Das literarische Motiv des Drachen in China und Westeuropa

Ein analytischer Vergleich von Symbolwerten in verschiedenen Kulturräumen


Hausarbeit, 2017

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Drachen in Westeuropa: Sinnbild des Teufels und der Heiden

3. Drachen in China: Kaiserliches Wappentier und Symbol himmlischer Stärke

4. Fazit und Vergleich der Drachenmotive aus Westeuropa und China

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Der Heilige Georg und der Kampf mit dem Drachen (1470) von Paolo Uccello

Abbildung 2 und 3 sind nicht Teil dieser Veroffentlichung

1. Einleitung

Trotz ihrer Fiktionalität sind uns Drachen auch heute im Alltag noch sehr präsent. Sie dienen als häufiges Motiv in der modernen Belletristik und bedienen sich ganz unterschiedlicher Eigenschaften und Darstellungen. Auffällig ist das häufige Auftreten von Intelligenz, Kameradschaftlichkeit und Loyalität als Eigenschaften der Drachen. Ein Beispiel ist dabei die Darstellung des Drachen „Saphira“ aus dem Bestseller „Eragon“ von Christopher Paolini. Saphira wird als menschenfreundliches Wesen beschrieben, wobei ihre äußere Erscheinung dem eines mittelalterlichen europäischen Flugdrachens sehr nahekommt. Andererseits gibt es Drachenmotive wie in „Der Hobbit“ von Prof. Tolkien, die als listige, boshafte und menschenfeindliche Kreaturen in der Geschichte auftauchen.1 Beide Arten haben jedoch eine gemeinsame Herkunft: Sie entsprechen größtenteils dem europäischen Drachenmotiv, welches ursprünglich von den christlich biblischen Vorstellungen des Leviathans und des Drachens aus der Apokalypse endstammt. Selbstverständlich gab es auch schon frühere Darstellungen von Drachen, sie sind von Westeuropa bis nach Osteuropa durch archäologische und völkerkundliche Quellen seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. belegt. Als eine Ausnahme dieser Verbreitung erscheinen die Randzonen der Erde wie z.B. die Ureinwohner Australiens oder die Inuit in der Arktis. Die drachenbezogenen Vorstellungen konzentrieren sich auf die alten Hochkulturgebiete in Vorder-, Mittel- und Ostasien sowie in Amerika und dem Mittelmeergebiet und fanden dort in Religion, Kunst, Architektur und Literatur Verwendung.2

Zu Beginn stellte sich mir daher die Frage, inwiefern sich die vorzufindenden Drachenmotive innerhalb der ethnischen Kulturräume der Welt ähneln werden oder aufeinander aufbauen. Daher beschäftige ich mich in dieser Seminararbeit mit der Herkunft und der Bedeutung dieses Motivkomplexes. Meinen Fokus lege ich dabei auf das christliche Westeuropa und den chinesischen Kulturraum. Durch die Analyse und Interpretation kurzer Textauszüge aus religiöser und epischer Literatur möchte ich der These nachgehen, ob der Ursprung des Drachen in der Darstellung des biblischen Leviathans zu finden ist. Abschließend werde ich die Ergebnisse zur westeuropäischen und chinesischen Literatur im Schlussteil gegenüberstellen und nach aufeinander aufbauenden oder ähnelnden Elementen untersuchen.

2. Drachen in Westeuropa: Sinnbild des Teufels und der Heiden

Das häufigste Bild eines Drachen in Europa entspricht einer Kreatur mit zwei Flügeln, zwei Beinen, meist vielen Köpfen, einem löwenartigen Körper und einem spitz zulaufenden Schwanz wie es auf der untenstehenden Abb. 1 zu erkennen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der Heilige Georg und der Kampf mit dem Drachen (1470) von Paolo Uccello.

Diese Kreatur findet zahlreiche Verwendung als literarisches Konzept in der Bibel sowie in den christlichen Heiligenlegenden des Mittelalters und zumeist wird ein Drachenkampf dargestellt. Der Drache ist dabei häufig ein Sinnbild für den Teufel, das Heidentum oder die ketzerischen Feinde der Kirche und hat im Gegensatz zu anderen Tiersymbolen einen sehr hohen und eindeutigen Symbolwert.3 Der Sieg über den Drachen hat den symbolischen Charakter der Überwindung des Bösen. Dies kann der Teufel selbst sein oder es steht sinnbildlich für die vom Heiligen überwundene Häresie, den Arianismus oder das Heidentum.4 Die erste Verwendung des Drachenkampfmotivs in der Bibel ist der Leviathan im Buch Hiob.

Reihen von Schilden sind sein Rücken, verschlossen mit Siegel aus Kieselstein. […] Einer reiht sich an den andern, kein Lufthauch dringt zwischen ihnen durch. […] Aus seinem Maul fahren brennende Fackeln, feurige Funken schießen hervor. Rauch dampft aus seinen Nüstern wie aus kochendem, heißem Topf. Sein Atem entflammt glühende Kohlen, eine Flamme schlägt aus seinem Maul hervor. […] Erhebt es sich, erschrecken selbst die Starken; vor Schrecken wissen sie nicht aus noch ein. Trifft man es, kein Schwert hält stand, nicht Lanze noch Geschoss und Pfeil. (Die Bibel, Buch Hiob 41,4-41,24.)

Die Beschreibung des Leviathans ist überaus genau und detailreich. Nach Vossen knüpft der „Leviathan […] fast nahtlos an die vorderasiatischen mythischen Traditionen an“5 und wird in der Bibel als feuerspeiendes, unüberwindliches, Angst und Schrecken verbreitendes Monster dargestellt und ist das Leitmotiv für alle späteren christlichen Drachenmotive. Dies begründet Vossen durch die Formulierung des Streitgesprächs im Buch Hiob: Dort spricht Gott zu Hiob wie ein „kananäischer oder sumerischer Wettergott ‚aus dem Wettersturm‘ zu ihm [Hiob]“6 und betont das übermenschlich starke und bösartige Wesen des Leviathans. Das Aussehen des Leviathans unterstützt dieses Bild. Es wird ein feuriger, giftiger Atem beschrieben und eine schuppige, schlangenähnliche Gestalt. Diese beiden Elemente, der giftige Atem und der Schuppenpanzer, wurden in der Antike mit dem Tod assoziiert – nicht zuletzt aufgrund der Bedeutung des schuppigen Krokodils für die antiken Ägypter als biblischer Todbringer. 7

Die Verwendung einer drachenähnlichen, boshaften und menschenfeindlichen Kreatur fungiert im Text als Kontrastmittel zu Gottes „guter“ Schöpfung und Herrlichkeit. Die Beschreibung des übermächtigen Leviathans, der durch keine menschliche Kraft gebändigt werden kann, soll dem Leser Gottes überirdische Stärke vor Augen führen und fungiert darüber hinaus als Appell an die Gläubigen, auf Gottes Stärke zu vertrauen.8

Neben der Darstellung des Leviathans ist in der Bibel eine weitere Episode eines Drachenkampfes geschildert. In der Johannes Offenbarung im Neuen Testament wird ebenfalls ein Kampf zwischen dem Erzengel Michael und einem Drachen beschrieben.

Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. […] Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. […] Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen. […] Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, [...] ging er fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.9

Für diese Episode in der Johannesoffenbarung gibt es verschiedene Interpretationsansätze. Einerseits kann man den Drachen als eine von der „Ewigkeit des Göttlichen getrennt[e]“10 und nicht menschliche, eher geistig eingeschränkte Kreatur sehen, die nach seinem Sturz auf die Erde zunächst irritiert ist und sich nur mühsam seiner Niederlage bewusstwird. Dabei wird der Drache durch die im Original genutzte Formulierung „Diabolus et Satanas“11 in seinen Eigenschaften dem Teufel gleichgestellt. Weiterhin vertreten die Köpfe und Hörner ein häufiges Machtsymbol aus dem Alten Testament. Diese stehen für die Könige und Königreiche, die der christlichen Kirche feindlich gegenüberstehen und sie bekämpfen wollen. Dieses Bild wird darüberhinaus durch die ungewollte Vernichtung von Sternen durch den Drachenschwanz während des Sturzes verstärkt. Die vom Himmel fallenden Sterne symbolisieren hier ebenfalls das ketzerische Verhalten der Kirchenfeinde und des Antichrists, die gläubige Christen vom Christentum abbringen.12 Andererseits kann der Drache in diesem Fall auch für den aufrührerischen Engel Samuel, auch Luzifer genannt, stehen. Samuel ist neben Michael einer der beiden „Fürsten der Engel“13, der sich von Gott und seiner Schöpfung abwandte. Daraufhin wurde er aus dem Himmelreich durch Gott verbannt und Gott erteilte Michael die Aufgabe, Samuel aus dem Himmel zu stürzen. Nach Lurker sind Michael und Samuel von gleicher Herkunft und symbolisieren das vielfach vorkommende literarische Motiv des ungleichen Bruderpaares.14

