Die Habermas-Luhmann-Debatte. Ein Theorievergleich


Hausarbeit, 2019
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil

2.1 Theorie des kommunikativen Handelns
2.1.1 Sozialintegration vs. Systemintegration
2.1.2 Lebenswelt vs. System
2.1.3 Rationalität
2.1.4 Typen des Handelns
2.1.5 Entkopplung von System und Lebenswelt
2.1.6 Gefährdung der Lebenswelt
2.2 Theorie der sozialen Systeme
2.2.1 Soziale Systeme
2.2.2 Komplexität
2.2.3 Interpenetration
2.2.4 Problem der doppelten Kontingenz
2.2.5 Sinn
2.2.6 Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation
2.2.7 Funktionale Differenzierung
2.3 Diskussion der Theorien Habermas und Luhmanns

3. Lassen sich die Theorien Luhmanns und Habermas vereinbaren?

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1969 kam eine Debatte auf, welche die Studentenbewegung zum Kontext hatte. Es handelt sich um die Habermas-Luhmann-Debatte. Diese nahm ihren Anfang in Frankfurt, als Luhmann dort ein Seminar über die Soziologie der Liebe anbot. Die politisch engagierten Studenten waren über die „distanziert wissenschaftliche Herangehensweise“ (Füllsack 2010: 154) Luhmanns irritiert und fragten Habermas nach einer Stellungnahme. Habermas war zu der Zeit der Assistent von Adorno. Seine Publikationen wurden vermehrt innerhalb der Studentenbewegung diskutiert. Aufgrund der Studenten lud Habermas Luhmann zu einem seiner Seminare ein. Daraus entstand 1971 das Buch „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie“ (Habermas, Luhmann 1971). Was den Ausgangspunkt dieser Theoriedebatte darstellt. Der inhaltliche Ausgangspunkt der Kontroverse lag in den grundlegend verschiedenen Ansichten über das Leistungs spektrumvon Sozialwissenschaftlern. Die Unterschiede in der theoretischen Herkunft der Kontrahenten ist eine der vielen Begründungen hierfür (vgl. Füllsack 2010: 154f). Habermas Schwerpunkt liegt in der europäischen Philosophie und benutzt einen hermeneutischen Zugriff (vgl. Joas, Knöbl 2004: 351). Er orientiert sich an der Kritischen Theorie und hat unter Zuhilfenahme der Kommunikationstheorie die Subjektphilosophie1 überwunden (vgl. Füllsack 2010: 158).

Luhmann hingegen ist ein operativer Konstruktivist. Seine theoretische Herkunft lässt sich in der Organisationssoziologie ausfindig machen (vgl. Füllsack 2010: 156; Martinsen 2014: 16). Habermas Theorie behandelt Mechanismen der Handlungskoordinierung, die regelhafte und stabil vernetzte Interaktionen nach sich ziehen (vgl. Füllsack 2010: 159). Luhmann hingegen war an der Analyse von Problemen formaler Organisationen interessiert (vgl. Joas, Knöbl 2004: 365). Der systemtheoretische Ansatz zielt auf einen universalistischen Erklärungshorizont ab (vgl. Füllsack 2010: 157; Joas, Knöbl 2004: 365). Vorherige Untersuchungen der Debatte hatten die unterschiedlichen Auffassungen des Begriffs der Kommunikation zum Kern. Im Rahmen dieser Arbeit werden beide Theorien auf den Begriff des Systems bezogen. Der Systembegriff2 enthält wie der Begriff der Kommunikation Diskussionsbedarf, weshalb dieser für die vorliegende Arbeit gewählt wurde (vgl. Füllsack 2010: 166). Systeme sind eine Menge von geordneten Elementen mit Eigenschaften. Diese sind durch Relationen verknüpft. Zwischen den Elementen eines Systems sind eine Vielzahl von Relationen zu finden, die die Struktur des Systems ausmachen. Unter einem Element wird ein Bestandteil eines Systems verstanden, der in dieser Gesamtheit nicht weiter in einzelne Bestandteile aufgeteilt werden kann. Die Organisation eines Systems setzt sich aus der Struktur bzw. der Ordnung des Systems zusammen. Der Begriff Organisation ist deshalb mit dem der Struktur gleichzusetzen (vgl. Feess 2018).

ES wird sich an folgenden Fragen orientiert. Wie stellt sich der Begriff System in den Handlungstheorien von Habermas und Luhmann dar? Welche Unterschiede lassen sich in den Handlungstheorien von Luhmannund Habermas ausmachen? Welche Gemeinsamkeiten finden sich?

Zuerst wird die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas anhand der Begriffe der Sozialintegration und Systemintegration, der Lebenswelt vs. System, der Rationalität, der Typen des Handelns, der Entkopplung von System und Lebenswelt und der Gefährdung der Lebenswelt erläutert. Es wird innerhalb der Begrifflichkeiten Habermas Verständnis von Systemen behandelt. Danach wird auf die Theorie der sozialen Systeme von Niklas Luhmann eingegangen. Die Erläuterung von Luhmanns Theorie orientiert sich an den Begriffen der sozialen Systeme, der Komplexität, der Interpenetration, des Problems der doppelten Kontingenz, des Sinns und der Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation sowie der Funktionalen Differenzierung. Anschließend kommt es zu einer Diskussion der beiden Theorien. Diese werden anhand von Unterschieden und Gemeinsamkeiten sowie Ausschnitte der gegenseitig geübten Kritik anhand der aufgegriffenen Elemente ihrer Theorien behandelt. Abschließend wird eine Vereinbarkeit aufgrund der vorgestellten Aspekte in Bezug zum Systembegriff, anhand der wichtigsten Argumente der beiden Theoretiker, diskutiert. Danach wird ein Ausblick gegeben und auf anschließende Untersuchungen hingewiesen.

2. Hauptteil

2.1 Theorie des kommunikativen Handelns

In der Theorie des kommunikativen Handelns behandelt Habermas die Frage wie eine soziale Ordnung möglich ist. Seine Theorie lässt sich in vier Teilbereiche aufteilen: In die Theorie der Rationalität, die Theorie des Handelns, die Theorie sozialer Ordnung und in eine Zeitdiagnose (vgl. Joas, Knöbl 2004: 322). Seine Theorie lehnt sich an Talcott Parsons Werk der „Structure of Social Action“ (Parsons 1968) an. Innerhalb Habermas Hauptwerk wechseln sich Interpretation zu unterschiedlichen Autoren mit systematisch-theoretischen Abschnitten ab (vgl. Habermas 1981; Habermas 1995). Habermas nimmt in seiner Theorie des kommunikativen Handelns eine Verknüpfung von Funktionalismus und Hermeneutik vor, als auch von System- und Handlungstheorie (vgl. Joas, Knöbl 2004: 322). Ähnlich wie Parsons geht Habermas ausführlich auf Max Weber und Emile Durkheim ein. Im Gegensatz zu Parsons beschäftigt er sich allerdings mit George Herbert Mead, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Parsons selbst (vgl. Joas, Knöbl 2004: 323). Die Zielsetzung liegt darin die Gesellschaftstheorie zu begründen. Einerseits orientiert sich die Theorie an der rekonstruktiven Empirie und Methodologie, andererseits an der Fähigkeit Kritik an falschen sozialen Verhältnissen zu üben (vgl. Füllsack 2010: 159). Wichtig für eine umfassende Gesellschaftstheorie ist für Habermas über die Subjekt-Objekt-Beziehungen darüber hinaus Subjekt-Subjekt-Beziehungen von sozialen Wesen zu betrachten (vgl. Füllsack 2010: 160).

2.1.1 Sozialintegration vs. Systemintegration

Die beiden Grundformen gesellschaftlicher Handlungskoordinierung werden von der Sozialintegration und der Systemintegration gebildet (vgl. Habermas 1995: 458f; Habermas 1981: 213). Die Sozialintegration entsteht durch einen normativ gesicherten oder durch einen kommunikativ erzielten Konsens. Analysiert werden kann die Sozialintegration durch die normative Selbstbeschreibung der Mitglieder einer Gesellschaft (vgl. Habermas 1981: 226f). Deshalb wird die Sozialintegration der Teilnehmerperspektive der handelnden Subjekte zugeordnet (vgl. Habermas 1984: 604). Allerdings ist die Lebenswelt nur teilweise reflexiv zugänglich, da sie den selbstverständlichen Kontext des Denkens und Handelns bildet. Sie ist nicht in der selben Weise wie die systemischen Mechanismen der Handlungskoordination zu erfassen (vgl. Joas, Knöbl 2004: 338). Die Systemintegration stabilisiert Handlungszusammenhänge mit Hilfe der funktionalen Vernetzung von Handlungsfolgen. Häufig vollzieht sich die Systemintegration ohne das Bewusstsein der Akteure (vgl. Rapic 2008: 340). Daraus folgt, dass sie im Gegensatz zur Sozialintegration nur angemessen in der Außenperspektive, durch einen Beobachter erfasst werden kann (vgl. Habermas 1995: 240). Dieser Beobachter kann ein Wissenschaftler sein, der das System mittels funktionaler Analyse beobachten kann (vgl. Joas, Knöbl 2004: 338). In diesen methodischen Perspektiven sind zwei verschiedene Begriffe der Gesellschaft angelegt. Diese Begriffe handeln einerseits von der Lebenswelt und andererseits von dem System.

„Jede auf Kommunikationstheorie eingeschränkte Gesellschaftstheorie unterliegt Beschränkungen, die beachtet werden müssen. Das Konzept der Lebenswelt, das sich aus der begrifflichen Perspektive verständigungsorientierten Handelns anbietet, hat nur eine begrenzte gesellschaftstheoretische Reichweite. Ich möchte deshalb vorschlagen, Gesellschaften gleichzeitig als System und Lebenswelt zu konzipieren“ (Habermas 1981: 180).

2.1.2 Lebenswelt vs. System

Nach Habermas ist die Lebenswelt „ein geordneter Zusammenhang, an dessen Zustandekommen die Individuen insofern beteiligt sind, als sie sich auf gemeinsame Normen, ein gemeinsames Einverständnis, eine gemeinsame Kultur etc. beziehen“ (Joas, Knöbl 2004: 336). Der Begriff Lebenswelt ist handlungstheoretisch, das heißt er bezieht sich auf die Innenperspektive von Akteuren. Die Lebenswelt ist um eine Handlungssituation der Mitglieder einer Gesellschaft, in der sich die Mitglieder befinden, angeordnet (vgl. Habermas 1995: 37). „Die Lebenswelt ist gleichsam der transzendentale Ort, an dem sich Sprecher und Hörer begegnen“ (Habermas 1982: 192). In dieser Lebenswelt gibt es unterschiedliche Situationen, in denen verschiedene Handlungsmöglichkeiten zur Auswahl stehen und nur in der Innenperspektive vorherrschend sind. Die Hintergrundüberzeugungen und sozialen Praktiken sind in Traditionszusammenhänge eingebunden. Diese leiten die Auswahl und Umsetzung von Handlungsoptionen an. Eine Reproduktion der Lebenswelt kann mit einem Fortsetzen und Erneuern der Traditionen gleichgesetzt werden, wobei sich dieses zwischen der reinen Fortschreibung und eines Bruchs von Traditionen bewegt. Lebensweltstrukturen können daher nur anhand der Historie umfassend verstanden werden. In der historischen Abfolge geht Habermas von einer fortschreitenden kommunikativen Rationalisierung der Lebenswelt aus (vgl. Rapic 2008: 350f).

Der Begriff des Systems definiert sich in ihrer Struktur in Anlehnung an Parsons „factual order“3, jedoch nur solange die geordneten Muster nicht den eigenen Willen der Akteure widerspiegeln. Habermas stellt fest, dass sich das System aus der Lebenswelt ausdifferenziert hat (vgl. Habermas 1981: 230). Er hat den Begriff des Systems eingeführt, damit eine Synthese zwischen Handlungs- und Systemtheorie stattfinden kann (vgl. Joas, Knöbl 2004: 342). Ebenso wollte Habermas verhindern, dass sich auf der theoretischen Ebene keine Begriffe wie Kollektivsubjekt vor allem die von „idealistischen Über-Subjekten hegelianischer oder marxistischer Provenienz“ herausbilden (vgl. Joas, Knöbl 2004: 343). Ein System definiert sich als Ordnung aus den nicht intendierten Handlungen von vielen Akteuren (vgl. Joas, Knöbl 2004: 336). Anders als in der Lebenswelt sind Systeme nicht primär kommunikativ konstituiert (vgl. Füllsack 2010: 165). Die Handlungsfolgen stabilisieren sich durch die funktionale Vernetzung (vgl. Joas, Knöbl 2004: 336). Aufgrund der Handlungsfolgen ergibt sich nach systemintegrativen Mechanismen der Gesellschaft ein Muster, welches diese aneinander koppelt. Diese systemintegrativen Mechanismen können durch die funktionale Analyse identifiziert werden, weshalb es nach Habermas auch einen Systembegriff geben muss (vgl. Habermas 1981: 179). Die „Gesellschaft kann aus der Beobachterperspektive eines Unbeteiligten nur als ein System von Handlungen begriffen werden, wobei diesen Handlungen, je nach ihrem Beitrag zur Erhaltung des Systembestandes, ein funktionaler Stellenwert zukommt“ (Habermas 1981: 179).

Habermas führt eine weitere Unterscheidung von Lebenswelt und System an. Die systemische Handlungskoordinierung entsteht durch abstrakte Handlungen, weshalb die Akteure keine Verbindung zueinander aufweisen. Es wird über andere Mittel kommuniziert. Kennzeichen lebensweltlicher Integrationen bestehen, insofern die Akteure bei der Handlungssituation in unmittelbaren Kontakt treten und physisch präsent sind. Hierdurch weisen Handlungen die Möglichkeit auf Abstimmung auf. (vgl. Habermas 1995: 37).

2.1.3 Rationalität

Mit den beiden Begriffen Lebenswelt und System ist die kommunikative und die systemische Rationalität verknüpft. Die Rationalität einer Lautäußerung wird anhand der Fähigkeit zur Begründung und der Kritisierbarkeit gemessen. Das Ziel von einer kommunikativen Rationalisierung der Lebenswelt besteht in der Konsensbildung, welche sich letztendlich auf das bessere Argument stützt (vgl. Rapic 2008: 340f). „Vor dem Hintergrund einer Lebenswelt [stützt sich] die Erzielung, Erhaltung und Erneuerung [eines] Konsens […] auf der intersubjektiven Anerkennung kritisierbarer Geltungsansprüche“ (Habermas 1995:37). „Die »Stärke« eines Arguments bemiβt sich, in einem gegebenen Kontext, an der Triftigkeit der Gründe; diese zeigt sich […] daran, ob ein Argument die Teilnehmer eines Diskurses überzeugen, [das heißt] zur Annahme des jeweiligen Geltungsanspruchs motivieren kann“ (Habermas 1995: 38). Systemische Integrationsmechanismen weisen eine spezifische Rationalität auf (vgl. Rapic 2008: 341). Rationalität wird lediglich im übertragenen Sinne behandelt. Denn die Verhaltensreaktionen können nur als „Quasihandlungen“ (Habermas 1995: 31) verstanden werden. Handlungen können nur als Quasihandlungen aufgefasst werden, insofern die Handlungsfähigkeit eines Subjektes sichtbar wird (vgl. Habermas 1995: 31). Habermas Verständnis von Rationalität schließt ein ausgewogenes Verhältnis von geeigneten Mitteln zu Realisierung von gegebenen Zwecken ein (vgl. Joas, Knöbl 2004: 324). Bei der kommunikativen Rationalität erhebt Habermas Geltungsansprüche (vgl. Habermas 1995: 38). Geltungsansprüche sollte jeder befolgen, wenn an einem Verständigungsprozess teilgenommen wird, wodurch Konsens entsteht (vgl. Rapic 2008: 345f ) . Geltungsansprüche sind: „Verständlichkeit, Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Richtigkeit“ (Rapic 2008: 345; Habermas 1984: 598).

In Habermas Theorie gibt es drei Arten von Sprechakten. Es kann zwischen den konstativen (Behauptungen), expressiven (Erlebnissätzen) und regulativen (Bitten bzw. Befehlen und Absichtssätzen mit einer normativen Dimension) unterschieden werden (vgl. Habermas 1984: 599). Weiterhin können vier Kommunikationsstörungen ausgemacht werden, die durch Einwände zum Ausdruck kommen oder sich in Rückfragen äußern. Zum einen kann gefragt werden, ob sich der Sprecher klarer ausdrücken kann. In diesem Bezug kann dem Sprecher vorgehalten werden, dass seine Annahmen falsch sind oder Gefühle und Willensregungen falsch gedeutet wurden. Zum anderen kann der Hörer dem Sprecher Unaufrichtigkeit vorwerfen und Kritik an Mitteilungen üben, die unangebracht sind, verletzend und peinlich (vgl. Rapic 2008: 345f). Wenn diese Einwände oder Rückfragen in einem Sprechakt vorkommen, enthält dies Rückschlüsse auf den Konsens über die eben aufgezeigten Geltungsansprüche. Habermas definiert den Begriff des kommunikativen Handelns dahingehend, dass im Zweifelsfall die Geltungsansprüche geltend gemacht werden und sich der Sprecher für die Geltung des Gesagten rechtfertigen muss (vgl. Habermas 1995: 34; Rapic 2008: 346).

2.1.4 Typen des Handelns

Habermas Handlungstheorie schließt direkt an die Rationalitätskonzeption an, da er diese aus der Theorie der Rationalität entwickelt hat (vgl. Joas, Knöbl 2004: 329). Unterschieden werden drei Handlungstypen: das instrumentelle Handeln, das normenregulierte Handeln und das dramaturgische Handeln (vgl. Habermas 1984: 580, 585; Joas, Knöbl 2004: 329f). Das instrumentelle Handeln bezieht sich auf die „Manipulation der äußeren Welt“ (Joas, Knöbl 2004: 330), das normenregulierte Handeln auf die „Angemessenheit sozialer Beziehungen“ (Joas, Knöbl 2004: 330), wo Verhaltenserwartungen einer Gruppe befolgt werden. Bei dem dramaturgischen Handeln ist das „Problem der Selbstrepräsentation zentral“ (Joas, Knöbl 2004: 330). Die Handlungstypologie Habermas baut auf der Unterscheidung von rationalem und kommunikativen Handeln auf, wobei das rationale Handeln nochmals in das instrumentelle und strategische Handeln differenziert wird (vgl. Joas, Knöbl 2004: 330).

Der Begriff der Lebenswelt ist gemäß Habermas der Komplementärbegriff zum kommunikativen Handeln, während sich das Handeln in Systemen vor allem im strategischen und instrumentellen Handeln wieder findet. (vgl. Habermas 1981: 182; Joas, Knöbl 2004: 339).

Das instrumentelle Handeln ist auf materielle Objekte ausgerichtet und es wählt geeignete Mittel zum Zweck der „Verfügbarmachung der Natur“ (Joas, Knöbl 2004: 330), die die Manipulation von Dingen zum Ziel hat. Dementsprechend kann es nach Einschätzung von Habermas mit dem Systembegriff erfasst werden (vgl. Füllsack 2010: 161). Im Gegensatz dazu ist das strategische Handeln nicht auf materielle Objekte ausgerichtet. Es ist auf andere Subjekte bezogen, indem das Zweck-Mittel-Schema Anwendung findet. Dabei wählen miteinander verbundene Akteure individuell geeignete Handlungsoptionen und verwenden sich gegenseitig als Mittel zur Zielerreichung der jeweiligen Zwecke (vgl. Joas, Knöbl 2004: 330).

Hingegen im kommunikativen Handeln herrscht keine Erfolgsorientierung (vgl. Habermas 1984: 602). Ausgangslage, des kommunikativen Handelns ist, dass der Akteur in seiner Lebenswelt andere handelnde Akteure vorfindet, auf welche sich bezogen wird (vgl. Joas, Knöbl 2004: 331). Die miteinander agierenden Personen wollen innerhalb des kommunikativen Handelns eine wirkliche Verständigung herbeiführen (vgl. Habermas 1984: 595f). Die Selbstverständlichkeiten werden innerhalb des kommunikativen Handelns zum Thema gemacht. Es wird über Geltungsansprüche diskutiert. In diesem Bezug besteht der Versuch einen gemeinsamen Konsens herzustellen vgl. Joas, Knöbl 2004: 331). Die Geltungsansprüche werden dabei durch die illokutionären Sprechaktfunktionen4 festgelegt. Sie bestimmen die Verständigung innerhalb der Kommunikation (vgl. Füllsack 2010: 162). Das kommunikative Handeln ist jedoch nicht auf ein gesetztes Ziel ausgerichtet (vgl. Joas, Knöbl 2004: 331). Dementsprechend wird weder die Umsetzung der Zwecke, zu deren Erreichung bestimmte Mittel notwendig sind, noch das Ziel der Befolgung von verbindlich geltenden Normen fokussiert. Wenn eine Verständigung angestrebt wird, muss der Sprecher dem Kommunikationspartner unterstellen, dass die für die Kommunikation verwendeten Begriffe und Zeichen die gleiche Bedeutung für beide Seiten haben (vgl. Füllsack 2010: 163). Dieser Idealzustand muss jeder Kommunikation unterstellt werden, wenn eine Verständigung stattfinden soll. Deshalb beinhaltet jede Kommunikation eine Spannung zwischen Faktizität und Geltungsansprüchen. Die Vernunft in der Kommunikation ist für Habermas nur in der Lebenswelt auszumachen, die in vorausgegangenen Generationen erzeugt wurde (vgl. Füllsack 2010: 164f).

[...]


1 Subjektivismus „bezeichnet eine Form des Relativismus. Allgemein ist unter Subjektivismus die Auffassung zu verstehen, dass Bedeutung und Wahrheit auf die sinn- und geltungsbildenden Leistungen des Subjekts bezogen sind“ (Metzler Lexikon Philosophie 2008)

2 Allgemein definiert ist ein System als eine „endliche Gesamtheit einer Menge von miteinander verbundenen Elementen, die einen bestimmten Zweck erfüllt. Die Ordnung der Gesamtheit der Beziehungen zwischen den Elementen eines S. ist seine Struktur. Aufgrund des universalen Zusammenhangs der realen Welt ist der Begriff des S. stets relativ. Jedes S. läßt sich in irgendeinem Zusammenhang als Element eines anderen S. einordnen“ (Adler 1978: 652f).

3 „Parsons argues that the factual order that is sometimes found in societies is, in part, a product of normative regulation“ (Gould 1991: 97). „Thus a social order is always a factual order in so far as it is susceptible of scientific analysis but, as will be later maintained, it is one which cannot have stability without the effective functioning of certain normative elements“ (Parsons 1968: 92).

4 „Der illokutionäre Akt ist jene Handlung, mit der vom Sprecher ein Behaupten, Erfragen, Befehlen, Versprechen usw. ausgeführt wird“ (Dölling 2012: 7).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Habermas-Luhmann-Debatte. Ein Theorievergleich
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V500417
ISBN (eBook)
9783346030962
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Habermas, Luhmann, Theorievergleich, Theorie des kommunikativen Handelns, Theorie sozialer Systeme, System, Handlungstheorie
Arbeit zitieren
Franziska Linne (Autor), 2019, Die Habermas-Luhmann-Debatte. Ein Theorievergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500417

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