Eine exemplarische Textanalyse von Elfriede Jelineks "wir sind lockvögel baby!". Der Inbegriff avantgardistischer Pop-Literatur?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
22 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Avantgarde

3. Pop-Literatur der 60/70er Jahre

4. Exemplarische Textanalyse von Elfriede Jelineks wir sind lockvögel baby!
4.1. Intertextualität
4.2. Paratextualität

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind.

– Romain Gary

Dieses Zitat beleuchtet einen wesentlichen Aspekt der Avantgarden. Denn egal welche der Avantgarden man in den Fokus nimmt, sei es die historische Avantgarde oder die Neo-Avantgarde, so haben alle eins gemeinsam: sie wollen die Tradition brechen und neue Wege schaffen. Das vorangestellte Zitat weist dabei auf die Problematik des Charakterisierens der Avantgarden hin, denn eine genaue Definition beziehungsweise Merkmale von Avantgarden lassen sich nicht einfach benennen. Es können zwar einige Methoden und Techniken herausgestellt werden, allerdings variieren diese sehr stark untereinander. Egal auf welcher Ebene man sich mit den Avantgarden auseinandersetzt, sei es in der Literatur, der Kunst oder der Musik, es handelt sich hierbei immer um Werke, die erst mit ihrem kreativen Arbeitsprozess entstehen und sich im Laufe dieses entwickeln.

Auch der Begriff des Pop begegnet uns im Alltag auf unterschiedlichster Art und Weise. Wir kennen ihn sowohl aus der Kunst, als auch als Musikgenre oder Literaturform. Hinsichtlich der angewandten Techniken und teilweise auch Themengebieten lassen sich zwischen Avantgarde und Pop Gemeinsamkeiten feststellen. Lässt sich Pop-Literatur dadurch als eine Form der Avantgarde sehen?

Hinsichtlich dieser Fragestellung ist zu überprüfen, ob und in wie fern sich die Pop-Literatur den Avantgarden zuordnen lässt. Im Rahmen dieser Arbeit soll nun exemplarisch am 1970 erschienen Roman wir sind lockvögel baby 1 von Elfriede Jelinek geprüft werden, ob es sich hierbei um ein avantgardistisches Werk der Pop-Literatur handelt. Auf Grundlage des Romans werden Marker der Avantgarde, aber auch des Pop herausgestellt und interpretiert. Zuerst soll kurz skizziert werden, wie wir den Begriff der Avantgarde definieren können und wobei es sich um Pop-Literatur der 60/70er Jahre handelt. An dieser Stelle werden Kennzeichen herausgearbeitet, welche es später im Roman zu analysieren gilt. Ich beschränke mich bei meiner Analyse auf Methoden und Techniken avantgardistischer beziehungsweise popliterarischer Art und analysiere den Text hinsichtlich der Themenfelder und der Intertextualität. Der Aspekt der Paratextualität soll ebenfalls kurz beleuchtet werden. Ich werde mich im Rahmen der Textanalyse auf kein einzelnes Kapitel beschränken, sondern das Werk als ein Ganzes betrachten. Dieses Vorgehen scheint mir effektiver, da innerhalb eines Kapitels nicht die gesamte Vielfalt und Komplexität der Herangehensweise Jelineks ersichtlich werden kann. Ich beschränke mich hier jedoch nur auf die wesentlichen Aspekte, da eine komplexere Analyse den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Zum Ende der Analyse soll auf Grundlage der Ergebnisse von ggf. vorgefunden Überschneidungen ein Fazit darüber gezogen werden, ob Jelineks Roman als ein avantgardistischer Pop-Roman bezeichnet werden kann.

Aufgrund der Tatsache, dass Jelinek für ihren Roman 2004 den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam, wird ihrem Werk seither hohe Bedeutung zugeschrieben. In der Forschung wird Jelinkes Werken und auch ihrer Person eine Menge Aufmerksamkeit geschenkt, ihr Debütroman wir sind lockvögel baby! wird dabei jedoch nur sehr spärlich untersucht. Eine erste umfangreichere Analyse, besonders hinsichtlich der Intertextualität, wird von Lea Müller-Dannhausen veröffentlicht2. Meiner Analyse ziehe ich u.a. Müller-Dannhausens Werk3 zur Rate, bediene mich aber auch dem Jelinek Handbuch4 oder dem Aufsatz Fiedlers5.

2. Avantgarde

Der Begriff der Avantgarde lässt sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Kunst oder Musik finden. Er umfasst damit alle fortschrittlichen Strömungen des 20. Jahrhunderts, welche sich offen gegen die bürgerliche Kultur aussprechen und das Ziel verfolgen mit ihrer Kunst die Tradition zu brechen.6 Zu diesen Bewegungen können unter anderem der Futurismus, Dadaismus und Surrealismus gezählt werden. Jede Form des Versuchs, die Kunst mit dem Alltäglichen zu vereinen und dabei die Ästhetik bürgerlicher Kultur zu sprengen ist avantgardistischer Natur.7 In der Literatur bedienen sich die Avantgardisten unterschiedlichster Verfahrensweisen. Sie betrachten dabei die Sprache als das ihnen gegebene Material, welches sie nun entgegen der vorherrschenden Regeln der Ästhetik verändern können. Durch das Isolieren von sprachlichen Elementen experimentiert der Künstler mit verschiedenen Stilen und stellt dabei die Semantik in Frage8. Avantgardistische Künstler bedienen sich oftmals destruktiver Mittel, um die Sprache in einen anderen Kontext zu setzen und etwas neues zu erschaffen. Dabei eröffnen sich ihnen eine Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten. Die Montage eines Textes erfordert sowohl die Kreativität des Künstlers, als auch seine Spontanität und Offenheit gegenüber dem Ergebnis, welches in der Regel vorher unklar ist und erst während des Arbeitsprozesses entsteht. Die Intention avantgardistischer Literatur ist es, Texte so zu verfremden, dass beim Rezipienten ein Moment des Schocks hervorgerufen wird.9 Bürger meint:

„Der Schock wird angestrebt als Stimulans einer Verhaltensänderung, er ist Mittel, um die ästhetische Immanenz zu durchbrechen und eine Veränderung der Lebenspraxis des Rezipienten einzuleiten“10.

Avantgarden können sowohl Inszenierung, als auch Rekonstruktion von Wortmaterial sein. Um den Schock beim Rezipienten zu erzielen ist es wichtig, dabei vorherrschende Regeln der Ästhetik zu missachten und durch Verfahrensweisen wie die der Destruktion und Montage beziehungsweise Collage das Material in einen neuen Rahmen zu setzen. Besonders die Montage scheint in den Avantgarden eine der grundlegendsten Verfahrensweisen zu sein.

„Das montierte Werk weist darauf hin, dass es aus Realitätsfragmenten zusammengesetzt ist; es durchbricht den Schein von Totalität. Die avantgardistische Intention der Zerstörung der Institution Kunst wird so paradoxerweise im Kunstwerk selbst realisiert“11.

Avantgardistische Literatur arbeitet häufig mit Paradoxa, Oxymora und Onomatopoetika. Genau diese Stilmittel verleihen den Texten ihre Spannung. Auch Jelinek bietet ein reiches Repertoire dieser. Sie bringt Soundwords wie „pow!“12 oder „zoooooooom“13 aus Comics in ihre Texte mit ein. Die Autorin gestaltet ihren Text so, dass klischeehaftes Verhalten gebrochen wird und Figuren Handlungen ausführen, für welche sie als ungeeignet erscheinen beziehungsweise welche man ihnen nicht zuschreiben würde. Damit werden innerhalb des Romans immer wieder paradoxe Situationen geschaffen, welche oftmals in die Ironie beziehungsweise die Parodie gekehrt werden. Auch die Hyperbel ist ein Stilmittel, welches sich durch den gesamten Text zieht. So beschreibt Jelinek beispielsweise die Unterlippe einer Figur als ein „riesiges blatt auf der oberfläche des sumpfes“14. Hier kann neben der hyperbolischen Beschreibung auch das Mittel der Metapher erkannt werden. Auch diese finden sich an zahlreichen Stellen vor.

Unterschieden werden muss zwischen den historischen Avantgarden und den Postavantgarden. Letztere sind der Zeit nach dem 2. Weltkrieg zuzuordnen. Dabei stützen sie sich vor allem auf die Techniken und Ergebnisse aus früherer Zeit.15 Dieser Aspekt lässt Enzensberger zu der Aussage kommen, dass jede Avantgarde der Gegenwart bloß „Wiederholung, Betrug oder Selbstbetrug“16 sei. An dieser Stelle sollte aber erneut die Vielfältigkeit des Werks hervorgehoben werden. Jelinek knüpft im Verlauf ihrer Textproduktion eben nicht nur an Bekanntes aus beispielsweise der Wiener Gruppe an, sie bringt auch zahlreiche Intertexte als Mittel des Pop hervor und bringt beides in einen Zusammenhang, vermischt es. Damit fokussiert sie sich nicht nur auf bereits bekannte Methoden einer Richtung, sondern lässt beide zu einer neuen Art von Roman verschmelzen. Sicher hat Enzensberger mit seiner Vermutung recht, dass vieles nur eine Kopie dessen ist, was wir bereits aus vorherigen Avantgarden kennen. Im Falle von wir sind lockvögel baby! und den damit verbundenen Techniken und Verfahren Jelineks muss davon aber Abstand genommen werden. Zwar lässt sie sich durch die Wiener Gruppe inspirieren, von einer Kopie dessen kann aber an keinem Punkt gesprochen werden. Jelineks Werk ist in seiner Form sowohl inhaltlich als auch sprachlich von Einzigartigkeit hinsichtlich seiner Gestaltung geprägt.

3. Pop-Literatur der 60/70er Jahre

Mit der Vokabel Pop-Literatur faßt [sic] man literarische Formen zusammen, die sich im Gegensatz zur Tradition an der Ästhetik der kommerziellen Jugendkultur, Medien- und Warenwelt […] orientiert [sic] und archivierend, kritisch, ironisch und/oder affirmativ auf diese bezogen bleibt [sic]. Sie adaptiert deren Vokabular (Markennamen, Musiktitel) und thematisches Repertoire (Fernsehserien, Popmusik, Prominente) und präsentiert […] inhaltlich die Alltags-, Jugend- und Gegenwartskultur seit den späten 1960er […] Jahren.17

In diesem Artikel beschreibt Baßler sehr treffend die wesentlichen Merkmale von Pop-Literatur. Auch wenn diese Form der Literatur insgesamt nicht eindeutig zu definieren ist, gibt es einige Marker an denen man Pop erkennen kann. In den Anfängen der 60er Jahre gehören die besonders die Montage und Collage zu jenen Methoden, welche angelehnt an die Postavantgarden, ein wesentliches Kennzeichen von Pop darstellen. Bei diesen Techniken wird der Text beziehungsweise die Sprache aus seinem Ursprung gelöst und neu gerahmt. Diese Form kann auch als Demontage von Sprache gesehen werden. Das experimentieren mit dem Text, in dem Collagen oder Montagen geschaffen werden, gesampelt oder gemixt wird, ist dass, was Pop-Literatur mit dem Bezugssystem Pop verbindet18. Diedrichsen betont, dass Pop immer Transformation sei und sich dadurch auszeichne, dass sich gegenwärtige Kultur und soziale Umgebung in einem dynamischen Prozess jederzeit gegenseitig beeinflusse19. Dieser Aspekt ist bei Jelinek im Roman sehr deutlich zu erkennen. Aktuelle politische, sowie gesellschaftliche Diskurse wie zum Beispiel die weitreichende Debatte um den Feminismus, aber auch Diskussionen, welche vorrangig in Österreich vertreten sind, wie das Volksbegehren gegen das österreichische Bundesheer20, dem Jelinek ihren Roman widmet, werden immer wieder aufgegriffen und innerhalb der Handlung durch Parodie beziehungsweise Ironie diskutiert. Dabei berücksichtigt werden auch immer die Interessen beziehungsweise die Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft. Das Einbinden öffentlicher Diskurse in ihren Roman ist als ein eigener dynamischer Prozess zu sehen, bei dem die Autorin die Intention verfolgt durch ihren Text bei der Leserschaft eine gewünschte Wirkung zu erzielen. Jelinek möchte zum eigenständigen Denken und Agieren anregen, ihre LeserInnen sollen sich von vorgegebenen Mustern aus Verhaltens- und Denkweise lösen, beziehungsweise diese kritisch hinterfragen. Indirekt fordert die Autorin damit dazu auf sich innerhalb seines Lebens immer wieder kritisch zu hinterfragen, damit verbunden ist eine gewisse Dynamik, welche es uns eben nicht möglich macht in alten Mustern zu verharren.

Thematisch setzt sich Pop-Literatur also mit Themen der Gegenwart auseinander. Hier finden aktuelle Diskurse aus Politik und Gesellschaft genau so einen Platz, wie auch triviale, alltägliche Themen des Privatlebens. Brinkmann propagiert die Aufnahme des Trivialen in die Literatur. Sprache und Gegenstand des Textes sollen möglichst einfach und oberflächlich gehalten werden. Sie sollen eine Momentaufnahme des Lebens beziehungsweise der Gegenwart sein21. Anders als in der historischen Avantgarde soll dabei nicht bloß das Ziel der Provokation erreicht werden, sondern sensibilisiert werden. Brinkmann meint, dass genau durch diese Gewöhnlichkeit und Bedeutungslosigkeit eine Oberfläche geschaffen wird, welche sich durch ihre Tiefe auszeichne und dadurch interessant werde22. Auch Jelinek setzt es sich als Ziel ihre Lesenden zu erreichen. Sie nutzt dafür zahlreiche Intertexte, aus den verschiedensten Referenzbereichen23, um sicherzustellen, dass jedermann einige Bezüge erkennen kann. Die Autorin fordert die direkte Identifikation der Leserschaft mit ihrem Roman und seinen Akteuren heraus. Ihr Roman soll keine eigene Welt erschaffen in welche sich der Lesende flüchten und abtauchen kann, Jelinek schafft Gebrauchsliteratur mit einem hohen Grad an Identifikation.

Geht man dabei in die Tiefe, so wird schnell deutlich, dass Pop häufig auch sozial- beziehungsweise gesellschaftskritischer Natur ist. An dieser Stelle fließen zahlreiche Intertexte in die Pop-Literatur ein. Von Zitaten aus Filmen, Werbungen und Songs, über das bloße Nennen von Markennamen und Literaturtiteln finden sich massig intertextuelle Passagen in der Pop-Literatur. Für Thomas Meinecke zeichnet gerade dieses „Zitieren, Protokollieren, Kopieren, Inventarisieren“24 die Pop-Literatur aus. Moritz Baßler schließt sich diesem an, indem er behauptet Pop sei „zuallererst eine Archivierungs- und Re-Kanonisierungsmaschine“25. Der zuerst als Underground bezeichnete Pop kommt aus den USA nach Deutschland und wird begrifflich durch den Aufsatz „Cross the border- close the gap“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Leslie A. Fiedler geprägt. Fiedler behauptet in seinem Aufsatz, welcher 1969 im amerikanischen Playboy erschien, dass das Ende der Moderne gekommen war und nun die Post-Moderne geboren werde. Fiedler meint es müsse die Kluft zwischen hoher und niederer Kultur geschlossen werden26. Um dies umzusetzen dürfe man sich nicht davor fürchten auch Trivialliteratur wie Groschenblätter zu zitieren oder thematisch auf Westernfilme, Science Fiction oder Pornographie zu verweisen27. Für Fiedler ist Pop-Literatur eng mit der Pop-Art verbunden und steht in Zusammenhang mit der Unterhaltungsliteratur, bei welcher weder zwischen Generationen, noch zwischen Klassen unterschieden werden solle28. Um seine Literatur für die LeserInnen interessant zu machen, sieht Fiedler es als Notwendigkeit, die LeserInnen auf der Ebene der Unterhaltung zu erreichen29.

Enno Stahl spricht in seinem Aufsatz in der Pop-Zeitschrift die Vielfalt des Pop an. Er meint man könne Pop in drei Kategorien teilen. In der ersten Gruppen finden sich alle Subkulturen wieder, welche vor allem gesellschaftskritisch vorgehen und sich zeitlich in den 60ern verorten lassen. Zu dieser gehören auch jene, welche aus der Beat- und Undergroundszene stammen und sich beispielsweise auf Poetry Slams mit Texten über Gewalt und Sex gegen die traditionelle Bürgerlichkeit stellen. Eine zweite Gruppe könne man innerhalb derer festmachen, welche geprägt von der historischen Avantgarde agieren. Hier lassen sich Inspirationen aus Pop-Art oder der Wiener Gruppe erkennen, Texte dieser Sparte sind laut Stahl „beeinflusste Formen der Visuellen und Experimentellen Poesie bis hin zum literarischen Aktionismus“30. Hier häufig verwendete Methoden der Montage und des Samplings erinnern an die Techniken der historischen Avantgarde und Postavantgarde. Die dritte Variante sind „unmittelbar auf Pop(-kultur oder -musik) bezogene Schreibansätze, das sind Musikjournalismus und Stilfeuilletons […], auch die Pop-Literatur der Neunziger Jahre“31.

Stahls Versuch die große Spannweite des Pop zu fassen und zu kategorisieren schafft zwar einen guten ersten Überblick, ist jedoch problematisch zu handhaben, da hier häufig Vermischungen auftreten. Welcher Variante sich der Roman Jelineks am ehesten zuordnen lässt, soll aus der folgenden Analyse ihres Romans hervorgehen.

4. Exemplarische Textanalyse von Elfriede Jelineks wir sind lockvögel baby!

Im folgenden soll Jelineks Debütroman wir sind lockvögel baby! auf Merkmale der Pop-Literatur, aber auch auf avantgardistische Marker untersucht werden. Es gilt diese zu erkennen und zu analysieren an welchen Stellen ggf. Überschneidungen auftauchen. Im folgenden sollen im Rahmen einer strukturalistischen Analyse die von Jelinek angewandten Methoden, Themenfelder und Figurenkonstellation herausgearbeitet werden. Auf Grundlage dieser Analyse sollen daran anknüpfend besonders die Aspekte der Inter- und Paratextualität betrachtet werden.

Jelineks Roman wir sind lockvögel baby! umfasst 73 Kapitel, welche sich nur schwer im Lesefluss miteinander verknüpfen lassen. Dies liegt einerseits sicher an der fortlaufenden Kleinschreibung, der fehlenden Interpunktion und weiteren Aufhebungen syntaktischer, sowie grammatikalischer und orthographischer Regeln, andererseits zu großen Teilen am Fehlen eines klar erkennbaren roten Fadens innerhalb der Handlung. Diese Verfahrensweise stellt Bezüge zur Wiener Gruppe her, welche Jelinek scheinbar sehr prägte. Auch wenn die Wiener Gruppe vom offiziellen Literaturbetrieb ausgeschlossen war, so galt sie als „Kern der Subkultur“32 und repräsentierte ihr Verständnis von Avantgarde. Die Wiener Gruppe bediente sich destruierender Mittel und löste Zusammenhänge aus ihrem Kontext, um sie dann neu zu montieren und zu inszenieren. Inspiriert wurde sie durch Strömungen des Dada und Surrealismus33. Die Wiener Gruppe ist bekannt für ihr Experimentieren

„mit Wortreihungen, Variationen nach seriellen Prinzipien (Inventionen) und Konstellationen, bei denen das Wortmaterial aus seinem syntaktischen Kontext isoliert wird“34.

Teilweise gehen Anhänger dieser Gruppe bis zur kleinsten bedeutungsunterscheidenste Einheit zurück, den Phonemen35.

[...]


