Die Entstehung eines sozio-technischen Systems beim Besuchermanagement in Bundesligastadien. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine


Bachelorarbeit, 2018

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Crowdmanagement als Herausforderung
1.2 Zu klärende Begriffe

2. Fachliche Einbettung
2.1 Eine Studie im Zeichen der Techniksoziologie
2.2 Aktorische Interaktivität

3. Methoden
3.1 Forschungssetting - ethnografisch und analytisch

4. Empirie
4.1 Handlungsträgerschaften - 5 Technologien und 3 Aktoriken
4.1.1 Passiv
4.1.2 Aktiv
4.2.3 Reaktiv

5. Diskussion

6. Fazit
6.1 Zwischen neuer und klassischer Rollenverteilung
6.2 Erkenntnisse
6.3 Ausblick

7. Glossar

8. Literatur- und Quellenverzeichnis

Abstrakt:

In immer komplexer werdenden Systemen von Großveranstaltungen kommt es vermehrt zu auf Mensch und Maschine verteilten, vermischten Aktivitäten. Je nach Grad der Technisierung sind die Technologien befähigt, an Prozessen teil zu haben und klassische Rollenbilder von funktionieren- den Technologien und handelnden Menschen verschwimmen teilweise. Aus verteilten hybriden Aktionszusammenhängen entsteht ein sozio-technisches System, welches nur durch das Zusam- menspiel der in ihm agierenden heterogenen Akteure funktioniert. Eingebettet in die Fachdebatte der Techniksoziologie, wie sich Handlungsträgerschaften auf technische und menschliche Instanzen verteilen, wird in dieser Studie anhand des Besuchermanagements deutscher Fußballstadien die passive, aktive, reaktive und instrumentell sowie instruktiv-kommunikative Rolle der digitalen Technologien untersucht.

Stichwörter: digitale Technologien, sozio-technisches System, Aktorik, Interaktivität

Abstract:

In increasingly complex systems of mass events, an increasing amount of mixed activities is being distributed to humans and machines. Depending on the technological degree, technologies are able to participate in processes and the typical role of functioning technologies and acting people is par- tially blurred. Through distributed hybrid action contexts, a socio-technical system emerges, which only works through the interaction of heterogeneous actors acting in it. Embedded in the sociology of technology, this study analyzes the distribution of action entities to human and technical authori- ties in the context of the crowdmanagement of German Football Bundesliga stadiums. The way digital technologies establish in complex socio-tecchnical systems is decoded by conducting an ethnographic field study and document analysis’.

Keywords: digital technologies, socio-technical system, actorik, interactivity

1. Einleitung

1.1 Crowdmanagement als Herausforderung

Noch 45 Minuten bis zum Anpfiff. Die Warteschlangen am Einlass der Nord- und Südtribüne werden länger und länger, das Gedränge an den Personenkontrollen immer stärker. „(…) das dür- fen Sie nicht mit ins Stadion nehmen“ tönt es. Zeitgleich formieren sich die mehr als 400 Ordner des hauseigenen Ordnungsdienstes an den Rängen und Eingängen der Blocks und beziehen Stel- lung. Durch die Räumlichkeiten der Leitstandsordnungszentrale hallen Funksprüche: „MB21, Verstärkung zu Tor 3“. Das Stadion füllt sich langsam und wir schauen aus der Zentrale zu. Hin- ter einer großen Glasfront, die Sicht in den Innenraum und auf alle Ränge des Borussia Parks bie- tet, sitzen wir vor Bildschirmen, Funkstationen und Lautsprecheranlagen. Die Bilder der unzähli- gen Videokameras zeigen jeden Fleck des Stadiongeländes – wir haben jeden und alles im Blick. Jetzt gilt es, keinen Fehler zu machen.

