Im Dialog „Gorgias“ entfaltet Platon seine Gedanken über ein selbstreflektiertes philosophisches Leben in Abgrenzung zum von einzelnen Sophisten vertretenen Naturrecht. Die dort dargestellte Gesprächsrunde rückt, wie fast alle Schriften Platons, Sokrates als offensichtlichen Gesprächsleiter in den Mittelpunkt. Er versucht zunächst, seine Diskussionspartner durch gezielte Fragen und Aufdecken von Widersprüchen von seiner Meinung zu überzeugen. Dabei kommt es ihm gerade nicht auf das bloße Überzeugen an, sondern auf das gemeinsame Finden der Wahrheit. Es ist charakteristisch für den von Platon dargestellten Sokrates, daß dieser von seiner Überzeugung gerne abrücken würde, wenn sie nicht der Wahrheit entspräche. Durch den Anspruch der Wahrheitsfindung setzt sich Sokrates schon in seiner Haltung und nicht allein argumentativ von seinen Gesprächspartnern ab. Er hat es hier mit den heute als Sophisten bezeichneten Personen „Gorgias“, „Polos“ und „Kallikles“ zu tun. Deren Anliegen ist es, ganz allgemein gesagt, als professionelle Redner (Rhetoriker) die Zuhörer durch geschickte Überredungskunst zu überzeugen. Ganz nach dem Motto: Wer den anderen überzeugt, hat recht. Wahr oder wahrhaftig ist demnach der, der die besseren Argumente vortragen kann, nicht aber derjenige, der wirklich besser Bescheid weiß. Obwohl es am Beginn des Gesprächs noch vordergründig um die Redekunst und deren Ausübung geht, konzentriert sich der Text von Platon eigentlich auf die Frage der richtigen und selbstreflektierten Lebensführung im Gegensatz zur hedonistisch-egoistischen Grundhaltung. Das wird am Ende des Dialogs offen diskutiert.
Es finden sich im Gorgias-Dialog also zwei schier unversöhnliche Parteien ein, zum einen die Sophisten, die die Wahrheit der besseren Rede zuschreiben, zum anderen Sokrates, der der Frage nach einer objektiven Wahrheit nachgeht. So wird am Ende des Dialogs auch keine Einigung erzielt und keine Partei vermag die andere zu überzeugen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Personen im Platondialog „Gorgias“
2.1 Gorgias
2.2 Polos
2.3 Kallikles
2.4 Chairephon
3 Textanalyse und –interpretation
3.1 Vorspiel
3.2 Gespräch mit Gorgias
3.2.1 Was ist die Redekunst?
3.2.2 Die Redekunst ist bloße Überzeugung
3.2.3 Gorgias widerspricht sich
3.3 Gespräch mit Polos
3.3.1 Die Redekunst ist bloße Schmeichelei
3.3.2 Der Tyrann hat keine Macht
3.3.3 Unrechttun ist schlimmer als Unrechtleiden
3.3.4 Heilung der Schlechtigkeit der Seele durch gerechte Strafe
3.4 Gespräch mit Kallikles
3.4.1 Richtig zu leben erfordert Übereinstimmung mit sich selbst
3.4.2 Naturrecht contra Rechtspflege
3.4.3 Über die Schädlichkeit des Philosophierens
3.4.4 Die höchste Lust als Lebensprinzip
3.4.5 Das Angenehme soll nur um des Guten willen getan werden
4 Zusammenfassung und Schluß
5 Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Platons Dialog „Gorgias“ mit dem Ziel, das darin verhandelte Konzept eines selbstreflektierten philosophischen Lebens im Kontrast zu sophistischen Auffassungen, insbesondere des Naturrechts, herauszuarbeiten und die ethischen Kerngedanken des sokratischen Dialogs zu explizieren.
- Die historische und philosophische Einordnung der Dialogpartner Gorgias, Polos und Kallikles.
- Die kritische Auseinandersetzung mit dem Wesen und dem moralischen Nutzen der Rhetorik.
- Die Analyse der sokratischen Position, dass Unrechttun ein größeres Übel darstellt als Unrechtleiden.
- Die Untersuchung der Unterscheidung zwischen dem Angenehmen als bloßem Mittel und dem Guten als moralischem Zweck.
- Die Erörterung der Eudaimonie und der Notwendigkeit der Übereinstimmung mit dem eigenen Gewissen (Daimon).
