In dieser Hausarbeit soll untersucht werden inwieweit sich einschlägige Problemstellungen im Bildungs- und Erziehungssystem von damals bis in die Gegenwart durchziehen. "Soll ich es wagen, an dieser Stelle die erste, wichtigste und nützlichste Regel aller Erziehung auseinanderzusetzen? Sie besteht nicht darin, Zeit zu gewinnen, sondern Zeit zu verlieren" -Rousseau. In seinem Hauptwerk "Emile oder über die Erziehung", welches 1762 erschien appelliert der berühmte französische Philosoph an die Gesellschaft, die Kinder von den frühen Zwängen des schnellen Erwachsenwerdens zu befreien. Man solle ihnen Zeit geben, sich durch ihre eigenen Erfahrungen weiterzuentwickeln und zu bilden.
Seine Forderung ist heute aktueller denn je. Kinder, Eltern und die ganze Gesellschafft scheinen in einem "Hamsterrad" aus Leistungsdruck und Bildungszwang gefangen. Es zählt das Zertifikat am Ende einer Fort- oder Weiterbildung. Gute Schulzeugnisse sichern das zukünftige Wohlergehen der Kinder. Dadurch rückt die Persönlichkeitsentwicklung und das Erleben ästhetischer, sozialer und prägender Bildungsprozesse, welche durch Erfahrung erschlossen werden können, in den Hintergrund.
Der ehemalige Gymnasiallehrer, Erziehungswissenschaftler und promovierter Soziologie Professor Fritz Reheis kritisiert in einem Artikel der Zeitschrift "Gewerkschaft für Erziehung und Bildung", die Lernmethoden als eine Form des "Bulimielernens". Die Schüler werden in Gruppen sortiert, der Lernstoff und die Welt kategorisch zugeordnet und in Häppchen gepackt um ihnen schnellstmöglich den Lernstoff mit hohem Druck in den Kopf zu pressen. Es zählen die Noten der Schüler sowie die Crédit Points der Studenten. Dieses "System des Hinunterschlingens, Herauskotzens und Vergessens" bringt wohl willige Arbeiter und Konsumenten hervor, aber wir benötigen ein Bildungssystem, welches sich Zeit lässt für den Austausch auf verschiedenen Wegen: die individuelle Persönlichkeitsbildung und die Fähigkeit zur politischen Willensbildung, damit unsere Zukunft gewinnbringend gestaltet werden kann. Fritz Reheis fordert uns sogar dazu auf, Widerstand gegen unser aktuelles Bildungssystem zu leisten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Gegenwärtige Herausforderungen. Bildung zwischen Vernunft und Ökonomie.
2. Mit Kindern Zeit verlieren durch Raum für Erfahrungen, gestern und heute.
2.1 Rousseaus Konzept der Erziehung durch Erfahrung
2.2. Fritz Reheis im Spannungsfeld der Zeit
2.3. Gemeinsamkeiten Rousseau und Reheis
3. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen und gegenwärtigen Herausforderungen im Bildungs- und Erziehungssystem, wobei der Fokus auf der Bedeutung von Erfahrungslernen sowie der notwendigen Entschleunigung in der Pädagogik liegt. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das von Jean-Jacques Rousseau geprägte Konzept der Erziehung durch Erfahrung in den aktuellen kritischen Diskurs des Pädagogen Fritz Reheis eingebettet werden kann, um Lösungsansätze für ein zeitgemäßes Bildungssystem zu finden.
- Die kritische Auseinandersetzung mit Leistungsdruck und Ökonomisierung der Bildung.
- Die Analyse des Erziehungskonzepts von Jean-Jacques Rousseau im Hinblick auf das Lernen durch Erfahrung.
- Die Erörterung der Positionen von Fritz Reheis zur Beschleunigung und "Fastfoodbildung".
- Gemeinsamkeiten in der Kritik beider Autoren an einer frühzeitigen Verfrühung und theorielastigen Lernformen.
- Die Bedeutung von Zeit, Raum und Selbstbestimmung für gelingende Bildungsprozesse.
Auszug aus dem Buch
2.1 Rousseaus Konzept der Erziehung durch Erfahrung
Jean Jaques Rousseau richtet seine ersten Worte der Vorrede an die Mütter, da diese seiner Meinung nach die wichtigsten Erziehungspersonen für die Kinder sind. Diese sollen bei der Erziehung der Kinder auch die Persönlichkeitsentwicklung und deren Entwicklungsstand berücksichtigen. Hierfür ist es notwendig die Kinder gut zu kennen, dies geschieht z.B. durch Beobachten (vgl. Rousseau, 1762/ 2010, S.7ff).
„Fangt also an eure Zöglinge besser zu studieren, denn sicher kennt ihr sie noch gar nicht“ (vgl. Rousseau, 1762/ 2010, S. 7ff).
