Rousseaus Konzept der Erziehung durch Erfahrung und die Bestrebung nach Entschleunigung in der Pädagogik der Gegenwart


Hausarbeit, 2018
16 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Gegenwärtige Herausforderungen. Bildung zwischen Vernunft und Ökonomie.

2. Mit Kindern Zeit verlieren durch Raum für Erfahrungen, gestern und heute.
2.1 Rousseaus Konzept der Erziehung durch Erfahrung
2.2. Fritz Reheis im Spannungsfeld der Zeit
2.3. Gemeinsamkeiten Rousseau und Reheis

3. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

"Soll ich es wagen, an dieser Stelle die erste, wichtigste und nützlichste Regel aller Erziehung auseinanderzusetzen? Sie besteht nicht darin, Zeit zu gewinnen, sondern Zeit zu verlieren." (Rousseau, 1762/ 2010, S. 131)

In seinem Hauptwerk „Emile oder über die Erziehung“, welches 1762 erschien appelliert der berühmte französische Philosoph an die Gesellschaft, die Kinder von den frühen Zwängen des schnellen Erwachsenwerdens zu befreien. Man solle ihnen Zeit geben, sich durch ihre eigenen Erfahrungen weiterzuentwickeln und zu bilden.

Seine Forderung ist heute aktueller denn je. Kinder, Eltern und die ganze Gesellschafft scheinen in einem „Hamsterrad“ (Reheis, 2017) aus Leistungsdruck und Bildungszwang gefangen. Es zählt das Zertifikat am Ende einer Fort- oder Weiterbildung. Gute Schulzeugnisse sichern das zukünftige Wohlergehen der Kinder. Dadurch rückt die Persönlichkeitsentwicklung und das Erleben ästhetischer, sozialer und prägender Bildungsprozesse, welche durch Erfahrung erschlossen werden können, in den Hintergrund.

Der ehemalige Gymnasiallehrer, Erziehungswissenschaftler und promovierter Soziologie Prof. Fritz Reheis kritisiert in einem Artikel der Zeitschrift "Gewerkschaft für Erziehung und Bildung", die Lernmethoden als eine Form des "Bulimielernens" (Reheis, 2017). Die Schüler werden in Gruppen sortiert, der Lernstoff und die Welt kategorisch zugeordnet und in Häppchen gepackt um ihnen schnellstmöglich den Lernstoff mit hohem Druck in den Kopf zu pressen. Es zählen die Noten der Schüler sowie die Crédit Points der Studenten. Dieses „System des Hinunterschlingens, Herauskotzens und Vergessens“ (Reheis, 2017) bringt wohl willige Arbeiter und Konsumenten hervor, aber wir benötigen ein Bildungssystem, welches Zeit lässt für den Austausch verschiedener Wege, für Persönlichkeitsbildung und zur politischen Willensbildung um unsere Zukunft zu gestalten. Prof. Reheis fordert uns auf, Widerstand gegen unser aktuelles Bildungssystem zu leisten. (Reheis, 2017)

Unsere Bildungseinrichtungen müssen entschleunigt werden, um Kindern die Möglichkeit zu geben Erfahrungen zu machen, um Bildungsprozesse anzustoßen und sich so Kompetenzen für alle Lebensbereiche zu erschließen. Nur durch erfahrbare Bildungsprozesse hat die Gesellschaft eine Chance, mündige, kompetente Menschen zu bilden, welche die Gesellschaft dann auch weiterentwickeln und die Demokratie durch deren Einmischung und den Austausch der Menschen untereinander zu fördern und zu sichern.

In dieser Hausarbeit soll untersucht werden in wieweit sich einschlägige Problemstellungen im Bildungs- und Erziehungssystem von damals bis in die Gegenwart durchziehen. Hierzu werden die gegenwärtigen Herausforderungen kurz dargelegt. Anschließend werden Merkmale des Erziehungskonzepts Rousseaus der Erziehung aus Erfahrung dargelegt. Um einen Bezug zu Gegenwart herzustellen werden die Gedanken des heute lebenden Pädagogen Fritz Reheis zu diesem Thema erörtert. Anschließend werden Gemeinsamkeiten der beiden Autoren herausgefiltert. Am Ende soll die Hausarbeit aufzeigen welche Problemstellungen sich durch das Bildungs- und Erziehungssystem ziehen, die Gründe hierfür offenlegen und nach Lösungen suchen.