Zum Schutz seiner Besucher führt jedes deutsche Fußballstadion das Besuchermanagement durch, mit dessen Hilfe die Besucherströme auf dem Stadiongelände gelenkt und die Befüllung und Lee- rung des Stadions koordiniert wird. Die Systeme von Großveranstaltungen werden durch den ver- mehrten Einsatz von digitalen Technologien immer komplexer. In diesen komplexen Abläufen werden mithilfe menschlicher und technischer Akteure die Menschenmengen an Spiel- und Werk- tagen gesteuert und geleitet. Im Rahmen solcher Systeme kommt es zu vermehrten – auf Mensch und Maschine verteilten – vermischten Aktivitäten, in denen technische Operationen im Rahmen von Handlungszusammenhängen an steigender Autonomie gewinnen und das klassische Rollenver- ständnis von instrumentellem Handeln und t echnischen Funktionieren verschwimmt. Es wird nicht mehr starr von menschlichem Handeln und technischem Funktionieren ausgegangen, sondern von einem Mithandeln der Technologien und einem Mitfunktionieren des Mensche n. Unter dem Ober- thema - die Distribution von Handlungsträgerschaften auf menschliche und nicht-menschliche In- stanzen - wird mit der Forschungsfrage „Welche Rolle spielen digitale Technologien im Zu- sammenspiel heterogener Akteure in verteilten hybriden Aktionszusammenhängen im Besu- chermanagement im Fußballstadion?“ eruiert, wie sich digitale Technologien in komplexen Sys- tem etablieren, ob sie klassisch funktionieren oder mithandeln und welche Rolle sie in den Aktions- zusammenhängen einnehmen. Das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse dieser Arbeit ist es, Akti- onszusammenhänge heterogener Akteure in der Praxis sichtbar zu machen und die Hypothese, dass das Zusammenspiel heterogener Akteure nicht auf unilinearen Wirkungsverhältnissen basiert und komplexe Systeme, wie in dieser Studie beispielhaft das Besuchermanagement von Fußballstadien, nur im Zusammenspiel von verschiedenartiger Akteuren funktionieren, zu untersuchen. Beim Be- suchermanagement handelt es sich nicht um ein homogenes Feld, in dem nur menschliche oder nur technische Akteure existieren, sondern um ein Feld mit komplexer hybrider Systemstruktur. Auf Basis gemeinschaftlicher menschlich-sozialer (Mitarbeiter) und maschinell-technischer (di- gitale Technologien) Aktionen, entsteht im Zusammenspiel ein sozio-technisches System. Als sozio-technisches System kann das Besuchermanagement, der Gegenstand meiner Studie, kul- turanthropologisch untersucht werden. Anhand der beiden Forschungsfelder Borussia Park und Merck Stadion am Böllenfalltor wird untersucht, wie das Mit- oder vielleicht nicht-miteinander von Mensch und Technologie das Besuchermanagement im Stadion konstituiert. Spezieller Fokus liegt dabei auf den eingesetzten digitalen Technologien und der Entschlüsselung ihrer Rolle an den Prozessen des Besuchermanagements. Die Untersuchung der zugrundeliegenden Verordnungen, Richtlinien und Gesetzte in Form von Dokumentenanalysen von Fachliteratur und Analysen von gegenstandsspezifischen Zeitschriften zum Thema Stadionmanagement gibt Aufschluss darüber, wie das Zusammenspiel durch Richtlinien eingeschränkt und wie viel Beteiligung von Mensch und Technik vorgeschrieben ist. Durch diese Analysen wurde entschlüsselt, welche Akteure obligatori- sch wie und wann gewisse Handlungen übernehmen und ausführen. Im zweiten Schritt wurde eine ethnografische Feldforschung an zwei Standorten mit teilnehmender Beobachtung, Interviews und informellen Gesprächen vor Ort durchgeführt, durch welche Einblick in die Praxen und das Zu- sammenspiel von menschlichen und nichtmenschlichen Instanzen gewonnen wurde.

