein individuelles Gedächtnis besitzt, aber dennoch jedes Gedächtnis mit jeder ihm innewohnenden Erinnerung, Teil eines „Gruppengedächtnisses“11 ist. Denn selbst persönlichste Erfahrungen bleiben nur erhalten, wenn man über sie nachdenkt, „d.h. [indem man] sie mit den uns aus dem sozialen Milieu zufließenden Gedanken verbindet“12 und sie dadurch mit einer spezifischen Gruppe vernetzt. Damit gilt auch für die Entstehung von Erinnerung, dass Erfahrungen in „sozialen Milieus“13 verankert werden müssen, will man sie als Erinnerung bewahren. Aber nicht nur die Verortung der Erfahrung innerhalb der Gruppe ist unabdingbar, sondern ebenso eine Kommunikation dieser Erfahrung. „Man erinnert nur, was man kommuniziert und was man in den [sic] Bezugsrahmen des Kollektivgedächtnisses lokalisieren kann.“14

Da dieser Bezug auf die Gruppe für die Existenz von Erinnerungen unentbehrlich ist, werden sie durch dieses Attribut notwendigerweise Teil eines Gruppen- oder „Kollektivgedächtnisses“.15

Halbwachs geht also davon aus, dass das Erinnern, als kommunikativer Akt zwischen den Trägern des Kollektivgedächtnisses gesehen werden kann. Daraus leitet er ab, dass mit dem Tod der Träger des Gedächtnisses, auch die kollektive Erinnerung erlischt. Zeitlich grenzt er die Existenz eines spezifischen kollektiven Gedächtnisses also mit der „durchschnittlichen Dauer des menschlichen Lebens“16 ein, womit er etwa 80 bis höchstens 100 Jahre meint. Dabei klammert er aber religiöse Gruppen aus, die eine „Reproduktion der Urgeschichte“17 versuchten und daher keine persönlichen Erinnerungen kommunizieren würden.

Generell kritisiert Assmann an Halbwachs, er habe die „Rolle der Schrift“18 vernachlässigt. Daher übernimmt er zwar die Grundlagen Halbwachs, versucht aber dessen Konzept der Erinnerungsbewahrung weiter zu differenzieren. U. A. findet daher auch die Schrift und der Bezug zur Urzeit, Eingang in Assmanns Theorie. In seiner Weiterentwicklung verwendet er den Begriff kollektives Gedächtnis als Oberbegriff und unterscheidet innerhalb dessen zwischen dem kommunikativen Gedächtnis, als der gelebten und spontan kommunizierten Erinnerung und dem kulturellen Gedächtnis, als der institutionalisierten, komemmorierten Erinnerung.19

2.2 Das kommunikative Gedächtnis

„Das kommunikative Gedächtnis umfaßt [sic] Erinnerungen, die sich auf die rezente Vergangenheit beziehen“20 Mit rezenter Vergangenheit ist, wie bei Halbwachs, die ca. drei bis vier Generationen umfassende Zeitspanne gemeint, in der noch Zeitzeugen eines Ereignisses ihre „lebendigen Erinnerungen“21 kommunizieren können. Diese Zeitzeugen stellen damit die Träger der Erinnerungsgemeinschaft dar, die solange existiert, solange ihre Träger kommunizieren können, also höchstens 80 Jahre.22 Assmann beschreibt das kommunikative Gedächtnis als „Modus“ des kollektiven Gedächtnisses, der sich auf „biographische[n] Erinnerung[en], die auf eigenen Erfahrungen und deren Rahmenbedingungen“23 basieren, bezieht und stets auf sozialer Interaktion beruht.24 Durch diese soziale Interaktion, unter der Assmann in erster Linie die „Alltagskommunikation“25 versteht, erwirbt die Gruppe, die den Bezugsrahmen darstellt, die persönlichen biographischen Erinnerungen ihrer Mitglieder. Dadurch wird jedes Gruppenmitglied auf einen ähnlichen Wissensstand gebracht, sodass „jeder […] als gleich kompetent“26 gilt. Die Form dieser Alltagskommunikation, die ungeplant stattfindet und Erinnerungen spontan weitergibt, lässt sich als „informell, wenig geformt, [und] naturwüchsig“27 beschreiben.

