Wilhelm Raabes Kritik am Philistertum im Spätwerk "Die Akten des Vogelsangs"


Seminararbeit, 2019
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG – ECHTE ALTERSARBEIT

3. DAS BÜRGERTUM IN SEINER GANZEN PHILISTRÖSEN PRACHT

4. ZUR PHILISTRÖSE ARROGANZ

5. PHILOSOPHISCHER HINTERGRUND WILHELM RAABES

6. VON DER KOMÖDIE DES LEBENS IM WELTTHEATER

7. „SIEWACKELND, IE AKTENHAUFEN – UND VELTEN ANDRES IST WIEDER SCHULDDARAN“

8. „UNDDERVOGELSANGLACHTEIHRNACH–“ ZUR DICHOTOMIE VON IRONIE UND KRITIK

9. RESÜMEE

11. BIBLIOGRAPHIE

1. Einleitung – Echte Altersarbeit

Die Akten des Vogelsangs seien echte Altersarbeit gewesen. Das gesteht Wilhelm Raabe in einem Brief aus dem Erscheinungsjahr 1896.1 Doch der zähe Schreibprozess ist nicht nur auf das Alter oder die private Situation Raabes (Tod der Tochter 1892)2 zurückzuführen. Die für Raabe unüblich lange Arbeitszeit von 25 Monaten3 mag vielmehr mit den Spezifika der Akten zusammenhängen. Neben der Fülle an Zitaten und Anspielungen, mit dem Raabe den für ihr so typischen beeindruckenden kompositorischen Raum schafft, seiner Liebe für die Aufla- dung von Details mit Bedeutung, tragen vor allem die Zeitkritik Raabes am Philiströsen des Bürgertums und das Wiederaufgreifen bekannter Motive aus früheren Werken4 dazu bei, dass die Akten des Vogelsangs als ein sehr dicht verwobener aber gleichzeitig ergiebiger und somit lesenswerter Roman erscheinen.

Wie der aktenmäßige Rückblick Karl Krumhardts an den Kindheitsort des Vogelsangs in die Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts fällt, ist Raabe selbst Genosse dieses Zeitalters († 1910). Seine kritischen, teils satirisch überzeichnenden Darstellungen müssen stets mit dem histori- schen Kontext behandelt werden. Schließlich wird das sog. lange 19. Jahrhundert als das Zeitalter der Revolutionen geführt. Der Umgang mit der Modernisierung der politischen, wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Strukturen, angetrieben von der Industrialisierung,5 ist in den Akten des Vogelsangs mitthematisiert. Dabei liegt ein Spannungsverhältnis zwischen der menschlichen Wesensart des Bewahrens gerade in Zeiten des Wandels und der Technisierung, Beschleunigung und der damit einhergehenden Unsicherheit auf der Hand.

Ziel dieser Arbeit soll es also sein, die Zeitkritik Wilhelm Raabes am Philister als einem bestimmten Typus des Bürgertums gegen Ende des 19. Jahrhunderts in seinem späten Chronistenroman Akten des Vogelsangs herauszuarbeiten. Die Ergebnisse sollen dabei möglichst induktiv eruiert werden und können zu einem besseren Verständnis für den produktiven Vertreter des Realismus gereichen.

2. „KriedenPhilister!“ - Der angelegte Philisterbegriff

Doch wem genau erklärt Raabe in seinem Brief vom März 1875 an Paul Heyse mit dem durchaus ernst gemeinten Ausruf6 „KriegdenPhilistern!“ 7 den Krieg? Wilhelm Raabes Œuvre ist durchzogen vom Sujet der Widerrede gegen das Philistertum und die bürgerliche Idealbildung vor der Wende zum 20. Jahrhundert. Dazu gilt einführend zu klären, auf welchen Philisterbegriff sich Raabe bzw. diese Arbeit berufen.

Während noch im 16. und 17. Jahrhundert den Philister ein nicht akademischer Bildungs- hintergrund kennzeichnete, erfuhr der Terminus mit der Epoche der Romantik eine erste Bedeutungserweiterung. Es ist davon auszugehen, dass Wilhelm Raabe Joseph Eichendorffs Satire auf philiströse Figuren Krieg den Philistern! erfreut gelesen hat. Darin bedenkt Eichen- dorff den Philister einerseits mit der weltfremden Charakteristik des deutschen Michels als bürgerlichen Kleingeist und andererseits mit einem fast frevelhaften Missverständnis für Kunst. Der Philister bediene sich der Kunst und brüste sich mit ihr. Er instrumentalisiere sie zum Bildungsgut, ohne den wahren, genialen Gehalt zu durchschauen.8 Weiter sahen Novalis 1798 („PhilisterlebennureinAlltagsleben“) 9 und etwa Heinrich Heine in seiner philisterfeindlichen10 Harzreise von 182411 den Philister als einen konservativen, Kultur und Genialität verneinenden Opponenten gegenüber dem eigenen, musischen Schaffen.12

Darüber hinaus bestanden Wilhelm Raabes philosophische Lektüren zu großen Teilen von Arthur Schopenhauer,13 der den Philister als einen unaufgeschlossenen, bornierten Menschen, frei von geistigen Bedürfnissen bezeichnet.14

Die Aspekte der Konformität gegenüber bestehenden gesellschaftlichen Normen und Systemen sowie die Unmündigkeit können bei Karl Marx gefunden werden, der nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution in Deutschland 1848 dem Klein- und Spießbürgertum vorwarf, weder geistige Wesen noch freie Männer sein zu wollen.15

Resümierend kann der Philister in der zeitgenössischen Semantik vor 1900 als ein nicht armer Bürger bezeichnet werden, der als Traditionalist gegenüber Veränderungen des gewohnten Lebensumfeldes sowie des tradieren Norm- und Wertesystems negativ reserviert ist. Dabei insistiert der Moralist und Tugendwächter auf dem Altbekannten und -bewährten. Rationalität und gesellschaftliche Teilhabe stehen für den Philister stets über affektivem Handeln.

Ein synonymer Gebrauch von Philistertum und Bürgertum, wie in der Forschungsliteratur überwiegend erkennbar, simplifiziert mit dieser Homogenisierung den Komplex des Bürger- tums im ausgehenden 19. Jahrhunderts. In dieser Arbeit wird daher mehr auf einen bestimmten Typus Bürger hingearbeitet, welchen Raabe in seinen Akten des Vogelsangs der Kritik preisgibt. Konkret sind aus den Akten die Figuren der Familie Krumhardt inklusive Riekchen Schellenbaum zu nennen, wobei dem zur Reflexion gezwungenen Chronisten Karl Krumhardt eine Sonderrolle zufällt. Die Berliner Figuren der Familie des Beaux sowie die Wirtin Fechtmeisterin Feucht lassen sich mit der skizzierten Philisterauffassung vereinzelt ebenfalls greifen. Der Werte- und Normhorizont dieses Bürgertums wird anhand der Akten im folgenden Kapitel aufgezeigt werden.

3. Das Bürgertum in seiner ganzen philiströsen Pracht

Noch vor 1870 galt das Bürgertum als Träger des deutschen Liberalismus. Doch mit der deutschen Einigung von 1871 erfuhr mit dem Sieg des patriotischen Konservatismus diese Strömung eine herbe Enttäuschung.16 Der Reichshistoriograph17 Wilhelm Raabe kritisiert vor diesem Hintergrund auch die Liberalismusmüdigkeit in der jungen militärisch-dynastischen deutschen Staatsordnung. Hinzu kommt ein Unsicherheitsgefühl durch die von der Industriali- sierung gestellten – aber nicht beantworteten – sozialen Fragen. Diese Problematik schwingt im sentimentalen Rückblick Karl Krumhardts unter der geschilderten historischen Folie mit („Wikrannteen inandenrocimVogelsangB“ AXIX , 21818 ).19