1.2 Zu klärende Begriffe

In der Forschungsfrage ist die Rede von verteilten hybriden Aktionszusammenhängen und hetero- genen Akteuren, also Termini, die in dieser Studie das komplexe und heterogene Feld des Besu- chermanagements, in dem Aufgaben von verschiedenen heterogenen (menschlichen sowie techni- schen) Akteuren übernommen werden, repräsentieren. Der Begriff der verteilten hybriden Aktions- zusammenhänge basiert auf dem von Werner Rammert geprägten Begriff des „verteilten Han- delns“ 1. „Verteiltes Handeln“ beschreibt die Gesamtzusammenhänge von Handlungsströmen und/oder Handlungsfeldern, die von vielen verschiedenen Aktivitäten und Instanzen geprägt sind. Diese bilden durch eine Vielzahl von inkongruenten Instanzen (Menschen, Objekte, Technologien etc.) einen hybriden Strom von Aktivitäten.2 Die Begrifflichkeit trägt dazu bei, die in der Einlei- tung genannte Hypothese, dass das Besuchermanagement ein komplexes System heterogener Ak- teure sei, in dem klassisches Handeln und Funktionieren der Akteure neu interpretiert werden würden, zu untersuchen. Es wird davon ausgegangen, dass die Ausführung des Besuchermanage- ment durch die Verteilung von Aufgaben auf verschiedene menschliche und technische Akteure geschieht. Die Verwendung des Terminus „heterogene Akteure“ wird dabei aus der Mannigfaltig- keit der am Prozess beteiligten menschlichen und technischen Instanzen deduziert. Im Konzept des verteilten Handelns übernehmen die agierenden Akteure verschiedene Handlungsträgerschaften, also Aufgaben, die von der Dimension ihrer Aktivität – die sogenannte Aktorik (das Aktivitätsniveau) – bestimmt werden. Die Aktorik kann sich dabei von automatisch/eigenständig bis hin zur Fremdbestimmung bewegen.3 Detailliertere Ausführungen des Aktorik-Begriffs sowie dessen Anwendung werden im Verlauf der Arbeit zur Systematisierung der Daten eingesetzt, um herauszufinden, welche Rollen die Technologien einnehmen.

Im nächsten Teil dieser Arbeit erfolgt die fachliche Einbettung mit Einblick in den aktuellen For- schungsstand und der Skizzierung der relevanten Termini und Konzepte. Darauffolgend werden die empirisch erhobenen Daten systematisiert und im fünften Teil kritisch vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Konzepte diskutiert. Der sechste und finale Teil widmet sich dem Fazit und der Beantwortung der Ausgangsfragestellung, welche Rolle digitale Technologien im Zusammenspiel heterogener Akteure in verteilten hybriden Aktionszusammenhängen des Besuchermanagements spielen.

2. Fachliche Einbettung

2.1 Eine Studie im Zeichen der Techniksoziologie

Mit dem Ziel, das Zusammenspiel von Mensch und Maschine im Besuchermanagement zu untersu- chen ist diese Studie in den Diskurs der Techniksoziologie, wie „technische Abläufe und menschli- ches Verhalten unter der Perspektive des ‚verteilten Handeln ’ in einem hybriden Aktionszu- sammenhang“4 funktionieren, einzubetten. Die Techniksoziologie ist in drei Perspektiven eingeteilt und die für diese Studie relevante Perspektive ist der Technikpragmatismus, welcher sich mit der Vermischung und Vernetzung technischer und sozialer Akteure in hybriden Umgebungen beschäf-5 Dabei werden technische und soziale Praktiken in sozio-technischen Konstellationen unter- tigt. sucht und miteinander verglichen.6 Der Ansatz hinterfragt das Niveau der Handlungsträgerschaft und die Art und Weise, wie die Aktivitäten von Mensch und Technologie gekoppelt sind und wie ihre Verteilung in der Praxis „soziotechnische[r] Konstellationen"7 ist.

„In vielen Bereichen der neueren Technologieentwicklung zeichnet sich ein Trend ab, nicht mehr nur die Automatik des Produzierens, Prozessierens und Navigierens technischer Abläufe einseitig zu perfektionie- ren, sondern die Interaktivität zwischen menschlichen Aktionsteilen und technischen Operationssystemen in ihrer wechselseitigen Abstimmung als hybride sozio-technische Konstellationen zu optimieren.“ 8

Indem Mensch und Technologie durch Handlungszusammenhänge gekoppelt sind und miteinander arbeiten, entsteht ein sozio-technisches System in dem der Begriff des Handelns nicht mehr nur für menschliche Subjekte reserviert ist 9, sondern auf verschiedene Aktivitäten und Instanzen (menschlicher und nicht-menschlicher Art) verteilt wird und aus dem Gesamtzusammenhang der Interaktivitäten emergiert.10 In der Praxis werden menschlichen und nicht-menschlichen Instanzen unterschiedliche Handlungsträgerschaften (Aufgaben) aufgrund verschiedener Grade an Technisie- rung zugeschrieben, wobei nicht mehr in separiertes Handeln des Menschen und Funktionieren der Maschinen unterteilt wird.11 Daraus entwickelt sich ein „Mit-Handeln“ technischer Artefakte und ein „Mit-Funktionieren menschlicher Akteure“12. Mit diesem Ansatz wird im Folgenden analysiert, welche Rolle digitale Technologien in den Aktionszusammenhängen des Besuchermanagements übernehmen, indem ihre Fähigkeit “teilzuhaben“ untersucht wird, also ob der Grad ihrer Technisie- rung sie zum Handeln befähigt oder eine klassische Rolle des Funktionierens verbleibt.