1 Elfriede Jelinek, wir sind lockvögel baby!, Hamburg 20046.

2 Lea Müller-Dannhausen, Zwischen Pop und Politik. Elfriede Jelineks intertextuelle Poetik in wir sind lockvögel baby!, Berlin 2011.

3 Vgl. Ebd.

4 Vgl. Jelinek Handbuch, Pia Janke (Hrsg.), Stuttgart 2013.

5 Vgl. Leslie A. Fiedler, Überquert die Grenze, schließt den Graben!, in: Texte zur Theorie des Pop, Charis Goer et al. (Hrsg.), Stuttgart 2013, S. 76-99.

6 Vgl. RLW Bd. 1, Berlin 2007, S. 183 f.

7 Vgl. Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, Ansgar Nünning (Hrsg.), Stuttgart 2008, S. 46.

8 Vgl. RLW, S. 185.

9 Vgl. Peter Bürger, Theorie der Avantgarde, Frankfurt am Main 1974, S. 24.

10 Vgl. Ebd. S. 108.

11 Vgl. Ebd. S. 97 f.

12 Jelinek, S. 21.

13 Ebd., S. 48.

14 Ebd., S. 245.

15 Vgl. RLW, S.186.

16 Hans-Magnus Enzensberger, „Die Aporien der Avantgarde“, in: Merkur 16/5 (1962), S. 423.

17 Moritz Baßler, Art. Pop-Literatur, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 3, S. 123.

18 Vgl. Pop-Poetik, in: Popliteratur. Eine Einführung, Thomas Hecken et al. (Hrsg.), Stuttgart 2015, S. 44.

19 Vgl. Dietrich Dieterichsen, Pop — despriktiv, normativ, emphatisch, in: Pop, Technik, Poesie. Die nächste Generation. Literaturmagazin Nr. 37, Marcel Hartges et al. (Hrsg.), Hamburg 1996, S. 38f.

20 Vgl. Jelinek, S. 5.

21 Vgl. Rolf Dieter Brinkmann, Künstliches Licht. Lyrik und Prosa, Genia Schulz (Hrsg.), Stuttgart 1994, S. 38.

22 Vgl. Rolf Dieter Brinkmann, Anmerkungen zu meinem Gedicht >>Vanielle<<, in: Mammut, März-Texte 1 und 2, Jörg Schröder Herbstein (Hrsg.), Darmstadt 1969, S. 142.

23 Siehe Kapitel 4.1. Intertextualität.

24 Eckhard Schuhmacher, Gerade Eben Jetzt: Schreibweisen der Gegenwart, Berlin 2003, S. 13

25 Moritz Baßler, Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten, München 2002, S. 46.

26 Fiedler, S. 85.

27 Ebd. S. 86.

28 Vgl. Ebd., S. 83 f.

29 Vgl. Ebd.

30 http://www.pop-zeitschrift.de/2014/07/14/popliteratur-der-sechziger-jahre/#_ftn13 (aufgerufen am 03.04.2018).

31 http://www.pop-zeitschrift.de/2014/07/14/popliteratur-der-sechziger-jahre/#_ftn13 (aufgerufen am 03.04.2018).

32 Sigrid Schmid-Bortenschläger, Produktive Rezeption der Avant-Garde in Österreich, in: Peter V. Zima u. Johann Struntz (Hrsg.), Europäische Avantgarde, Frankfurt, Bern u.a. 1987, S. 132.

33 Müller-Dannhausen 2011, S. 37.

34 Vgl. Ebd.

35 Vgl. Müller-Dannhausen 2011, S. 37.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Eine exemplarische Textanalyse von Elfriede Jelineks "wir sind lockvögel baby!". Der Inbegriff avantgardistischer Pop-Literatur?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V500237
ISBN (eBook)
9783346030986
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, textanalyse, elfriede, jelineks, inbegriff, pop-literatur
Arbeit zitieren
Franziska Kiel (Autor), 2018, Eine exemplarische Textanalyse von Elfriede Jelineks "wir sind lockvögel baby!". Der Inbegriff avantgardistischer Pop-Literatur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500237

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