Zu Raabes schriftstellerischem Repertoire gehört die Darstellung qua Antagonismen. Neben den Figurenkonstellationen prägt der Gegensatz zwischen dem Vogelsang als europäischem Idyll und Amerika die Zeitkritik der Akten des Vogelsangs. Da die Zeit Charles und Helene Trotzendorffs und Velten Andres in Amerika erzählerisch weitestgehend im Verborgenen bleibt, ist anzunehmen, dass diese Leerstelle zur Charakterisierung des Heimischen gereicht. Raabe geht es damit nicht um die Bewertung Amerikas, sondern um das Offenlegen der Mechanismen, wie Amerika zur Collage europäischer Heterostereotypen wird. Die intensive deutsche Migration gen Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist hier stets mitzudenken.

So tritt in der Figur des stereotypen Dollarmillionärs Mr. Charles Trotzendorff „from New York (BA XIX, 220) ein Gegenakteur des Vaters von Karl Krumhardt auf. „Der Schwind- ler“ (BA XIX, 229), der opportunistisch seine Familie zur Miete im Vogelsang zurückgelas- sen hat, um in einem Wellenzyklus von Hoch und Tief durch Mut und noch vielmehr durch Zufall wieder zu Reichtum zu gelangen (BA XIX, 247), stellt die Werte von Konstanz, Fleiß und Tugend Krumhardt Seniors verachtend in Frage. Amerika erscheint als rechtsfreier und kulturloser Raum, in dem das staatsmännische Beamtentum und die Homogenität der „deutschen Kinderstube“ Vogelsang (BA XIX, 291) für passé erklärt wird. Daher ist Skepsis bis hin zur Ablehnung des entfesselten Spekulationskapitalismus und Mammonismus Amerikas20 die einzig logische philisterhafte Reaktion für das selbsterklärte Oberhaupt des Vogelsangs Krumhardt.

Es sind auch soziale Fragen des Wohnens und des Besitzens, die zwischen Trotzdendorff und Krumhardt ausgefochten werden: Das Vererben eines Familienanwesens ist im auf gesell- schaftlicher Stellung bedachten Philisterkonzept (BA XIX, 268f.) dem Wohnen zur Miete genauso vorzuziehen, wie das rücksichtslose Streben nach Reichtum allein um des Reichtums Willen. Mit dem Fingerzeig Karl Krumhardts auf Horaz aurea mediocritas als Leitbild für das Leben seiner Kinder belegt Raabe dies.

Für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts kann von einem erstarkten europäischen Bewusst- sein für die subjektive Vergrößerung der Welt (Migration, Urbanisierung, machtpolitische und wissenschaftliche Erschließung der Welt) und die Aufhebung von Distanz (Optimierung der Reisemöglichkeiten)21 ausgegangen werden.22 Im Umgang mit dieser Entwicklung tritt der philiströse Charakter des Vogelsangs zu Tage. Raabe wirft dem Philistertum vor, sich diesem Wandel borniert zu verschließen. Das Beharren auf den tradierten Werten erscheint als Trotzreaktion der Philister im Vogelsang. Dazu lohnt sich der Blick auf das Verhalten ein-zelner Figuren. Wie bereits angedeutet, wird Karl Krumhardt aufgrund seiner Sonderrolle als Verfasser der Akten des Vogelsangs im Kapitel 6 und insbesondere 7 betrachtet werden.