2.2 Aktorische Interaktivität

Die Akteure des sozio-technischen Systems übernehmen verschiedene, ihrem Aktivitätsniveau entsprechende Handlungsträgerschaften (Aufgaben) und um diese zu bestimmen, wird hier zu- nächst das Aktivitätsniveau mithilfe Werner Rammerts fünfstufiger Aktivitätsskala bestimmt. Die Skala unterteilt das Aktivitätsniveau der Technologie (die sogenannte „Aktorik“) in fünf Klassen und kann sich von automatisch/eigenständig bis hin zur Fremdbestimmung bewegen.13 Die fünf Stufen der Aktorik sind: passiv, aktiv, reaktiv, interaktiv und transaktiv.14 Passiv sind von außen bewegte oder geänderte Objekte, wie beispielsweise Werkzeuge, die durch Fremdbewegung be- nutzt werden und dadurch aktiv sind. Aktiv sind Maschinen, die anders als Passive in einer gewis- sen Dimension Operationen ein Stück weit selbstständig ausführen. Reaktiv sind „kybernetische Mechanismen“15, die sich durch Rückkoppelungen an ihre Umwelt anpassen können. Als Beispiel sind hier sensorengesteuerte Maschinen zu nennen. Als vierte Klasse nennt Rammert interaktive Multiagentensysteme, welche sich mittels wechselseitiger Abstimmungen zur Lösung ihrer Aufga- be koordinieren. Die letzte Aktivitätsstufe ist transitiv und bezieht sich auf intelligente Systeme, welche durch die Wechselwirkung ihrer „Eigenaktionen, Fremdaktionen und Gesamtaktion Ziel- Mittel-Relationen selbstständig reflektieren und verändern“16. Für den Verlauf dieser Arbeit wer- den die ersten drei Stufen – passiv, aktiv und reaktiv – bedeutend sein, da mit ihnen der Grundbau- stein der Rollenanalyse gelegt und die auf Hardware und Software basierenden Fähigkeiten der Technologien analysiert werden, bevor es im zweiten Schritt um die Entschlüsselung der interakti- ven Rolle im Zusammenspiel mit den menschlichen Akteuren geht. Um die interaktive Rolle der Akteure zu untersuchen – also zu zeigen, in welcher Beziehung, Aktion und Verbindung die Tech- nologien zu den anderen Akteuren stehen – wird das Konzept der Interaktivitätsbeziehung einge- setzt. Unter diesem von Rammert geprägten Terminus ist die interaktive Beziehung von Mensch und Objekt zu verstehen.17 Die Interaktivität zwischen Mensch und Maschine ist in drei Bezie- hungstypen aufgeteilt: die rein instrumentelle, die instruktiv-kommunikative und die interaktiv- kommunikative Interaktivität. In einer rein instrumentellen Beziehung wird das Objekt wie ein Werkzeug genutzt und kann nur durch Fremdnutzung aktiv sein. Bei instruktiv-kommunikativen Beziehungen werden über Schnittstellen Instruktionen an das technische System gesendet, die ihren Erwartungen entsprechend eigenständig ausgeübt werden. Eine interaktiv-kommunikative Bezie- hung entsteht erst dann, wenn die technische Seite eigenständig, außerhalb ihrer Erwartungen han- deln kann.18 Dabei gilt, je größer der Eigenlauf des technischen Systems und seine technische Komplexität ist, desto weniger ist die Beziehung von Mensch und Technik nur rein instrumentell und wenn Techniken zu relativ autonomen Aktionen und zu Interaktionen befähigt werden, dann verändert sich auch das Verhältnis zwischen Mensch und Technik.19 Mithilfe der Differenzierung in eigene Aktivität und Interaktivität werden im Folgenden die empirisch erhobenen Daten syste- matisiert, diskutiert und zur Beantwortung der Forschungsfrage verwendet.