Zwischen den Erinnerungen des kommunikativen Gedächtnisses und denen des kulturellen Gedächtnisses, das im Gegensatz zur „biographischen Erinnerung“, „fundierende Erinnerung“ vermittelt wodurch die Gruppe „sich auf Ursprünge“28 beziehen kann, existiert eine, von den Mitgliedern des Kollektivs meist nicht wahrgenommene, Lücke. Der Ethnologe Jan Vansina bezeichnet sie als „fließende Lücke“ bzw. „floating gap“.29 Assmann greift diesen Begriff auf und macht darauf aufmerksam, dass „besonders in Genealogien, […] jüngste [, rezente] Vergangenheit und Ursprungszeit in der Abfolge einer einzigen Generation aufeinander“30 stoßen und der zeitliche Sprung – die „floating gap“ – komplett ausgeklammert wird. Eine Erklärung dieses Vorganges wäre, dass der durch Genealogien hergestellte nahtlose Anschluss der rezenten Vergangenheit an die mythische Urzeit eine Legitimation der gegenwärtigen Ordnungen und Verhältnisse darstellt,31 die, als logische Konsequenz, dem Ersteller bzw. Auftraggeber der Genealogie dienen müsste.

2.3 Das kulturelle Gedächtnis

Das kulturelle Gedächtnis, welches sich in der chronologischen Abfolge vor dem kommunikativen Gedächtnis einreiht, muss grundsätzlich von ihm unterschieden werden: Es hat die Funktion dem Kollektiv „fundierende Erinnerungen“ zu vermitteln. Dies geschieht „auch in schriftlosen Gesellschaften“ stets „durch feste […] Objektivationen sprachlicher und nichtsprachlicher Art“.32 Damit sind Rituale, Tänze, Muster, bestimmte Kleidung, aber auch Landschaften und sonstige „Zeichensysteme aller Art“33 (in literalen Kulturen vor allem die Schrift) gemeint, auf die sich fundierende Erinnerungen des kulturellen Gedächtnisses wegen ihrer „mnemotechnischen (Erinnerung und Identität stützenden) Funktion“34 stützen. Somit werden in „festen Formen“35 (Rituale, Tänze, Landschaften, etc.) Erinnerungen verankert, sodass diese als Institutionen einer Erinnerungs- und Identitätsbewahrung gesehen werden können. Diese „festen Formen“ werden dann zu „fundierenden Erinnerungsfiguren“36, die für die Gruppe Fixpunkte in der Vergangenheit darstellen37 und über deren Vergegenwärtigung sich eine Gruppe ihrer Identität vergewissert.38 Assmann beschreibt diese Erinnerung an die Geschichte als „zeremonielle Kommunikation“39 innerhalb der Gruppe. Diese zeremonielle Weitergabe und Erhaltung von Erinnerungen erfordert aber spezielle Träger40 und findet meist im Rahmen regelmäßig wiederkehrender Zusammenkünfte41 statt.

Somit stellen die zwei Modi des kollektiven Gedächtnisses, also das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis, zwei sich entgegengesetzte Pole dar. Assmann beschreibt sie teilweise als Extrempole einer Skala mit fließenden Übergängen.42 Es gibt also nicht immer eine scharfe Grenze zwischen beiden, sondern oft einen verschwommenen Übergang vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis.

Abschließend ist also zusammenzufassen, dass das kollektive Gedächtnis aus zwei Modi besteht, wobei das kommunikative Gedächtnis per Alltagskommunikation die biographischen Erinnerungen der Mitglieder innerhalb des Kollektivs vermittelt, während das kulturelle Gedächtnis durch zeremonielle Kommunikation in Form regelmäßig wiederkehrender Feste und Riten, „die Kohärenz der Gruppe“43 bezüglich deren fundierenden Erinnerungen sichert. Das kulturelle Gedächtnis ist also verantwortlich für „die Vermittlung und Weitergabe des identitätssichernden Wissens und damit für die Reproduktion der kulturellen Identität“.44

[...]