Rousseau ruft Mütter dazu auf, die kindliche Seele vor der Gesellschaft und deren vorgegebenen Wege zu schützen. Kinder dürfen keinesfalls alleine gelassen werden, da sie hilflos und schwach sind. Die Erziehung geht nach Rousseau von der Natur, den Menschen und Dingen aus. Ein Teil des Menschen entwickelt sich natürlich aus sich heraus wie die Organe, der andere Teil unserer Entwicklung besteht aus Erfahrungen zwischen uns, anderen Menschen und Dingen, welche auf uns einwirken. Nur derjenige der diese drei Lehrer in sich vereinigt, wird in Harmonie leben können (Rousseau, 1762/ 2010, 13ff).
Menschen, die lediglich für Gesellschaft und Staat erzogen werden, werden zwar zu gehorsamen Bürgern aber nicht zu selbstdenkenden, kritischen Individuen. Der einzelne Bürger zählt dann nicht mehr für sich, sondern erst ist nur ein Teil der der Einheit der Gesellschaft derer er dient. Der natürliche ganzheitlich gebildete Mensch aber ist ein Ganzes für sich. Der Bürger versucht seine natürlichen Gefühle und Triebe zu unterdrücken und wird so niemals „richtiger Mensch noch richtiger Bürger sein“ (Rousseau, 1762/ 2010, S. 17ff).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des hohen Leistungsdrucks in der Bildung ein und stellt die theoretische Verbindung zwischen Rousseau und Reheis her.
1. Gegenwärtige Herausforderungen. Bildung zwischen Vernunft und Ökonomie.: Dieses Kapitel analysiert die Auswirkungen politischer und wirtschaftlicher Reformen, wie die Schulzeitverkürzung, auf die Lebensqualität und Bildungssituation von Schülern.
2. Mit Kindern Zeit verlieren durch Raum für Erfahrungen, gestern und heute.: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil und beleuchtet die Notwendigkeit von Freiräumen für kindliche Entwicklungsprozesse im historischen und aktuellen Kontext.
2.1 Rousseaus Konzept der Erziehung durch Erfahrung: Hier werden die Erziehungsprinzipien von Rousseau dargelegt, insbesondere der Fokus auf natürliche Entwicklung, Beobachtung und das Sammeln eigener Erfahrungen.
2.2. Fritz Reheis im Spannungsfeld der Zeit: Dieser Abschnitt behandelt die Kritik von Reheis an der Beschleunigung der Bildung, dem sogenannten "Bulimielernen", und die Bedeutung von Eigenzeit gegenüber der Systemzeit.
2.3. Gemeinsamkeiten Rousseau und Reheis: Die Synthese beider Ansätze zeigt auf, dass beide Autoren die Entschleunigung und die Förderung individueller Kompetenzen gegenüber reinem auswendig gelerntem Wissen fordern.
3. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Relevanz der untersuchten Thematik zusammen und gibt einen Ausblick auf mögliche Reformansätze zur Förderung einer gelingenden Demokratie durch Bildung.
Schlüsselwörter
Rousseau, Fritz Reheis, Erziehung durch Erfahrung, Bildungssystem, Entschleunigung, Bulimielernen, Leistungsdruck, Schulerfolg, kindliche Entwicklung, Demokratie, Pädagogik, Individualität, Eigenzeit, Systemzeit, Erfahrungslernen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen des aktuellen Bildungs- und Erziehungssystems unter besonderer Berücksichtigung der kritischen Zeitdimensionen und der Bedeutung von Erfahrungslernen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen zählen die Ökonomisierung von Bildung, der Leistungsdruck in Schulen, das Konzept des natürlichen Lernens bei Rousseau sowie die Zeitsoziologie nach Fritz Reheis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Bildungssystem durch eine notwendige Entschleunigung und die Rückbesinnung auf erfahrungsbasierte Bildungsprozesse reformiert werden kann, um dem Individuum gerecht zu werden.
Welche wissenschaftliche Methode wurde gewählt?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse, in der historische Schriften von Rousseau mit aktuellen pädagogischen und soziologischen Beiträgen von Fritz Reheis in Bezug gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung gegenwärtiger schulischer Herausforderungen, die Analyse des Rousseau'schen Konzepts sowie die Auseinandersetzung mit der Zeit-Kritik von Reheis, gefolgt von einer Zusammenführung beider Ansätze.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Entschleunigung, Erfahrungslernen, Fastfoodbildung, individuelle Kompetenzförderung und Bildungskritik charakterisieren.
Wie unterscheidet Reheis zwischen Systemzeit und Eigenzeit?
Reheis definiert Systemzeit als theoretische, isolierte Größe des Lernsystems, während Eigenzeit in Wechselwirkung mit der tatsächlichen Lebenszeit des Individuums steht und elastischer ist.
Warum hält Rousseau die Erziehung durch Erfahrung für essenziell?
Laut Rousseau ist Erfahrung die Voraussetzung für Selbstständigkeit und eine harmonische Identitätsbildung, da nur durch aktives Handeln und sinnliche Übung ein "ganzer Mensch" heranreifen kann.
- Citation du texte
- Janine Eichhardt (Auteur), 2018, Rousseaus Konzept der Erziehung durch Erfahrung und die Bestrebung nach Entschleunigung in der Pädagogik der Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499633