In beiden Ansätzen verkörpert dieser Himmelssturz jedoch die Trennung von Gut und Böse und entspricht der mittelalterlichen Lehre des Augustinus, dass das Böse nicht wahrhaft, sondern nur ein Mangel an Gutem ist. Der Himmelssturz kann als die Trennung von „guten“ Christen“ und den ketzerischen und falschen Christen“15 sowie der Juden und Heiden verstanden werden.16

In diesem Zusammenhang sei die Bedeutung des Drachenmotivs für die mittelalterlichen Heiligenlegenden ebenfalls kurz erwähnt. Während Michael als „kosmische[s] Abbild des göttlichen Drachentöters, Christi“17 dient, ist der christliche Ritter Georg dessen irdische Version. Der Heilige Georg von Kappadokien lebte im 3. Jahrhundert n. Chr. im Vorderen Orient. Die Legende handelt von der Terrorisierung einer Bevölkerung durch den giftigen Atem eines Drachen. Dieser verlangte zu seiner Besänftigung regelmäßig eine Jungfrau als Opfergabe. Schließlich rettete Georg die jungfräuliche Königstochter, indem er den Drachen mithilfe einer Lanze und einem Kreuz tötete. Für seine Errettung musste das Volk sich anschließend zum Christentum bekehren lassen.18

Für die Interpretation des Drachenmotivs in Heiligenlegenden ist allerdings zu beachten, dass Heiligenlegenden ebenso wie die Bibel keine chronischen Quellen darstellen. Vielmehr wurden die Tiere als Attribute von Helden im Nachhinein ausgewählt, um die Beschreibung des Heiligen durch den Symbolcharakter der Drachen zu verstärken. Die Legende des Heiligen Georgs ist ein Beispiel dafür, da der Drachenkampf erst mit dem im 12. Jahrhundert einsetzenden Kreuzzügen hinzugefügt wurde.19 Die Königstochter dient als Synonym für die christliche Kirche, die vor dem Drachen und damit vor der Häresie und dem Heidentum geschützt werden muss. Das Kreuz und die Lanze sind hierbei die Werkzeuge des Glaubens.20 So handelt Georg als gläubiger Christ im Auftrag des Herrn und verschafft Gottes Wort Geltung in der Welt. Im Gegenzug erteilt Gott ihm die Kraft, die Menschheit zu retten und den Drachen zu töten. 21

Der Akt der Befreiung durch die Konversion zum Christentum sollte Anreiz bieten, sich der Kirche anzuschließen und diente daher ebenfalls als Kriegspropaganda während der Kreuzzüge. Die Kirche war mit Beginn dieser Kriege ab 1095 stetig auf der Suche nach christlichen Rittern. Diese sollten dann, ebenso wie der Heilige Georg in der Legende, in Gottes Namen und im Wohlwollen der christlichen Gemeinde gegen die vermeintlichen Heiden des Vorderen Orients kämpfen.

Selbst abseits der Bibel und christlicher Heiligenlegenden findet das Drachenmotiv eine vielfältige Verwendung. So erfüllt der Drache weltweit in Märchen und Sagen die Funktion der „Ausgeburt der Finsternis, die das Licht verschluckt und doch wieder freigeben muß“22. Das Motiv des Verschlingens des Protagonisten kommt einer Neugeburt gleich, es ist der

„Übergang, in eine andere Welt“23 und wird beispielsweise in der griechischen Legende des Herakles oder in dem schottischen Volksmärchen des Ascherhans verwendet. Der heldenhaft handelnde Protagonist der Geschichte ist ein Heilbringer.24 Er errettet eine Jungfrau, oftmals eine Prinzessin und erhält dafür eine Belohnung, die einerseits materiell ist und andererseits einen sozialen Aufstieg verspricht.