1 Vgl. Welzer, Harald (2008): Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung . 2. überarb. Aufl., München: Verlag C. H. Beck oHG. p. 19 – 45; Lynne M. Reder (ed.) (1996): Implicit Memory and Metacognition. Mahwah. New Jersey: Lawrence Erlbaum Associates, Inc.

2 Vgl. Dorner, Birgit und Engelhardt, Kerstin (ed.) (2006): Arbeit an Bildern der Erinnerung. Ästhetische Praxis, außerschulische Jugendbildung und Gedenkstättenpädagogik . Stuttgart: Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft mbH. p. 230 .

3 Vgl. flf/ddp (09.09.2007) : TV-Moderatorin Herman lobt Familienwerte der Nazi-Zeit . Focus-Online: http://www.focus.de/politik/deutschland/tv-moderatorin_aid_132233.html. Stand 24.02.2011.

4 Vgl. Halbwachs, Maurice (1966): Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen . Berlin und Neuwied: Hermann Luchterhand Verlag GmbH (Orig.: Les Cadres Sociaux De La Mémorie . Paris 1925: Presses Universitaires de France). p. 196 (Halbwachs 1966)

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Vgl. Halbwachs 1966: p. 197

8 Vgl. Halbwachs 1966: p. 200

9 Ebd.

10 Vgl. Halbwachs 1966: p. 199

11 Vgl. Halbwachs 1966: p. 200

12 Vgl. Halbwachs 1966: p. 201

13 Ebd.

14 Vgl. Assmann, Jan (1992): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: C. H. Beck. p. 37 (Assmann 1992)

15 Ebd.

16 Vgl. Halbwachs, Maurice (1967): Das kollektive Gedächtnis von Prof. Dr. Maurice Halbwachs mit einem Geleitwort von Prof. Dr. H. Maus . Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag (Orig.: La Mémoire Collective . Paris 1950: Presses Universitaires de France). p. 76

17 Vgl. Halbwachs 1966: pp. 243 - 361

18 Vgl. Assmann 1992: p. 45

19 Vgl. Assmann 1992: p. 46

20 Vgl. Assmann 1992: p. 50

21 Ebd.

22 Vgl. Assmann 1992: p. 51

23 Vgl. Assmann 1992: p. 52

24 Ebd.

25 Vgl. Assmann 1992: p. 53

26 Ebd.

27 Vgl. Assmann 1992: p. 56

28 Vgl. Assmann 1992: p. 52

29 Vgl. Vansina, Jan (1985): Oral Tradition as History . Kenya, Uganda and Tanzania: East African Educational Publishers (Orig.: De la tradition orale: essai de méthode historique . Tervuren – Belgium 1961: Musée royal de l'Afrique centrale). p. 24

30 Vgl. Assmann 1992: p. 48

31 Vgl. Assmann 1992: p. 50

32 Vgl. Assmann 1992: p. 52

33 Ebd.

34 Ebd.

35 Ebd.

36 Vgl. Assmann 1992: p. 53

37 Vgl. Assmann 1992: p. 52

38 Vgl. Assmann 1992: p. 53

39 Ebd.

40 Vgl. Assmann 1992: p. 54

41 Vgl. Assmann 1992: p. 57

42 Vgl. Assmann 1992: p. 55

43 Vgl. Assmann 1992: p. 52

44 Vgl. Assmann 1992: p. 57

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das kulturelle und kommunikative Gedächtnis einer Gesellschaft. Der Fall Eva Herman
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Seminar für Volkskunde/ Europäische Ethnologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V499621
ISBN (eBook)
9783346028457
ISBN (Buch)
9783346028464
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Assmann, Halbwachs, kommunikatives Gedächtnis, kollektives Gedächtnis, Kollektivgedächtnis, kulturelles Gedächtnis, Eva Herman, Herman, 2007, rechts, Rechtsextremismus, rechtsextrem, ZDF, Sozialanthropologie, Gruppe, Deutschland, Gedächtnis, Jan Assmann, Maurice Halbwachs, Kollektiv, Kultur, Kommunikation, Asmann
Arbeit zitieren
Tobias Schmitt (Autor), 2011, Das kulturelle und kommunikative Gedächtnis einer Gesellschaft. Der Fall Eva Herman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499621

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