3. Methoden

3.1 Forschungssetting - ethnografisch und analytisch

Die Basis dieser Arbeit stellt eine ethnografische Feldstudie dar, bestehend aus drei zeitversetzten Feldaufenthalten in zwei Standorten mit einer teilnehmenden Beobachtung. Diese ermöglichten es, Aktionszusammenhänge und agierende Akteure in situ in der Praxis zu beobachten, zu eruieren und als aktiv teilnehmender Akteur ein Teil des Besuchermanagements zu werden. Durch die teil- nehmende Beobachtung, war es möglich, in gewisser Weise eine „extended case study“ durchzu- führen, ein Teil des Untersuchungsfeldes zu werden und die Prozesse aus der Mikroperspektive zu erleben.20 So konnte ich Abläufe und Prozesse, mit denen ich theoretisch durch Dokumentenanaly- sen von rechtlichen und ligaspezifischen Grundlagen sowie stadionspezifischer Literatur vertraut war, lokal in der Praxis kennenlernen. Das Vorwissen durch zahlreiche Dokumentenanalysen half, die Abläufe während der Feldphase besser zu verstehen und zu verfolgen. Während der Feldfor- schung wurden qualitative, leitfadengestütze face-to-face Interviews geführt, die aufgezeichnet und anschließend transkribiert wurden. Eines der Interviews wurde als Gruppeninterview mit Experten durchgeführt. Durch die Dynamik des Gruppeninterviews leiteten sich die Interviewpartner gegen- seitig an und brachten Themen zur Sprache, die nicht auf meiner Agenda standen und ebneten mir somit neue Sichtweisen und Einblicke in das Thema. Alle Interviews wurden im Stadion und dem umliegenden Stadiongelände geführt. Im Zuge der teilnehmenden Beobachtung wurden unzählige Gespräche mit Akteuren und Stadionbesuchern geführt, die einschließlich aller Eindrücke während der Feldphase in Form von Notizen und Zeichnungen notiert und im Anschluss in einem Feldtage- buch ausführlich festgehalten wurden. Die gewählten Interviewpartner der formellen leitfadenge- stützen Interviews waren alle aus der Stadionsdirektion und den Sicherheitsbeauftragten beider Stadien. Als Experten sind mit allen Richtlinien und Abläufen vertraut. Bei den Gesprächen im Feld wurden diverse am Besuchermanagement-Prozess beteiligten Personen ausgewählt: Ordner21, Polizisten, „SKB´s“22, Sanitäter und mehr, die in gewisser Art und Weise durch ihre praktischen Erfahrungen (beim Ausführen der Anweisungen und Verordnungen) im Stadionbetrieb Experten ihres Bereiches sind. Voraussetzung für die Auswahl der Interviewpartner war die Erfahrung beim Ausführungsprozess des Besuchermanagements jeglicher Art – vom kleinen Ordner bis hin zum Stadiondirektor – oder die Erfahrung aus Sicht der Zielgruppe, als Besucher des Stadions. Die viel- fältige Wahl der Interviewpartner ermöglichte es, das Besuchermanagement aus allen Blickwin- keln zu durchleuchten.

3.1 Warum das Besuchermanagement im Fußballstadion?

Der Gegenstand dieser Studie ist das Besuchermanagement deutscher Bundesligastadien. Es ist für die geordnete und damit sichere Führung und Kontrolle der Menschenmassen im Stadion und auf dem umliegenden Stadiongelände verantwortlich. 23 Das Besuchermanagement unterliegt haupt- sächlich gebäudesicherheitstechnischen Vorschriften wie Sicherheitsschilder und Fluchtwegs- und Brandschutzvorkehrungen.24 Diese sind einerseits vom Gesetzgeber und andererseits vom Verband (DFB) und der Liga (DFL) vorgeschrieben.25 Die Vorschriften der DFL und des DFB sorgen für eine Vereinheitlichung der Prozess- und Handlungsabläufe der Bundesliga. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf menschlichen Sicherheitsinstanzen wie dem Sicherheits- beauftragten und Ordnern sowie einzusetzenden Technologien und Abläufen. Im Zuge dieser Arbeit werden die gebäudetechnischen Aspekte unberücksichtigt gelassen und der Blick auf die menschlichen und technischen Instanzen gerichtet, um zu eruieren, wie Aktionszusammen-hänge von heterogenen Akteuren in der Praxis konstituiert sind. Das Forschungsfeld dieser Studie weitet sich auf die zwei Standorte: Borussia Park, ein Stadion aus der ersten und das Merck Stadion an Böllenfalltor aus der zweiten Bundesliga aus. Gezielt wurden Stadien der ersten und zweiten Bundesliga ausgewählt, da diese den gleichen rechtlichen wie ligaspezifischen Richtlinien unterliegen. Beobachtungen und gesammelte Daten aus beiden Forschungsfeldern können auf der Grundlage des identischen gesetzlichen und ligaspezifischen Kanons bezüglich Abläufen und Akteuren verglichen und als Datenquelle für diese Forschung verwendet werden.