In diesem Text sind aufgrund der Lesbarkeit sämtliche personenbezogenen Bezeichnungen geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Gegenwärtige Herausforderungen. Bildung zwischen Vernunft und Ökonomie.

Um den Wirtschaftsstandort Deutschland international wettbewerbsfähig zu halten und die Sozialversicherungssysteme zu stabilisieren, verkürzte das Saarland 2001/ 2002, als erstes Bundesland seit der Wiedervereinigung Deutschlands, die Schulzeit von 13 auf 12 Schuljahren. Dadurch sollte ein Nachteil gegenüber den französischen Abiturienten ausgeglichen werden. Andere Bundesländer rückten daraufhin nach. Die Studiengänge wurden in Bachelor und Master umgestellt. Auch die Frühförderung im Kleinkinderbereich wird zeitgleich ausgebaut (Kühn, 2015).

Als Grundlage für das spätere Arbeitsleben in Technik und Wirtschaft werden schon teilweise im frühkindlichen Bereich genaue Erwartungshaltungen definiert, so z.B. im numerischen Bereich der Mathematik, im bayrischen Orientierungsplan (Fthenakis, 2016, S. 239).

Diese Umstellung wird hauptsächlich von Wirtschaft und Politik befürwortet. Seit der Einführungsphase 2001 gibt es öffentliche Kritik an diesem Vorgehen: die Schulzeitverkürzung gefährde die Chancengleichheit, etwa bei einem Wechsel von der Realschule auf das Gymnasium. Zudem seien die Schüler schlecht auf das Studium vorbereitet, so die Kritiker (Kühn, 2015).

Einige Pädagogen kritisieren eine massive Verschlechterung der psychosozialen Situation der Schüler. Der subjektiv erlebte Stress und die erhöhte gesundheitliche Belastung durch diese Beschleunigung des Schulsystems wirke sich insgesamt verschlechternd auf die Lebensqualität der jungen Menschen aus. Es bleibe so kaum noch Zeit für erholsame, musische sowie gemeinschaftlichen familiären Aktivitäten (vgl. Blumentritt, Kühn & van Ackeren, 2014, S. 356).

In der "Bologna-Erklärung" (1999), sprechen sich verschiede europäische Bildungsminister dafür aus, das Hochschulsystem im europäischen Raum angleichen und harmonisieren zu wollen. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei die Einführung des zweistufigen Studiensystems von Bachelor und Master. Der Bachelor Studiengang endet in der Regel nach sechs bis acht Semestern und bei Interesse können weitere Semester für den Master absolviert werden. Die Hochschulzeit wird so maßgeblich verkürzt und die Studenten stehen den Arbeitsmarkt so früher zur Verfügung.

Zur besseren Vergleichbarkeit wurde bei allen teilnehmenden Ländern ein Leistungspunktesystem, das sogenannte "European Crédit Transfer System" (ECTS) eingeführt, welches die Studienleistung definiert (vgl. Martin Winter, 2015).

2. Mit Kindern Zeit verlieren durch Raum für Erfahrungen, gestern und heute.

Jean- Jaques Rousseaus Werk „Emile“ übt nachhaltige Wirkung auf die Erziehung von heute aus. Er plädiert schon damals dafür, Kindern mehr Zeit für Erfahrungen zu geben. Auch der Soziologe und Pädagoge Fritz Reheis setzt sich Aktuell verstärkt mit dem diesem Thema auseinander. Dabei sind einige Gemeinsamkeiten festzustellen. Im Folgenden werden wichtige Merkmale der Erziehungskonzepte aufgezeigt und Gemeinsamkeiten dargelegt.

2.1 Rousseaus Konzept der Erziehung durch Erfahrung

Jean Jaques Rousseau richtet seine ersten Worte der Vorrede an die Mütter, da diese seiner Meinung nach die wichtigsten Erziehungspersonen für die Kinder sind. Diese sollen bei der Erziehung der Kinder auch die Persönlichkeitsentwicklung und deren Entwicklungsstand berücksichtigen. Hierfür ist es notwendig die Kinder gut zu kennen, dies geschieht z.B. durch Beobachten (vgl. Rousseau, 1762/ 2010, S.7ff).

„Fangt also an eure Zöglinge besser zu studieren, denn sicher kennt ihr sie noch gar nicht“ (vgl. Rousseau, 1762/ 2010, S. 7ff).

Rousseau ruft Mütter dazu auf, die kindliche Seele vor der Gesellschaft und deren vorgegebenen Wege zu schützen. Kinder dürfen keinesfalls alleine gelassen werden, da sie hilflos und schwach sind. Die Erziehung geht nach Rousseau von der Natur, den Menschen und Dingen aus. Ein Teil des Menschen entwickelt sich natürlich aus sich heraus wie die Organe, der andere Teil unserer Entwicklung besteht aus Erfahrungen zwischen uns, anderen Menschen und Dingen, welche auf uns einwirken. Nur derjenige der diese drei Lehrer in sich vereinigt, wird in Harmonie leben können (Rousseau, 1762/ 2010, 13ff).

Menschen, die lediglich für Gesellschaft und Staat erzogen werden, werden zwar zu gehorsamen Bürgern aber nicht zu selbstdenkenden, kritischen Individuen. Der einzelne Bürger zählt dann nicht mehr für sich, sondern erst ist nur ein Teil der der Einheit der Gesellschaft derer er dient. Der natürliche ganzheitlich gebildete Mensch aber ist ein Ganzes für sich. Der Bürger versucht seine natürlichen Gefühle und Triebe zu unterdrücken und wird so niemals „ richtiger Mensch noch richtiger Bürger sein“ (Rousseau, 1762/ 2010, S. 17ff).

Rousseau kritisiert damit ein Bildungssystem, welches sich ausschließlich auf die typischen Disziplinen konzentriert um den Mensch als Teil der Gesellschaft heranzubilden. Die Kinder können sich demnach nicht individuell, nach Rousseau ihrer Natur gemäß entwickeln (vgl. Rousseau 2010, S. 20ff). Er plädiert daher für eine häusliche Erziehung um den Kindern diesen Kampf des Zerrissen-Werdens zu ersparen (Rousseau, 1762/ 2010, S. 17ff).

"Die Kunst zu leben soll er von mir lernen. Wenn er aus meinen Händen hervorgeht, wird er frei sein, er wird zuerst Mensch sein. Alles, was ein Mensch sein muss, das alles wird er, wenn es darauf ankommt, ebenso gut wie irgendjemand sein können, und das Schicksal wird ihn vergeblich seinen Platz wechseln lassen, er wird immer an dem seinigen sein" (Rousseau, 1762/ 2010, S. 23).

Welche berufliche Laufbahn die Eltern für ihre Kinder bestimmen spielt keine Rolle. Die Kinder sollen die Möglichkeit bekommen später jeden Beruf auszuüben. Dafür müssen sie Kompetenzen erwerben. Sie werden durch ihre eigens gemachten Erfahrungen lernen auch mit schwierigen Situationen umzugehen (vgl. Rousseau, 1762/ 2010, S. 22f).

Von Beginn unserer Geburt an hat wahre Erziehung weniger mit Lehren als mit Übungen zu tun. Wir müssen uns mit all unseren Sinnen und Fähigkeiten Erfahrungen sammeln. Das Leben besteht aus Empfindungen. Vor allem auch neue Erfahrungen befreien uns aus unserem Zwang der Gewohnheit (vgl. Rousseau, 1762/ 2010, S. 25).

[...]

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Details

Titel
Rousseaus Konzept der Erziehung durch Erfahrung und die Bestrebung nach Entschleunigung in der Pädagogik der Gegenwart
Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Veranstaltung
Geschichten und Theorien (früh-) kindlicher Bildung und Erziehung
Note
1,00
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V499633
ISBN (eBook)
9783346023285
ISBN (Buch)
9783346023292
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rousseau, Reheis, Entschleunigung, Erziehung durch Erfahrung
Arbeit zitieren
Janine Eichhardt (Autor), 2018, Rousseaus Konzept der Erziehung durch Erfahrung und die Bestrebung nach Entschleunigung in der Pädagogik der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499633

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