Die Ästhetik von Parkour. Zur medial vermittelten Wahrnehmung einer Trendsportart am Fallbeispiel Jason Paul


Hausarbeit, 2019
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische Entwicklung
2.1 Ursprung von Parkour
2.2 Verbreitung über das Internet

3 Theoretische Grundlagen
3.1 Ästhetik des Sports nach Seel
3.2 Ästhetik des Sports nach Gumbrecht

4 Fallbeispiel Jason Paul
4.1 Biographie
4.2 Medienplattformen und Reichweite
4.3 Ästhetisierung im Bewegtbild

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Medienverzeichnis

1. Einleitung

Am Check-in-Schalter des Münchner Flughafens startet der Wettlauf gegen die Zeit. Der junge Mann trägt Jogginghose, Kapuzenjacke, Red-Bull-Kappe und gibt alles, um trotz verspäteter Anreise seinen Flug noch zu erwischen. Gepäckwagen als Skateboard und Rückwärtssalti am Gate: Mit waghalsiger Akrobatik rennt er den Sicherheitsbeamten davon. Der Parkourlauf endet nach knapp vier Minuten mit dem spektakulären Sprung – von der Fluggastbrücke in den (falschen) Flieger.

Mehr als 110 Millionen Mal haben Zuschauer das Video Last call for Mr. Paul (Letzter Aufruf für Herrn Paul) seit der Veröffentlichung auf dem Videoportal YouTube aufgerufen (2016). Zu sehen ist Parkour-Star Jason Paul, der von seinem Werbepartner Red Bull in Szene gesetzt wurde. Jeden Tag veröffentlicht Paul eigene Videos im Internet, die weltweit hunderttausendfach angeklickt werden. Seine sportlichen Erfolge, vielmehr noch die schiere Zahl regelmäßiger Rezipienten seiner Videos aus der ganzen Welt machen den Frankfurter zum erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Parkour-Sportler. Dabei taucht sein Name allenfalls sporadisch in überregionalen Zeitungen, im Hörfunk oder im Fernsehen auf. Was fasziniert derart viele Zuschauer daran, täglich seine Internetvideos anzusehen? Um einer Antwort auf diese Ausgangsfrage näherzukommen, sollen Theorien zum ästhetischen Erleben des Sports betrachtet werden. Es wird diskutiert, inwiefern die klassischen Theorien zur allgemeinen Ästhetik des Sports auch auf die besondere Ästhetik des Parkours zutreffen und worin diese liegt. Wir nähern uns der Faszination des Sportfans mit Hilfe zweier viel beachteter sportphilosophischer Texte: Die Zelebration des Unvermögens von Martin Seel (1993) und Lob des Sports von Hans Ulrich Gumbrecht (2005). Die Ausführungen werden skizziert und mit der medial vermittelten Ästhetik ausgewählter Videos von Jason Paul abgeglichen. Zum Einstieg wird ein Einblick in die Entstehung der Sportart Parkour und dessen Erfinder David Belle gegeben. Anschließend soll die Verbreitung – analog zum Aufkommen von Videoplattformen im Internet – etwa mittels Schwiers Ausführungen zu Trendsportarten (2003) verdeutlicht werden.

In der Literatur finden sich zur Faszination und Ästhetik modernen Sports diverse Publikationen. Neben Gumbrecht und Seel vertreten Volker Schürmann in Grundlagen der Sportphilosophie (2018) oder Gunter Gebauer in Ästhetische Erfahrung der Praxis: Das Mimetische im Sport (1995) eigene Thesen. Forschungslücken allerdings weist das Feld des ästhetischen Erlebens von Sport auf, der durch das Internet und von Sportakteuren selbst verbreitet wird. Dabei bedarf es im Hinblick auf die neue Allgegenwärtigkeit des Sports in Distributionsmedien im Internet weiterer Antworten, etwa darauf, wie Ästhetik durch das Medium vermittelt wird und was das für das ästhetische Erleben des Zuschauers bedeutet. Anspruch dieser Arbeit ist es, die Zeitgemäßheit der Theorien zur Sportästhetik am Beispiel Parkour1 zu überprüfen und die im Internetvideo vermittelte Wahrnehmung darzulegen.

2. Historische Entwicklung

Betrachtet man die medial vermittelte Ästhetik von Parkour, so gilt es zunächst, die Entstehungsgeschichte dieser jungen Sportart zu beleuchten, die ursprüngliche Philo- sophie der Bewegungskunst zu erklären und die globale Verbreitung aufzuzeigen.

2.1 Ursprung von Parkour

Die Wurzeln der Sportart Le Parkour liegen in einem Vorort von Paris. Untrennbar ist die Entstehung gegen Ende der Achtziger Jahre mit der französischen Familie Belle verbunden. David Belle wurde am 29. April 1973 in Fécamp in der Normandie geboren. Er wuchs bei seinem Großvater mütterlicherseits auf, weil seine Eltern getrennt lebten (vgl. Belle, 2009: 31f.). In seiner Jugend faszinierten ihn Sportarten mit rasanten Bewegungen wie Leichtathletik, Turnen oder Martial Arts. Maßgeblich beeinflusst wurde er jedoch von den Erzählungen seines Vaters Raymond, der in der französischen Militärfeuerwehr beschäftigt war: Raymond Belle weihte seinen Sohn David in die Trainingsmethoden der Méthode Naturelle nach Georges Hébert und die des Hindernistrainings namens Parcours ein, die er sich in seiner Militärzeit eigens angeeignet hatte, um „der beste Kämpfer von allen“ (Ebd.: 24) zu werden. Im Alter von 15 Jahren verließ David Belle 1988 ohne Abschluss die Schule. Nach der Militärzeit folgte er seinem Abenteuerdrang: Belle ging für drei Monate nach Indien, um das Bewegungsverhalten von Affen zu studieren, Kung Fu zu lernen und die Philosophie einer Bewegungskunst zu entwickeln.

Das Ziel der als Traceur2 bezeichneten Parkoursportler ist nach Belle die möglichst effiziente, schnelle und flüssige Überwindung von Hindernissen auf dem Weg von Startpunkt A zu Endpunkt B. Durch das Ausüben soll der Traceur physisch und mental stärker werden (vgl. Belle, 2009: 76f.). Vor allem im urbanen Raum ausgeübt, überwinden sie Mauern, Treppen oder Geländer, stets auf der Suche nach der perfekten Linie und allein mit dem eigenen Körper als Hilfsmittel (Ebd.: 76f.):

„L’art est fait pour être beau, pour distraire. Le Parkour lui est un sport extrême, une discipline qui doit apporter quelque chose, être salutaire. Ce n’est pas fait pour être beau mais pour être efficace. La priorité, c’est suivre les trois régles du Parkour: faire, faire bien, faire vite et bien.”3

David Belle zog nach seinem Aufenthalt in Indien in den Pariser Vorort Lisses und übertrug die erlernten Techniken auf den urbanen Raum (vgl. ebd.: 63). Aus einer losen Trainingsgruppe formierten sich hier 1997 die Yamakasi. Gründungsmitglieder waren neben Belle Charles Perrière, Yann Hnautra, Willam Belle, Châu Belle-Dinh, Malik Diouf, Guylain N'Guba-Boyeke, Rudy Duong, Laurent Piemontesi und Sébastien Foucan, der das verwandte Freerunning entwickelte (vgl. Belle/Perrière, 2014: 42). Belle feilte weiter am Parkour. So geht auch die abgewandelte Schreibweise vom militärischen Parcours auf ihn und seinen Freund, den französischen Schauspieler Hubert Koundé, zurück. Sie tauschten das ,c‘ durch ein ,k‘, was Aggressivität und Zielstrebigkeit vermitteln sollte. Das stille ,S‘ kürzten sie weg, in Anlehnung an den Effizienzgedanken der Sportart (vgl. ebd.: 10). Und sie ergänzten Le Parkour – L’ Art du Deplacement (Die Kunst der Fortbewegung). Wie folgt beschreiben Belle/Perrière (Ebd.: 69) die Idee der Sportart: „Ne tentez jamais une performance pour [...] épater vos proches. Ce n’est pas l‘ésprit du Parkour.“4

Die Bekanntschaft mit Schauspieler Koundé veränderte den Sport und auch Belles Leben. Nachdem 2001 der Film Yamakasi – Die Samurai der Moderne erschienen war, gelang 2002 Belles persönlicher Karrieresprung: Er spielte in Femme Fatale seine erste Schauspielrolle. 2004 war er in Banlieue 13 zu sehen. Als Schauspieler bestritt er alsbald seinen Lebensunterhalt. Sein bis heute letztes Video hat er 2012 auf YouTube veröffentlicht. 2005 gründete Belle die Parkour Worldwide Association (PAWA) mit. Ab 2014 hatte er sich mit dem Weltturnverband (FIG) um die Aufnahme von Parkour in den Kanon olympischer Sportarten bemüht (vgl. Balleer, 2017). Der Versuch misslang. Seit 2018 ist Belle in der Öffentlichkeit nicht mehr präsent.

1.2 Verbreitung über das Internet

Gegen Ende der Neunziger Jahre überwand Parkour die Stadtgrenzen von Lisses und wurde fortan einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Für Belle (2009: 78f.) hängt der Startpunkt dieser Entwicklung mit einem Massenmedium zusammen:

„Tout est parti de l’initiative de mon frère Jean-Francois d’amener une vidéo de nos entrainements à l’émission de télévision Stade 2 [...]. Mon frère nous a demandé des images pour faire parler de notre sports. J’ai accepté parce que je voulais faire connaître cette discipline, montrer le bon était d’ésprit […].”5

David Belle und andere Traceure weltweit begannen, eigene Videos zu produzieren und diese im Internet zu veröffentlichen. Ein klassisches Phänomen der Verbreitung moderner Sportarten: Die alternative Szene nutzt alternative Kanäle zum Austausch (vgl. Schwier, 2003: 204f.). In den 1980er und 1990er Jahren war das etwa in der Surf- und Skateboardszene zu beobachten, die über eigene Fanzines und andere unabhängige Medien Inhalte veröffentlichten. Diese Medienöffentlichkeit „von unten“ (Ebd.) prägt auch die Entwicklung von Parkour.

In Verbindung von Bild und Ton ist Parkour in den vergangenen Jahren sporadisch medial präsent gewesen. So sind Traceure im Musikvideo Jump von Madonna (2005), im Hollywood-Film James Bond - Casino Royale (2006) oder in der TV-Show Ninja Warrior (2016)6 zu sehen. Eine tiefergehende Analyse führte an dieser Stelle zu weit. Betrachtet werden soll die Nutzung von Internetkanälen, die Traceuren eine kontinuierliche Präsenz gewährleisten. Videoportale wie YouTube (2005), Clipfish (2006) oder MyVideo (2006) kamen auf. Mit den Social-Media-Plattformen erreichten Interaktionsmöglichkeiten vor allem auf Facebook (2004), Twitter (2006), Instagram (2010), Snapchat (2011) oder TikTok (2016) eine neue Stufe. Die Dimension der Verbreitung des Parkoursports ist schwer zu beziffern. Analog zum Selbstversuch von Wolfsgruber (2007: 177), der bei einer Suchanfrage mittels der Suchmaschine Google unter dem Stichwort Parkour rund 6,1 Millionen Treffer erzielte, ergab eine Suche der Autorin dieser Arbeit am 4. August 2019 rund 42,5 Millionen Treffer. Es existieren jedoch keine belastbaren Zahlen, wie viele Traceure es weltweit gibt. In Deutschland treten neben dem Deutschen Trendsportbund (DTsB) und dem Deutschen Turnerbund (DTB) mehrere einzelne Vereinigungen für den Sport ein. Eine der größten ist ParkourONE, die in sechs deutschen Städten sowie in der Schweiz aktiv ist – und sich über das Internet organisiert. Medien gelten als bevorzugte Freizeitbeschäftigung junger Menschen (vgl. Schwier 2008, 11ff.). Mit Blick auf die Entwicklung von Parkour und die Klickzahlen der Videos von Jason Paul, auf die in Kapitel vier eingegangen wird, scheint die Popularität einer Sportart nicht mehr länger von der Aufmerksamkeit klassischer Massenmedien abhängig zu sein. Paul erklärte es im Interview jüngst anschaulich (Stöckl, 2016):

„Ich bin in der Social-Media-Welt zu Hause. Klassische Medien nehmen weniger Notiz von mir und haben eine deutlich geringere Reichweite. Ohne Facebook, Instagram, YouTube oder den Red-Bull-Kanal würde mein Leben heute anders aussehen.“

Was Paul hier nicht nennt, sind Gründe für die Beliebtheit der Videos. Worin liegt die Faszination? Und worin die Ästhetik von Parkour?

[...]


1 Parkour und Freerunning sind zwei leicht verschiedene Disziplinen, jedoch nicht trennscharf, wie Jason Paul im Interview erklärte (vgl. Stöckl, 2016). Bei Red Bull ist er unter beiden Disziplinen gelistet. Daher werden Parkour und Freerunning in dieser Arbeit synonym verwendet.

2 Der Begriff Traceur leitet sich von dem französischen Verb tracer ab, was entwerfen, vorzeichnen und skizzieren bedeuten kann. In diesem Sinne zeichnet bzw. entwirft der Traceur eigene Wege.

3 „Die Kunst soll schön sein, sie soll ablenken. Parkour dagegen ist eine Extremsportart, eine Disziplin, die etwas transportieren muss, gesund sein soll. Es soll nicht schön sein, sondern effektiv. Priorität hat es, die drei Regeln von Parkour zu befolgen: mach es, mach es gut, mach es schnell und gut. (eigene Übersetzung)

4 „Versuche nie eine Bewegung auszuführen, nur um jemand anderen zu beeindrucken. Das entspricht nicht dem Geist von Parkour.“ (eigene Übersetzung)

5 „Alles begann damit, dass mein Bruder Jean-Francois ein Trainingsvideo unserer Gruppe an den französischen Fernsehsender Stade 2 gab. Mein Bruder fragte uns nach Bildern, damit über unseren Sport gesprochen wird. Ich akzeptierte, weil ich meine Disziplin bekanntmachen, ihren schönen Geist zeigen wollte.“ (eig. Übersetzung)

6 Ninja Warrior ist eine aus Japan stammende TV-Show, bei der Teilnehmer gegeneinander und auf Zeit einen Parkour bewältigen müssen. Erstmals 1997 im japanischen Fernsehen gezeigt, gibt es die Adaption im deutschen Fernsehen seit 2016 auf dem Privatfernsehsender RTL zu sehen.

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Details

Titel
Die Ästhetik von Parkour. Zur medial vermittelten Wahrnehmung einer Trendsportart am Fallbeispiel Jason Paul
Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V500614
ISBN (eBook)
9783346035042
ISBN (Buch)
9783346035059
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parkour, Trendsport, Ästhetik, Sport, Jason Paul, Instagram, Freerunning
Arbeit zitieren
Jessica Balleer (Autor), 2019, Die Ästhetik von Parkour. Zur medial vermittelten Wahrnehmung einer Trendsportart am Fallbeispiel Jason Paul, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500614

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