Es wird nun die Frage nach dem philisterhaften Umgang mit der epochalen Beschleunigung der Jahrhundertwende gestellt. Die Handlungsorte Berlin und Vogelsang unterliegen aufgrund der dargestellten historischen Entwicklungen einer unaufhaltsamen Auflösung. Mit dem Chronotopos des Heim- und Rückkehrers führt Raabe diesen Orten des Konservierens die Folgen der Modernisierung konfrontativ vor Augen und macht deutlich, dass das Berliner Hinterhaus und das idyllische Vorstadtnest davon nicht verschont bleiben.23

Damit fällt Raabes Urteil über die Zukunftsfähigkeit für diese Orte und ihre Träger vernichtend aus. Nach der Lektüre wird bewusst, dass Karl Krumhardt in seiner Retrospektive seinen Ort der Kindheit bereits von Beginn an verklärt. Der vaterlose Taugenichts Velten (BA XIX, 224), als auch die trotzendorffschen Moralkonzepte bedrohten zudem seit jeher die kleinbürgerlichen Krumhardts (BA XIX, 225f.). Aber die Auflösung des Vogelsangs resultiert nicht nur aus der Wirkung der äußeren Kraft des Modernisierungsprozesses, sondern auch die der internen Fliehkräfte.24 Der altersmilde und larmoyant gezeichnete Hartleben (BA XIX, 330f.) ist der erste Repräsentant des philiströsen Vogelsangs, der dem Wandel mit dem Verkauf seines Hofes zu Gunsten einer Konservenfabrik (BA XIX, 314) die Gartentür der Vorstadt öffnet. Dabei scheint er keinesfalls in Geldnot zu sein, da er auch die verzögerten Mietzahlungen der Trotzendorffs finanziell verkraftete.

Mit den Familien Krumhardts und im späteren Verlauf der „alte Hugenottenfamilie“ (BA XIX, 388) des Leon des Beaux (Leonie bildet mit ihrer Entsagung vom Besitz, BA XIX, 387, ein Pendant zu Velten Andres) lösen sich die stärksten Träger einer alten Ordnung auf und verlassen das „niedliche Residenznest“ (BA XIX, 290) bzw. ihr „romantisches Traumstüb- chen in der Stadt Berlin“ (BA XIX, 291). Beide erscheinen somit als Gefangene ihres unreflektierten, standesbewussten Denkens und Strebens nach sozialem Aufstieg.25 Eine weitere Art des Umgangs mit dem Wandel wird im Erhaltungsdrang und Rückzugsverhalten der autarken mütterlichen Figuren Amalie Andres und der Wirtin Fechtmeisterin Feucht26 27 transparent. Für ihre Versuche, durch Enklave dem Wandel zu entkommen (BA XIX, 323f.) hat Raabe wieder eine negative Antwort. Ihr Versuch, Phantasie und Realität im „Herzensmuseum“ (BA XIX, 372) der „Märchenkönigin“ (BA XIX, 256) in dem die Zeit still zu stehen scheint, zu vereinbaren,28 ist zum Scheitern verurteilt. In diese Reihe der Refugien kann auch in Karl Krumhardts Schreibtisch wie auch im Aktenverfassen selbst der vergebliche Versuch gesehen werden, Zeitlichkeit greifbar zu machen und dadurch zu entschleunigen.29 Dabei erscheint es nicht verwunderlich, dass die Institution des Museums eine Idee des 19. Jahrhunderts, des Beginns der technischen Reproduzierbarkeit ist.30 Äußerst interessant, aber den hiesigen Rahmen sprengend, wäre auch die Frage, ob diese Art des Res- taurations- und Erhaltungsdrangs ein europäisches Phänomen ist.

In den geschilderten Personen zeigt sich zweierlei: Erstens sind die naiven Träger mit ihrem mangelnden Krisenbewusstsein und der Bindung an ein starres Wertekorsett selbst mitverantwortlich für den Untergang des Vogelsangs als Symbol des Heimatverlustes. Zweitens lässt sich dadurch Kritik an der Gemütlichkeit des Philistertums und an einem Ohnmachtsgefühl gegenüber dem Wandel identifizieren. Die Akten des Vogelsangs sind die Personalakte eines philiströsen Bürgertums in einer Identitätskrise, wobei die Instabilität ihres Wertesystems vor Augen geführt wird. Wie Hermann Pongs im Zusammenhang der Identitätskrise richtig ergänzt, stehen die unvollständigen Familienmodelle in den Akten für ein Vakuum, verursacht durch das Fehlen bürgerlicher Vorbilder im wilhelminischen Deutschland. Ferner glaubt er hier das Unbehagen in der Kultur zu erkennen. 31