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Der Tyrann hat keine Macht
Polos versucht dies zu widerlegen, indem er den Gedankengang des Sokrates nicht weiter mitdenkt, sondern anführt, daß der Redner durch seine Kunst doch die größte Macht im Staate innehat. Dieses wird wiederum durch Sokrates bestritten, ja sogar umgekehrt: Die Redner hätten die wenigste Macht im Staate. Der Grund liegt für ihn darin, daß Polos, wie auch er selbst, voraussetzt, daß Macht-haben etwas Gutes ist für den, der sie hat. Die Machtausübung der Tyrannen (Willkür) aber widerspricht laut Sokrates dieser Definition. Er wird im Folgenden zeigen, daß die Redner (auch Tyrannen) mit der Ausübung ihrer „Macht“ nicht nur anderen damit Unrecht zufügen, sondern sich selbst damit auch schaden, damit sich selbst also nichts Gutes tun, was der Definition von Macht-Haben, wie sie oben getroffen wurde, nicht entspricht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in Platons Dialog „Gorgias“ ein und stellt das zentrale Spannungsfeld zwischen der sophistischen Überredungskunst und Sokrates’ Suche nach objektiver Wahrheit sowie einer reflektierten Lebensführung dar.
2 Die Personen im Platondialog „Gorgias“: Das Kapitel charakterisiert die historischen Gesprächspartner Gorgias, Polos, Kallikles und Chairephon als Gegenspieler des Sokrates und verortet sie in der philosophischen Tradition der Sophistik.
3 Textanalyse und –interpretation: Dieser Hauptteil gliedert sich in das Vorspiel und die ausführlichen Diskussionsabschnitte mit Gorgias, Polos und Kallikles, in denen Sokrates deren Definitionen von Rhetorik, Macht und Lebensführung durch gezielte Fragen dekonstruiert.
4 Zusammenfassung und Schluß: Hier werden die Kernergebnisse der Untersuchung, insbesondere die Einheit von Leib und Seele und die ethische Priorität des Guten vor dem bloß Angenehmen, noch einmal zusammenfassend dargelegt.
5 Literatur: Dieses Verzeichnis listet die für die Arbeit herangezogenen Quellen, Nachschlagewerke und Gesamtdarstellungen auf.
Schlüsselwörter
Platon, Gorgias, Sokrates, Sophistik, Rhetorik, Naturrecht, Ethik, Gerechtigkeit, Unrechttun, Lebensführung, Eudaimonie, Daimon, Wahrheit, Macht, Überzeugung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die philosophische Auseinandersetzung im Platondialog „Gorgias“, wobei der Fokus auf dem sokratischen Streben nach einem selbstreflektierten, tugendhaften Leben liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die ethische Bewertung der Rhetorik, die Natur des Rechts, das Verständnis von Macht sowie die Unterscheidung zwischen dem Angenehmen und dem Guten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die vertiefende Interpretation des Dialogs „Gorgias“, um die moralischen Kerngedanken Platons in Abgrenzung zur sophistischen Sichtweise herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische und interpretative Methode, um den argumentativen Verlauf der Dialoge zwischen Sokrates und seinen Gesprächspartnern zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die aufeinanderfolgenden Gespräche mit Gorgias, Polos und Kallikles, die jeweils unterschiedliche Aspekte der moralischen und politischen Philosophie abdecken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Platon, Sokrates, Rhetorik, Ethik, Naturrecht, Eudaimonie und das moralische Axiom, dass Unrechttun schlimmer ist als Unrechtleiden.
Wie unterscheidet Sokrates im Dialog zwischen Rhetorik und Philosophie?
Sokrates bezeichnet die Rhetorik lediglich als eine Form der Schmeichelei ohne tieferes Wissen, während die Philosophie als der Weg zur wahren Selbsterkenntnis und zur Heilung der Seele gilt.
Welche Rolle spielt das „Naturrecht“ bei Kallikles?
Kallikles vertritt ein Stärkerenrecht, bei dem der Stärkere von Natur aus mehr beanspruchen darf als der Schwächere, und stellt dies als Gegensatz zum von Menschen gesetzten Recht dar.
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- Robert Ludwig (Author), 2004, Platons Gorgisa - Naturrecht contra sittlicher Selbstreflexion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50025