3. Drachen in China: Kaiserliches Wappentier und Symbol himmlischer Stärke

Der chinesische Drache wird im Gegensatz zum westeuropäischen Drachen stets allein oder nur mit einer Perle abgebildet. Er besitzt einen schuppigen schlangenähnlichen Körper mit vier Beinen, einem hirschförmigen Kopf mit zwei Hörnern und Barthaaren. Auf der untenstehenden Abb. 2 ist erkennbar, dass der Drache keine Flügel hat wie sein europäisches Pendant, kann aber dennoch fliegen. Es findet darüber hinaus nie ein sichtbarer Kampf statt und der Drache wird nicht zusammen mit einem Menschen

19 Für eine ausführliche Beschreibung der Veränderung von Georgs Heiligenvita siehe Obermaier, dargestellt. Dem chinesischen Drachen wird also anders als seinem europäischen Pendant keine direkte Gewalt unterstellt, von ihm geht keine negative Kraft aus.25

2007, S. 51-53. Dort wird ersichtlich, dass die antike Legende des Georg von Kappadokien durch die Umdichtung der Kreuzfahrer im 12. Jahrhundert zu einer Drachenkampflegende wurde.

[...]


1 Die Verwendung von verschiedenen Drachenmotiven in der modernen Belletristik wird anschaulich an mehreren Beispielen dargestellt und diskutiert in Honegger, 2009, S. 131–143.

2 Vgl. Vossen, 1995, S. 11. Eine ausführliche Darstellung der aufgefundenen Drachenmotive aus aller Welt finden Sie sortiert nach deren ethnischer Herkunft in Vossen, 1995, S. 10–24.

3 Vgl. Obermaier, 2007, S. 50.

4 Vgl. Honegger, 2009, S. 137; Obermaier, 2007, S. 49f.

5 Vossen, 1995, S. 17.

6 Ebd.

7 Vgl. Vossen, 1995, S. 16–18.

8 Vgl. Röhrich, 1981, S. 794f.

9 Die Bibel, Johannes Offenbarung 12,1–12,18.

10 Tobler, 1991, S. 135.

11 Die Bibel, Johannes Offenbarung 12,9.

12 Vgl. Tobler, 1991, S. 135–152.

13 Lurker, 1983, S. 190.

14 Vgl. Lurker, 1983, S. 190–192.

15 Tobler, 1991, S. 151.

16 Vgl. Lurker, 1983, S. 191 sowie Tobler, 1991, S. 149–152.

17 Lurker, 1983, S. 193.

18 Vgl. Lurker, 1983, S. 193.

19 Für eine ausführliche Beschreibung der Veränderung von Georgs Heiligenvita siehe Obermaier, 2007, S. 51-53. Dort wird ersichtlich, dass die antike Legende des Georg von Kappadokien durch die Umdichtung der Kreuzfahrer im 12. Jahrhundert zu einer Drachenkampflegende wurde.

20 Vgl. Brall-Tuchel, 2006, S. 213–230.

21 Vgl. Röhrich, 1991, S. 791–798.

22 Lurker, 1983, S. 177.

23 Ebd.

24 Vgl. Lurker, 1983, S. 183.

25 Diese Unterschiede sind auf den Abb. 1 (S. 2) und 2 im Anhang (S. 6) gut erkennbar.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das literarische Motiv des Drachen in China und Westeuropa
Untertitel
Ein analytischer Vergleich von Symbolwerten in verschiedenen Kulturräumen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V500064
ISBN (eBook)
9783346036094
ISBN (Buch)
9783346036100
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drache, China, Europa, Symbolwerte, Kulturraum, Motivanalyse, Analyse
Arbeit zitieren
Tamina Grasme (Autor), 2017, Das literarische Motiv des Drachen in China und Westeuropa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500064

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