4. Zur philiströse Arroganz

Die Außenseiterfiguren tragen in den Akten des Vogelsangs eine entscheidende Rolle für Raabes Kritik am Philistertum. Durch ihre Alterität entlarven sie die Missstände in der hei- meligen Philisterwelt.32 Velten Andres ist das Exempel, wie in dieser bürgerlichen Welt nur durch Anpassung und Akzeptanz des tradierten moralischen Koordinatensystems an der Gesellschaft partizipiert werden kann.33 Die Intoleranz und der Anpassungssog treiben Velten Andres, Helene Trotzendorff und Leonie des Beaux in ihre jeweilige Isolation als Eskapismusversuch.34 Raabe diskutiert dadurch in den Akten auch Freiheitsauffassungen. Teils sehr stereotyp zeichnet er ein Philistertum als Träger eines konservativen Freiheits- begriffes, der auf der Gleichheit aller Menschen beruht. Wilhelm Raabe deckt jedoch als An-hänger eines aufklärerisch-individualistischen Menschenbilds mit liberalen Zügen35 die Schat- tenseiten darin auf und so können die Akten auch als Plädoyer für einen qualitativen Freiheitsbegriff gelesen werden, in dem das Individuum Anspruch auf freie Willensentfaltung – sprich auf hohen Individualismus – erhält.36 Der grausame, indoktrinierte Philisterumgang mit einem Individualismus erhält deshalb seine Demaskierung.

Allerdingt unterliegt das überzeichnete Bürgertum der eigenen Dilemmasituation: Seine Stabilität ist von der inneren Homogenität und Wertekonservierung abhängig. Die Homogenität des Vogelsangs ist dabei lediglich eigenes Wunschdenken, denn Homogenität wird von den philiströsen Krumharftfiguren mit Anpassungszwang verwechselt. Mit der Entblößung des Pseudocharakters befördert Raabe damit auch die innere Brüchigkeit und der selbstherhaltende Egoismus der Philister zu Tage. Heinrich Detering spricht hier sogar von bürgerlicher Hybris.37

Das Verhalten des philobatischen Veltens Andres38 hält dem Philistertum somit einen sozialkritischen Spiegel vor. Der eigentumsmüde junge Satan (BA XIX, 316) des Vogelsangs kappt ganz bewusst im symbolischen Akt des Verbrennens und des Kehraus seines gesamten Hausrats die Verbindung zur bürgerlichen Welt durch seine Entsagung von Besitz:

[Hier am] Ofen im Vogelsang, vor dem der wunderliche Freund sich frei machte – nicht von den Sachen, sondern von dem, was in der Menschen Seele sich den Sachen anhängt und sie schwer und leicht, kurz, zu dem macht, was wir anderen im Leben ein Glück oder ein Unglück zu nennen pflegen . (BA XIX, 370)

Wie in den Reflexionen zur Anthropologie (1794) Immanuel Kants39 versteht Raabe unter Besitz eine materielle (Güter) und immaterielle (Erinnerung) Komponente,40 welche den Besitz zu dem identitätskonstruierenden Medium des Bürgertums machen. Anna Krumhardt als wahre Antagonistin Veltens, ihr Bruder Ferdinand Schlappe „aus bester, maßgebendster Gesellschaft“ (BA XIX, 266) und Riekchen Schellenbaum geraten dabei in Panik und können in ihrem altbackenen Denken Veltens alternatives Verhalten nicht verstehen. Anna bittet Karl in der Kehrausszene„:KommdumintachHause[!…I]chaltdeiesensichltängearus[!…] IchhaltemeinEigentumandeWr elftest!“( BA XIX, 383). Folglich kann dem Roman die Intension entnommen werden, dass der geringe moralische Gehalt einer nur auf Besitz (und Familie) beruhenden Identität des Philistertums enthüllt werden soll.

[...]


1 Preisendanz, Wolfgang: Nachwort. In: Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. Erzählung. Stuttgart: Reclam 1988, 225.

2 Beaucamp, Eduard: Literatur als Selbstdarstellung. Wilhelm Raabe und die Möglichkeiten eines deutschen Realismus. Bonn: Bouvier 1968, S. 25.

3 Meinerts, Hans Jürgen: Anmerkungen. In: Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. In: Hoppe, Karl (Hg.), Sämtliche Werke [Braunschweiger Ausgabe]. Band 19, bearbeitet von Hans Flinck und Hans Jürgen Meinerts. Freiburg im Breisgau und Braunschweig: Klemm, 1957, S. 448.

4 Sina, Kai: Die Akten des Vogelsangs. In: Göttsche, Dirk/ Krobb, Florian Ulrich/ Parr, Rolf (Hgg.), Raabe- Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler 2016, S. 244.

5 Bauer, Franz J.: Das lange 19. Jahrhundert. Profil einer Epoche. Stuttgart: Reclam 2010, S. 26f.

6 Weniger, Erich: Wilhelm Raabe und das bürgerliche Leben. In: Helmers, Hermann (Hg.), Raabe in neuer Sicht. Stuttgart [u.a.]: Kohlhammer 1968, S. 92.

7 Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. In: Hoppe, Karl (Hg.), Sämtliche Werke [Braunschweiger Ausgabe]. Ergänzungsband 2, bearbeitet von Hans Flinck und Hans Jürgen Meinerts. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1975, S. 183.

8 Buschmeier, Matthias (2011): Der Philister als Literaturgeschichtliche Reflexionsfigur. Eichendorffs Krieg den Philistern als Abgesang der Romantik. In: Bunia, Remigius, Baecker, Dirk: (2011): Philister: Problemgeschichte einer Sozialfigur der neueren deutschen Literatur. Berlin: Akad.-Verlag 338-356 (347f.)

9 Novalis: Blüthenstaub. In: Mähl, Hans-Joachim/ Samuel, Richard/ Balmes, Hans Jürgen (Hgg.), Novalis. Werke Tagebücher und Briefe. Band 2: Das philosophisch-theoretische Werk. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1999, S. 262.

10 Martin, Ralph: Heine und Novalis. In: Uerlings, Herbert (Hg.), Büthenstaub, Rezeption und Wirkung des Werkes von Novalis. Tübingen: Niemeyer 2000, S. 55.

11 Heine, Heinrich: Reisebilder. Erster Teil: Die Harzreise, zitiert nach: Windfuhr, Manfred (Hg.), Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Düsseldorfer Ausgabe [DHA], Band. 6, bearbeitet von Hermand, Jost. Hamburg: Hoffmann & Campe 1973, S. 84.

12 Velten Andres, der als Phantast und Taugenichts direkt bezeichnet wird und in der Welt ziellos umherreist erinnert stark an die Romantik-Figur des Taugenichts bei Eichendorff.

13 Stadler, Christian: Darwinistische Konkurrenz und ökonomisches Kalkül. Wilhelm Raabes Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Gesellschaft. Königshausen 2012, 233.

14 Schopenhauer, Arthur: Aphorismen zur Lebensweisheit. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1974, S.43f.

15 Kliem, Manfred: Marx-Engels-Verzeichnis. Werke, Schriften, Artikel. Band 1. Berlin: Dietz 1979, S. 338.

16 Bauer 2010, S. 95.

17 Pongs, Hermann: Wilhelm Raabe. Leben und Werk. Heidelberg: Quelle & Meyer 1958, S. 592.

18 Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. In: Hoppe, Karl (Hg.), Sämtliche Werke [Braunschweiger Ausgabe]. Band 19, bearbeitet von Hans Flinck und Hans Jürgen Meinerts. Freiburg im Braisgau und Braunschweig: Klemm, 1957, S. 218. Fortan im Fließtext abgekürzt mit Siegle BA, Band XIY, Seite 218)

19 Kwon, Son-Hyoung: Das Groteske in Wilhelm Raabes Spätwerk Die Akten des Vogelsangs. Frankfurt am Main [u.a.]: Lang 1999, S. 126.

20 Göttsche, Dirk: Zeitreflexion und Zeitkritik im Werk Wilhelm Raabes. Würzburg: Königshausen 2000, S. 93.

21 cf. den Bahnhof in den Akten des Vogelsangs als Symbol des Aufbruchs in das Ungewisse

22 Krobb, Florian Ulrich: Erkundungen im Überseeischen. Wilhelm Raabe und die Füllung der Welt. Würzburg, Königshausen 2009, S. 9f.

23 Göttsche, Dirk: Modernisierung und Industrialisierung. In: Göttsche, Dirk/ Krobb, Florian Ulrich/ Parr, Rolf (Hgg.), Raabe-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler 2016, S. 296.

24 Ebd. 2000, 93f.

25 Ebd.,2000, 92.

26 Hampl, Ingeborg: Grenzfälle. Familien- und Sozialstrukturen bei Wilhelm Raabes. Passau: Rothe 1995, S. 92.

27 Feucht muss historisch, politisch verstanden werden. cf. BA XIX, 281f. und Göttsche 2000, S. 94

28 Geisler, Eberhard: Abschied vom Herzensmuseum. Die Auflösung des Poetischen Realismus in Wilhelm Raabes Akten des Vogelsangs. In: Lensing, Leo A./ Peter, Hans-Wilhelm (Hgg.), Wilhelm Raabe. Studien zu seinem Leben und Werk. Braunschweig: pp-Verlag 1981, S. 377.

29 Wetzel, Michael: Wilhelm Raabe und die Krise der Moderne. In: Winkels, Hubert (Hg.), Wolf Haas trifft Wilhelm Raabe. Göttingen: Wallstein-Verlag 2007, S. 35.

30 Jensen, Gotthard: Idee, Konzeption und Nutzung von Schulmuseen. Regensburg: Roderer 1990, S. 24.

31 Pongs 1958, S. 588f.

32 Kwon 1999, S. 124.

33 Stadler 2012, S. 219.

34 Kafitz, Dieter: Die Appellfunktion der Außenseitergestalten. In: Lensing, Leo A./ Peter, Hans-Wilhelm (Hgg.), Wilhelm Raabe. Studien zu seinem Leben und Werk. Braunschweig: pp-Verlag 1981, S. 69.

35 Ebd., S. 52

36 Kafitz 1981, S. 54.

37 Detering, Heinrich: Theodizee und Erzählverfahren. Narrative Experimente mit religiösen Modellen im Werk Wilhelm Raabes. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1990, S. 225.

38 Drummer, Almut: Verstellte Sicht. Erinnerndes Erzählen als Konstruktion von Ablenkung in späten Schriften Wilhelm Raabes. Würzburg: Königshausen 2005, S. 75.

39 Bauer 2010, S. 93f.

40 Wünsch, Marianne: Eigentum und Familie. Raabes Spätwerk und der Realismus. In: Müller-Seidel, Walter (Hg.), Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft. Jg. 31. Stuttgart: Metzler 187, S. 257f.

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Details

Titel
Wilhelm Raabes Kritik am Philistertum im Spätwerk "Die Akten des Vogelsangs"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsch als Fremdsprache: Interkulturelle Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Epochenprojekt und Fortgeschrittenenseminar: Literatur des 19. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V499745
ISBN (eBook)
9783346030108
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wilhelm Raabe, Raabe, Akten, Akten des Vogelsangs, Vogelsang, Philister, Philisterkritik, Philistertum, Spießer, Spießbürger, Spießbürgertum
Arbeit zitieren
Michael Prestele (Autor), 2019, Wilhelm Raabes Kritik am Philistertum im Spätwerk "Die Akten des Vogelsangs", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499745

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