4. Empirie

Im Stadion agieren im Zuge des Stadion- und Besuchermanagements verschiedenste menschliche und technische Akteure. Jedes Bundesligastadion hat für die Ausführung des Besuchermanage- ments einen Sicherheitsstab bestehend aus Stadiondirektion und Sicherheitsbeauftragten. Auf der Seite der menschlichen Akteure befinden sich des Weiteren Ordner, Polizei, SKB´s, Feuerwehr, Sanitätsdienst und Fanbeauftragte. In Spieltagvorbesprechungen treten sie zusammen und bespre- chen den Ablaufplan eines Spieltages und koordinieren den Einsatz der Technologien.26 Als techni- sche Akteure treten der Digitalfunk, in Form von „BOS-Funkgeräten“27, Digitalkameras, Computer und digitale Datenspeicher, wie die Datei „digitaler Sport“, sowie Drehkreuze mit Barcode- Scannern und Drohnen in den Einsatz.

[...]


1 Vgl. Werner Rammert: Technik in Aktion: verteiltes Handeln soziotechnischer Konstellationen, S.5 ff.

2 Vgl. Werner Rammert: Technik-Handeln-Wissen, S. 112.

3 Vgl. Werner Rammert: Technik in Aktion: verteiltes Handeln soziotechnischer Konstellationen, S.8.

4 Werner Rammert: Technik in Aktion: verteiltes Handeln soziotechnischer Konstellationen, S.5.

5 Vgl. Werner Rammert: Technik, Handeln und Sozialstruktur: Eine Einführung in die Soziologie der Technik, S.13 ff.

6 Vgl. ebd., S.13.

7 Ebd., S.13/14.

8 Vgl. Werner Rammert: Technik-Handeln-Wissen, S. 95.

9 Vgl. ebd., S. 101.

10 Ebd., S. 111.

11 Ebd., S. 86.

12 Ebd., S. 92.

13 Vgl. Werner Rammert: Technik in Aktion: verteiltes Handeln soziotechnischer Konstellationen, S.8.

14 Vgl. ebd., S. 8 ff

15 Ebd.

16 Werner Rammert: Technik in Aktion: verteiltes Handeln soziotechnischer Konstellationen, S.8.

17 Vgl. Werner Rammert: Technik in Aktion: verteiltes Handeln soziotechnischer Konstellationen, S. 10 ff.

18 Vgl. ebd., S. 10.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. Michael Burawoy: Introduction: Reaching for the Global. In: Burawoy, Michael et al. (eds.): Global Ethnogra- phy. Forces, Connections, and Imaginations in a Postmodern World, S. 1-40.

21 Ordner = eine Person des Sicherheitsdiensts der im öffentlichen Raum für Ordnung sorgt Oft durch Warnwesten gekennzeichnet

22 SKB = Szene-kundiger Beamter. Polizist*in, der/die auf die Fußballszene spezialisiert ist. Hält sich während eines Spiels zivil untern den Besuchern auf.

23 Vgl. FIFA: Reglement für Stadionsicherheit, S. 68 ff.

24 Vgl. FIFA: Reglement für Stadionsicherheit, S. 68.

25 Vgl. Transkript 2, S. 28.

26 Vgl. Feldtagebuch, S. 7 ff.

27 Def. BOS-Funk: digitaler Funk für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung eines sozio-technischen Systems beim Besuchermanagement in Bundesligastadien. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V499684
ISBN (eBook)
9783346035912
ISBN (Buch)
9783346035929
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehung, systems, besuchermanagement, bundesligastadien, zusammenarbeit, mensch, maschine
Arbeit zitieren
Julia Weber (Autor), 2018, Die Entstehung eines sozio-technischen Systems beim Besuchermanagement in Bundesligastadien. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499684

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Entstehung eines sozio-technischen Systems beim Besuchermanagement in Bundesligastadien. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden