Verbstellungen im gesprochenen Deutsch und im Westmittelbairischen. Eine überregionale sprachliche Betrachtung zu "weil"- und "dass"-Sätzen

Eine empirische Untersuchung


Masterarbeit, 2019

90 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsüberblick und Gegenstandsbestimmung
2.1 V2- und VL-Wortstellung nach weil
2.2 V2- und VL-Wortstellung nach dass
2.3 V2-Wortstellung als sprachgeschichtliche Kohärenz

3 Substitution der VL-Wortstellung durch die V2-Wortstellung
3.1 Formale Unterscheidungen zwischen weil- und dass-Sätzen
3.2 Probleme bei der V2- und VL-Wortstellung

4 Die empirische Untersuchung zu den Verbwortstellungen nach weil und dass im gesprochenen Deutsch und im Westmittelbairischen...
4.1 Grundlagen der Untersuchung
4.1.1 Hypothesenformulierung
4.1.2 Erläuterung des Befragungsmaterials
4.1.3 Versuchsdurchführung und Erhebungsmethode
4.2 Auswertung des Datenmaterials
4.2.1 Ergebnisse vom Westmittelbairischen
4.2.2 Ergebnisse vom gesprochenen Deutsch
4.3 Zusammenfassende Interpretation der Ergebnisse

5 Schlussbemerkung

6 Literaturverzeichnis
6.1 Wörterbücher, Lexika und Nachschlagewerke
6.2 Internet-Quellen und Primärliteratur
6.3 Sekundärliteratur

Anhang

- 1 Arbeitsbogen für die empirische Untersuchung

- 2 Das Ablegen zu den Berufen der Probandinnen und Probanden

- 3 Korpus-Daten der Ergebnisse zur Untersuchung: Jüngere Gruppe

- 4 Korpus-Daten der Ergebnisse zur Untersuchung: Ältere Gruppe

1 Einleitung

Bairisch[1] gehört zum oberdeutschen Sprachgebiet und ist mit seinen verschieden Dialek­ten[2], die sich vom Norden des Freistaats Bayern über Österreich bis nach Südtirol erstre­cken, der größte deutsche Dialektverbund[3] (vgl. Wiesinger 1983: 831). Die Dialekte sind sprachliche „Varietäten“ mit regionaler Reichweite und werden lediglich in mündlicher Kommunikation angewendet, wenn man von Sonderfällen wie z.B. der Mundartdichtung oder Werbeanzeigen mit dialektaler Färbung absieht, und das gilt auch für das Bairische. Man tut ihm kein Unrecht, wenn man es als einen deutschen Dialekt unter vielen betrach­tet (vgl. Schmid 2012: 18). Als ein in Bayern lebender Studierender kann man deshalb im Rahmen einer bairischen Forschung sinnieren, in welchem Verhältnis Bairisch und Stan­darddeutsch zueinanderstehen. Weitergehend wird verglichen und erklärt, ob die deut­sche syntaktische Form[4] dem bairischen entspricht (Kap.2), danach wird die Substitution der VL-Stellung durch die V2-Stellung eingeführt und argumentiert, wie sich z.B. welche formalen Unterscheidungen es zwischen Bairisch und Deutsch im gesprochenen Sprach- phänomen[5] gibt und welche Probleme zur V2- und VL-Stellung dies ergab, bevor meine

Untersuchung erläutert wird (Kap.3). Bezüglich dieser thematischen Fragen werden es die Antworten in der vorliegenden empirischen Untersuchung weiter belegen (Kap.4). Zehetner (1997: 08) ist der Ansicht, dass ein solcher Gegensatz dilettantisch konstruiert und sachlich unhaltbar ist, deshalb ist Bairisch Deutsch. Im Deutschen verweist „Dia­lekt“ nach Ansicht der meisten Sprachwissenschaftler auf rein räumlich definierte Sprachformen. Dialektologen mögen beispielsweise feststellen, dass in Schleswig-Hol­stein, in der Schweiz, im Elsass und in Bayern normalerweise „Dialekt“ gesprochen wird, und stoßen damit bei vielen Sprachträgern auf Zustimmung (Barbour& Stevenson 1998: 61). Unterschieden werden hierbei die Sprachebenen Dialekt oder Hochsprache,[6] diese werden nach linguistischen und soziologischen Kriterien voneinander unterscheiden, das heißt sprachgeschichtliche Entwicklung, Sprachbenutzer, situative Verwendung, kom­munikative und geographische Reichweite (vgl. Zehetner 1997: 08). Beide Ausprägungen der Sprache sind Erscheinungsformen des heutigen Deutschen. Selbst der bäuerliche Ba­sisdialekt einer abgelegenen Talschaft im bayerischen Wald ist integraler Bestandteil der deutschen Sprache (ebd.).

Die besondere Varietät der deutschen Sprache im bairischen Sprachraum stellt den in­haltlichen Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit dar. Dabei zielt diese Masterarbeit ins­besondere auf die syntaktischen Facetten des Westmittelbairischen[7] ab, vor allem werden die V2- und VL-Wortabfolge als die syntaktische Forschungskerne angeführt.

„De Gefahr hod scho bestanden, weil d'Rapunzel hod extrem guat ausgeschaut, de hätt jeden Modelwettbewerb im Renna gwunga!“ „Irgendwann hamms gspannt, daß guat harmoniern alle zwoa [...]“ Diese gesprochenen bairischen Sätze[8] fanden sich im weit verbreiteten deutschen Märchen von Grimm[9], Rapunzel (Lauerer 2018: 46-47). Bei den Sätzen kann man beobachten, ob die bairische formale verbale Wortstellung nach Sub- junktionen auch mit der gesprochenen Deutschen übereinstimmt oder sich eine andere

Konstellation findet. In der Arbeit wird sich mit Fragestellungen zu „gesprochenem Deutsch“ und „Westmittelbairisch“ beschäftigt und erarbeitet, ob es sich bei den weil- und dass-Sätzen um eine Parataxe[10] oder eine Hypotaxe[11] handelt und ob sich die eine oder die andere Hypothese belegen lässt. Das finite Verb tritt in den erwähnten bairischen Satzbauten an zweiter Stelle auf, was leicht zu erkennen ist, jedoch gestaltet sich die Fin­dung des theoretischen Problems schwierig. Es stellt sich die Frage, warum diese Sätze eine V2-Wortabfolge haben und inwiefern sie sich unterscheiden[12], da die grammatikali­sche Stelle des Finitums anscheinend weder Einfluss auf die Semantik noch auf die prag­matische Auslegung hat. Die Konstruktionen werden anschließend beschrieben und die auftretenden Probleme werden weiter analysiert.

Das Arbeitsvorgehen wird basierend auf verschiedene Forschungsliteratur über die V2- und VL-Wortabfolge nach zwei Subjunktionen weil und dass gegeben, dazu werden die Definition des Westmittelbairischen und auch des gesprochenen Deutsch näher beleuch­tet, danach wird die V2-Wortabfolge gemäß der Begriffsklärung bei der sprachgeschicht- lichen Kontinuität betrachtet (Kap.2). Weiter folgt die Substitution der VL-Wortabfolge durch die V2-Wortabfolge zu weil- und dass-Konstruktion und die thematischen Prob­leme werden dazu simultan erörtert (Kap.3). Eine der elementarsten Fragen, die in dieser Arbeit dargestellt wird, ist die Inspizierung der Eigenschaften des Sprechers, vor allem Alter, Geschlecht und Bildungsstand, bei der Formulierung[13] und die Wahrnehmung des Hörenden solcher Sätze: weil- und dass-Konstruktionen in der V2- und VL-Wortabfolge (Kap.4). Mithilfe der Auswertung unter Einbeziehen zahlreicher Beispiele von gespro­chenem Deutsch und den aus der empirischen Untersuchung resultierenden bairischen Korpus-Daten soll ein Einblick in das Sprachphänomen im syntaktischen Bereich V2- und VL-Wortabfolge nach den Subjunktionen weil und dass im Westmittelbairischen ver­mittelt werden. Dabei steht insbesondere Ober- und Niederbayern im Vordergrund, vor allem drei Regionen: München, Pfaffenhoffen sowie Landshut. Die Region Österreich wird im Rahmen der Erstellung der Arbeit nicht berücksichtigt. Zum Schluss werden die Ergebnisse interpretiert, eingetroffenen Ergebnisse erläutert und in Hinblick auf die künf­tige Forschung kommentiert. Die Befragung fließt in die vorliegende Arbeit ein und er­möglicht eine ausführlich beschriebene Problematisierung des Sprachphänomens.

Mit der vorliegenden Arbeit wird weder eine vollumfassende Betrachtung der Thematik behauptet, da das syntaktische Thema sehr facettenreich ist, noch angemaßt den allge­meinen Forschungsstand zu perfektionieren. Dennoch wird versucht, nach Möglichkeit Ansätze und Hypothesen, kritisch zu betrachten und eine eigene Stellungnahme zu die­sem Forschungsbereich zu erbringen.

2 Forschungsüberblick und Gegenstandsbestimmung

„Und wenn's a manchem so schwer foid, daß er alles versteht, gfreid er sich doch, weil's ihm guad gfoid, obwohl's oft klingt ois wär's verdreht. I bin a bayrisches Cowgirl und i brauch net vui Geld mit am ganz kloana Schnauferl fahr i rum in der Welt.“[14], sang die bayerische Sängerin Nicki 1986. Das Lied war damals ein großer Hit in der Deutschen Hitparade und war nicht nur in Bayern, sondern über die Grenzen hinaus auch in ganz Deutschland erfolgreich. Hierbei ist gut ersichtlich, dass die finiten Verben in den bairi­schen Liedsätzen, „daß er alles versteht“ und „weil's ihm guad gfoid“, an letzter Stelle auftritt. Im Gegensatz dazu liegen die finiten Verben bei den zwei Sätzen übers Märchen „Rapunzel“, „weil d'Rapunzel hod extrem guat ausgeschaut“ und „daß guat harmoni- ern alle zwoa“, auf der zweiten Stelle. Gemäß dem Sprachphänomen im Westmittelbai­rischen wird deshalb nachgewiesen, dass die Konjunktion weil im Hochdeutschen nur Nebensätze einleitet, ist also eine unterordnende, eine subordinierende Konjunktion. Weil-Sätze, die als V2-Stellung auftreten, sind eine der gesprochenen Besonderheiten, die in aktuellen Betrachtungen der Sprache viel Interesse geweckt haben (vgl. Schwitalla 2012: 142). Weil mit V2-Stellung kann eine eigene Äußerungseinheit bilden, Grenzton, Pause nach weil, während subordinierendes weil in den Nebensatz integriert ist. Darüber werden die unterschiedliche Meinungen und Beispielerklärungen in Kapitel 2.1 erläutert. Eine weitere bedeutende und oft bevorzugte Konjunktion im Westmittelbairischen ist dass, die genauso wie im Hochdeutschen verwendet wird. Jedoch stellt sich die Frage, ob die V2-Stellung beim dass-Satz im Bairischen genauso wie bei der weil-Konstruktion im Bairischen funktioniert. Deshalb werden die Umstände zu den dass-Sätzen mit V2- und VL-Stellung im gesprochenen Deutsch und im Mittelbairischen genauer in Kap. 2.2 be­trachtet, und weiter durch verschiedenen Ansichten und Argumentationen analysiert.

In diesem Kapitel werden die Begriffe der V2- und VL-Wortabfolge nach den zwei Sub- junktoren weil und dass, zuerst aufgrund der empirischen Untersuchung für diese Arbeit aus verschiedenen Literaturen im gesprochenen Deutsch und Westmittelbairischen be­schrieben und erläutert, anschließend wird die sprachgeschichtliche Kohärenz zur V2- Wortabfolge in Kap. 2.3 als Überleitung präzise dargestellt, bevor die Substitution der VL-Wortabfolge durch die V2-Wortabfolge in Kap. 3 erklärt wird. Bei den nachfolgen­den Absätzen werden Übereinstimmungen bzw. Auffassungen von verschiedenen Lingu­isten im Kapitel geschildert und weiter argumentiert.

2.1 V2- und VL-Wortstellung nach weil

Die Subjunktoren weisen die Funktion auf, Einheiten an Bezugsausdrücke anzuschließen, und binden Nebensätze an, die dann ihrem Bezugsausdruck untergeordnet sind.

Als kausaler Subjunktor wird weil unter semantischer Betrachtung eingeordnet. Die Funktion des kausalen Nebensatzes wird in der Begründung des Hauptsatzes gesehen, dabei bringt weil den einfachen, eindeutigen Grund zum Ausdruck (vgl. Dudenredaktion 2009: 631). Bei der Formulierung eines tatsächlichen Grundes liegt eine reale kausale Beziehung zwischen zwei Sachverhalten vor. De facto ist, dass es für die eine andere Tatsache den Grund liefert, wie z.B. im folgenden Satz:

(1) Die Rohre sind geplatzt, weil Frost herrscht.

So ein Zusammenhang muss beim Erklären eines Erkenntnisgrundes nicht vorliegen. Der Sprecher kann einen tatsächlichen Grund annehmen, wie (2, 3, 4), oder auf reduktive Erkenntnisse (5), auf Erläuterungen für Gesprochenes (6) oder auf Begründungen für

Sprechhandlungen (7) zurückgreifen, um Begründungszusammenhänge auszudrücken (vgl. Zifonun 1997: 2296, 2304-2306).

(2) Die Rohre sind geplatzt, denn es herrscht Frost.
(3) Es herrscht Frost, denn die Rohre sind geplatzt.
(4) * Weil die Rohre geplatzt sind, herrscht Frost.

In den Beispielen (2) und (3) wird der kausale Konjunktor denn verwendet und der Spre­cher stellt dadurch einen Begründungszusammenhang her. Bei (2) nimmt er an, dass der Grund für das Platzen der Rohre Frost ist. Bei (3) erkennt der Sprecher am Platzen der Rohre, dass Frost herrscht. Wird der Zusammenhang mit dem Subjunktor weil erstellt, wie (4), wird das zu Verstehende semantisch unbrauchbar und ergibt keinen Sinn mehr, denn hier werden Ursache und Wirkung vertauscht, das wäre eigentlich konsekutiv, z.B. Es herrscht Frost, sodass die Rohre geplatzt sind.

(5) Er arbeitet wohl noch, weil seine Lampe ja noch brennt.
(6) Wir werden es schon schaffen, weil wir es ernstlich schaffen wollen.
(7) Weil du es unbedingt wissen willst - der Hans ist es nicht gewesen.

Bei Begründungen, die auf reduktive Erkenntnisse zurückgeführt werden (5), wird die Verwendung des weil-Satzes bevorzugt. Der Nebensatz wird, wie (6), vorangestellt, wenn der Vollzug von Sprechhandlungen begründet wird. Nebensätze, die mit dem Konjunktor weil beginnen, können meistenteils Voran und auch Nachgestellt werden, wie (1) zeigt. Heutzutage ist die VL-Stellung für den Nebensatz charakteristisch; sie signalisiert seine syntaktische Abhängigkeit (Szczepaniak 2011: 171). Weil als kausaler Subjunktor wird in den aufgeführten Beispielsätzen als die VL-Abfolge dargestellt. Jedoch wird simultan abgewogen, ob weil in den Sätzen mit der V2-Abfolge verwendet werden darf. Gibt es eine semantische Differenzierung oder den formalen Unterschied, wenn die weil-Kon- struktion anstatt von der VL-Abfolge mit der V2-Abfolge benutzt wird?

Wegener (1993: 299-300) ist der Auffassung, dass VL- und V2-weil jeweils eine subor­dinierende und eine koordinierende syntaktische Funktion zugewiesen werden, die auch zwei Interpretationen (eine Sachverhalts- und eine Äußerungsbegründung) lizensieren, aber keine unterschiedliche Grundsemantik. Daher könne die vom Konnektor selegierte Wortstellung nicht der Annahme zweier lexikalischer Einheiten zugeordnet werden. Man hat versucht, weil+V2 als „epistemisches weil“ zu interpretieren, mit dem ein Sprechakt begründet wird, wie im folgenden Beispielsatz:

und subordinierendes weil als faktische Begründung des vorangegangenen Satzes (Küper 1991: 136, Schwitalla 2012: 142, Wegener 1993: 295). Die Verhältnisse zur Begründung des verbindenden weil sind sehr unterschiedlich. Diese können zwar eine vorangegangene Proposition kausal bzw. final begründen, aber auch Einstellungen und Wertungen, z.B. also schön ist es da. weil da muss man nicht allzu lange bleiben - als Werben um eine gemeinsame Unternehmung (Uhmann 199: 20), und oft sind die Begründungsbezüge sehr implizit (Schwitalla 2012: 142). Nachfolgend wird ein Beispieldialog im gesprochenen Deutsch dargestellt und anschließend erläutert (vgl. Scheutz 2001: 127):

(9) (Jemand spricht von Apfelwein, den er gerade herstellt) no bin neugierig, (-)[15] i hoff er wird was. gell, (-) [...] weil (-) frühäpfel is ja ned des ideale.

Der Satz mit weil+ V2 begründet, warum der Sprecher wirklich hoffen muss, dass der Apfelwein was wird; die frühreifen Äpfel sind eher ein Anzeichen dafür, dass der Apfel­wein nichts wird (vgl. Schwitalla 2012: 142). Am folgenden Beispiel soll der Unterschied klar werden (vgl. ebd.):

(10) (eine junge Frau erzählt, wie sie beim Rudern überholt wurde) und (-) dann kamen auch so noch welche. und eine, die überholte mich auf ‘m rückwech, weil (-) die is weiter gerudert als ich. und ich war sehr da de deprimiert danach, und es wurde halt ziemlich wellich, weil ’s so windich war. („ rudern “)

Eine eigene prosodische und syntaktische Einheit bildet dabei das erste weil mit V2, dadurch wird eine Information im Hintergrund eingeleitet, die später plausibel machen soll, warum die Sprecherin deprimiert war. Weder vom Träger noch vom Nebensatz ist das weil in der letzten Zeile abgesetzt und begründet kausal den Satz zuvor (vgl. ebd.). Dadurch kann man verstehen, dass durch weil+ V2-Sätze sehr oft eine verdeutlichende Hintergrundinformation oder ein neuer Aktivitätstyp eingeleitet wird. Zudem wird weil mit V2-Stellung häufig in Kooperation mit epistemischen Kausalbeziehungen genutzt. Gohl & Günthner (vgl. 1999: 40, 42) haben belegt, dass es vier Funktionen von weil als

Diskursmarker[16] gibt, auf die im Folgenden eingegangen werden soll: (i) Einleitung von Zusatzinformationen; (ii) Einleitung einer narrativen Sequenz; (iii) Einleitung eines the­matischen Wechsels; (iv) weil als konversationelles Fortsetzungssignal. Weil hat oft keine begründende oder erklärende Funktion mehr und ist ebenfalls nicht mehr als Bindewort, sondern viel mehr als Diskursmarker für den Zusammenhang der Bereiche oder für einen neuen Aktivitätstyp zu erkennen (vgl. ebd.: 61, Schwitalla 2012: 143). Zudem sind weil­Sätze mit der V2 Stellung in poetisch gesprochenen Texten, wie z.B. in Songtext (11), sowie im Grunde auch in bairischen Dialekten (12) zu finden (vgl. Catasso 2017: 125):

(11) Okay alter, ich bin [ein] bisschen erkältet, weil ich war am Wochenende beim Dome. Und ich hab Moderiert [...].[17]
(12) Es muas ja jetz nammoi schneim, weil mia hammaja heier na ned vai gnua Schnee ghobt.[18]

Gemäß dem Beispielsatz (12) wird weiter dargestellt, ob die formalen Verhältnisse mit weil im Westmittelbairischen identisch dem im gesprochenen Deutsch sind.

Im Mittelbairischen dient die Konjunktion weil auch zur Beiordnung (Koordination) von Sätzen. Im Folgenden ein paar Beispielsätze zur Erläuterung (Merkle 2005: 192):

An Stelle vom Satz:

(13) I hab koan Hunga, weil i schö was gssn hab[19]

= Ich habe keinen Hunger, weil ich schon etwas gegessen habe. kann man auch die folgenden Sätze verwenden:

(14) I häb koan Hunga, weil i häb scho was gssn.

= Ich habe keinen Hunger, weil ich habe schon etwas gegessen.

(15) I mäg di need, weil du bisd ma z greislig.

= Ich mag dich nicht, weil du bist mir zu hässlich.

Wie die Beispielsätze zeigen, ist dies im Bairischen kein Anakoluth[20], kein Satzbruch, sondern eine weitere Möglichkeit zur Benutzung der Konjunktion weil; dies ersetzt bei dieser Satzkonstruktion das der bairische Sprache fremde denn (Merkle 2005: 192). An­statt von denn kann auch an einer nachfolgenden Satzstelle, wie im Hochdeutschen, näm­lich stehen. Und besonders oft lässt sich das denn durch die Kombination aus weil näm­lich ersetzten, hierzu im Satz (16) wieder ein Beispielsatz (ebd.):

(16) I häb need fridrä kema kena, weil i war no in da Kiach.

= Ich konnte nicht früher kommen, denn ich war noch in der Kirche.

Laut Zehetner (vgl. 1977: 123-125) erfordert es in der Hochsprache eine Nebensatzstel­lung, wie man in den nachfolgenden Beispielsätzen[21] sieht, währende im Dialekt das weil nebenordnend ist und die Grundstellung des Satzes folgt.

(17) Beim Bädn is si oiwai guad drauf, weil des gfoid ia.

= Beim Baden ist sie immer lustig, weil das gefällt ihr.

(18) Si findn eam ned, weil ea is ned dä.

= Sie finden ihn nicht, weil er ist nicht da.

Durch das Erkennen, dass weil und denn austauschbar ist, befindet man sich in der Lage Satzstellungen besser zu machen. Für die Schüler ist das sicher eine wertvolle Erkenntnis, denn anstelle von weil zu verwenden, aber nur solange sie beim Umstellen des Satzbaus Probleme haben (vgl. ebd.). Ob man jedoch bei den weil-Sätzen mit der V2-Abfolge auf Bairisch spricht und wie häufig sie im Vergleich zu gesprochenem Deutsch verwendet werden, wird in Kap. 4 weiter ausführlich empirisch untersucht und analysiert.

Pauly (vgl. 2013: 54, 56) hat die Auffassung, dass weil-V2-Sätze deshalb eine Herausfor­derung darstellen, weil es sich bei ihnen um ein Phänomen aus der gesprochenen Sprache handelt. In der Schriftsprache kommen weil-V2-Sätze fast nicht vor und dies bringt na­türlich Probleme mit sich. Sieht man weil-V2-Verknüpfungen als Koordination, so muss die nicht ganz einfache Perspektive gemacht werden, dass es sich bei dem in V2-Gebilden vorkommenden weil um eine koordinierende Konjunktion handelt, die sich polysem zu dem subordinierenden[22] weil verhält. Wiederum verhindert man so auch eine Problematik: Bewertet man z.B. das weil in V2-Konstruktionen als subordinierendes Gebilde, so kommt man in Mitte zentraler Grammatikmodelle bezüglich der Verbstellung in Inter­pretationsnöte. Demzufolge müsste man verdeutlichen, weshalb das finite Verb nicht wie gewohnt an letzter Position ist, gleichwohl eine subordinierende Konjunktion vorhanden ist. Wird jedoch von einer koordinierenden Konjunktion ausgegangen, gibt es demzufolge auch kein zu lösendes Problem (vgl. ebd.). Catasso (2017: 122) ist der Ansicht, dass V2- weil-Sätze außer im Hinblick auf die Position des Finitums keinem festen Wortstellungs­muster entsprechen, d. h. sie erlauben neben der unmarkierten Hauptsatzwortabfolge SVO, z.B. satzinterne Topikalisierungen des direkten oder indirekten Objekts, eines (nicht-)satzwertigen Adjunkt oder eines Adjektivs sowie Linksversetzungen.[23]

(19) Übrigens wurde die Kahnfahrt im Spreewald auf später verschoben, weil es doch unter 0°C werden soll (Catasso2017: 102).
(20) Ich habe gegessen, weil ich einen Hunger hatte (Szczepaniak 2011: 171).
(21) Anna: warum kauft ihr denn keine größeren Müslipäckchen. (-)
weil (-) DIE reichen doch nirgends hin (Szczepaniak 2011: 188).

Daraus resultierend kann man nachweisen, dass sich die weil-V2-Sätze, wie in Beispiels­ätzen (19) und (21), in Form und Funktion von den weil-VL-Sätzen, wie in (20), in fol­genden Punkten unterscheiden (Günther 2003: 392):

(i) Die semantische Funktion der V2-Sätze kann man als Äußerungsbegründung bezeichnen, während die weil-VL-Sätze einer Sachverhaltsbegründung liefern.
(ii) Das gesprochensprachliche Beispiel (21) zeigt, dass die weil-V2-Sätze deut­lich unabhängiger sind als der weil-Nebensatz in (20). Sie ähneln nicht nur hinsichtlich ihrer Wortstellung einem Hauptsatz, sondern bilden auch proso­disch unabhängige Einheiten. Sie werden durch Pausen von den benachbarten Sätzen getrennt.
(iii) Die Auflösung der syntaktischen Abhängigkeit bei den weil-V2-Sätzen ist Ausdruck für ihre illokutive Selbständigkeit. So steht der weil-Satz in (21) nicht in Skopus des ihm vorausgehenden Fragesatzes, sondern er hat eine ei­gene illokutionäre Kraft. Es ist ein Aussagesatz.
(iv) Die weil-V2-Sätze folgen immer den Satz bzw. einer längeren Äußerung, die sie begründen. Im Gegensatz dazu können abhängige weil-VL-Sätze sowohl vor als auch nach dem Hauptsatz stehen.

Durch die semantischen, syntaktischen, pragmatischen und prosodischen Eigenschaften der weil-V2-Sätze wird gezeigt, dass es sich um relativ selbstständige Sätze handelt (Szczepaniak 2011: 188). Weil übernimmt hier zwar noch eine begründende Funktion, diese liegt jedoch auf einer anderen Ebene. Der Sprecher erläutert hier, warum er die Idee vertritt oder weshalb er die Andeutung gemacht hat. Zu diesem Zeitpunkt ist weil nicht mehr Gegenstand eines komplexen Satzes und sein Skopus ist vergrößert: Im Beispielsatz (21) erkennt man zwei Äußerungen, die durch eine kurze Pause getrennt sind (vgl. ebd.). Nachfolgend werden die Auffassungen von Günther (2003) durch eine empirische Unter­suchung zwischen gesprochenem Deutsch und Westmittelbairisch in Kap. 4 seziert.

2.2 V2- und VL-Wortstellung nach dass

Im Standarddeutschen können dass-Sätze sowohl mit VL- als auch mit V2-Wortstellung grundsätzlich jede syntaktische Funktion (Subjekt, Objekt, Prädikativ usw.) erfüllen und obwohl die dass-Sätze mit V2-Wortstellung nicht sehr oft betrachtet werden, nehmen im Hauptsatz realisierte Kataphern[24] wieder auf (vgl. Catasso 2017: 342).

Axel-Tobers (2012: 41) Überlegung in Bezug auf den formalen Status von argumentrea­lisierenden dass-Sätzen weist auf nur eines der mit dem Phänomen der dass-Sätze mit V2-Worstellung verbundenen Probleme hin. Im gesprochenen Deutsch weist die Kon­junktion, die durch dass eingeleitet wird, eine V2-Stellung auf. Dabei handelt es sich in der Tat um eine sehr stigmatisierte Struktur, die die meisten Sprecher des Deutschen auf den ersten Blick als ungrammatisch bewerten und der in der linguistischen Literatur bis­her sehr wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde (vgl. Catasso 2017: 333):

(22) Nein, ich glaube, dass das würde das Militär isolieren und damit den ge­samten Konflikt weiter verhärten.[25]

Freywald (2008, 2009) erkannte bezüglich ihrer Ergebnisse aus der Forschung zum Kor­pus im Archiv für Gesprochenes Deutsch, dass das V2-dass in allen syntaktischen Kon­texten vorkommen kann, in denen die entsprechende kanonische VL-Struktur auftritt. Demzufolge stellt Freywald (2009: 114) im Besonderen fest, dass V2 bei dass-Sätzen prinzipiell sieben grammatische Funktionen erfüllen kann, die in den nachfolgenden Bei­spielsätzen veranschaulicht werden. Bei den V2-Konstruktionen besteht die Möglichkeit, dass diese als Subjekt (i) oder direktes Objekt (ii) für deren Bezugssatz dienen und soge­nannte N-be-that-Gefüge (iii) oder DPs vervollständigen (iv) (vgl. Freywald 2009:114, Catasso 2017: 337):

(i) Dazu kommt auch, dass manche der Oberflächenbeschichtungen - Silikonharz- faben, Sispersionsfarben - enthalten organische Beimengungen. (Subjekt)
(ii) Ich habe meinen Ehrgeiz hineingelegt zu sagen, dass auch der Beruf des Schau
spielers basiert auf einem guten Handwerker. (Direktes Objekt)
(iii) Das wesentliche ist daran ja, dass der Regisseur sitzt unten und sieht mich von Kopf bis Zeh. (Prädikativ)
(iv) Aber ich hab manchmal, an manchen Stellen den Eindruck, dass hier steht der Poeta doctus dem Dichter im Weg. (Komplementsatz zum Nomen)
Zudem werden V2-dass Sätze öfter in Äußerungen verwendet, in denen diese einen im Hauptsatz verwirklichten Bestandteil erneut verwenden. Im Beispielsatz (v) wird mit dem Wort daran ein Fazit, das im ersten Satz als Korrelat des Satzes nicht. Die V2-Konstruk- tionen können homogen wie die entsprechenden VL-Sätze auch ein kataphorisches De- monstrativum[26] im Akkusativ (vi) oder ein kataphorisches so (vii) wiederaufnehmen (vgl. Freywald 2009: 115, Catasso 2017: 338):
(v) Das liegt einfach daran, dass Kinder, die HIV-infiziert sind, stellen keinen Markt für die Pharmaindustrie dar. (Korrelar eines Präpositionalobjekts)
(vi) Das finde ich übrigens interessant, dass der ORB und der MDR zeigen fortwäh­rend solche Sendungen. (Kataphorisches das)
(vii) Es ist so, dass die Brutzeit der Sittiche ist genetisch fixiert, sie können nicht be­liebig spät im Jahr brüten. (Kataphorisches so)

Freywald (vgl. 2009: 114) vertritt die Ansicht, dass das einleitende Prädikat bzw. das Bezugsnomen, das der V2-dass-Satz komplementiert, immer semantisch blass sei, sodass die V2-Konstruktion die relevantere Informationseinheit enthalten müsse. Typische Be­zugseinheiten seien sagen, meinen, hören, Matrixsätze des Typs N+ Kopula, wie Das Ding ist, ..., das Problem ist, es-ist-so-Konstrukte und Nomina wie Eindruck, Tatsache usw. Der im dass-Satz geäußerte Sachverhalt gelte als nicht-präsupponiert und faktive Prädikate, z.B. bereuen, tadeln, bzw. alle nicht-assertiven Matrizes, z.B. Ich hoffe, dass es [*geht] dir gut geht, seien daher ausgeschlossen. Hyvärinen (2015: 184) beobachtet: Freywald (2009) verwendet den Begriff der Faktivität insofern in einem nicht traditionel­len Sinn, als Verben wie wissen zu den assertierenden Prädikaten gezählt werden, obwohl sie in der Mainstreamlinguistik als typisch faktiv gelten. Laut der Terminologie von Freywald (2009) in Bezug auf dieses spezifische Sprachphänomen zulässt das Verb wis­sen zwei mögliche Interpretationen: eine stark faktive und eine assertive Lesart, darüber werden durch (23) und (24) verdeutlicht (Freywald 2008: 246).[27]

(23) Ihr Mann hat immer gewusst (=ihm war immer bewusst), dass sie schwan­ger war, aber er hat nie etwas dazu gesagt.
(24) Ich weiß (=ich habe davon gehört), dass Herr Lack [hat] eine Stiftung gegründet [hat].

Es handelt sich dabei um zwei unterschiedliche Arten der Sprecherdeixis: bei der faktiven Verwendung von wissen übernimmt der Sprecher die Perspektive des Subjekts und macht nur eine Aussage, die den Haupt- und den dass-Nebensatz umfasst, und assertiert dann nur den Inhalt des aber-Satzes. Bei der assertiven Lesart von wissen hingegen, die V2 erlaubt, assertiert der Sprecher auch den Inhalt des Nebensatzes.

Hyvärinen (2015) hält in Anlehnung am Lötschers (1998: 18) Überlegungen[28] fest, dass V2-dass-Sätze in manchen Fällen, insbesondere bei vorangestellten komplexen Konditi­onalgefügen und komparativen Korrelativkonstruktionen in zyklischen Strukturen nicht nur im mündlichen Sprachgebrauch, sondern sogar in der geschriebenen Sprache, wie z.B. bei journalistischer Berichterstattung sowie wissenschaftlichen Studien, vorkommen können. Diese Feststellung ergibt sich aus einer statistischen Studie, die das Vorkommen dieser Konstruktion in einem Korpus schriftlicher Texte untersucht und ermittelt, dass etwa 1-2% der berücksichtigten dass-Satz-Belege mit vorangestelltem wenn- (25) oder je...desto-Satz (26) eine V2-Wortstellung aufweisen (Catasso 2017: 340).

(25) Im ISK [...] wird erwähnt, dass, wenn der Sprechakt beschrieben wird, ohneden Inhalt des Gesagten wiederzugeben, handelt es sich nicht mehr um indirekte Rede (Hyvärinen 2015: 178).
(26) Studien beweisen, dass, je gebildeter die Leute sind, desto schlanker sind sie (Hyvärinen 2015: 182).

Auch bei einer VL-Stellung ist die Voranstellung des dass-Satzes in den meisten Fällen entweder ungrammatisch oder extrem markiert (Catasso 2017: 355). Dies liegt an der Tatsache, dass die Prädikate, die sowohl eine VL- auch eine V2-Struktur einleiten können, generell eine neue, assertierte Information selegieren. Die folgenden Kontraste, bei denen die einleitenden Prädikate es ist so und die Sache ist sowie die Wiederaufnahme des Prä­positionalobjekts daran betreffs ihrer Voranstellbarkeit überprüft werden (vgl. ebd.):

(27) a. Es ist so, dass die Aufbaugeneration der Richter und Staatsanwälte in den nächsten Jahren in Pension geht.
b. *Dass die Aufbaugeneration der Richter und Staatsanwälte in den nächsten Jahren in Pension geht, ist so.
c. Es ist so, dass die Aufbaugeneration der Richter und Staatsanwälte geht in den nächsten Jahren in Pension.

(28) a. Die Sache ist, dass wir immer noch einen zentralisierten Staat haben, wo alle Entscheidungen hier getroffen werden.
b. ?? Dass wir immer noch einen zentralisierten Staat haben, wo alle Ent­scheidungen hier getroffen werden, ist die Sache.
c. Die Sache ist, dass wir haben immer noch einen zentralisierten Staat, wo alle Entscheidungen hier getroffen werden.

(29) a. Das liegt einfach daran, dass Kinder, die HIV-infiziert sind, keinen Markt für die Pharmaindustrie darstellen.
b. *Dass Kinder, die HIV-infiziert sind, keinen Markt für die Pharmain­dustrie darstellen, liegt das einfach daran.
c. Das liegt einfach daran, dass Kinder, die HIV-infiziert sind, stellen kei­nen Markt für die Pharmaindustrie dar.

Die obigen einleitenden Prädikate verlangen also unabhängig von der Verbstellung im Nebensatz, dass die dass-Konstruktion eine rhematische und assertierte Information ent­hält und nachgestellt ist (Catasso 2017: 356).

Andererseits ist die VL-Stellung für Hauptsätze zwar nicht unmöglich, aber zumindest stark markiert. Sie kommt in Ausrufesätzen vor, z.B. Dass ich nicht lache (Szczepaniak 2011: 179). Die VL-Stellung ist hingegen eine typische Nebensatzstellung und ist meist an das Auftreten von Subjunktionen gebunden, wie z.B. im Folgenden (ebd.):

(30) Sie weiß, dass Peter eine Suppe kocht.

Askedal (1996) beobachtet, dass die Verbstellung mit der pragmatischen Funktion des Satzes korrespondieren kann. Die V1- bzw. V2-Stellung kommt hauptsächlich in Haupts­ätzen vor, die für eine bestimmte Sprachhandlung verwendet werden, d.h. eine illokutive Funktion haben (Szczepaniak 2011: 179). Die Nebensätze ordnen sich der illokutiven Kraft des Hauptsatzes unter, d.h. sie sind nicht nur syntaktisch, sondern auch pragmatisch unselbstständig, deshalb kann ein und derselbe Nebensatz Teil eines Aussage-, Auffor­derung- oder Fragesatzes sein, wie im Folgen (vgl. ebd.):

(31) Sie hat gewusst, dass er das Buch schon gelesen hat.
(32) Sag ihm, dass er das Buch schon gelesen hat!
(33) Stimmt es wirklich, dass er das Buch schon gelesen hat?

Im Neuhochdeutschen sind bestimmte Satzformen für bestimmte Funktionen vorgesehen. Je nachdem, was ausgedrückt wird, muss man sich für eine bestimmte Struktur entschei­den. Somit ist die jeweilige Satzstruktur die Ausdrucksform einer dramatischen Kategorie: Dabei opponieren einerseits der Haupt- (mit illokutiver Funktion) mit dem Nebensatz (illokutiv unselbständig) und andererseits, im Hauptsatzbereich, verschiedene Satzmodi (Aussage-, Frage-, Aufforderungs- oder Ausrufesatz (vgl. ebd.: 179).

Simultan kann man auch sinnieren, ob diese theoretischen Grundlagen mit der dass-V2- und VL-Sätzen auch im Dialekt, vor allem beim Mittelbairischen, auch identisch funkti­oniert werden. Hierzu ein Beispiel zur Erläuterung (Merkle 2005: 190):

(34) I sieg, daß a dahoam is.

= Ich sehe, dass er zu Hause ist.

Zudem wird es benötigt, um schriftdeutsche Satzstellungen ins gebräuchliche Mittelbai­rische zu modifizieren:

(35) Ea behaubded, daß as need kennd.

= Er behauptet, sie nicht zu kennen.

Gelegentlich wird es auch für Final- oder Absichtssätzen verwendet, dass bei hochdeut­schen Sätzen damit übernimmt. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen (vgl. ebd.):

(36) Schreib da s auf, daßd as need vagissd.[29] = Schreib dir’s auf, damit du es nicht weißt.

Neben relativen und fragenden Adverbien wie warum, wie lange und dergleichen wird dass auch noch verwendet (vgl. ebd.):

(37) Ich vaschdäh need, warum daß a scho wieda kimd.

= Ich verstehe nicht, warum er schon wieder kommt.

(38) Frag s, wiälang daß s no dableim wui.

= Frag sie, wie lange sie noch bleiben will.

Bei den oben erwähnten bairischen Beispielsätzen über die dass-Konstruktion erkennt man, dass sich die VL-Stellung meistens beim dass-Sätzen ergibt.

Rowley (vgl. 1977: 204, 235, 299) hat die Auffassung, dass die Zweitstellung des finiten Verbs bei Nebensätzen im Bairischen möglich ist und bei vielen Konjunktionen sogar präferiert, außerdem sind Zwei- und End- bzw. Spätstellung des finiten Verbs bei kon- junktionaler Verwendung etwa gleich häufig anzutreffen. Aber Zehetner ist (vgl. 1977: 123) der Ansicht, dass dass als die eigentliche unterordnende Konjunktion der Mundart angesehen werden kann, die in vielen Nebensätzen steht, wie z.B. (39) und (40):[30]

(39) Ea hod gfragd, wiavui daß so a Auto kosd.

= Er fragte, wieviel dass so ein Auto kostet.

(40) Mia wuidn seng, warum daß nedgäht.

= Wir wollten sehen, warum dass es nicht geht.

Zehetner (vgl. 1985: 147) meinte auch, dass Konstruktionen mit dass sehr häufig und oft auch dort stehen, wo in der Hochsprache andere Fügungen bevorzugt werden:

(41) Ea moand, däs a des kon.

= Er meint, er könne das.

Deshalb werden die dass-V2- und VL-Sätze im Westmittelbairischen als der zweite Kern in Kap. 4 weiter empirisch untersucht und ausführlich mit dem gesprochenen Deutsch verglichen und erörtert.

2.3 V2-WortsteHung als sprachgeschichtliche Kohärenz

Bezogen auf die im Verlauf dargestellten Erläuterungen zur V2- und VL-Wortstellung werden die zwei Subjunktionen weil und dass bei den Forschungen als relativ neue Kon­struktion im Nebensatz betrachtet (vgl. Günthner 1996: 323). Jedoch gibt es eine andere Ansicht für die mit weil eingeleiteten V2-Sätze, diese geht von einer geschichtlichen Ko­härenz der Wortstellung im Nebensatz seit dem Mittelhochdeutschen aus.

Zur Beurteilung der V2-Wortstellung im Nebensatz stellte sich Selting (1999) die Frage, wie sich früher die Sachverhalts- und Äußerungsbegründung, in der sie den wichtigsten funktionalen Unterschied zwischen den beiden Verbstellungsvarianten sieht, geäußert hat. Selting (1999) widmete sich deshalb der wissenschaftlichen Untersuchung, ob die Kon­struktion mit weil-Sätzen schon seit dem Mittelhochdeutschen bestand oder ob es sich tatsächlich um einen Sprachwandel im Laufe der Zeit handelte. Hierbei besteht die Schwierigkeit in der gesprochenen Beurteilung, bei der diese Konstruktion zumeist auf­tritt. Zur Betrachtung der Veränderungen im gesprochenen Deutsch im Laufe der Zeit muss auf schriftliche Auszüge zurückgegriffen werden, da die sprachlichen Aufnahmen erst durch die Erfindung des Phonographs von Thomas A. Edison[31] 1877 möglich waren. Daher sollten zur diachronen Untersuchung der weil-Sätzen möglichst mundartsnahe Ab­schriften verwendet werden. (vgl. Selting 1999: 177, 182).

Dass es weil-Sätze schon im Mittelhochdeutschen gab, belegt Selting (1999: 185), jedoch hieß es damals wande/want(e) bzw. wan (ne)/wen (ne) und entwickelte sich im Laufe der Zeit, dann heißt nun im Neuhochdeutschen weil (zusammen mit ihren orthographischen Pendants weyl(l), weill und dieweil) (vgl. Axel-Tober 2012: 255-256, Eroms 1980: 97, Sanding 1973: 42). Die VL-Wortstellung wurde verwendet, um Sachverhalte darzulegen, während V2-Wortstellungen zur Verdeutlichung einer Äußerung gebräuchlich waren. Selting (1999) wies dies für das Mittelhochdeutsche nach, jedoch kann sie die Verwen­dung von weil in der V2-Wortstellung im Zeitraum 16. bis 19. Jahrhundert kaum belegen. Selting (1999) legte einen einzigen Nachweis für weil mit eindeutiger V2-Wortstellung dar, und dieser entstammt einer Bittschrift der Mitte des 19. Jahrhunderts: wail ich bedarf der ertzlichen Hülfe (vgl. Hünecke 1996: 248). Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die kausalen Sätze zumeist mit da+ VL-Wortstellung oder denn+ V2-Wortstellung gebildet, dann waren mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wieder vermehrt, Nebensätze mit V2- Wortstellung festzustellen.[32]

[...]


[1] Die Schreibweise Bayern und bayrisch wird neben Baiern und bairisch verwendet, so ist das folglich keine orthographische Nachlässigkeit. Die y-Schreibung gilt dann, wenn von Gegebenheiten innerhalb des Freistaats die Rede ist. Die i-Schreibung wird dann gewählt, wenn es um sprachliche Aspekte geht, die grenzübergreifend Gültigkeit haben (vgl. Schmid 2012: 16).

[2] Der deutsche Terminus „Mundart“ bezeichnet in bestimmten Kontexten die typische Sprachform eines kleinen Gebietes (i.d.R. eines Dorfes und seiner Umgebung), während mit „Dialekt“ eine Gruppe von Mundarten gemeint sein kann, die einander in gewissen Aspekten gleichen und über ein weiteres Areal verteilt sind (Barbour& Stevenson 1998: 60). „Mundart“ und“ Dialekt“ bezeichnen i.d.R. mündliche Sprechweisen und die beiden Bezeichnungen werden in der vorliegenden Arbeit als Synonyme verwendet.

[3]

Als Bairisch fasst man einen Dialektverbund nichtstandardisierter Varietäten im Südosten des oberdeut­schen Sprachgebietes zusammen, die zum deutschen Sprachraum gezählt werden. Die bairischen Mundar­ten werden im Osten des oberdeutschen Sprachraums gesprochen - man bezeichnet sie daher auch als Ost­oberdeutsch. Innerhalb des Bairischen wird zwischen Nordbairisch, Mittelbairisch und Südbairisch unter­schieden. Der bairische Sprachraum umfasst im Freistaat Bayern die Regierungsbezirke Oberbayern, Nie­derbayern und Oberpfalz, das Staatsgebiet Österreichs mit Ausnahme Vorarlbergs, ferner Südtirol, die zimbrischen und karnischen Sprachinseln in Oberitalien und das südliche Vogtland im Freistaat Sachsen. Weitere Informationen findet man unter der URL (Bairisches Wörterbuch): http://www.bairisch.org/buch- letter-B.html (Abgerufen vom 17.02.2019).

[4] In der vorliegenden Arbeit wird sich auf die Verbzweit- und Verbletztstellung der gesprochensprachlichen Phänomene bei den weil-Sätzen und dass-Sätzen konzentriert und als Gegenstände genauer bestimmt. Wei­ter werden die zwei Sätze in Kap. 4 ausführlich empirisch untersucht.

[5] Gesprochene Sprache als Gegenstand in der Linguistik: [...] Betonung und Satzmelodie, das Lauter­und Leiserwerden der Stimme, die Art, wie man redet, ob „mit leiser gleichgültiger Stimme oder mit star­kem Nachdruck“, die Verschränkung des Gesprochenen mit dem, wie wir heute sagen, Nonverbalen, die Implizitheit und Knappheit der Äußerungen im Vergleich mit dem vom Sprecher Gemeinten und auch vom Hörer Verstandenen, das notwendig vorausgesetzte Wissen von den Redeumständen, das syntaktisch Rei­hende und wörtlich Wiederholende [...] (Schwitalla 2012: 18). Dafür wird die Begriffsklärung in dieser Arbeit von Schwitalla übernommen und weiter als der Kern in der empirischen Untersuchung eingeführt: Mit dem Terminus „gesprochene Sprache“ soll nicht präjudiziert werden, dass dem Gesprochenen und dem

Geschriebenen eine jeweils andere Sprache als spezifisches „Sprachesystem (langue)“ zugrunde liege. Da­mit wird nur eine abkürzende Redeweise aufgegriffen, die eigentlich „Sprachverwendung“ heißen müsste (vgl. ebd.).

[6] Hochsprache/ Hochdeutsch: „Hochdeutsch“, das ist kurz gesagt das Deutsch der Tagesschausprecher, der Bücher und der Leitartikel. Aber „hoch“ ist zunächst einmal ein räumlicher Begriff. [...] Man bezeich- nete die dort gesprochenen Varianten des Deutschen deshalb als „Hochdeutsch“, weil das Gelände von der Mittelgebirgsschwelle bis zu den Alpen höher liegt als das norddeutsche Flachland. [.] Das Bairische ist also historisch und sprachgeographisch gesehen Hochdeutsch oder -genau gesagt- ein hochdeutscher Dia­lekt. Da der Begriff „Hochdeutsch“ also auf zweierlei Weise verwendet werden kann, einmal historisch­geographisch, aber ebenso mit Bezug auf ein Sprachniveau. Das Deutsch der Tagesschausprecher, der Bü­cher oder Leitartikel wird als „Standarddeutsch“ oder „deutsche Standardsprache“ bezeichnet. Denn wie gesagt: Bairisch ist (!) Hochdeutsch (vgl. Schmid 2012: 19). Dahingegen wird der gegenüberstehende Be­griff „Niedersprache/ Niederdeutsch“ erläutert, dass das Niederdeutsche über standardähnliche Formen verfügt, die Dialekte sonst nicht eigen sind (vgl. Stellmacher 1997: 90). Der niederdeutsche Sprachraum zerfällt in einen westlichen und einen östlichen Dialektverband; während die westniederdeutschen Dialekte (Nordniedersächsisch, Westfälisch und Ostfälisch) genuin „altdeutsche“ Dialekte sind, handelt es sich bei den ostniederdeutschen Dialekten (Mecklenburgisch-Vorpommersch, Brandenburgisch, Ostpommersch und Niederpreußisch) um Siedeldialekte, die erst im Zuge der deutschen Ostkolonisation des 12. und 13. Jahrhundert auf slawischem und baltischem Substrat entstanden sind. Die Trennlinie zwischen diesen bei­den Gruppen verläuft von Lübeck bis Merseburg entlang der Elbe und Saale; sprachlich entspricht dieser Grenze die Unterscheidung zwischen dem westniederdeutschen verbalen Einheitsplural auf -(e)t und dem ostniederdeutschen auf -(e)n (vgl. Bußmann 1990: 524). Zum Schluss lässt der Kernbegriff „Umgangs­sprache/ Umgangsdeutsch“ zur Verbindung in dieser Arbeit kurz erklären, dass die Umgangssprache vor­wiegend in der deutschen Grammatik gebrauchter Terminus für den großen und heterogenen Bereich von Sprachvarietäten zwischen Hochsprache/ Standardsprache einerseits und kleinräumig gebundenen Dialek­ten andererseits ist. Umgangsdeutsch ist als eine Art „Ausgleichsvarietät“ zwischen Hochsprache und Di­alekt, die zwar deutliche regionale Färbung, jedoch keine extremen Dialektismen aufweist (vgl. Bußmann 1990: 814). Die Umgangssprache [...] nun im ganzen deutschen Sprachraum aufgegriffene und durch das neu eingeführte Pflichtschulwesen sehr geförderte Schriftsprache auch mündlich Fuß zu fassen begann (Wiesinger 1997: 17).

[7] „Mittelbairisch“ wird im Isar-Donau-Raum gesprochen entlang der Achse München-Wien. Das Mittel­bairische unterteilt sich wiederum in ein West- und ein Ostmittelbairisch, z.B. Hochdeutsch: viel > West­mittelbairisch: vui > Ostmittelbairisch: vüü / Hochdeutsch: Spiel > Westmittelbairisch: Schbui > Ostmittel­bairisch: Schbüü. Das Mittelbairische gilt als die modernste und damit die fortschrittlichste Form des Bai­rischen. In dem Städtedreieck München-Wien-Regensburg haben sich die meisten Veränderungen ereignet.
Abbildung 1 aus der URL: https://bar.wikipedia.Org/wiki/Datei:Bairischer_Sprachraum_blau.PNG
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[8] De Gefahr hod scho bestanden, weil d'Rapunzel hod extrem guat ausgeschaut,
> Die Gefahr hat schon bestanden, weil die Rapunzel hat extrem gut ausgeschaut,
de hätt jeden Modelwettbewerb im Renna gwunga!
> sie hätte jeden Modelwettbewerb im Laufen gewonnen!
Irgendwann hamms gspannt, daß guat harmoniern alle zwoa [...]
> Irgendwann haben sie gemerkt, dass sie sich gut verstehen [.]
Es existiert keine einheitliche Umschrift für das Bairische. Man versucht jedoch, sich an der deutschen Orthographie zu orientieren. In dieser Arbeit werden die Sätzen einfach geschrieben und analysiert, wie die Autoren in den Werken oder die Probanden zur Untersuchung aufgeschrieben haben.
In dieser Arbeit wird sich nur auf die Beziehung zwischen „Westmittelbairisch“ und „Gesprochenes Deutsch“ konzentriert.

[9] Die bairische Ausgabe wurde 2018 von Toni Lauerer geschrieben und die gesprochenen Sätze von Ra­punzel wurden nach dieser Version zitiert und weiter analysiert.

[10] Parataxe: Syntaktische Verknüpfung von Sätzen durch Nebenordnung. Die strukturelle Gleichordnung wird im Deutschen formal durch koordinierende Konjunktionen wie und, oder oder durch unverbundene Aneinanderreihung mit entsprechendem Intonationsverlauf gekennzeichnet (Bußmann 1990: 560).

[11] Hypotaxe / Subjunktion: Syntaktische Relation der Unterordnung zwischen Teilsätzen. Die strukturelle Abhängigkeit wird im Deutschen formal durch Konjunktionen, weil, obwohl, Relativpronomen, der, wel­cher, Wortstellung und/oder Konjunktiv oder Infinitkonstruktionen gekennzeichnet, wobei der untergeord­nete Satz dem Hauptsatz vorausgehen, ihm folgen oder in ihn eingebettet sein kann (Bußmann 1990: 318).

[12] Beispiel: 1) Sven wurde verhaftet, weil er die Vergütung von Sebastian gestohlen hatte.
2) Seine Kollegen haben gemeint, dass sie im Moment nichts brauchen.

[13] Das primäre Ziel bei der Datenauswahl zur empirischen Untersuchung in Kap. 4 ist es verschiedene kommunikative Gattungen im Korpus zu repräsentieren. Dem nachgeordnet ist eine Stratifizierung anhand regionaler Parameter, Gespräche und Sprecher aus unterschiedlichen Regionen: Oberbayern und Nieder­bayern, und anhand verschiedener Eigenschaften von Sprechern. Die Ausbaustrategie dieser Arbeit folgt dem Prinzip "Breiter vor Tiefe", d.h. im Zweifelsfall wird der Erhebung eines neue Interaktionstyps Vor­rang gegeben vor der Erhebung weiterer Instanzen von bereits im Korpus repräsentierten Typen (vgl. Ku- pietz & Schmidt 2015: 310-311)

[14] Und wenn’s a manchem so schwer foid, daß er alles versteht, greift er sich doch,
- Und wenn es auch mancher (Person) schwerfällt, dass er alles versteht, freut er sich doch, weil's ihm guad gfoid, obwohl’s oft klingt ois wär’s verdreht. I bin a bayrisches Cowgirl
- weil es ihm gut gefällt, obwohl es sich des Öfteren verdreht anhört. Ich bin ein bayrisches Cowgirl und i brauch net vui Geld, mit am ganz kloana Schnauferl fahr i rum in der Welt.
- und ich brauche nicht viel Geld, mit einem ganz kleinen Auto fahre ich durch die Welt herum.

[15] Das Zeichen (-) bedeutet in einem Dialogbeispiel dieser Arbeit „kurze Pause“.

[16] Diskursmarker: Diese Bezeichnung nennt man auch „Gesprächswörter“ und ist aus der angloamerika- nischen Forschung übernommener Oberbegriff für sprachliche Ausdrücke, die zur Strukturierung von Dis­kurs verwendet werden, [...]. Ihre Funktionen sind vielfältig. Sie dienen 1) dem Sprecherwechsel, indem sie einen Turn einleiten, z.B. mit also, den Verzicht auf das Rederecht anzeigen, z.B. durch hm, oder den Turn des nächsten Sprechers organisieren, z.B. durch Vergewisserungsfragen; 2) der Themensteuerung (durch Linksversetzung oder Konjunktionen wie übrigens); 3) der Vergewisserung geteilten Wissens an­gezeigt, z.B. durch die Modalpartikel doch in Sie hat doch ein Fahrrad; 4) der Organisation des darge­stellten Sachverhalts, indem sie z.B. einzelne Teile durch Konjunktionen zueinander in Beziehung setzen oder Beginn und Ende einer Sequenz markieren, z.B. durch die Modalpartikel eben in Männer sind ebenso (vgl. Bußmann1990: 190).

[17] Beispiel zum Songtext des Hip-Hop-Lieds S.i.d.o., Bushido& Kay One (2008). Der komplette Songtext wird in der URL gefunden: https://genius.com/Bushido-sido-lyrics (Abgerufen vom 06.04.2019).

[18] Beispiel zum Dialekt aus shangoclan.de> Unser-Kommentar zum Thema „Schnee“ (28.01.2007). Die­ser Beispielsatz wird in Kap 4 mit der Untersuchung zusammen erörtert.

[19] Verschriftung des Bairischen in diesen Beispielsätzen: 1) [a] Das vorn gesprochene, also vordere, helle [a] hat im Bairischen Phonemstatus, d.h. es wirkt Bedeutungsunterschied zum hinteren [a]. ^ Unterschied in der Schreibung: [a] <a/ aa/ a>: <Kas/ Kaas/ Kas>. [a] Das hinten gesprochene, dunkele [a] ist typisch für das Bairische und hat ebenfalls Phonemstatuts, weil es in Minimalpaar gibt. Klanglich liegt es zwischen [a] und [o]. In der Schrift wird es besonders in Österreich meist als <ä> wiedergegeben. Ohne Sonderzei­chen wird je nach Klang a oder o gewählt. In der Fachliteratur wird unterschieden: <ä> für den vorderen Laut, für den hinteren Laut <o> (offenes o), z.B. Host mi?/ Wos is?/1 mog di (Denkbar wäre auch: Host mi?/ Wos is?/1 mog di, d.h. das offene [o] wäre auch sichtbar.). Das a mit der Tendenz zum o kollidiert mit dem <o> in offen, z.B. ofdüa is ofn. 2) Das Tilde über Vokabeln, z.B. ä,ö, bedeutet: diese Vokale sind nasaliert zu sprechen (Merkle 2005: 09).

[20] Anakoluth: Das Anakoluth stellt eine bewusste Störung des syntaktisch üblichen bzw. grammatikalisch korrekten Satzbaus dar. Die ursprünglich geplante Satzkonstruktion wird während des Sprechens unerwartet verändert, sodass sich die neu entstehende Äußerung nicht bruchlos in das Satzgefüge integrieren lässt. Es erfolgt jedoch kein vollständiger Abbruch des Satzes. Weitere Erklärungen findet man unter der URL: http://www.li-go.de/definitionsansicht/rhetorik/anakoluth.pdf (Abgerufen vom 23.03.2019).

[21] Für die Hilfe bei der dialektalen Übersetzung und Einordnung des Satzes danke ich Jürgen Wagner.

[22] Das Verhältnis, in dem sich der Objektsatz zum Hauptsatz befindet, bezeichnet man als Subordination (Unterordnung). Den hohen syntaktischen Integrationsgrad des Objektsatzes erkennen wir daran, dass der Hauptsatz ohne ihn unvollständig wäre: * Sie hat nicht gewusst. [...] Erst die Subjunktionen signalisieren durch die Spezifizierung der semantischen Relation, dass der folgende Satz nicht unabhängig ist. So leitet weil einen begründenden Satz ein, z.B. weil ich einen Riesenhunger hatte, der sich auf die Information im Hauptsatz, z.B. Ich habe schon gegessen, bezieht (Szczepaniak 2011: 172).

[23] 1) SVO-Wortstellung: Und das stimmt jetzt gefälligst. Halt, wir müssen zuerst alles zusammenzählen,
47 und 3 und 5, weil wir können ja nicht so mit minus rechnen (Franke 2003: 92).
DO-Topikalisierung: Die stille und nervöse Fläche war immer meine Ausdrucksfläche. Also energiespendende und zugleich beruhigende Bilder zur Verschönerung und zum Ausgleich, weil das Wort habe ich ja immer als Waffe verwendet (Böhm 2013: 53).
IO-Topikalisierung: Ich möchte das Auto auf keinen Fall schlecht machen, sieht ja auch Top aus, aber das solltest du vielleicht mal konzentrieren lassen, weil meinem Bruder wurde das Auto am Telefon als Unfallfrei angeboten (PFF-Forum 2012).
Adjunkttopikalisierung: Und er bleibt bei der Version, weil bei dem Kochlöffel hat er dann die Version ja dann irgendwann geändert, ne? (aus: IDS 2018: AGD, FOLK, Transkript 00026_SE_01_T_01)
Satztopikalisieurng: So hat ses immer gesagt und der Bennie und ich, wir ham dann immer nix mehr gesagt, weil, wenn wir wasgesagt hätten, hätts eh nix genutzt (Wagner 2010: 152).
AP-Topikalisierung: Aber des glaub ich auch net, ich glaub, der ist echt der Kandidat für die Erzieh­ungshilfeschule, weil doof ist er net, der is einfach nur unsäglich faul (IDS 2018: AGD, FOLK, Tran­skript 00026_SE_01 _T_02).
Linksversetzung: Ich glaube, für 'n technisches Fach würde ich dann eher sagen „ okay ", weil die Männer, die haben so 'ne ganz andere Selbstsicherheit im technischen Bereich (Knapp & Gransee 2003: 164).

[24] Katapher: der Terminus bezeichnet ein Sprachelement, das auf folgende Information innerhalb eines Äußerungskontexts vorausweist. Als kataphorische Elemente kommen Determinanten und Pronomina vor, z.B. er in Als er abdankte, war Ludwig I ein verbitterter Mann (Bußmann 1990: 372).

[25] dpa-Interview, Westensollte Militärhilfe an Ägypten fortsetzen von Felix Frieler, Interview mit Demo­kratieforscher Prof. Wolfgang Merkel, 18.08.2013. Die Interview-Information findet man unter der URL: https://www.wzb.eu/system/files/docs/dps/dd/dpa-18.08.2013-0115-dpainterviewdemokratiefors- 1555497636-artikel.pdf (Abgerufen vom 24.03.2019)

[26] Demonstrativum: Die Bezeichnung gehört zu einer syntaktischen Kategorie und ist eine Untergruppe der Determinantien mit der semantischen Funktion des Verweises auf in der Situation Gegebenes (Deixis) bzw. auf Vorerwähntes (Anapher). In den meisten Sprachen sind zwei parallele Reihen zur Bezeichnung von „Nähe“ vs. „Feme“ ausgebildet, z.B. dieser. Auch der bestimmte Artikel wird als Demonstrativum gebraucht und ist bei Anaphorik und Deixis oft mit dieser oder jener austauschbar (Bußmann 1990: 165-166).

[27] Der Kernpunkt wird in Kap.4 weiter untersucht und erörtert.

[28] Lötscher (1998) macht anhand eines Korpusbelegs aus einer SAT 1-Fernsehsendung als Erster darauf aufmerksam, dass dass-Sätze bei in die post-COMP-linksperiphere Position vorangestellten wenn-Kondi­tionalgefügen in der gesprochenen Sprache eine optionale V2-Stellung aufweisen können: Aber ich glaube, daß, wenn man da eine Umfrage im Deutschen oder in Österreich machen würde, erübrigt sich jede Dis­kussion. (SAT 1, 02.08.1994, aus: Lötscher 1998: 19)

[29] Daß entspricht hier einem auf dass. Der wichtigste Unterschied zwischen schriftdeutschen und bairischen Konjunktionen besteht darin, dass sämtliche unterordnenden bairischen Konjunktionen die Flexionsendung der 2. Person, Singular und Plural, annehmen, falls der Nebensatz die 2. Person betrifft, z.B. Miasan alloans hoamganga, weis ees need kema seids.= Wir sind alle heimgegangen, weil ihr nicht gekommen seid. / Solangsd as du aushaidsd, bleiw i aa dä. = Solange du’s aushältst, bleibe ich auch hier (vgl. Merkle 2005: 189). Nach den Flexionsendungen sd- und s (2. Person Singular und Plural) und auch wenn ein zu s ver­kürztes sie oder es vorangeht, werden die enklitischen Akkusativformen von es/sie/sie zu as, z.B. habt ihr sie= habsdas, nicht habdss / weil du es= weisdas, nicht weisds / wenn ihr es sagt= wann as sagds / wenn du es sagst= wannsd as sagsd (Merkle 2005:130). Die ausführlichen Erklärungen zu bairischen Pronomen findet man in der Fachliteratur Kleiner, Stephan (2003): Bairisches in der Regionalsprache Bayerisch-Schwabens: Die Übernahme des Flexionssuffixes {-toi für die 2. Person Plural, Heidelberg unter der URL: https://ids-pub.bsz- bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/5673/file/Kleiner_Bairisches_in_der_Regionalsprache_Bayerisch_Schwa- bens_Die_Uebernahme_20 03.pdf oder in Merkle. Ludwig (2005): Bairische Grammatik, München. Seite 122-158.

[30] Für die Hilfe bei der dialektalen Übersetzung und Einordnung des Satzes danke ich Jürgen Wagner.

[31] Phonograph von Thomas A. Edison: Thomas A. Edison reichte 1877 das Patent für einen Phonographen ein. Dieses Gerät wurde mit einer Wachswalze betrieben, in welche mit einer Nadel die durch eine Memb­ran übertragenen Schallschwingungen eingeschrieben wurden. Zum Abhören der Aufnahme bewegte man die Walze in derselben Geschwindigkeit und die Töne waren über den Trichter hörbar. Der Edison Phono­graph gilt als Vorläufer und Konkurrent der Schellackplatten. Diese Information sieht unter der URL: https://www.habsburger.net/de/objekte/edison-phonograph. Die weiteren Erklärungen kann man unter der URL: https://grammophon-platten.de/page.php?181 finden (zuletzt abgerufen vom 24.05.2019).

[32] Bspw. finden sich frühe Belege in Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ (1938/39 geschrie­ben). Hier zit. nach Brecht, Bertold (1969): Mutter Courage und ihre Kinder, Frankfurt am Main:
- Er heißt natürlich Fejos, weil, als er kam, war ich mit einem Ungarn [...] (S. 11)
- Und der Seelenhirt schaut wieder zu, weil er predigt nur, und wies gemacht werden soll [.] (S. 23)
- Mutter Courage, ich bin verzweifelt, weil alle gehen um mich herum wie um einen faulen Fisch wegen dieser Lügen, wozu richt ich noch meinen Hut her? (S. 31)
- Ich hab dich unterbrochen, weil das ist ein Missverständnis von deiner Seite, seh ich [...]. (S. 92).

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Verbstellungen im gesprochenen Deutsch und im Westmittelbairischen. Eine überregionale sprachliche Betrachtung zu "weil"- und "dass"-Sätzen
Untertitel
Eine empirische Untersuchung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
90
Katalognummer
V500668
ISBN (eBook)
9783346026484
ISBN (Buch)
9783346026491
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Syntax, Dialektologie, Bairisch, Gesprochenes Deutsch, weil, dass, Empirische Untersuchung, Verbstellung
Arbeit zitieren
Sebastian Chang-En Tu (Autor), 2019, Verbstellungen im gesprochenen Deutsch und im Westmittelbairischen. Eine überregionale sprachliche Betrachtung zu "weil"- und "dass"-Sätzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/500668

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